Mit Rilkes Worten „Der Sommer war sehr groß“ charakterisierte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther die gelungene diesjährige Saison des Schleswig-Holstein Musikfestivals (SHMF) und erhob sie damit in den poetischen Adelsstand.
Alles andere als dienstlich, dem Festival sehr persönlich zugewandt, warmherzig und leidenschaftlich wirkte seine Eröffnungsrede des SHMF-Abschlusskonzertes.
Und er gelobte scherzend dem Publikum in der ausverkauften Lübecker Musik- und Kongresshalle (MuK): „Nach jedem Requiem gibt es eine Auferstehung!“ Das gelte auch für die nächste Saison des Festivals. Günther weissagte „eine gesicherte Lebenszeit mindestens bis zu dessen 50jährigen Bestehen in zehn Jahren“.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther und SHMF_Intendant Christian Kuhnt; Abschlusskonzert. Foto: © Agentur 54° Felix König
Intendant Christian Kuhnt dankte im Anschluss den vielen Mitarbeitern und freiwilligen Helfern und wies auf die großartige Auslastung der über zweihundert Konzerte in fünfzig Spielstätten des Landes hin. Aber auch auf das breite Spektrum der Konzertformate von Sting über Fazil Say bis hin zum heutigen Abend. Mit dem seine Rede abschließenden Motto…
Grenzen überschreiten, Menschen verbinden
…umriss er die Ziele des Festivals und des nun folgenden Konzertabends. Über zweihundertvierzig Mitwirkende aus vielen Ländern musizierten unter der ausbalancierenden Leitung von Stanislav Kochanovsky klangvoll, homogen und dynamisch ausgewogen. Durch ein bemerkenswert geschlossenes Klangbild beeindruckte der Chor, zusammengestellt aus Schweizer Jugendchor und Festivalchor (Einstudierung: Nicolas Fink). Das von Verdi besonders ausführlich in Musik umgesetzte „Dies irae“ wird vom Chor kraftvoll herausgeschleudert, chromatische Bewegtheit lebendig dargestellt. In der „Libera me“-Fuge scheint sich der Chor in feinsten dynamischen Schattierungen und federnder Leichtigkeit von seiner eigenen Schwerkraft zu befreien. Sehr gelungen!
Zaghafte Dankbarkeit und beschwörendes Aufbäumen
Das außergewöhnlich besetzte Orchester der NDR Radiophilharmonie mit acht Trompeten (!), davon vier im Raum verteilt, dem posaunenähnlichen Tubaersatz und der solistisch eingesetzten großen Trommel folgte seinem neuen Chefdirigenten Stanislav Kochanovsky zugewandt und technisch versiert. Mit elegantem, harmonischem Dirigat entwickelte dieser ein eher weiches, versöhnliches Klangbild, bei dem selbst die berühmten vier Schläge des „Dies irae“ zunächst beschwörend, mit den Gegenschlägen der großen Pauke dann aber auch kämpferisch aufbäumend klingen.
„Der Tod ist die größte Katastrophe des menschlichen Lebens.“ (Verdi)
Für den nichtgläubigen Komponisten Verdi war der „Tod die größte Katastrophe des menschlichen Lebens.“ Und die Darstellung dieser Katastrophe gelingt Verdi insbesondere im Solisten-Quartett. Der Einfallsreichtum Verdis ist grenzenlos: Solistische, durchaus opernhafte Stimmendramatik wechselt mit lyrischen Episoden, expressive, orchesterbegleitende Ensemble-Sätze lösen schwerelos wirkende a-capella-Sätze ab, intensivste existenzielle Gefühle wie Trauer, Schrecken, Zorn werden an diesem Abend höchst lebhaft in Klangsprache umgesetzt.
Hochkarätig besetztes Vokalisten-Quartett
Allen voran Dmitry Belosselskiy als großvolumiger, dunkler Bass mit markantem Stimmsitz in der Maske, sein männlicher Gegenpart Davide Giusti präsentiert sich als eher lyrischer Tenor mit intelligent geführter Stimme und musikalisch überzeugender Gestaltung. Im Gestaltungswillen ebenbürtig beeindruckten die emotional facettenreiche Mezzosopranistin Alice Coote und die mit großer Strahlkraft ausgestattete Sopranistin Vittoria Yeo. Das Vokalquartett veranschaulichte stimmendramaturgisch höchst plastisch die Angst des Meisters Verdi und des Menschen vor dem Tod. Und so schließt das Werk in leisestem C-Dur, nachdenklich, halb fordernd, halb bittend: „Befreie mich, Herr Gott, vom ewigen Tode.“ Nach einer die Ewigkeit darstellenden Pause applaudiert das Publikum – erlöst, dankbar und anhaltend. ABBA im nächsten Jahr „verführt“ uns das SHMF nach Stockholm!
Giuseppe Verdi: Messa da Requiem
Konzert am 31. August, 19.30 Uhr, Musik- und Kongresshalle, Lübeck
Besetzung:
Vittoria Yeo, Sopran | Alice Coote, Mezzosopran | Davide Giusti, Tenor | Dmitry Belosselskiy, Bass
Schweizer Jugendchor | Schleswig-Holstein Festivalchor | NDR Radiophilharmonie
Dirigat: Stanislav Kochanovsky
Weitere Informationen (SHMF)

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