Kultur, Geschichte & Management

Gibt es eine allumfassende Kontinuität? Zieht sich eine einzige Kette durch das Leben und alle seine Formen, oder gibt es verschiedene Arten des Lebens, die durch eine tiefe Kluft voneinander geschieden werden?

Wenn man zum Beispiel, wie es immer wieder geschieht, Menschen als Tiere bezeichnet („Menschen und andere Tiere“), dann bestreitet man eine radikale Trennung des Menschen von allen anderen Lebewesen auf dieser Erde. Und wenn man Bäume oder Blumen oder sogar einzelne Körperzellen als intelligent ansieht, dann will man nichts wissen von einer tiefen Kluft zwischen animalischem Leben und der Welt der Pflanzen.

 

Es hat eine große und sogar ehrwürdige Tradition, Empfindung und Wahrnehmung auch der leblosen Materie zuzusprechen. Große Denker glaubten an eine Seele der Gestirne, und einer der tiefsten Geister der europäischen Geschichte, Gottfried Wilhelm Leibniz, sah das Leben in der Gestalt von Monaden überall. Er vertrat einen Panpsychismus, glaubte nämlich an die Sensitivität sogar noch der Gesteine, und in seiner Nachfolge meinen manche Philosophen heute in der Zusammenballung von Staub im Urknall die ersten Spuren des Geistes zu erkennen. Nun ja. Im Grunde ist das nur konsequent – wenn man keine Kluft, keinen Sprung, keine Differenz zwischen dem Menschen und dem Tier, zwischen dem Tier und der Pflanze entdecken kann, wenn sich eine Kette durch das ganze Sein zieht – dann sind auch Zellen intelligent und können Pflanzen miteinander reden.

 

Die natürliche Vorstellung des Menschen von der Welt (vom Sein) ist eine andere. Seit vielen Jahrhunderten glaubt man an einen Schichtenaufbau des Seins und unterschied vier verschiedene Seinsarten. Dieses Konzept des Schichtenaufbaus der Welt entwickelte sich allmählich seit Aristoteles, um endlich in größter abschließender Klarheit an mehreren Stellen von Nicolai Hartmanns Werk dargestellt zu werden. Er fand zu ihm, als er sich ein erstes Mal an der Beschreibung des Aufbaus der lebendigen Natur versuchte, und in ihren ersten ausgearbeiteten Momenten erscheint es deshalb in Hartmanns Schrift „Philosophische Grundfragen der Biologie“ (1912). Er selbst formuliert die ihn umtreibenden Fragen mit großer Präzision, und man versteht leicht, worauf seine Fragen abzielen, wenn man anstelle von „höherem“ und „niederem“ System Tier und Pflanze setzt oder auch Pflanze und Stein oder Mensch und Tier: „Da doch das höhere System allemal das niedere mit umfaßt und folglich auch dessen Kräfte in sich enthält, so fragt es sich: was bedeuten diese Kräfte des niederen Systems für das Höhere? Und was die des Höheren für das niedere? Die Wissenschaft lehrt auf allen Stufen des Systems als Grundverhältnis: gewisse Kraftwirkungen des niederen Systems sind zugleich integrierende (mitbestimmende) des höheren. Und ebenso umgekehrt: gewisse Grundwirkungen des höheren Systems sind zugleich mitbestimmend für die spezifische Gestaltung des niederen. In mechanisch-positiver Fassung läßt sich das auch so formulieren: Die Außenkräfte des niederen Systems sind zugleich Innenkräfte des höheren.“

 

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Mit diesen etwas abstrakten Worten umschreibt Hartmann das Verhältnis von niederer zu höherer Schicht. Die Elemente der niederen Schicht (zum Beispiel der Pflanzen) tauchen in der höheren (den Tieren) wieder auf – etwa als vegetatives Nervensystem –, so dass die Fauna ohne die Flora nicht möglich wäre: Die untere Schicht ist die Basis der höheren und deshalb die stärkere. Ohne Pflanzen gäbe es keine Tiere. Aber obwohl sie auf sie angewiesen ist, ist die höhere Schicht nicht ganz und gar und in allen ihren Facetten von der niederen abhängig, sondern ihr gegenüber zumindest in manchen Aspekten frei. Sie bringt Neues, in unserem Beispiel die Selbstbewegung. Die Flora dagegen kennt das Wachstum, das es in der leblosen Natur noch nicht gibt.

