Kultur, Geschichte & Management
Textpassagen aus Bibel, Koran und Torah. Fotos: Pixabay

In einem dicken Buch schildert die Historikerin Dorothea Weltecke das Verhältnis der drei großen Buchreligionen zueinander in ihrem historischen Wandel.

 

Diversität war vor etlichen Jahren noch ein erklärungsbedürftiges Fremdwort, bestimmt aber heute die öffentliche Diskussion. Wer gegen sie ankämpft, scheint erst einmal schlechte Karten zu haben. Aber vielleicht nicht bei allen – es gibt genug Menschen, die Verschiedenheit nicht akzeptieren mögen, und in den USA ist es seit neuestem sogar eine ausgesprochen schlechte Idee, diesen Begriff zu verwenden, wenn es um einen Zuschuss für ein wissenschaftliches Projekt geht.

 

Aber trotzdem müssen wir uns alle mit der Vielfalt der menschlichen Spezies, ihrer Kulturen und Glaubensformen auseinandersetzen; und manchmal müssen wir sie sicherlich auch aushalten, ob wir mögen oder nicht.

 

Ein Gebiet, auf dem Toleranz nicht jedem leicht fällt, ist die Religion. Zwar wird hierzulande Religionsfreiheit in schönen und bestimmten Worten durch den 4. Artikel des Grundgesetzes garantiert, aber trotzdem provozieren die Rufe eines Muezzins nicht selten seine Nachbarn, nicht jedem gefallen die morgendlichen Glockenschläge einer Kirche, und schlimmstenfalls werden Brandsätze auf Synagogen geworfen. Allerdings sind nicht wenige, die sich an einer Religion und ihren Äußerungen stören, in keiner Weise gläubig, so dass es nicht ganz klar ist, worüber sie sich eigentlich aufregen. Umgekehrt setzen Pastoren, Rabbis oder Imame immer wieder Zeichen des gegenseitigen Respekts. War das schon immer so?

 

Dorothea Weltecke, Professorin in Berlin und als Historikerin spezialisiert auf die Geschichte der Religionen, will in ihrem Buch zeigen, wie die Gläubigen der drei großen Buchreligionen im Lauf ihrer Geschichte einander begegneten, bis sie sich entschieden voneinander abschlossen. Die gegenseitige Abgrenzung – die „Entstehung“ der Religionen –, so lautet ihr Resümee, war keine Folge der offenbarten Texte, sondern Ergebnis der Dialoge und Streitigkeiten der Gläubigen.

 

Weltecke COVERDer Titel klingt spektakulär, aber so ist er von der zurückhaltend und sachlich argumentierenden Autorin gar nicht gemeint. Worauf sie eigentlich zielt, wird ohnehin erst ganz am Ende klar. Keinesfalls – das aber könnte man denken – stellt sie es so dar, als seien die großen Religionsgemeinschaften erst im Mittelalter gegründet worden. Nein, an der Chronologie wird nicht gerüttelt! Vielmehr zeigt sie besonders im ersten Kapitel, dass es bei allen Unterschieden ursprünglich große Gemeinsamkeiten zwischen Judentum, Islam und Christentum gegeben hat, dass sie einander in ihrem Verhältnis zu den konkurrierenden Glaubensgemeinschaften ähnelten, gemeinsame Stätten der Verehrung nutzen konnten und voneinander lernten – bis hin zur Übernahme von Propheten oder Heiligen. Weltecke beschreibt in dem ersten Kapitel eine „theologische Verflechtung der drei Traditionen“ und betont, dass „es weniger die Glaubensinhalte, geschweige denn die Praktiken waren“, die die Gläubigen gegeneinander aufbrachten. Was aber war es dann?

 

Im zweiten Teil geht es ihr dagegen darum, die interne Vielfalt der großen Buchreligionen aufzuzeigen, also ihre „Polyzentrik“ vorzustellen. Denn nicht einmal das Judentum war jemals der Block, als der es Außenstehenden erscheinen mag, auch dort gab es immer abweichende Theologien, Riten und Sitten. Vielleicht noch mehr gilt das für Christentum und Islam. Auch angesichts dieser Vielfalt widerstrebt es der Autorin, so naiv, wie wir das tun, von Religionen zu sprechen, und so wählt sie stattdessen Begriffe wie „Lehrtraditionen“ oder „Glaubenstraditionen“. Dabei ist es ihr immer darum zu tun, Judentum, Islam und Christentum gleichrangig zu behandeln. Und das geht natürlich auch nicht anders, denn schon der Titel ihres Buches, der sich auf die berühmte Ringparabel aus Lessings „Nathan den Weisen“ bezieht, ließe etwas anderes ja unter keinen Umständen zu. Worauf zielt Lessings Stück, wenn nicht auf Toleranz?

