Film

1909 erschien Jack Londons Schlüsselroman „Martin Eden”. Filmregisseur Pietro Marcello verlegt den Kampf seines proletarischen Antihelden um Bildung und gesellschaftliche Anerkennung vom kalifornischen Oakland in die italienische Hafenstadt Neapel.


Das vielschichtige Künstlerporträt „Martin Eden” mutiert zum suggestiven historischen Fresko, erinnert an Bernardo Bertoluccis Monumentalwerk „Novecento”. Es ist, als drohe sich vor unseren Augen das frühe 20. Jahrhundert samt kapitalistischer Maschinerie in seine Bestandteile aufzulösen: Die ästhetischen Fixpunkte der Epochen werden austauschbar, überlagern sich mit den verschiedenen gegensätzlichen politischen Überzeugungen. 


Martin Eden (grandios Luca Marinelli) fährt zur See seit frühster Jugend, ein Leben geprägt durch Entbehrungen, Gewalt und bitterste Armut, seine heimliche Leidenschaft sind Bücher. Am Hafen wird ein junger Mann zusammengeschlagen, Martin vertreibt die brutalen Angreifer, als Dank für seine Rettung lädt ihn Arturo Orsini (Giustiniano Alpi), Sohn aus großbürgerlicher reicher Familie, daheim ein. Der Protagonist verliebt sich schon im ersten Moment in Arturos elegante schöne Schwester Elena (Jessica Cressy), oder ist es vielmehr jene betörende verlockende Welt des Luxus und der Kultur? Einschüchtern lässt Martin sich nicht, während er beim Essen den Teller mit Brot auswischt, belehrt er die Anwesenden über Proletariat und Bildung. Elena drückt ihm einen Band von Baudelaire in die Hand, von nun an wirbt der weit gereiste Seemann jeden Widerstand ignorierend mit rauem ungeschliffenem Charme um sie. Er werde Schriftsteller, verkündet er voll naivem Stolz, glaubt so die Standesunterschiede zu überbrücken endlich jene Achtung zu erlangen, die ihm gebührt. 

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Literatur ist das Bindeglied zwischen den beiden, doch Elena ist überzeugt, auch Schriftsteller brauchen eine klassische Form der Bildung. Dafür fehlt einem Martin Eden Muße wie auch finanzielle Mittel. Er vertraut, wie er Elena versichert, dem eigenen Schöpfergeist, der in ihm brennt und ihn antreibt. Vor allem aber ist es sein Zorn, der Hass auf die herrschende Klasse und ihre Ungerechtigkeiten, der ihm Kraft gibt, seine Phantasie explodieren lässt. Wie ein Besessener verschlingt er ein Buch nach dem anderen. Jede Lira geht dafür drauf. Auf einer gebraucht erworbenen Reiseschreibmaschine tippt er nun seine Geschichten, verschickt sie an Verlage, keiner interessiert sich für die düster packenden Schilderungen aus dem sozialen Abseits. Beim illustren Dinner, nach seinem Beruf gefragt, antwortet er: „Schriftsteller.” „Schriftsteller? Einer, der grade erst lesen gelernt hat,” überall nur Verachtung, Häme. „Wo er studiert habe, im Laderaum eines Schiffes?” Und Elena klagt, „...was Du schreibst, wird nie Geld bringen.” Doch dann begegnet der scheinbar glücklose Held dem charismatischen Bohemien und Sozialisten Russ Brissenden (Carlo Cecchi), der ihn daran erinnert, wie viele Menschen an Hunger sterben, ihn beschwört den Klassenkampf zu unterstützen. Martin fasziniert der Sozialdarwinismus von Herbert Spencer (1820-1903). Aus Geldnot hat er Quartier bezogen auf dem Land, die Bauersfrau, eine Witwe von rührender Hilfsbereitschaft, sie und ihre beiden Kinder werden so etwas wie eine Familie für ihn, hier glaubt man ohne Vorbehalte an sein Talent.  