Man wird die Bedeutung der verschiedenen Schichten füreinander nicht verstehen, wenn man in der Tradition eines Leibniz eine das ganze Sein durchziehende Kontinuität annimmt, wenn man also glaubt, dass es eine Kette gibt, die sich von den Elementen des Weltalls vom Urknall bis hin zum intelligenten Leben zieht. Leider ist das die Vorstellung, die seit Darwin unseren Blick auf die Natur bestimmt; für Ultradarwinisten wie Richard Dawkins oder Daniel Dennett ist die Vorstellung bestimmend, dass es keine Arten gibt und dass es deshalb sinnlos sein muss, wenn man, von einer „aristotelischen Ordnungsliebe“ (Dennett) motiviert, verschiedene Spezies unterscheidet.

 

Anders, als diese Ideologen es glauben, gibt es schroffe Brüche oder Stufen; die erste zwischen der staubigen Welt der Steine und der Welt der Pflanzen, die bereits innere Prinzipien kennen und entsprechend ihren eigenen Gesetzen folgen und damit wachsen und gedeihen können. Die nächsthöhere Schicht ist dann die der Tiere, die Fauna, die auf die beiden unteren Schichten angewiesen ist – kein Tier kann die Mineralien der Gesteine aufschließen, wie es die Pflanzen tun können, und so wird es notwendig zum Schmarotzer der Pflanzenwelt. Deshalb ist die Flora stärker als die Fauna, denn eine Pflanze kann wohl ohne die Tiere existieren, aber das umgekehrte ist nicht möglich. Die untere Schicht trägt die obere, die von ihr abhängig ist – aber sie stellt doch etwas Neues dar. So wie die Pflanze das dem Stein noch unbekannte Wachstum kennt, so das Tier die Bewegung.

 

Der Kontinuitätswahn geht bei manchen Leuten so weit, dass sie es prinzipiell ablehnen, überhaupt noch von verschiedenen Arten zu sprechen. Wer verschiedene Arten annimmt, wird mit einem vorläufig noch ungewöhnlichen Schimpfwort als „Speciezist“ bezeichnet – das ist so etwas Ähnliches wie ein Rassist, nur schwieriger auszusprechen. Dabei hat es nur dann Sinn, eine Kontinuität anzunehmen, wenn man vorher verschiedene Arten zu unterscheiden gelernt hat. In der „Kritik der reinen Vernunft“ (B 685f.) hat Immanuel Kant gezeigt, wie das zu geschehen hat. Er beginnt mit dem „Princip der Gleichartigkeit des Mannigfaltigen“ – man muss erkennen, was verschiedene Wesen gemein haben, damit man sie als eine Gattung erkennen und unter einem Begriff zusammenfassen kann. Dann formuliert er den „Grundsatz der Varietät des Gleichartigen“, mit dessen Hilfe man innerhalb einer Gattung die Unterarten (die Species) unterscheiden kann. Und schließlich kennt Kant eine Verwandtschaft („Affinität“) aller Begriffe, welche „einen continuirlichen Übergang von einer Art zu einer anderen durch stufenartiges Wachsthum der Verschiedenheit“ erlaubt.

 

Ohne die Akzeptanz von Unterschieden muss es nach Kant völlig sinnlos sein, von Kontinuität zu sprechen. Deshalb wendet er sich gegen das Leibniz’sche Konzept einer „continuirlichen Stufenleiter der Geschöpfe“, weil „Beobachtung und Einsicht“ (B 696) uns ein ganz anderes Bild vermitteln; statt sich einseitig auf die Einheit der Natur zu konzentrieren, komme es darauf an, so Kant, „das zwiefache Interesse der Vernunft“ (B 695) zum Leitfaden zu nehmen und sowohl die Unterschiede als auch die Gleichheit zur Kenntnis zu nehmen, also sowohl auf die „Naturmannigfaltigkeit“ als auch auf die „Natureinheit“ zu schauen. Eben dies kann die Naturphilosophie Hartmanns leisten.

