Musik
Foto: Olaf Malzahn

Als am 8. Dezember 1881 im Ring-Theater in Wien die Abendvorstellung von Offenbachs letztem Werk „Les contes d‘ Hoffmann“ / „Hoffmanns Erzählungen“ beginnen sollte, fing ein Schleiervorhang Feuer, das sich rasch in den Schnürboden hochfraß und volle 48 Stunden anhielt.

Als am 8. März 2026 im Theater Lübeck diese Oper erklang, war es das Publikum, das sofort Feuer fing.

 

Klug verdichtete, temporeiche Inszenierung

Anlass dafür war die intelligente, funkensprühende Inszenierung von Philipp Himmelmann. So gelang es dem Lübecker Theater, Hoffmanns stilistisch erstaunlich heterogene und in der Ausführung anspruchsvolle Oper klug verkürzt, verdichtet und beschleunigt auf die Bühne zu bringen. Immer wieder applaudierte das Publikum schon während der Aufführung. Großes Lob zwischendurch also für die Sängerinnen und Sänger, die allesamt aus dem häuslichen Ensemble stammten und sängerisch wie darstellerisch eine brillante Leistung boten. Die musikalische Leitung lag an diesem Abend in den Händen von Nathan Bas (bei anderen Terminen: Takahiro Nagasaki), der das Orchester feinsinnig und sicher führte. Am Ende brandete entsprechend großer Beifall auf für diese äußerst lebendige, unterhaltsame, musikalisch und darstellerisch gelungene Inszenierung (Dramaturgie: Michael Sangkuhl), die Offenbach sicher gefallen hätte.

 

Drehbühne mit großer Wirkung

Hierzu trug auch die Idee bei, die Drehbühne im Großen Haus des Lübecker Theaters auf besondere Art und Weise zu nutzen: Zwar blieb der karge Raum mit Tresen und drei Barhockern trotz aller kreisförmigen Drehungen immer gleich, doch diese nur scheinbar kleine Raffinesse zeigte große Wirkung: Sie bot Regisseur Philipp Himmelmann und seinem Team eine äußerlich eindeutige, als Abbild des Inneren stets aufs Neue überraschende Szenerie. Eine kluge Idee, die in ein gelungenes, andersartiges Bühnenbild (David Hohmann) mündete und den Sängern und Sängerinnen in der Rollendarstellung viele Gestaltungsmöglichkeiten ermöglichte. Klug war dies auch deshalb, weil die Handlung in „Hoffmanns Erzählungen“ („Les contes d’Hoffmann“) ziemlich komplex und schwer durchschaubar ist – eine fantastische Oper eben, wie Jacques Offenbach sie benannte und wie es auch im Untertitel des Programmheftes zu lesen ist.

 

Beziehungs- und Schaffenskrise

Hoffmann (Konstantinos Klironomos) steckt als Künstler und als Mann in einer Schaffens- und Beziehungskrise, die ausweglos zu sein scheint. Seine Geliebte, die Sängerin Stella, hat ihm einen Brief geschrieben, den Hoffmann jedoch nicht wagt zu öffnen. Hätte er’s getan, wäre der Verlauf dieser Geschichte, die uns Hoffmann erzählt, ein ganz anderer… So aber spielt die Muse (Frederike Schulten) den Brief seinem Rivalen Lindorf (Jacob Scharman: Coppelius/Lindorf/Dr. Mirakel/Dapertutto) zu, der Stella ebenfalls begehrt. Und schon sind wir mittendrin in diesem Beziehungskarussell, zu dem perfekt das Bühnenbild mit Drehbühne passt.

 

Hoffmann sitzt am Tresen, trinkt Wein, schreibt Notizen oder Noten auf Papierfetzen; eilig sieht das aus und ist sinnlos. So, als wisse er selbst nicht, was und warum er das tut. Vergeblich wartet er auf Stellas Erscheinen. Stattdessen betritt eine Gruppe Studenten, begleitet von der Muse, das Wirtshaus.