 

Lessing lieh sich den Stoff aus einer mittelalterlichen Novelle des „Decamerone“ Giovanni Boccaccios (1313–1375).

 

Die Pest in Florenz im Jahr 1348 wie sie in Boccaccios DekameronRadierung L Sabatelli

Die Pest in Florenz im Jahr 1348, wie sie in Boccaccios Dekameron beschrieben wird. Radierung von Luigi Sabatelli (1772–1850), um 1800. Gemeinfrei

 

Ein Vater will unter seinen drei Söhnen keinen hervorheben und lässt es deshalb offen, wem er tatsächlich den Ring mit einem Stein vererbt, der in den Worten Lessings „die geheime Kraft besaß, vor Gott und Menschen angenehm zu machen“. Ein jeder der drei glaubte nun, er selbst habe den Ring, und so war das Ergebnis ein unerfreulicher Streit: „jeder will der Fürst des Hauses sein. Man untersucht, man zankt, man klagt.“ Natürlich waren mit den drei Söhnen die drei Buchreligionen gemeint, denn der Sultan, dem Nathan die Parabel erzählt, wollte ja eben wissen, welche Religion die Wahrheit auf ihrer Seite habe:

 

„Da du nun

So weise bist: so sage mir doch einmal –

Was für ein Glaube, was für ein Gesetz

Hat dir am meisten eingeleuchtet?“

 

Im dritten Teil des Buches stellt Weltecke uns eine ganze Reihe von ähnlichen Geschichten vor – Boccaccio war beileibe nicht der einzige, in dessen Erzählung es um drei Ringe oder auch nur um die Vermeidung einer Auszeichnung eines Kindes vor den anderen geht. Nicht alle werden von Weltecke nacherzählt und interpretiert, aber es sind schon ziemlich viele, und es wird deutlich, dass es eine bekannte Fabel war. Ihre Fülle erscheint uns verwirrend – wer sie alle durchstudiert hat, dürfte Schwierigkeiten haben, sie noch auseinanderzuhalten.

 

Die Gespräche werden in Texten dargestellt, deren Thema meist die Begegnung von Priestern oder Theologen mit einem andersgläubigen Herrscher ist. Weltecke referiert eine Reihe dieser Dialoge in aller Breite. Ein ideales Religionsgespräch – nicht eines zwischen einem absoluten Herrscher und dem Angehörigen einer Minderheitenreligion wie bei Lessing oder wie sie von der Autorin besprochen werden, sondern zwischen dem „Herdenkönig“ Jaacob und einem Reisenden – eine solche sehr offene Begegnung schildert Thomas Mann im Eingang von „Joseph und seine Brüder“ als Gegenbild zu dem Umgang mit den Juden, wie ihn die Nazis und andere Antisemiten pflegten. Er stellt uns Jaacob als „vorurteilslos“ vor, zurückhaltend auch eingedenk „einer altüberlieferten Geschichte von Abraham, der einen greisen Götzendiener im Zorne von sich in die Wüste gejagt, wegen seiner Unduldsamkeit aber vom Herrn einen Verweis empfangen und den verblendeten Alten zurückgeholt hatte.“ Natürlich handelt es sich bei der Begegnung des Beduinen mit dem Reisenden um eine ideale Situation. Aber man wüsste schon gern, wie in jenen alttestamentarischen Zeiten die Menschen einander begegneten. Herrschte wirklich eine gewisse Toleranz? Bestand Interesse an anderen Göttern? Leider haben wir nur die mittelalterliche Literatur in Form der besprochenen Gespräche; und natürlich Thomas Mann.

 

Die Autorin lehrt an einer Universität, und das Geschichtsbild, das sie entfaltet, ist das allgemein akzeptierte – das aber zweifellos große Schwächen aufweist, besonders mit Blick auf den Übergang von der Antike ins Mittelalter. Deutlich wird das unter anderem, wenn sie über Hrabanus Maurus schreibt, dessen Lebenszeit auf die Jahre von 780 bis 856 angesetzt wird und der über Häresien geschrieben hat.

 

Hrabanus Maurus

Gregor IV. erhält von Hrabano Maurus das Buch „Über das Lob des Kreuzes“. Erzbischof Otgerus erhält das Buch von Hrabano Maurus, begleitet von Alcuin. (Manuskript aus Fulda ca. 831/40, Österreichische Nationalbibliothek Wien), gemeinfrei

 

Das ist ja eines ihrer Themen: abweichende Theologien. Eine dieser Häresien war die Lehre der Katharer, die eine sonst nicht dokumentierte Vorläuferbewegung im 9. Jahrhundert gehabt haben soll. Weltecke selbst gibt angesichts der Quellen deren Fragwürdigkeit zu, beendet aber dann jede Diskussion mit dem kurzen Hinweis, dass auch deren Ungenauigkeit und Konstruiertheit nicht den Schluss erzwinge, „dass die Häretiker allesamt von den Kirchen erfunden worden wären.“ Und wenn doch?