 

Seine Schichtentheorie, die seit Jahrzehnten entweder verschwiegen oder, wenn doch dargestellt, geradezu karikiert wird, hat die Überlegungen Kants fortgeführt und differenziert. Von Hartmann inspiriert, schrieb 1928 Helmuth Plessner seine „Stufen des Organischen“, ein Buch, das die drei Hauptformen des Lebens auf der Erde – die Pflanze, das Tier, den Menschen – genauer analysierte und das Kennern als die bedeutendste naturphilosophische Schrift des 20. Jahrhunderts gilt.

Natürlich gelten die Gesetze der untersten Schicht auch für alle Angehörigen der oberen, insofern und weil diese ein Körper sind: auch Pflanze, Tier und Mensch unterliegen dem Gravitationsgesetz, und auch Tier und Mensch besitzen ein vegetatives Nervensystem, unterliegen also den Gesetzen der zweiten Schicht. Eben das ist gemeint, wenn Hartmann schreibt, dass die untere Schicht die obere „fundiert“. Die starre Notwendigkeit nimmt von unten nach oben allmählich ab, so dass man auf der obersten Stufe zwar keinesfalls frei ist, aber doch freier und beweglicher.

 

Darum sind alle materialistischen Erklärungsversuche – nicht zuletzt jene, mit denen uns Sachbücher oder Naturdokumentationen im Fernsehen belästigen – sinnlos. Die Gesetze der oberen Schicht sind zwar prinzipiell schwächer als die der unteren, aber lassen sich niemals aus ihnen erklären. Kant fasst in der „Kritik der Urteilskraft“ diesen Zusammenhang in die Worte, dass es einen „Newton des Grashalms“ unter keinen Umständen geben könne, dass sich also mit den Gesetzen der Mechanik niemals organisches Leben erklären lasse. Niemals – so sagen wir heute – niemals wird uns das Studium der chemischen Vorgänge im menschlichen Gehirn Auskunft auch nur über die einfachsten Prozesse unseres Denkens geben. Man kann Gehirnfunktionen studieren und feststellen, dass Entscheidungen und Emotionen immer von bestimmten Prozessen in bestimmten Regionen begleitet werden, aber seelische und geistige Vorgänge lassen sich als Phänomene der dritten und vierten Schicht niemals aus den rein biochemischen Prozessen erklären, die in die zweite oder gar in die erste Schicht gehören.

 

Auch was das Gedächtnis materiell ist – wie Wissen von der Materie gespeichert wird –, werden wir niemals verstehen, denn es wird immer ein Rätsel bleiben, wie Materie den Geist – ein Bild, die Bedeutung eines Wortes, den Klang einer Musik – bewahren und tragen kann. Hartmann spricht in diesem Zusammenhang von einem hiatus irrationalis, von einer für unseren Geist unüberwindbaren Kluft.

 

Wohin führt der Glaube an eine totale Kontinuität? Dann gäbe es nichts Neues unter der Sonne, und entsprechend existierte nicht das Problem, das Aufkommen eines Neuen und damit Evolution als die Entstehung neuer Spezies oder höherer Prozesse und Formen zu erklären. Es wäre das Eingeständnis eines totalen Scheiterns. Aber diese Konsequenz wird in dem Roman „Der Schwarm“ gezogen. Der Autor dieses Bestsellers wird einhellig für seine Verarbeitung wissenschaftlicher Erkenntnisse gelobt und erhält immer wieder die Gelegenheit, sie im Fernsehen in unermüdlich wiederholten Dokumentationen oder Talkshowauftritten weiter zu verbreiten. Nach Frank Schätzing gab und gibt es nichts Neues, denn selbst das, „was wir als Kultur bezeichnen, [ist] unseren Genen eingegeben. Die kulturelle Evolution beginnt in prähistorischen Zeiten, da wurden in unseren Köpfen die Weichen gestellt. Kultur ist biologisch, oder wollen wir annehmen, es seien neue Gene hinzugekommen, um Kriegsschiffe zu konstruieren? […] Kultur ist Teil unserer Evolution.“

