Film

Gehasst, vergöttert, Wagner ist mehr als Musik, – ein Mythos, Glaubensfrage, Politikum, Doktrin. 
Wagner polarisiert und genau dort setzt Axel Brüggemann an mit seinem Dokumentarfilm „Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt”. Neue Perspektiven eröffnen sich uns auf den vor rund 140 Jahren verstorbenen Komponisten und sein Gesamtkunstwerk, auf Genie und Antisemitismus. Von Venedig über Lettland, Israel, Abu Dhabi und die USA bis nach Japan führt die Reise durch die Welt der Wagnerianer, gibt exklusive Einblicke in ihr Allerheiligstes, das Festspielhaus. 


„Wir Wagnerianer sind das Heavy Metal-Ende der Klassik”, sagt eine von ihnen mit verhaltenem Stolz, die internationale Fangemeinde umfasst 125 Wagner-Verbände mit circa 30.000 Mitgliedern. Die erste Station des Films ist Venedig, Lieblingsstadt des Komponisten und sicheres Refugium für ihn in Krisenzeiten, hier treffen sich seit 25 Jahren seine treuen Anhänger. Regisseur und Drehbuchautor Axel Brüggemann spricht mit Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus und Kulturbereichen, zeigt, wie sie „Rheingold”, „Götterdämmerung” oder „Lohengrin” in ihr Leben integrieren. An der Keio-Universität in Tokyo gibt es bereits seit 1901 einen Richard-Wagner-Verband. Maschinenbau-Student Takeuchi Yutaka schwärmt für den Komponisten und Dramatiker, seit er als kleiner Junge den Walkürenritt in einem Cartoon hörte. Mit seinen Kommilitonen gibt er ein Konzert im Kirschenblütenpark. Unternehmer und Wagner Bewunderer Hirsoshi Suzuki finanziert eine Kindervorstellung in Japans größter Bank. „Parsifal” wurde dafür extra von vier auf eine Stunde verkürzt. Katharina Wagner nahm wegen der Corona Pandemie per Videokonferenz an den Proben teil.   

In Riga, wo der junge Wagner zwei Jahre dirigierte, sehen wir, wie der lokale Richard-Wagner-Verband einen Flash Mob organisiert und als Chor singend durch die Stadt zieht, um für die Renovierung des Wagner Hauses zu kämpfen. Es gilt die Regierung vom Wiederaufbau im Originalzustand zu überzeugen. Abu Dhabi, vor einem halben Jahrhundert noch eine unbedeutende Fischer Siedlung, deren Einwohner vom Perlenhandel lebten, scheut als Metropole der Vereinigten Arabischen Emirate heute keine Kosten, um sich als internationaler Kultur-Hotspot zu etablieren. Sheikh Zaki Anwar Nusseibeh, Kanzler der Universität der VAE, und Dr. Ronald Perlwitz, seit 2014 Verantwortlicher für die Abu Dhabi Classic Season, sind die beiden einzigen Mitglieder der dortigen Richard Wagner Gesellschaft, sie organisieren Wagner Aufführungen, während sie von Bayreuth träumen. Die Musik habe etwas Berauschendes, da sind sie sich einig. 

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Der amerikanische Bassbariton Kevin Maynor debütierte 1985 an der New York City Opera, sang später an der Lyric Opera of Chicago, der Opera National du Rhin, in der Carnegie Hall und am Metropolitan Opera House, er wurde oft für Wagners „Ring” Zyklus engagiert. In Newark, New Jersey, realisierte er gemeinsam mit seiner Baptistengemeinde – zum ersten Mal mit und für People of Colour – eine Aufführung vom „Ring der Nibelungen”. Die Inszenierung nach Amphitheater-Manier fand unter freiem Himmel bei Pandemie und Sturm statt. Lassen sich Weltanschauung und Werk des umstrittenen Komponisten wirklich trennen? Was Wagner 1850 über das Judentum in der Musik schrieb, man kann, will es nicht zitieren. Sein Antisemitismus, die Verehrung Hitlers für ihn, ist eins der zentralen Themen des Dokumentarfilms. Barrie Kosky inszenierte 2018 „Die Meistersinger” im Bühnenbild der Nürnberger Prozesse. Der Enkel jüdischer Einwanderer wuchs in Australien auf, seit der Spielzeit 2012/13 Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, ist ähnlich wie Yuval Sharon (2019, „Lohengrin”) trotz seiner Verachtung für die antisemitische Einstellung des Komponisten, fasziniert von der Musik, sucht den Diskurs. Also nicht verweigern, sondern die eigene Kreativität dagegen setzen.