 

Ähnlich sieht es mit Arthur Koestlers Buch über den „Dreizehnten Stamm“ (1976) aus, der ihm, einem Juden, ein lebenslanges Einreiseverbot nach Israel einbrachte. Haben die Juden tatsächlich niemals missioniert? Koestler meinte: Doch, sie taten es, und unter anderem missionierten sie die Chasaren, ein Turkvolk in der Umgebung des Schwarzen Meeres. Sie taten es in Konkurrenz mit Christen und Moslems, und die wenigen Quellen, die es darüber gibt, werden von Weltecke auch angesprochen – doch Koestlers Darstellung, die umstritten sein mag, aber weder irrational noch antisemitisch ist, wird mit keiner Silbe erwähnt.

 

Es stört mich auch, dass abweichende Theorien über den Ursprung und die frühe Geschichte des Islam, wie sie unter anderem von Christoph Luxenberg und Günter Lüling ausgearbeitet wurden, an keiner Stelle berücksichtigt werden. Luxenberg ist das Pseudonym eines Wissenschaftlers, der schon gewusst haben wird oder immer noch weiß, warum es gesünder ist, sich zu verbergen, und Lüling erfuhr die brutalen Folgen der Intoleranz und Borniertheit der (deutschen!) akademischen Forschungsgemeinschaft, die ihn für den Rest seines Lebens komplett ausschloss – der große Gelehrte blieb für lange Jahre auf Sozialhilfe angewiesen, anstatt in einer Universität forschen zu dürfen. Sein Werk behauptet das frühe Christentum als den Ursprung des Islam, und die kritische Beschäftigung damit hätte unbedingt in dieses Buch gepasst.

 

Hermann Samuel ReimarusEs gab und gibt nicht allein Häresien, sondern daneben auch eine wissenschaftliche Textkritik, die nicht allen bequem ist. In früheren Jahrhunderten konnte sie im christlichen Europa ihre Urheber gefährden, und heute treibt Korankritik Gelehrte in den Quasi-Untergrund. Weil es die durch Lessing popularisierte Ring-Parabel ist, die den Titel für Welteckes Untersuchungen abgibt, so liegt hier der Vorschlag nahe, sich einmal die Geschichte des Hamburger Gelehrten Hermann Samuel Reimarus (1694–1768) anzuschauen, der als erster eine gelehrte Bibelkritik vortrug, diese aber nicht zu veröffentlichen wagte. Publiziert wurde sie erst Jahre nach seinem Tod von Lessing unter dem Titel „Fragmente eines Wolfenbüttelschen Unbekannten“ – seinerzeit ein Skandal.

 

Mir ist nach der Lektüre dieses beindruckenden Werkes nicht ganz klar, an wen sich die Autorin eigentlich wendet. Offensichtlich ist sie grundgelehrt und kennt sich insbesondere in den semitischen Sprachen (Arabisch, Hebräisch, Syrisch) hervorragend aus. Für Laien (und das werden hier selbst die meisten Theologen sein) sind sowohl die Begriffe als auch die Namen der Protagonisten Schall und Rauch. Und erzählerisch gewinnt eigentlich keine einzige dieser historischen Gestalten Profil. Wie auch? Die einzige Möglichkeit, den Jahrhunderten seit dem Beginn des Mittelalters bis zu dessen Ende ein Gesicht zu verleihen, wäre eine farbige, eine detailgesättigte Kulturgeschichte, die besonders auch das Alltagsleben schilderte. An ganz wenigen Stellen deutet sich so etwas an, und dann besitzt der Text sofort ein wenig mehr Farbe. So zum Beispiel, wenn Dorothea Weltecke das Leben von Ärzten und deren soziale Stellung beschreibt. Aber das ist eine Ausnahme – fast überall bleibt das Geschehen blass und unanschaulich.

 

Es handelt sich um eine dank der Gerda Henkel Stiftung nicht allzu teure und dazu noch farbig illustrierte, sehr seriöse und gelehrte Studie zu einem aktuellen Thema, aber für das breite Publikum fallen nicht allzu viele Erkenntnisse ab.


Dorothea Weltecke: Die drei Ringe. Warum die Religionen erst im Mittelalter entstanden sind.

Beck-Verlag 2024

Hardcover, 608 Seiten mit 28 Abbildungen und 4 Karten

ISBN: 978-3406811920

Weitere Informationen (Verlag)

Leseprobe (PDF)

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