Die Symphoniker Hamburg mit Beethoven und Henze
Im konzeptionellen Mittelpunkt des 6. Sinfoniekonzerts der Symphoniker Hamburg in der Laeiszhalle stand HW Henzes Sinfonia Nr. 8 im zweiten Teil des Programms, um an seinen 100. Geburtstag in diesem Jahr zu erinnern. Eingeleitet wurde diese „Sommernachtstraum-Sinfonie“ von einer Art Prolog durch das Violinkonzert von L.v. Beethoven mit der beeindruckenden Solistin Clara-Jumi Kang.
Beethovens Violinkonzert als „Prolog“
Die berühmten fünf pulsierenden Paukenschläge, die das Konzert eröffnen, erklingen in überraschend renaissancehafter Trockenheit, um im Laufe des Werks immer weichere und wärmere Temperaturen anzunehmen. Dieses sich entwickelnde Aufblühen kennzeichnete die Interpretation von Beginn an und zeigte sich in der orchestralen Einleitung durch die Darstellung des einfachen melodischen Tons, unterstützt durch transparenten Klang, präzise Zeichengebung des Dirigenten Sylvain Cambreling und durch seine sinnstiftende Gliederung. Im überzeugenden Zusammenspiel von Dirigent und Solistin machte Clara-Jumi Kang sehr deutlich, dass sie die Komposition als Wechselspiel zwischen klar fassbarer sinfonischer Form und individuell freiheitlicher Darstellung des Ausdrucks versteht. Das seinem Chefdirigenten angenehm zugewandte Orchester spielte deutlich selbstgestaltend, zugleich aufmerksam begleitend, die Streicher bemerkenswert phrasierend, die Bläser in akzentuierter Farbigkeit.
Solistische Präsenz in „mahlerischer“ Expressivität
Mit höchst differenzierter, „mahlerisch“ anmutender dynamischer Expressivität, wunderbar zusammenfassender Formgestaltung, präziser, perlend klarer Geläufigkeit und emotionalem Ausdruck, mit sehnig-geradem Ton, der sich zu belebter Wärme entwickelt, sowie mit zartem Flageolett- und zupackendem Doppelgriff-Spiel, das berührte. Das gilt auch für die Zugabe: 3. Satz aus der Partita Nr. 2 von J.S. Bach, die mit einem ausgehauchten d` diesen Teil abschloss.
Clara-Jumi Kang. Foto: Marco Borggreve
A Midsummer Night`s Dream
Im zweiten Teil des Programms dann die Sinfonia Nr. 8 von HW Henze, eine Art sinfonische Dichtung, die „A Midsummer Night`s Dream“ von Shakespeare zum Vorbild hat und auf drei Segmenten basiert. Erstens: die Erzählung des Elfenkönigs Oberon von der wunderbaren Entstehung der Liebesblume „love-in-idleness“, deren Saft als Liebeszauber wirken soll. Hierbei folgt die Musik zunächst der Sprachgestalt des Oberon-Textes, lässt aber alsbald seiner klangbildlichen Imagination freien Raum. Es sprudelt, pfeift, brodelt und droht in hoher orchestraler Lebendigkeit. Sylvain Cambreling dirigiert hochpräzis, ökonomisch reduziert, gleichwohl lustvoll motivierend. Die komplexe Partitur mit ihren zahlreichen „Hauptstimmen“ wirkt leicht und wird von ihm klanglich gebunden. Das Orchester folgt ihm farbenreich, flexibel und spielfreudig.
Elfischer (=elbischer) Zauber über der Laeiszhalle
Über allem liegt eine Aura des Festlichen. Gefeiert werden die Liebe und die Kunst. Gelöstheit, Humor und Traumverlorenheit leiten die Musik. Im zweiten Satz formuliert Henze mit den Mitteln der Musik einen Hymnus auf Shakespeare und dessen Theater. Henze überträgt das Wechselspiel zwischen Titania und Bottom in einen sinfonischen „Wechselgesang“ und erschafft damit ein Scherzo von theaterhafter Prägnanz. Imaginäres Theater eben, wie Henze es in seinen Werken für den Konzertsaal des Öfteren gemacht hat. Im dritten Satz werden die Themenblöcke von kurzen, kammermusikalischen Zwischensätzen getrennt, die einen Trio-Charakter haben. Der Klang ist kühl und kupferstichartig. Es scheint, als wolle sich Henze mit diesem Schlusssatz seiner Shakespeare-Sinfonie vor dem Dichtergenie verbeugen. Ein letztes Elfengewebe scheint auf. Der Satz endet völlig unpathetisch.
Imaginiertes Theater
Damit fällt der Vorhang dieses imaginierten Theaters und ein Konzertabend, der mit einem dreisätzigen lebensordnenden sinfonischen Solokonzert begann und in einem „dreiaktigen“ imaginierten Theaterabend endet, in dem alle geordneten Verhältnisse zwischen Mensch, Tier und Göttern umgekehrt werden, allerdings mit einem Epilog, der das Stück als ein Traumgeschehen darstellt, das Einsichten öffnet, vor denen wir uns offenen Auges eher verschließen.
Wir hörten in unserer klanglichen Traumwelt noch einmal die Bach`sche Zugabe: als wäre sie das musikalische Konzentrat des gesamten Abends.
Symphoniker Hamburg / Clara-Jumi Kang / Sylvain Cambreling
In der Laeiszhalle Hamburg, Johannes-Brahms-Platz, 20355 Hamburg
Programm: Ludwig van Beethoven: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61, Hans-Werner Henze: Sinfonie Nr. 8
Besetzung: Symphoniker Hamburg, Violine: Clara-Jumi Kang, Dirigent: Sylvain Cambreling
Weitere Informationen (Elbphilharmonie)

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