Kultur, Geschichte & Management
Die „addart“, der Traum einer Strategie und „Jägerlatein“

Zum vierten Mal fand die „addart“ in Hamburg statt, zum vierten Mal öffneten an vier Tagen Hamburger Unternehmen ihre Räume, um ihre Kunstverbundenheit zu demonstrieren. Gezeigt wurden Teile von Sammlungen, Nachwuchskunst, die speziell zu diesem Anlass ausgestellt wurden und Sonderausstellungen, die sich überwiegend einer Künstlerin, einem Künstler widmeten.

Die Macher der „addart“, allen voran die Kommunikationsagentur „newskontor“, die bereits seit Jahren die „Forum art & collectables“ in Frankfurt/M. organisiert, die Handelskammer Hamburg, die HAW (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) und Schipper Company fragen sich ob Künstler ins Management gehören. Künstlerische Strategien seien für andere Wirtschaftsbereiche von Bedeutung, wird behauptet. Diese Erkenntnis in Hamburg geäußert, einer merkantilen Hochburg, in der die unternehmerische Kosten-Nutzen-Rechnung grundsätzlich und immer vor kulturell-inhaltlichen Fragestellungen gestellt wird, mutet zwar hoffnungsvoll an, andererseits klingt sie nach Sisyphusarbeit. Die Hoffnung, dass engagierte Manager aus anderen Teilen Deutschlands und des Auslands Hamburg in dieser Frage etwas in Richtungen leiten könnten, die inspirierender kultureller Natur wären, haben sich bislang leider als wenig erfolgreich herausgestellt. Insofern fragt man sich ernsthaft wo denn konkret ein sinnhafter Austausch – wie im Editoral des Programmhefts der „addart“ – zwischen Kunst und Wirtschaft postuliert wird – seriös stattfindet. Geredet wird viel, auch auf den Podiumsdiskussionen, die sichtbaren Ergebnisse sprechen eine andere Sprache. Manager und Künstler im produktiven Austausch – wie dies übrigens bereits der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhen in den 1960er Jahren gefordert hat – sitzen selten an einem Tisch.

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Bei den Führungen interessiert sich auffallend eine überwiegende Mehrzahl der Besucher für die gezeigte Kunst, dann für die Räumlichkeiten und die schönen Aussichten auf Alster, Fleete und Elbe und erst danach eventuell für das Unternehmen, indem das stattfindet. Der Austausch bleibt zumeist, sowohl zwischen Künstlern und Unternehmen wie zwischen Besuchern und Unternehmen, recht oberflächlich.

Da kommt die Ausstellung „Jägerlatein“ des in Berlin lebenden Künstlers Stefan Büchner wie ein Kommentar der gesamten „addart“ daher.
Die Kuratorin Daniela Zehe inszeniert Büchners Werke in der Wirtschaftsagentur „Schwartz & Partner“ durch ein komplexes Netzwerk unterschiedlicher Techniken, von Fotografie über Objekte zu digitalen Bildern. Im „Jägerlatein“ finden all jene Geschichten ein zuhause, in denen die Zahl und besonders die Größe der erlegten Tiere übertrieben dargestellt wird. Man umgibt sich mit Trophäen. So findet man eine ganze Reihe von „Anglerlatein“-Bildern von Fischen sowie Geweihbildern. Pirsch- und Lockruf-Szenen, Portraits von Jagdhunden aller Größe und Hochständen aller Art. Humorvoll, teils selbstironisch finden sich narrative Stränge von Jagdgeschichten und deren Umfeld, vom guten und einzigartigen Fang und von religiös bis schamanischen Kommentaren. Die Bandbreite der Gedanken ist groß, aber nicht erschöpfend. Es bleibt viel Potential für die Besucher übrig. Überhaupt ist das eine der Qualitäten der Ausstellung, der Besucher kommt nicht umhin sich selbst einzubringen, ob bei der „Nixe“, der jungfräulichen Trophäe aus dem Meer, nun als Bild über und hinter dem Chefsessel oder bei „Hubert“, einem Bild eines merkwürdig rot-leuchtenden fetischartigen Gegenstands, der auf einem Rhizom-verwurzelten Geflecht liegt. Die Decodierung wird nicht automatisch mitgeliefert, vielmehr wird unser assoziatives Wissen abgefordert.

