Film

Ursprünglich sollte der Film jenes magische lebensbejahende Glücksgefühl der Trunkenheit feiern, dann aber nahmen Regisseur Thomas Vinterberg und Co-Autor Tobias Lindholm Abstand von der einseitig romantischen Idealisierung des Alkohols. Vielleicht war es auch nur die Idee einer durchzechten Nacht. 
Stattdessen katapultiert „Der Rausch” seine männlichen Protagonisten in die Gefahrenzonen der Midlife-Crisis, ein Promille-Experiment entlarvt ihre Unsicherheit, Frustrationen und Sehnsüchte, eine Katastrophe scheint unabwendbar. Der Titel ist Programm, das bacchantische nordische Epos reißt uns mit, -Schrecken nicht ohne Komik, das Kino als Droge. Schauspielerisch umwerfend Mads Mikkelsen. 


„Der Rausch” gewann den Academy Award als bester internationaler Film, begeisterte Zuschauer wie Kritiker. Erzählt wird von vier Freunden mittleren Alters, Lehrer am Gymnasium eines dänischen Küstenstädtchens. Finanziell und beruflich geht es ihnen eigentlich prächtig, doch irgendwo sind sie ausgebrannt, abgestumpft, jeder auf seine Art, vor allem Martin (Mads Mikkelsen). Wenn er vor der Klasse steht, ist es, als wäre er abwesend, er macht aus seinem Desinteresse kein Geheimnis. Die Schüler sorgen sich um ihre Leistungen und Abiturnoten, Respekt lässt sich in solchem Fall nicht erwarten. Zuhause erduldet Ehefrau Trine (Marie Bonnevie) notgedrungen jenen mürrischen wortkargen Kauz und übernimmt auffällig viele Nachtschichten. Dieser Martin würde auch uns vielleicht langweilen, wäre da nicht dieses faszinierende etwas abweisende verschlossene Gesicht, ein Hauch von Melancholie und verstörender Verletzbarkeit. Oder ist es nur Selbstmitleid?

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An diesem Abend treffen sich die Freunde anlässlich Nikolajs (Magnus Millang) 40. Geburtstag. Russischer Wodka und Kaviar, edelster roter Wein, Wohlstand wird im Luxusrestaurant mit Genuss zelebriert, nur Martin trinkt Mineralwasser, er will mit dem Wagen heimfahren, muss noch arbeiten. Wie vernünftig, spotten die Anderen. Aber was ist vernünftig, fragt Nikolaj. Er zitiert den norwegischen Psychiater und Philosophen Finn Skårderud, der vor 20 Jahren die provokante These aufstellte, der Mensch werde mit einem 0,5 Promille zu niedrigem Alkoholspiegel geboren. Um den Idealstand zu erreichen und optimale Leistungsfähigkeit, müsse dieser täglich ausgeglichen werden. Die Theorie hat etwas Verführerisches, eine Herausforderung, ohne großen Aufwand dem öden Alltag zu entkommen. Brauchen sie nicht mehr Selbstsicherheit, Abenteuer, einen Kick? Schnell sind die Freunde sich einig, getrunken wird nur tagsüber bis 20 Uhr, Hemingway soll es so praktiziert haben. Wirklich? Über die Erkenntnisse aus dem Selbstversuch will man Protokoll führen, so kriegt der Wahnwitz den pseudowissenschaftlichen Touch einer Studie. 

Und schon sehen wir Martin den nächsten Tag auf der Schultoilette, wo er seinen Alkoholpegel kontrolliert und mit einem Schluck aus der Wodka Flasche nachhilft. Er ist wie verwandelt, begeistert seine Schüler, indirekt propagiert er seine neue Überlebensstrategie. Listig fragt er die Teenager, wen sie favorisieren, den tierliebenden Antialkoholiker und Vegetarier oder den cholerischen Liebhaber von Whisky, Champagner und acht Zigarren am Tag. Natürlich plädieren alle für ersteren, also Adolf Hitler und nicht für Winston Churchill. Wobei das mit dem Vegetarier und dem Alkohol nicht stimmen soll, aber es geht Regisseur Vinterberg („Die Jagd”, „Kursk”) um etwas Anderes, ein Seitenhieb in Richtung Political Correctness, die sich verselbstständigt und als modischer Moralismus ein rigides Regime führt. Trine kann es kaum glauben, da ist er wieder der Mann, in den sie sich einst verliebte, zumindest im gemeinsamen Ehebett. Die 0,5 Promille sind wie ein energiespendender Zaubertrank. Vorbei die Leere, das Dasein als Schlafwandler, die Männer entwickeln wieder Ehrgeiz, verlorene Träume flammen neu auf, Kreativität, Humor, ob in Sozialkunde, Geschichte, Musik oder auf dem Fußballplatz. „Da geht noch mehr,” erklärt Martin, die tägliche Dosis wird erhöht. Und obwohl ganz offensichtlich die Selbstinszenierung bald schon Richtung Selbstzerstörung abdriftet, genießt das Kinopublikum die Tragikomödie in vollen Zügen. Nichts wird beschönigt bei der Suche nach Glück und Erfüllung, im Gegenteil, doch grade durch die Pandemie scheint der anarchische Trip der vier Dänen fälschlicherweise wie eine ersehnte Befreiung von jeglicher Kontrolle. 

