Bildende Kunst
Inge Ellegaard. Ausstellungsmotiv. Foto: Claus Friede

Das Kunstmuseum im südwestjütländischen Esbjerg präsentiert mit der Ausstellung „Billeddomino” (dt.: „Bilderdomino“) das im deutschsprachigen Raum kaum bekannte Werk der Malerin Inge Ellegaard.

 

Es ist die erste Museumsausstellung mit Werken von Inge Ellegaard (1953–2010) seit 24 Jahren, weil sie auch in ihrer Heimat in Vergessenheit zu geraten droht.

 

Und das, obwohl sie zu Lebzeiten äußerst produktiv und anerkannt und längst in einer Reihe von Sammlungen dänischer Kunstmuseen vertreten ist.

Jetzt, 15 Jahre nach ihrem Tod, ist diese sehenswerte und gut kuratierte Ausstellung jedoch nicht nur ein Erinnern an eine Künstlerin, die zu Dänemarks „Neuen Wilden“ gezählt wird, sondern auch eine Art Aufarbeitung und Neubewertung ihres Werks.

 

Sie prägt insbesondere die Malerei der 1980er mit und sollte weit über die Grenzen unseres nordischen Nachbarn hinaus bekannt sein und werden.

Die Künstlerin studiert Angewandte und Freie Kunst in Kopenhagen und stellt ihre Werke ab den 1970er Jahren erstmals aus. Ihren Durchbruch macht sie in den 1980ern. Die explosive Kraft ihrer oft mittel- und großformatigen Werke, ihr expressiver Duktus, serielles Arbeiten und ihr Gespür für Komposition, sind ihr Markenzeichen.


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Bis auf ein Bild in der Ausstellung „Månegudinde“ (dt.: „Mondgöttin“) aus dem Jahr 1985, unterscheiden sich Ellegaards Malereien deutlich von ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen. Sie entwickelt eine ganz eigene Sprache, eigene Themen und Zyklen.

 

„Die Elemente in meinen Bildern weisen auf mich selbst hin. Die Werke sind reine Sprache, die meiner eigenen bildsprachlichen Syntax folgen. Sie sind hochgradig konstruierter Unsinn.“ Inge Ellegaard

 

Diese Zitat der Künstlerin zeigt nicht allein eine individuelle Haltung, sondern auch ihre Selbstironie und ihren Humor. Im vermeintlichen Unsinn etwas Sinnhaftes zu finden, steht im Fokus. Und schließlich ist der Begriff des Konstrukts maßgeblich, denn neben all der Malerei durchdringt Ellegaards Werk auch Konzeptuelles, das aus den 60er-Jahren künstlerisch bei ihr weiter mitschwingt.

 

Das Konzepthafte findet auch kuratorisch in der Ausstellung seinen Widerhall, in mehreren Kapiteln, die sich Hand-in-Hand verweben und „Körper und Landschaft“, „Landschaft und Blumen“, „Blumen und Dame“ (gemeint ist das Brettspiel), „Dame und Bienen“ und „Bienen und Hände“ und so weiter heißen.

 

Die Begriffe „Domino“, „Dame“ und „Würfel“ verweisen auf Spiele, die strengen Regeln, jedoch auch Zufällen folgen. Diese Dualität findet sich im Werk, der mit 57 Jahren verstorbenen Künstlerin, fast durchweg. Konflikte und Widersprüche äußern sich zwischen Wildheit und Systematik, zwischen Humor und Ernsthaftigkeit, zwischen Abstraktion und Figuration, Festigkeit und lose schwebend, Chaos und Regelwerk.

 

Sie kennt sich kunsthistorisch aus und nutzt geschichtliche Zusammenhänge. Im Ausstellungskapitel „Körper und Landschaften“ heißt es: „Im Jahr 1980 waren viele Gemälde von Inge Ellegaard mit menschlichen Körpern bevölkert. Die Figuren sind in einer expressiven Manier mit fleischigen, farbenfrohen und groben Pinselstrichen gemalt. Die Bilder zeigen oft Gruppen von Figuren in Posen und Situationen, die nicht sofort Sinn ergeben. Die Körper schweben frei im Raum vor Hintergründen, die einfarbig, kariert wie Tweed oder mythologische Landschaften sein können.

In vielen Fällen stammen die Bilder aus bekannten Werken der Kunstgeschichte. Sie paraphrasiert beispielsweise „The King and Queen Surrounded by Swift Nudes“ Marcel Duchamps (1887–1968) gleichnamiges Werk aus dem Jahr 1912. Ellegaards Stil ist weit von Duchamps entfernt, aber dessen Beschäftigung mit Röntgenstrahlen taucht in Ellegaards späteren Werken in Form von zickzackförmigen Blitzen und einem durch Strahlen sichtbar gemachten Skelett wieder auf.