Die Ansammlung der Trophäen führt einerseits etwas in sich, was den Menschen seit Beginn der Entwicklungsgeschichte begleitet, nämlich das Jagen. Andererseits wird das Erlegte noch vermeintlich dokumentarisch gesammelt und in einer Art „Petersburger Hängung“, im engen Flur der Agentur en passant präsentiert. Zwischen teilweise vom Künstler überarbeiteten und nachkolorierten, aber von anderen aufgenommenen Bildern, hängen auch Kriegsszenen. Menschen gehen auf Menschenjagd.
Dadurch bekommt die „Ansammlung“ etwas gänzlich Absurdes und Sarkastisches und gleichzeitig das sowieso existierende Ethische. Der Betrachter wird von Dackel „Waldi“ über das typische ‚Mann präsentiert Wild’, ein Bild eines Rudels von Rehböcken, auf ein Schlachtfeld an der Ostfront geleitet – unkommentiert, als ob der gesamten Installation die Selbstverständlichkeit derartiger Szenen innewohnen würde. Die Erwartung, dass jeder Betrachter zusammenzuckt ob solcher Kombinationen ist in der heutigen überreizten medialen Bilderwelt, obsolet – oder? Das Werk gibt jedenfalls keine klare Antwort darauf, sondern überlässt diese Sensibilität und den Umgang damit uns.

Eine farbig auffällige, weil expressive Serie heißt wie die Ausstellung insgesamt: „Jägerlatein“. Grundlage dieser mittelformatigen Reihe sind Fotos von Hochständen an Waldrändern und Lichtungen der oberpfälzischen Heimat des Künstlers. Diese Fotos sind mehrfach digital überarbeitet, Räume sind „verunscharft“, die Farbigkeit teilweise komplementär und leuchtend verfremdet worden. Obwohl eine grobe Verortung größtenteils für den Betrachter noch stattfinden kann, bildet die Unschärfe bereits ein Moment des Vergessens. Das Konkrete wird zugunsten einer vagen Erinnerung aufgegeben. Im übertragenen Sinn bildet hier den Fokus gar nicht mehr die Trophäe selbst, sondern vielmehr deren hellgrauer Schatten. Offensichtlich geht es hier nicht mehr konkret um Jäger, die sowieso auf keinem der Bilder selbst zu sehen wären, als vielmehr um eine Idee an sich. Diese Idee erscheint als ästhetisch-farbenfroher Klang zwischen Artenschutz und Ausrottung.

Zwei Mobiles – kinetische Kunstwerke – erweitern den künstlerischen Kanon. Büchner betitelt sie mit „Zeitmaschine I“ und „II“. Aufgereiht an höhenverstellbaren Fäden (vergleichbar einer Waschkaue – Bermannsgarderobe – im Bergwerk) finden sich Schlüssel aus unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen Größen und aus unterschiedlichem Material in Reihen befestigt. Fährt man mit den Fingern durch die Schlüssel oder weht ein Wind durch das „Schlüsselfeld“, ergibt es einen tonalen Klangraum, ähnlich wie bei einem Windspiel. Den gleichen Effekt erhält man auch bei der zweiten Arbeit. Von der Decke abgehängt, berühren sich fragile Bleiglasgefäße – Schalen, Pokale, Vasen – und geben, in Bewegung geraten, einen kristallinen Klang. Die Objekte hängen vor der Fensterfront mit Alsterpanorama und über einem vierrädrigen Arbeitswagen, der zumindest in Form und Größe an einen Teewagen erinnert. Arbeits- und Gebrauchsspuren sind dem Wägelchen anzusehen, er hat eine Vorgeschichte die wir nicht kennen, die aber nun hier im Kontext mitschwingt.

„Jägerlatein“ bedeutet Geschichten erzählen. Ob sie stimmen, weiß keiner, aber wir ahnen, Übertreibung macht anschaulich und es gehört eine Menge Humor und Selbstironie dazu, um mit dieser Sprache umzugehen.

Die Ausstellung Stefan Büchner „Jägerlatein“ ist nach vorheriger Anmeldung noch bis zum 29. Januar 2017 zu sehen. Kuratiert von Daniela Zehe.
Schwartz & Partner, Ballindamm 13, 20095 Hamburg
Anmeldung: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Tel.: (040) 6009 8950
Weitere Informationen zur „addart“


Abbildungsnachweis:
Header: Stefan Büchner; aus: Jägerlatein (Detail), Print 60 x 80 cm inkl. Rahmen 80 x 100 cm
Galerie:
01. "addart" 2016
02. Aus: Wand mit Erinnerungen (Petersburger Hängung), "Mein Vater", 2016
03. Nixe, Print 110 x 70 cm inkl. Rahmen 130 x 100 cm
04. Hubert, Print 40 x 40 cm inkl. Rahmen 60 x 60 cm
05. und 06. Aus: Wand mit Erinnerungen (Petersburger Hängung), "Feudales Essen" und "Postkarte", 2016
07. Aus: Jägerlatein, Print 60 x 80 cm inkl. Rahmen 80 x 100 cm
08. Zeitmaschine I, diverse Materialien
09. Zeitmaschine II, diverse Materialien

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