Jonathan Livny ist Vorsitzender der Wagner Gesellschaft in Israel, die er 2010 gründet. Der Jerusalemer Rechtsanwalt sagt über Wagner: „Der war ein scheußlicher Mensch, aber er hat himmlische Musik gemacht,- und zwar im 19. Jahrhundert, lange vor dem Holocaust.” Die meisten Mitglieder von Livnys Familie, die ursprünglich Loebenstein hieß, sind in den Gaskammern der nationalsozialistischen Vernichtungslager umgekommen. Nur dem Vater gelang die Flucht aus Berlin nach Palästina- mitsamt seiner riesigen Sammlung von Wagner-Platten. Mit dieser Musik wuchs der kleine Jonathan auf. Sie gehört seitdem zu seinem Leben. In Israel ist Wagner wegen seiner antisemitischen Position und der Beliebtheit während des NS Regimes noch immer umstritten. Ein 1939 ausgesprochener Boykott Wagners wurde zwar gebrochen, aber seine Werke werden fast nie gespielt. Jonathan Livny kämpft um jedes Konzert. „Ich will einen kulturellen Diskurs über das Werk Wagners”, sagt der Anwalt. Er trennt zwischen Wagners Kompositionen und dessen judenfeindlicher Gesinnung. „Schauen Sie”, sagt er, „die bekanntesten Wagner Dirigenten sind heute jüdisch.”  Dan Ettinger zum Beispiel, Chefdirigent des israelischen Symphonieorchesters, habe erfolgreich Wagner dirigiert im Ausland. Daniel Barenboim, der 2001 mit der Berliner Staatskapelle gastierte, wagte es in Jerusalem sogar als Zugabe die Ouvertüre von „Tristan und Isolde” zu spielen, was seinerzeit einen Skandal auslöste. Livny fährt fast jedes Jahr nach Bayreuth. Das erste Mal verspürte er noch Angst, als sich die Türen des Saales schlossen. Aber er habe sich gesagt: „Da saß Hitler, aber wir Juden leben noch.”

„Das Vergnügen, ein Wagner zu sein, hält sich manchmal in Grenzen, weil es natürlich vorurteilsbeladen ist”, sagt Katharina Wagner, seit 2015 alleinige künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Bayreuther Festspiele. Die Urenkelin Richard Wagners erleben wir während der Proben, ein besonderes Privileg, beim alljährlichen Mitarbeiterfest mit Blasmusik oder auch privat im Beisein ihrer unwirsch dreinschauenden Bulldogge. Axel Brüggemann besitzt ein außergewöhnliches Gespür für Menschen, die Gespräche klingen nicht nach Interviews, sie wirken spontaner, ehrlicher, vertrauter, intensiver. Der Ton wechselt je nach Thema, leicht ironisch, dann wieder ernst oder berührend. Über zwei Jahre beobachtete der Dokumentarfilmer die Probenarbeiten mit verschiedenen Regisseuren und Dirigenten wie Christian Thielemann und Valery Gergiev, bis dann der ganz normale Wahnsinn wieder ausbricht, wenn die Festspiele starten und die internationale Prominenz anrückt. Highlights sind weniger Stars wie Placido Domingo, Anja Harteros oder Catherine Foster, spannend ist der Blick hinter die Kulissen der täglichen Arbeit ob künstlerisch oder handwerklich. Wie übersteht das Festivalhaus auf dem grünen Hügel die kalten Wintermonate und wie überstehen die Musiker die Hitze im Orchestergraben? 

„Er war gleichzeitig überwältigend und mystisch, hyperaktiv und auf gewisse Art eine völlig unseriöse Figur. Erstaunlich, dass ausgerechnet so jemand derart perfekte und komplexe Werke geschaffen hat”, sagt der amerikanische Musikkritiker Alex Ross, der mit seinen Einschätzungen zu den Einflüssen von Wagners Werk auf Musik, Film, Kultur und Politik die Zuschauer durch Brüggemanns Doku geleitet. Für Humor und Bodenständigkeit sorgt das bayrische Metzger-Ehepaar Ulrike und Georg Rauch, die uns mit Geschichten um die Wagner Familie, über die Festspiele, die Gäste und Künstler unterhält. Zugleich vermittelt das betagte Paar einen Einblick in die harte Realität des gemeinsamen Älterwerdens und der daraus sich entwickelnden Machtstrukturen. In Bezug auf die Faszination der Wagner Opern aber ist man sich bei den Rauchs einer Meinung. „Um diese Musik zu schreiben, musst Du schon ein bisschen irre im Kopf sein”, erklärt die Metzgergattin. Sie wuchs direkt neben dem Festspielhaus auf, denn schon der Urgroßvater war Hausmeister auf dem grünen Hügel. Als Kind bekam sie deshalb immer eine der begehrten Karten zum Geburtstag geschenkt. Sie hat bis auf „Tristan und Isolde” alle Wagner Opern gesehen. 

 

 


Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt 

Drehbuch + Regie: Axel Brüggemann
Mit: Katharina Wagner, Christian Thielemann, Valery Gergiev, Placido Domingo, Alex Ross, Anja Harteros, Barrie Kosky
Produktionsland: Deutschland, 2021
Länge: 98 Minuten
Verleih: Filmwelt
Kinostart: 28.10.2021

 

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Filmwelt

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