 

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Konstantinos Klironomos (Hoffmann), Herrenchor. Foto: Olaf Malzahn

 

Hoffmann erzählt ihnen von seinen drei gescheiterten Liebesbeziehungen zu der Puppe Olympia, der todkranken Sängerin Antonia und der Kurtisane Giulietta. Noch einmal durchlebt er diese Lieben in der Hoffnung, einen Ausweg zu finden, eine neue Erkenntnis, die ihm helfen könnte, aus dieser Not, aus diesem Dunkel wieder ans Licht zu kommen, ins Licht zu treten. Doch das Helle ist fern…

 

Bezaubernder „Automat“ Olympia

Seine erste Erinnerung gilt Olympia (Sophie Naubert), für Hoffmann das Ideal einer jungen, willenlosen Geliebten. Aber sie ist nur ein Automat. Doch das erkennt Hoffmann zu spät, weil er sie durch die täuschende Brille sieht, die ihm Copellius verkauft hat, der aus Rache seine Schöpfung Olympia alsbald wieder zerstören wird. Wie diese Olympia in Lübeck von Sophie Naubert gespielt und gesungen wird, ist schlichtweg atemberaubend und ungemein bezaubernd. Wenn eine Figur in „Hoffmanns Erzählungen“ unser Mitgefühl erweckt, dann ist sie es – ausgerechnet ein Automat, ein Roboter! Sophie Naubert zuckt und zackt, strampelt und streckt sich, fällt in sich zusammen, richtet sich wieder auf. Dabei strahlt ihre Stimme in der Höhe, sitzen die Koloraturen, ist das Staccato perfekt. Erstaunlich, wie klar ihre Stimme selbst dann noch klingt, wenn Olympia im Teppich eingewickelt singt, während ihre zerstückelten Arme von den hübsch im Empirestil gekleideten Chordamen wie Bälle einander zugespielt werden. Das ist zudem sehr komisch!

 

Glanzvolles Vokalensemble

So wie Musik und Handlung zwischen Parodie und Tragik, zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit changieren, ermöglicht es den Sängerschauspielerinnen, in Spiel und Gesang, Komik und Romantik schillernd zu verschmelzen. Das gelingt allen auf hohem Niveau. Besonders komödiantisch, dabei stimmlich geschmeidig und gleichzeitig robust-böse überzeugt gleich vierfach Jacob Scharfman als Coppelius, Lindorf, Dr. Mirakel und Dapertutto. Andrea Stadel (Antonia) verkörpert ihre Partie in der Ernsthaftigkeit eines dramatischen Soprans, über alle Register hinweg wunderschön ausgestaltet.  

 

Höhepunkt der Oper

Höhepunkt der Oper ist der unvergängliche Klang der Barcarole, die Giulietta (Aditi Smeets: raffiniert, dramatisch-lyrisch)) als eine der feinen Kurtisanen Venedigs, gemeinsam mit Nicklausse (Frederike Schulten), zu romantischen Sätzen inspiriert. Das alles kommt völlig kitschfrei daher, wird – auch vom Orchester und seinem Dirigenten – dezent dargeboten und wirkt deshalb umso eindringlicher. Frederike Schulten füllt ihre beiden Rollen mit warmem, volltönendem Mezzosopran überzeugend aus. Von ihrer vor Beginn der Vorstellung angekündigten stimmlichen Indisposition ist nichts zu hören. Im Gegenteil: Sie formte offensichtlich Sahara-Staub (oder etwas anderes Störendes in der Luft) zu Goldstaub um.

 

Goldkehlchen Olympia

Und dann gab es noch dieses Goldkehlchen Olympia (Sophie Naubert), Roboter mit klarer tonlicher Präzision und gleichzeitig menschlicher Wärme. Soll heißen: Mit Koloraturen von königlichem Tageslicht mit gleichzeitiger Bühnenpräsenz. All das enthält die Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns. Selbst in der Teppichrolle gibt sie diese Rolle nicht auf: großes Theater! Hoffmann selbst (Konstantinos Klironomos) präsentierte sich als großer Tenor im mittelgroßen Lübecker Haus. Während draußen alles Baustelle ist und es oben am Gebäude wegen grüner Netze so aussieht, als fielen gleich die Ziegel vom Dach, singt Hoffmann selbst ein solches Couplet wie das „Kleinzack“-Lied mit seinem Ausflug zur schönen Stella in großer künstlerischer Darstellung: reines Ohrvergnügen: klick-klack…

