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A Year without Summer. Florentina Holzinger. Foto: © Nicole MariannaWytyczak. Im Foto: Achan Malonda / Andrea Baker / Bärbel Warnke / Brigitte Ulm / Constanza Pérez de Lara Bonatti / Fibi Eyewalker / Florentina Holzinger / Jil Liane Schmidt-Fritsche / Luz De Luna Duran / Netti Nüganen / Renée Eigendorf / Renée Copraij / Sahel van K / Saioa Alvarez Ruiz / Sophie Duncan / Sue Shay / Xana Novais

Niemand wird derzeit so viel diskutiert, wie Florentina Holzinger, die Systemsprengerin unter den zeitgenössischen Theatermachern. „A Year Without Summer“, Höhepunkt des Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel, ist ihr jüngster Coup.

Das von Mary Shelleys „Frankenstein“ inspirierte Stück über Körperkult, Schöpferdrang, die Sehnsucht nach ewiger Jugend und ewigem Leben ist ein Fest des subversiven Theaters, gleichermaßen herausfordernd für Publikum wie für die Performerinnen. Hermann Nitsch und die Wiener Aktionisten hätten ihre helle Freude gehabt.

 

„Keine Videos, keine Fotos – unter keinen Umständen!“ Im Kampnagel-Foyer wird über Lautsprecher mit dem sofortigen Abbruch der Vorstellung gedroht, falls jemand das Handy zücken sollte. Im Saal der K6 ist es dann erstmal so dunkel-verraucht, dass es sowieso schwierig gewesen wäre, ein vernünftiges Foto hinzubekommen. Aschewolken auf Video-Leinwänden beschwören „Das Jahr ohne Sommer“, das 1816 in Amerika und Europa ungewöhnlich kalt und dunkel gewesen ist. Ursache war ein Vulkanausbruch im April 1815 in Indonesien. In Deutschland war 1816 das „Elendsjahr“ schlechthin, geprägt von Missernten, Hungersnot und Lichtmangel. Die Schriftstellerin Mary Shelly schuf in dieser dunklen Zeit den wohl berühmtesten Grusel-Roman der Weltliteratur: Frankenstein.

 

Was, fragt eine Performerin ins Dunkel hinein, würden wir heute tun, wenn der Untergang droht? Die Antwort folgt erstmal ganz sanft und zärtlich: Frauen aller Altersgruppen (unter ihnen Seniorinnen zwischen 65 und 85, die für dieses Stück gecastet wurden) umarmen sich, tanzen, entkleiden sich, beginnen, sich zu streicheln, bis sie sich zu ständig anschwellenden Beats schließlich zum Orgasmus hochschaukeln. (Gruppen)Sex in ausweglosen Situationen, dieses Phänomen ist bekannt, aber bei Holzinger ist es keineswegs der Höhepunkt feministischer Sinnlichkeit und Selbstbehauptung, sondern erst der Auftakt zu einem vielschichtigen Tableau aus Lust, Schmerz, Schönheit und Gewalt.

 

A year without summer 1 Florentina Holzinger Nicole Marianna Wytyczak

A Year without Summer. Florentina Holzinger. Foto: © Nicole Marianna Wytyczak. Mit: Andrea Baker / Fibi Eyewalker / Netti Nüganen / Renée Copraij

 

Zu den Paukenschlägen aus Richard Strauss‘ Überwältigungssymphonie „Also sprach Zarathustra“ bläht sich im nächsten Bild ein überdimensionaler weiblicher Torso mit gespreizten Schenkeln und leicht geöffneter Vagina auf – die dreidimensionale Übersetzung von Gustave Courbets Skandalbild „Der Ursprung der Welt“ von 1866. Aus der Öffnung tanzt die nunmehr als Krankenhaus-Ensemble verkleidete Performerinnen-Truppe. Nun heißt es Gott zu spielen, Leben zu schaffen nach dem Tod, eine neue Kunst, Unsterblichkeit und Monster. Das ist nichts für schwache Nerven.. Die Choreografin lässt sich – live von einer Videokamera im XXL-Format auf die Leinwand übertragen – und lautstark vor Schmerz stöhnend, ein Embryo (ein Mini-Püppchen) aus dem Oberschenkel schneiden. (Holzingers Anspielung auf die griechische Mythologie, nach der Zeus seinen Sohn Dionysos in sein Bein einnähte, um ihn zu schützen und später zu gebären). Das Ensemble feiert die Entbindung mit dem Ausruf: „It’s a Musical“.