Wie Alkohol betäubt der Soundtrack, reißt uns mit in die trügerische Euphorie: „What a life, what a night. What a beautiful, beautiful ride.” Der Song des dänischen Soul- und Pop-Trios Scarlet Pleasure erinnert in seiner Wirkung weniger an Single Malt, eher an billigen viel zu süßen Lambrusco, irgendwann als Teenager nachts am Meer mit Schulfreunden genossen, aber in diesem Moment gibt es nichts Köstlicheres. Vinterberg setzt bewusst in Filmen wie auch „Submarino” (2010) Alkohol ein für den Blick in die inneren Abgründe seiner Protagonisten. Der 52jährige Regisseur nähert sich in „Der Rausch” wieder an Dogma 95 an. Das Manifest sollte sich gegen die zunehmende Wirklichkeitsentfremdung des Kinos richten, verbannte Spezialeffekte, künstliche Beleuchtung, Requisiten, gedreht werden durfte ausschließlich an Originalschauplätzen. Beschränkung als Steigerung der Kreativität, um eine eigene unverwechselbare Sprache zu finden, Befreiung durch Verzicht, genau das Gegenteil von dem, was Martin und seine Freunde praktizieren. Die verspielte faustische Fabel implodiert, der übersteigerte Alkoholkonsum zeigt bald schon seine Folgen. Bei Sportlehrer Tommy (Thomas Bo Larsen) findet man im Abstellraum der Turnhalle unzählige leere Schnapsflaschen, die Lehrerschaft, vermutet die Täter unter den Schülern. Dänemark hat ein ernstes Alkoholproblem, trotz seiner satirisch anmutenden Elemente, bagatellisiert das Leinwand Epos nie die daraus entstehenden Probleme, eignet sich trefflich als Porträt jeder Gesellschaft, die vor der Wahrheit flieht, gewöhnt ist, sich zu betäuben, nur so der Wirklichkeit trotzen kann.

Die bürgerliche Idylle löst sich auf, Karrieren und Beziehungen zerbrechen, grade die Kinder verstehen nicht, was geschieht, wenn der Vater besinnungslos betrunken auf der Straße liegt. Die scheinbar unendliche Geduld der Frauen hat ein Ende, spätestens wenn der Gatte das gemeinsame Bett einnässt. Dergleichen habe nichts mehr mit einem Experiment zu tun, verkündet die Gattin, die Jüngsten starren in fassungslosem Schrecken auf das für sie Unbegreifliche. Für einen der Freunde endet die absurde Sinnsuche tödlich. „Der Rausch” ähnelt in seiner kompromisslosen Authentizität und schauspielerischen Qualität an John Cassavetes’ „Husbands” (1970), jenes Aufeinanderprallen der Extreme. Für manchen mag die Trunkenheit sich noch allzu akzeptabel darstellen, als Inbegriff des Lebens. Betörend grade das grandios choreographierte Finale, Mads Mikkelsen verkörpert in dieser Szene all die widersprüchlichen Gefühle von Schmerz, Glück und Ausgelassenheit. 

Wenige Tage nach Drehbeginn kam Vinterbergs 19-jährige Tochter Ida auf der Rückfahrt von Paris bei einem Autounfall ums Leben. Es ist ihre Schule, wo gefilmt wurde, ihre Freunde und Mitschüler spielen mit, sie sollte die Rolle von Martins älterer Tochter übernehmen. „Der Rausch” ist ihr gewidmet.

 


Originaltitel: Druk

Regie: Thomas Vinterberg
Darsteller: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang, Lars Ranthe, Maria Bonnevie
Produktionsland: Dänemark, Schweden, Niederlande
Länge 117 Minuten
Start: 22.7.2021
Verleih: Weltkino Filmverleih

 

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright: Weltkino Filmverleih

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