 

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Viele Überraschungsmomente

Es gibt viele Überraschungsmomente an diesem Abend und viele gelungene Einfälle. So schwebt die Muse auf einem Sattel herab, anstatt – wie es textlich heißt – aus dem Fluss zu kommen. Ein guter Einfall ist auch, alle drei Damen in roten Kostümen auftreten zu lassen. Immer wieder wechselt der Raum, dreht sich die Bühne, tritt jemand aus dem einen Raum in den anderen, beginnt eine weitere Szene. Mal befindet sich hier nur eine Person, mal sind es viele. Die studentischen Männer und die festlich gekleideten Empiredamen bringen Fülle auf die Bühne. Sogar Nosferatu taucht auf als Schatten in diesem schattenreichen, dämonischen (Licht)Spiel. Die Lichtregie spielt überhaupt eine große Rolle und bringt mit Farben in Pastelltönen, die je nach Szene wechseln, Licht ins Dunkel. „Um die Gefahr zu bannen, muss man sie kennen“, heißt es an einer Stelle. Ja, hier wurden alle Gefahren erkannt und gebannt, die in dieser Oper lauern. Hoffmann weiß nicht, ist er Spielzeug eines (Alp)Traums oder ist alles wahr und wahrhaftig, was er erlebt? Immer wieder muss die Muse ihn retten, manchmal sogar jemandem eine Pistole entreißen. „Schöne Nacht, oh Liebesnacht“ singt Giullietta. Und Hoffmann muss sein Spiegelbild für diese seine vermeintlich ideale, letzte große Liebe hergeben: „Ein sanftes Feuer verzehrt mich.“ Alles Trugbilder, oder doch nicht?

 

Perfekt ausgeleuchtetes Schlussbild

Ist die Stunde der Barcarole gekommen, naht für uns die Stunde des Abschieds. Mit perfekt ausgeleuchtetem Schlussbild (Licht: Falk Hampel), mit auch in dieser Szene lebendig agierendem Chor (Leitung: Jan-Michael Krüger), mit einem auch hier bewundernswertem Timing, mit Berührtheit und großer Dankbarkeit der Zuschauer vor der großen Leistung des Lübecker Ensembles endet der Abend. Das Publikum explodiert geradezu vor Begeisterung. Übrigens: Die Musik zur Barcarole stammt aus einem früheren Werk Offenbachs, der Ouvertüre zur romantischen Oper „Les fées du Rhin“. Da hat sich Offenbach selbst beklaut. Ein letztes Mal: klick-klack!


„Hoffmanns Erzählungen“

Fantastische Oper von Jacques Offenbach

Libretto von Jules Barbier

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Zu sehen bis 18. Juni 2026 im Theater Lübeck, Großes Haus, Beckergrube 16, in 23552 Lübeck

 

Die nächsten Termine: 20.03, 19:30 Uhr, 19.04, 16:00 Uhr, 16.05, 19:30 Uhr, 23.05, 19:30 Uhr, 05.06, 19:30 Uhr, 18.06, 19:30 Uhr (zum letzten Mal), Großes Haus

Musikalische Leitung: Takahiro Nagasaki | Inszenierung: Philipp Himmelmann | Bühne: David Hohmann | Kostüme: Meentje Nielsen | Choreografie: | Chor: Jan-Michael Krüger | Licht: Falk Hampel | Dramaturgie: Michael Sangkuhl

Mit: Konstantinos Klironomos, Frederike Schulten, Jacob Scharfman, Wonjun Kim, Sophie Naubert, Andrea Stadel, Aditi Smeets, Delia Bacher, Changjun Lee, Tomasz Myśliwiec, Viktor Aksentijević; Chor und Extrachor des Theater Lübeck; Statisterie des Theater Lübeck; Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln.

Dauer: circa 2 Stunden, ohne Pause)

Weitere Informationen (Theater)

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