In ihren Paraphrasen vereint Ellegaard verschiedene Themen und kunsthistorische Epochen auf einer einzigen Leinwand. In dem Gemälde „Venus and Mars Il“ kombiniert sie Nicolas Poussins (1594–1664) „Mars und Venus“ (1630) und Édouard Manets (1832–1883) „Frühstück im Grünen“ (1862) mit Elementen ihrer eigenen Erfindung zu einer neuen, rätselhaften Komposition.“

 

Inge Ellegaard Installationsfoto F Torben E Meyer Ausstellungsansicht. Links: „Fire personer på tweedstof“ (Vier Personen auf Tweedstoff), 1986; rechts: „Venus og Mars II, 1985. Foto: Torben E. Meyer

 

Vergleichbares gilt für die Bilder „Figurer / klassik landskap“ (Figuren / klassische Landschaft), 1989 und „Klassik landsckab met rør“ (Klassische Landschaft mit Rohr), 1991. Bei Ersterem schweben farbige geometrische Körper vor einer arkadischen Landschaft, die den Werken des französischen Barockmalers Nicolas Poussin nachempfunden ist, mit griechischen Gebäudefragmenten und Säulenelementen. Wie Fremdkörper wirken die bunten Schwebeteilchen, entheben den Kontext oder re-definieren. Inge Ellegaards Landschaften sind weit weg von einem Ideal und ihrer klassischen Herkunft. Die Malerin entledigt sich dadurch dem Goldene Schnitt als idealem kompositorischen Bildaufbau. Die historische, mittelalterliche und südeuropäische Stadt, umflossen von einem Fluss und umgeben von komponierter Landschaft, die auf dem anderen Bild zu sehen ist, trägt ihre eigene Zerstörung in sich, denn dicke Rohrelemente, wie beim Bau einer Abwasserentsorgung vergessen oder zurückgelassen, dominieren zentral die Dekodierung des Bildes.

 

In den 1990er-Jahren wandte sich Inge Ellegaard grundsätzlichen Themen der Malerei zu. Banales wird in schachbrettartige Muster und Gitterkonstruktionen gesetzt. Die einfachen rechteckigen Strukturen können sowohl als Hintergrund für andere Zeichen als auch als reines Raster vor, hinter oder zwischen den Dingen fungieren.

In der Trilogie von Staubsaugern (1996–97) wird das realistisch gemalte Haushaltsgerät auf einen Hocker gestellt und damit wie auf einem Sockel erhöht, sodass wir ihn auf Augenhöhe vor einem flachen, karierten Hintergrund betrachten können. Im zweiten Bild wurde das Karomuster durch eine Gitterstruktur ersetzt, die aus runden, unordentlichen Abdrücken der Deckel ihrer Farbtöpfe besteht, die sie quasi als Palette verwendet hat. Materialität und Haptik stehen bei diesen Werken als künstlerische Begleiter, die Logik des Bildes jedoch verbleibt in den jeweiligen Staubsaugern und Rastern.

 

Inge Ellegaard Trilogi med støvsugere II 1996 97. Foto SMK

Trilogi med støvsugere II, 1996–97, Acryl auf Leinwand, 180x250cm. Foto: SMK

 

Für Ellegaard wurde das Amaryllis-Motiv ab 1993 zu einem festen, täglichen Bezugspunkt in einer Welt, die für sie manchmal überwältigend gewesen war.

Ihr Tag begann mit einem Amaryllisblumenbild. Sie beobachtete dabei die verschiedenen Stadien vom Blühen bis zum Verwelken – ein Motiv, das seit Jahrhunderten als Symbol der Vergänglichkeit, des Lebenszyklus‘ in Form von Stillleben genutzt wird. Die Serie einfacher Blumen, die sie auf Papier festhält, zeugt zudem von der Malerei als repetitiver, fast ritualisierter Handlung.

 

Die Gemälde werden zu einer Art Bilddomino, bei dem die verschiedenen Motive miteinander kombiniert und quer verbunden werden können. Ellegaard selbst sprach davon, dass die Motive „wie Spielsteine in einem Spiel eingesetzt“ seien, und die Ausstellung geht diesem Gedanken eines Bilderspiels nach.

 

Inge Ellegaard arbeitet oft in Serien, die miteinander verbunden sind, ob Bienen, Hände, Rosen, Würfel, Staubsauger oder Flugzeuge im Motivfokus stehen. Alles wirkt vordergründig spielerisch leicht, jedoch gibt es im Werk immer ernsthafte Meta- und Hintergrundsebenen, die sich wie rote Fäden durch das gesamte Werk spannen. Das zeigt die Konsequenz und Unbeirrbarkeit der Künstlerin in ihrer Suche nach „konstruiertem Unsinn“.


Inge Ellegaard: „Billeddomino“

Zu sehen bis 31. August 2025 im Kunstmuseum Esbjerk, Havnegade 20

DK-6700 Esbjerg, Dänemark

Öffnungszeiten:

Di.–So.: 10–16 Uhr

Weitere Informationen (Museum, Dän.)

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