Bildende Kunst
Ausstellungsansicht. Foto: Claus Friede

Der gebürtige Saalfeldner Peter Tschulnigg kombiniert in seinen aktuellen Werken, die in der Kunsthalle im Kunsthaus Nexus gezeigt werden, unterschiedliche Stilmittel der abstrakten Malerei und Zeichnung.

 

Auffallend sind gleich auf den ersten Blick die Auflösung der festen Form, die weder geometrischer noch gegenständlicher Natur ist, sowie die Leichtigkeit der Bilder. In dem wunderschönen, luftigen Raum der Kunsthalle scheinen die Werke zu schweben, geben ihre poetische Kraft an das Publikum weiter.

 

Die älteste der drei Werkreihen Tschulniggs in der Ausstellung stammt aus den Jahren 2018 bis 2019. Die Bilder sind rhythmische Narrative auf Leinwand, die an Tanz, Bewegung, Freiheit, Improvisation und Musik erinnern. Der Bezugspunkt ist untrennbar mit der Jazz-Leidenschaft Tschulniggs verbunden, denn er gehört zu den Vätern des in den 1970er-Jahren gegründeten Jazzfestivals in Saalfelden. Die drei Querformate sind mit nur wenig Abstand voneinander gehängt, so dass sich im Entlanggehen ein Bewegungsrhythmus einstellt, der sich überträgt.

 

Peter Tschulnigg Rhythmus F Claus Friede

Ausstellungsansicht. Foto: Claus Friede

 

Entsprechend einem musikalischen Stück spielt die Komposition der farbigen – und an den abstrakten Expressionismus und das Informel erinnernden – Blätter eine entscheidende Rolle. Wie in unterschiedliche Richtungen bewegende Rhythmik lassen sich die Querformate lesen und bilden den Ausgangspunkt neuerer Werkreihen.

 

Die mit Tusche und Eitempera im Buchformat gearbeiteten aktuellen Blätter zeigen Formen, die amorph und organisch sind und den physikalischen Gesetzen von Tropfen und Spritzern folgen. Farbnasen laufen als dünne, filigrane Linien über das Blatt und verbinden die fleckartigen Gebilde miteinander. Trocknungsprozesse der Farben hinterlassen räumliche Substanz. Gleiches gilt für die markanten Verbindungskanäle und Farbfäden. Diese erinnern stark an Rhizome, miteinander interagierende und kommunizierende Wurzelnetzwerke, Pilzgeflechte und in Verbindung stehende Verknotungen. Diese Arbeitsprozesse sichtbar machen und lassen ist eine der Qualität der Blätter.

 

Peter-Tschulnigg_01_F_Claus-Friede.jpg
Alle Werke der Ausstellung wirken sowohl einzeln als auch in Kombination miteinander wie „farbklangliche“ Räume, verbinden, ergänzen und überlagern sich. Deswegen sind sie auch in Blöcken oder als Reihung an den Wänden präsentiert, um den ganzheitlichen Charakter präziser wahrnehmen zu können. Ob Quer- oder Hochformat, Peter Tschulniggs farbexplosive Werke können als Tagebuch angesehen werden, aus dem sich individuelle Befindlichkeiten, Stimmungen und Dynamiken herausfiltern lassen. Erst bei genauer Betrachtung entdecken wir in einigen Arbeiten leise nachgearbeitete Stellen und feine Bleistiftlinien sowie Kratzspuren. Sie dienen der Formfindung und den assoziativen Vorstellungen. Vergleichbar mit dem Wolken-Schauen, in dem wir plötzlich und für kurze Zeit Gegenstände, Köpfe und Formen in luftiger Höhe dekodieren, finden wir auch bei Peter Tschulniggs dezenten und behutsamen Überarbeitungen derartige Möglichkeiten und Vorgänge.

 

In einer weiteren Werkgruppe zeigt der Künstler in größeren Bildformaten neben den zuvor erwähnten Tuscheinseln und Formen jeweils eine unterschiedliche, gitterartige Struktur. Als ob wir von oben, aus der Distanz eines Segelflugzeugs, auf etwas hinabschauen würden, ergeben sich in den Strukturen Straßen- und Kommunikationslinien sowie Karrees und Flächen zwischen den Linien, die teilweise farblich ausgefüllt und somit hervorgehoben sind. Die Räumlichkeit dieser Werke erinnert an Fragmente aus Stadtplänen, über die die farbigen, wolkigen Fleckformen einen Zwischenraum zwischen uns und den schablonierten Gitterformen bilden. Auch hier ist jedwede erläuternde Kommentierung obsolet und ohne Funktion. Die Werke auf Papier und Leinwand erinnern zwar an topografische Orientierungshilfen, hinterfragen jedoch unsere Sehgewohnheiten und machen uns klar, dass wir letztlich in jedwedem Lesen dieser vermeintlichen Karten auf uns selbst zurückgeworfen sind.

 

Peter Tschulnigg Reihung F Claus Friede

Ausstellungsansicht. Foto: Claus Friede

 

Das „Mind-Mapping“ lässt uns an Räume denken. Jedoch lassen sich diese weder physisch durchschreiten noch führen sie uns irgendwohin; dennoch führt uns Tschulnigg an etwas heran, das für uns räumlich noch unbekannt ist. Er hat seinen eigenen Stil gefunden und sich möglicherweise auch selbst.

 

Auch hier können wir, diesmal jedoch in anderer gewählter künstlerischer Technik, rhizomatische Verbindungen erkennen. „Rhizomatisch" beschreibt hier im Kontext der Kunst und Philosophie von Deleuze und Guattari ein nicht-hierarchisches, dezentrales und vernetztes Denken und Handeln, das sich von der klassischen Baummetapher abgrenzt. Es steht für eine Denkweise, die sich durch Vielfalt, Vernetzung und ständige Veränderung auszeichnet. 

 

Eine Gebrauchsanweisung sucht man also umsonst und man merkt schnell, dass die Werke informationsneutral wirken. Der Blick der Betrachter muss vielmehr auf Entdeckungsreise und Spurensuche gerichtet sein. Es helfen auch keine Betitelungen einzelner Bilder, denn es gibt keine.

 

Die Ausstellung „Raum Denken“ ist eine Einladung, sich hineinzudenken und das Sichtbare und Dreidimensionale mit dem Unsichtbaren und Vorstellbaren zu verbinden.


Peter Tschulnigg: „Raum Denken“

Zu sehen vom 22. November 2025 bis 20. Februar 2026 im Kunsthaus Nexus (Kunsthalle), Am Postplatz 1, 5760 Saalfelden

Eröffnung: Fr. 21. November 2025, 20 Uhr

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag, 17:00 – 20:00 Uhr, sowie nach telefonischer Voranmeldung

Kuratiert von Prof. Claus Friede

Weitere Informationen (Kunsthaus Nexus)

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Kommentare powered by CComment


Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.