 

Nun wird es richtig bunt! Eine Stimmung, wie bei der Rocky Horror Picture Show: Die Österreicherin liefert eine irrwitzig komische Parodie auf einen permanent koksenden Sigmund Freud, der nach feuchten Mutter-Träumen und heftigem Samenerguss erwacht, vor einer Patientin mit breit gespreizten Schenkeln und eingeführtem Vaginalspekulum über Penisneid und Kastrationsängste doziert, während die eingeführte Kamera durch eine rote Höhle fährt, an deren Ende Haifischzähne lauern. Mit dem Wettkampf zwischen Josef Mengele, dem verbrecherische Lagerarzt in Auschwitz und dem allgemein hochgeehrten Georges Baron de Cuvier, Mitbegründer der Zoologie und vergleichenden Anatomie, über dessen rassistische Versuche an Menschen kaum etwas bekannt ist, wird es dann wieder beklemmend. Schwer auszuhalten sind auch die – aus vorherigen Stücken bekannten – „Faceliftings“ mit Fischerhaken, die in Großaufnahme übertragen werden. Diesmal lässt sich eine Performerin mit den Haken in ihren Augenbrauen zum „ultimativem Facelifting“ in die Höhe ziehen.

 

Dann wechselt das Bild noch einmal: in einem Glaskasten, in unheimliches blau-grünes Licht getaucht, wabert eine Art Ursuppe an Leibern, aus denen sich die Performerinnen langsam wie schleimige Zombies herausschälen. Dazu vier erstaunlich gut koordinierte Computer-Hunde, die mit ihren leuchtenden Augen wie Ausgeburten der Hölle wirken und beängstigend schnell über die Bühne tänzeln.

 

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A Year without Summer. Florentina Holzinger. Foto: © Mayra Wallraff: Mit: Bärbel Warneke, Renée Eigendorff, Brigitte Ul, Susan Wilkinson-Hiller

 

Anschließend folgt das größte Happening des Abends: Eine Fäkalien-Orgie im Altersheim. Man muss den Mut der alten Damen wirklich bewundern, die hier in aller Öffentlichkeit den zunehmendes Verfall des Körpers zelebrieren, sich windeln und wieder säubern lassen – was allerdings nicht gelingt, den der (angebliche) Kot vermischt sich mit den Körperflüssigkeiten der Pflegerinnen, die ihr Erbrechen nach allen Seiten spritzen, so daß die Zuschauenden in der ersten Reihe die Flucht ergreifen.

 

Wieder einmal hat Florentina Holzinger alle Register ihrer chaotischen, widersprüchlichen, zirkusreifen artistischen, und selbstverletzenden Kunst gezogen. Einer theatralen Kunst mit hervorragenden Sängerinnen, Musikerinnen und Performerinnen, in der sich die Brutalität des Körpers, seine Verletzlichkeit und Endlichkeit mit Momenten voller groteskem Witz und Humor überlagern. Kurz, es ist wieder alles dabei im Holzinger-Universum, dem letzten Ort der Tabulosigkeit. Alles darf und muss hier auf die Bühne: Sexualität, Exkremente, Krankheit, Sterblichkeit.

 

Doch es geht dieser Ausnahme-Choreografin dabei nicht um Schockmomente. Es geht ihr vielmehr um die radikale Konfrontation mit dem, was wir sind – und was wir am meisten verdrängen. Um die Fragen nach den Monstern, die wir mit unserem Streben nach immerwährender Jugend und Unsterblichkeit erschaffen.  Fragen an eine Medizin, die früher einmal antrat die Menschen zu heilen und die sich jetzt immer mehr auf den Erhalt ewiger Jugend und Lebensverlängerung spezialisiert. Holzinger verweigert einfache Antworten. Stattdessen setzt sie auf Überforderung – und gerade darin liegt ihre politische Kraft. Die leisen Momente zwischendurch gehören zu den eindrucksvollsten. Beispielsweise, wo sie erzählt, wie sie bei einem Absturz aus sieben Metern Höhe fast wir Leben verlor. Und insbesondere als die Stimme der unvergessenen Neumeier-Tänzerin Beatrice Cordua in den Raum schallt, die von ihrer Lungenkrebserkrankung spricht. Cordua, die in Neumeiers Choreografie von Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ 1969 als erste Tänzerin nackt auftrat und damit einen Skandal auslöste, war für dieses Stück besetzt und trat auch noch bei der Uraufführung in der Berliner Volksbühne auf. Im Juli starb sie im Alter von 82 Jahren. Theater ist in diesen Momenten kein Schutzraum mehr. Die Realität ist grausamer als jedes Stück, die Endlichkeit unseres Seins ist hier allgegenwärtig.

 

Am Ende rieselt leise der Schnee auf die Szenerie und eine Eiskunstläuferin dreht ihre Pirouetten auf der Empore – immer und immer wieder, bis die letzten Zuschauerinnen gegangen sind. Was für ein wunderschönes, versöhnendes Sinnbild für den ewigen Kreislauf der Natur.


Florentina Holzinger: A Year without Summer

Internationales Sommerfestival in Hamburg

Samstag 23.08.25 um 20:00 Uhr / Restkarten ggf. an der Abendkasse

Sonntag 24.08.25 um 18:00 Uhr/ Restkarten ggf. an der Abendkasse

Halle K6. Kampnagel Internationale Kulturfabrik, Jarrestraße 20, in 22303 Hamburg

- Weitere Informationen (ISF)

- Weitere Informationen (Volksbühne Berlin)

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