Was sich anfangs wie eine Lovestory anfühlt, ändert bald ihren Kurs, ein Überlebenskampf so existenziell unerbittlich wie Jack Londons Abenteuerromane „Ruf der Wildnis” (1903) oder „Wolfsblut” (1906). Der Ruhm kommt überraschend, plötzlich ist unser Proletarier salonfähig, wird umschmeichelt, gefeiert von denen, die ihn einst verhöhnten. Wie damit umgehen? Triumph ist trügerisch, wer allein danach giert, wird oft enttäuscht. Sein Vermögen verdient Martin nun mit Geschichten über die Armut, was unterscheidet ihn also noch vom ausbeuterischen Kapitalisten? Er liebte Elena, er wollte ihre Welt erobern, nun ekelt er sich davor. Sein Hass verselbstständigt sich. Die Einsamkeit des Erfolgs ist eine andere als die des Scheiterns, vielleicht noch schrecklicher, zerstört das Versagen doch wenigstens nicht jede Hoffnung. Martin Eden sah sich nie als politischer Erlöser, der Klassenkampf und seine Theorien dienten ihm eher als Mittel zum Zweck für den eigenen gesellschaftlichen Aufstieg, und genau dort in der Oberschicht verliert er das Feeling für seine Kunst, sein Talent lässt ihn in Stich.  Luca Marinelli spielt den tragischen Antihelden mit unglaublicher Bravour. Ein Teufelskerl, hungrig auf Frauen, Ruhm, aggressiv, streitsüchtig, rührend in seiner Naivität, entwaffnend in seiner Offenheit.  

Den Anstoß zu „Martin Eden” gab Maurizio Braucci, Freund und Weggefährte Pietro Marcellos, der ihm den Roman vor 20 Jahren schenkte. „Ich sagte Pietro, dass das unsere Geschichte ist”, erinnert sich Braucci. „Weil es um Leute geht, die die Kultur entdecken, und zwar über den Weg anderer Menschen, über Mentoren, Freunde, Bücher. Das ist keine Bildung der herkömmlichen Art, sondern eine, die sich von überallher speist, aus unserer Stadt, der Welt, aus unseren Leben – und jedes Mal ziehen wir dabei Rückschlüsse auf unser eigenes Vorankommen, auf unser eigenes Lernen.” Für Pietro Marcello waren die Bezüge zu seiner eigenen Biografie offensichtlich: „Martin Eden hatte aufgrund seiner Herkunft keinen Zugang zur Bildung, er erarbeitete sie sich allein. Das war bei mir ähnlich, ich bin der Sohn eines Seemanns, Neapolitaner, ich komme aus einer Welt, in der man ohne Bücher aufwächst. Und wie Martin habe ich dann wie ein Verrückter gelesen, um das aufzuholen. Aber ich identifizierte mich nicht mit seiner Vision der Welt. Sein Individualismus, seine libertinäre Vision ohne soziales Bewusstsein müssen zwangsläufig in die Barbarei führen.” 

Das Drehbuch schrieb Pietro Marcello zusammen mit Maurizio Braucci: „Wir haben den Roman Jacks Londons auf eine freie Weise interpretiert und „Martin Eden” als ein Fresko genommen, das die Verwerfungen und Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts vorausgesehen hat, ebenso wie seine entscheidenden Themen: das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, die Rolle der Massenkultur, den Klassenkampf... Im Film stehen am Beginn der Parabel vom unglückseligen Helden Archivaufnahmen des italienischen Anarchisten Errico Malatesta, der Film zieht Parallelen zu Leben und Werk der „Poètes maudits“, von Vladmir Majakovski bis zu Stig Dageman und Nora May French. Wir stellen uns einen Martin vor, wie er das 20. Jahrhundert durchquert, oder vielmehr eine Verdichtung, eine traumhafte Transposition davon, ohne Zeitgrenzen, nicht länger im Kalifornien des Romans, sondern in einem Neapel, das jede Stadt sein könnte, überall auf der Welt. 

Martin Eden sehen Marcello und Braucci als eine moderne Figur: „Er ist ein negativer Held, jemand der den Bezug zur Realität verliert, eine moderne Inkarnation des Hedonismus, des Narzissmus, des Individualismus in einer extremen Ausprägung, eine Art Rockstar. Wir begleiten ihn bis zum Ende seines Weges, der ihn die soziale Klasse verraten lässt, zu der er gehört, das Subproletariat. Am Ende erkennen wir ihn nicht wieder, Martin verliert den Kontakt zur Wirklichkeit, zur Erde, zu den anderen. Er bricht die Brücken zu einer Familie ab und findet sich ohne Verbündete wieder. Und plötzlich auf einen Schlag, hat er nichts mehr zu schreiben.... Er ist verloren. Hier unterscheidet sich unser Ende von Jack Londons Roman, der letztlich doch ein sentimentaler Roman in der Tradition des 19. Jahrhunderts bleibt. Teil der Faszination von Jack Londons Werk war dessen komplexe, widersprüchliche Persönlichkeit. „Er war bekannt als Autor mit sozialistischem Hintergrund”, so Marcello, „gleichzeitig verkehrte er in den bourgeoisen Kreisen von George Sterling. Er experimentierte mit Drogen und traumartigen Reisen, er hatten Tendenzen zu einer Art von säkularem Mystizismus. Er beschäftigte sich mit Herbert Spencer, der monströse Dinge geschrieben hat und versuchte den Sozialdarwinismus mit Marx zu verbinden.” 

