Der Begriff „Dekonstruktion“ – als Nukleus der Postmoderne – wird in der Philosophie, Kulturwissenschaft und in der Architektur verwendet. Der Begriff hinterfragt sich kritisch selbst, formuliert aber auch Widersprüche zwischen Inhalt, Form, Text und Bild.
Der in Hamburg ansässige Architekt Viglas Schindel stellt seine digital verfremdeten Werke unter dem Titel „Urban Deconstruction“ bis Anfang August in der The Yard Gallery in Hamburg aus.
Schindel nimmt die Analyse des urbanen Raums der Metropole Los Angeles zum Anlass, bildliche Gegenthesen aufzustellen, komplexe Zeichen und Strukturen zu entwickeln, die zu einer Auflösung von Orten führen, die also ursprünglich einmal konkreter und realer Stadtraum, Architektur und Gebäude waren. Die Ergebnisse sind digital veränderte Fotografien, die graphisch, farblich und künstlerisch verfremdet wurden. Überlagerungen, Spiegelungen, Unschärfen, Kontraste und Farbverschiebungen sind die Mittel, um neue ästhetische Bilder entstehen zu lassen. Zwar lässt sich städtischer und hier und da auch ländlicher Raum durchaus erkennen, jedoch sind die Dynamiken und Perspektiven neu gesetzt. Die Vervielfältigung von Zeichen, die so typisch sind für die amerikanische Identifikation von Stadtraum, ergibt neue und komplexe Wirklichkeiten.
Mit verschiedenen digitalen Verfahren sind einzelne serielle Motivgruppen entstanden von Straßen (Street Views), von riesigen Plakatwänden (Billboards), Stadträndern, Telefon- und Strommasten (Landscapes, Street Views) und Einzelgebäuden (Buildings) sowie ikonischen Konstruktionen (Iconic), die sich durch ihre teilweise gegenläufigen und überlagernden Dynamiken auszeichnen.
Ausstellungsansicht. Billboards I – IV. Foto: Viglas Schindel
Wie Avatare erscheinen die oft plump aufgestellten und funktionablen Billboards in der finalen Dekonstruktion. Filigran, komplex überlagernd, thronen Linien im dunklen Blau oder werden zu vermeintlich nächtlichen Lichtzeichen. Die Überlagerungen wiederum konservieren einzelne Momente, Zwischenräume und lassen sie zu nachvollziehbaren Erzählungen werden.
Palmen, Strommasten und -leitungen, Werbetafeln, Verkehrszeichen und Ampeln überreizen das Auge in ihrer Vielzahl und negieren sich dadurch selbst. Sie werden zu bloßen dekonstruierten, aber sinnlichen Strukturen, zu kompositorischen Setzungen in einer Welt, die sich auf den Bildern von Viglas Schindel noch schneller zu verändern scheint als in der Realität.

Viglas Schindel: Landscape III, Digitaldruck auf Aludibond, 80x120cm
Viglas Schindel studierte ab den späten 1960er Jahren an der Technischen Universität Karlsruhe, nahm 1971 ein Malereistudium bei Dieter Krieg, Peter Ackermann und Markus Lüpertz an der Staatlichen Kunstakademie in Karlsruhe auf und absolvierte schließlich seinen Masterabschluss an der School of Architecture and Fine Arts an der University of Southern California in Los Angeles. In seinen aktuellen Arbeiten zeigt er überaus deutlich sein verbindendes Interesse zwischen Kunst und Architektur.
Der Fundus, aus dem Schindel schöpfen kann, besteht aus hunderten von Fotografien, die er ursprünglich für andere Ausstellungsprojekte: „Western Avenue Walk“ (2014) und „Ecclesiastical LA – Sakralbauten in Greater Los Angeles“ (2021–23) aufgenommen hat. Der kreative Umgang mit dem fotografischen Material, erscheint nicht nur als urbane Dekonstruktion, sondern auch wie eine Liebeserklärung an die Stadt der Engel und somit wird der Werkkomplex zum künstlerischen Vermächtnis.
Viglas Schindel: Urban Deconstruction
Zu sehen vom 11. bis 27. Juli 2025 in der THE YARD Gallery, Kleiner Kielort 6 (Hinterhof), in 20144 Hamburg
Öffnungszeiten: Mo. Bis Do 17:00–20:00 Uhr, So. 14:00–18:00 Uhr
oder auf Anfrage
Finissage: So. 27. Juli 16:00–18:00 Uhr
- Weitere Informationen (Viglas Schindel)
- Weitere Informationen (Galerie)

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