 

Schätzings Annahme, dass für jede kulturelle oder technische Innovation ein (auch noch uraltes!) Gen zuständig sei, ist derart albern, dass sich ein Kommentar erübrigt. Auch ist die Weltgeschichte nach diesem Autor vorab absolut festgelegt, denn wörtlich heißt es, es seien bereits in Urzeiten „in unseren Köpfen die Weichen gestellt.“ Das gilt wohlgemerkt für nicht weniger als alles. Schon im Urknall wurde das weitere Geschehen bis ins Detail festgeschrieben. Deshalb kann ein sich als Philosoph der Evolution verstehender Professor auch schreiben, es sei „ja generell so, dass sich beim Menschen nichts schlechthin Neues findet“, weil wir Menschen „in einer Kontinuität mit den anderen Lebewesen stehen.“ (Wolfgang Welsch) Bereits das Argument, nicht allein die Behauptung, ist grundverkehrt, denn es kann ja auch dann eine Kontinuität vorliegen, wenn sich etwas Neues findet: warum sollten sie einander ausschließen? Im Gegenteil, wie uns Kant gelehrt hat, ist die Verschiedenheit die Voraussetzung einer Kontinuität.

Schätzing und Welsch sind beileibe nicht die ersten Autoren, die diese doch ziemlich absurde Ansicht vertreten. Ich finde es bezeichnend, dass es ein religiöser Autor war, der ihnen vorausging. „Wenn nicht schon im Molekül“, so lautet das Argument des Pierre Teilhard de Chardin, „eine Neigung zur Vereinigung bestünde, so wäre das Erscheinen der Liebe auch auf höherer Stufe, in ihrer menschlichen Form, physisch unmöglich.“ Kann man glauben, dass dieses durch und durch religiöse Argument heute von einer ganzen Reihe von atheistischen Autoren wiederholt wird?

 

Teilhard de Chardin sieht sich selbst „in einem aus Bewußtseinsstoff bestehenden Universum“ und nimmt an, dass sich kleinste und subtilste Spuren „irgendeiner rudimentären Psyche“ selbst in der Hylosphäre, wie er den Bereich des Unorganischen nennt, finden oder „daß sich das Psychische als etwas erweist, was in verschiedenen Graden von Konzentration der Gesamtheit der Erscheinungswelt zugrundeliegt.“ Wie aber soll man (kann man überhaupt?) sich einen „Bewußtseinsstoff“ vorstellen? Wie es esoterische Bücher tun oder wie es die Kontinuitätsthese fordert, verbindet dieser Ausdruck des berühmten französischen Anthropologen materialistische und spiritistische Vorstellungen miteinander. Die Pointe der sich so atheistisch gebärdenden Hirnforschung wie des Ultra-Darwinismus besteht also in einer neuen Form der Religion, und so kann nicht die Wut überraschen, mit der sie alle möglichen Religionen angreifen.

 

Wäre es unter diesen Umständen nicht besser, von der ehrwürdigen Kontinuitätsthese des Herrn Leibniz die Finger zu lassen und mit Hartmann und einigen anderen nicht ganz unebenen Köpfen den Blick für die „Vielfalt des Seins“ zu öffnen?


Stefan Diebitz: Die Vielfalt des Seins. Warum jeder Monismus scheitern muß

Verlag: der blaue reiter Verlag für Philosophie
Philosophie und Religion - Philosophie
416 Seiten
ISBN: 9783933722744

 

 

Lesen Sie weitere beiträge von Stefan Diebitz bei KulturPort.De: Die Vielfalt des Seins

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