Der Ansatz, den Grund von Martin Edens Scheitern in seinem von Spencers Sozialdarwinismus beeinflusstem übersteigertem Individualismus zu sehen, entspricht der Intention Jack Londons, er hat den Roman trotz der offensichtlichen Parallelen zur eigenen Lebensgeschichte nie als Selbstporträt gesehen. Eine Einschätzung der Marcello widerspricht: „So sehr Martins zunehmend brüchige Ethik im Kontrast zu Londons sozialistischer Überzeugung steht, ist das Buch trotzdem ein Selbstporträt. Jack London war damals grade 33 Jahre alt, er wurde immer desillusionierter, was seinen Ruhm und den damit verbundenen Druck anging. Ich glaube, „Martin Eden” ist für Jack London das, was „Dorian Gray” für Oscar Wilde war. Es ist in gewisser Weise ein Spiegel. London und Wilde porträtieren den Antihelden, aber nicht in Bezug auf uns, sondern auf sich selbst.”    

„Martin Eden” besitzt die Kraft von einem Leinwand Epos wie „Citizen Kane”, nur mit einem gewagteren Konzept: Der Film spielt zwischen den Weltkriegen, aber Pietro Marcello („Lost and Beautiful”, 2015) verwischt die Grenzen von Raum und Zeit. Mal glaubt man sich in den 50er Jahren, dann tauchen Farbfernseher auf, Disco Sound aus den Siebzigern erklingt, Frisuren, Telefone, Züge, Martins gebrauchte Olivetti Reisemaschine entstammen dem Italien der Nachkriegszeit. Die Kleider Elenas erinnern an das 19. Jahrhundert, die Streikversammlung, zu der Russ und Martin gehen ans frühe 20. Jahrhundert. Andere Szenen weisen auf den aufkommenden Faschismus der 20iger und 30iger Jahre hin. Dazwischen Archivmaterial, verwoben mit körnigen selbst gedrehten 16mm Aufnahmen, wundervoll koloriert, traumartige Rückblenden in die Kindheit des Protagonisten. „Ich wollte mit dem Film das 20. Jahrhundert durchqueren”, so der 45jährige Regisseur. 

„Martin Eden” fand nur in Europa begeisterte Leser, die Amerikaner misstrauten dem Sozialisten Jack London (1876-1916). „Wenn Martins Mentor Russ Brissenden sagt: „Werde Sozialist,” – dann spricht er von einem ursprünglichen Sozialismus, den man in jedem menschlichen Austausch findet. Es geht um das, was eine Gesellschaft positiv ausmacht... Der Anarchist Malatesta hat von der Notwendigkeit eines Individualismus gesprochen, der untrennbar mit dem Sozialismus verbunden ist, weil er ohne diese Verbindung in die Barbarei führt“, so Marcello. „Was er Individualismus nennt, ist das Interesse für die Person. Aber wenn Martin in der Dinner-Szene seine wütende Rede hält, dann verfällt er in einen Diskurs, der dem Neoliberalismus von heute gleicht. Es gibt in diesem Roman eine dunkle Vorahnung der Katastrophen, die tatsächlich gekommen sind. Das reicht bis heute: Vor 40 Jahren hat sich niemand ein zerbrechendes Europa vorstellen können, den Brexit, Le Pen, Orbán, Salvini, Trump... Das ist etwas, was der Roman in gewisser Weise bereits erzählt.“

 


Originaltitel: Martin Eden

Regie: Pietro Marcello
Drehbuch: Pietro Marcello & Maurizio Braucci, nach dem Roman von Jack London
Darsteller: Luca Marinelli, Jessica Cressy, Vincenzo Nemolato, Marco Leonardi, Denise Sardisco, Carmen Pommella
Produktionsland: Italien, Frankreich, Deutschland, 2019
Länge: 129 Minuten Minuten
Kinostart neu: 26. August 2021
Verleih: Piffl Medien

 

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Piffl Medien

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