Bildende Kunst

Märchen, Mythen und das Überleben im Nirgendwo

Dass Kulturinteressierte aus Schleswig-Holstein zu Ausstellungen nach Hamburg fahren, ist nichts Ungewöhnliches. Um Hanseaten im Gegenzug nach Kiel zu locken, muss die Stadt an der Förde aber schon eine so hervorragende Ausstellung wie „Landscape and Urban Living – Internationale Videokunst zur Urbanisierung von Landschaft“ in der Stadtgalerie Kiel bieten. Eine Schau, die jeden Weg lohnt!

 

Von dem etwas sperrigen Titel sollte man sich nicht schrecken lassen: „Landscape and Urban Living“ ist ebenso kurzweilig wie unterhaltsam. Kurator Claus Friede aus Hamburg hat hier Videowerke von elf Künstler*innen aus neun Nationen zusammengetragen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise (und in ganz unterschiedlicher Länge) mit dem Thema Landschaft befassen.

 

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Im abgedunkelten Raum zieht ein weißer Kubus als erstes Kunstwerk die Aufmerksamkeit auf sich. An seiner Außenwand in Versalien das Wort „LIEBEN“ eingemeißelt, im Inneren eine (Film)Wand aus Wasser. Mit einem Mal befinden wir uns auf hoher See, kämpfen auf Augenhöhe mit Wellenbergen, die, mal heftig, mal sanft, von rechts und links heranrollen. Wir tauchen unter, tauchen auf und suchen zwischen Wasseroberfläche und Wolken das Licht am Horizont. Dazu erklingt eine elektronische Musikcollage aus Gitarrenklängen und den Satzfragmenten „Lieben. Lieben lassen. Lieben leben. Lieben lieben. Lieben enden. Hell, yes! Nein! Nochmal von vorn.“ (mal zärtlich, mal verzweifelt, mal aggressiv gesprochen von den Schauspielern Nina Petri und Stephan Schad).

Für seine dramatische See- und Seelenlandschaft hat Clemens Wittkowski einen Raum im Raum geschaffen, der eine kontemplative Abgeschiedenheit von der Außenwelt ermöglicht. Das Meer, so der Hamburger Künstler, spiegele exakt sein Gefühl von Liebe: Es kann aufgewühlt sein, aber auch schützend, kalt oder warm, hell oder dunkel. Allein mit sich und der von Sphärenklängen begleiteten Naturgewalt kann man sich ganz den eigenen Gedanken und Assoziationen überlassen, die Wittkowskis komplexe Arbeit vor dem geistigen Auge auslösen.

„LIEBEN“ ist die einzige Allegorie im Reigen der facettenreichen Videowerke. Die anderen Arbeiten setzen sich durchaus konkret und vielfach auch kritisch mit den unterschiedlichen Aspekten der Natureroberung durch den Menschen auseinander.

 

So zeigt die Berliner Künstlerin Gabriele Worgitzki die zunehmende Verstädterung von Landschaft in langsamen Überblendungen aus dem fahrenden Zug. In scheinbar endlosen Bewegungen geht ein Ort in den anderen über und verdeutlicht so die krakenhafte Ausdehnung von Wohnraum in die Landschaft.

 

Der in Hollywood lebende digitale „Weltenbauer“ Till Nowak setzt dagegen auf Science-Fiction. Mit seinen brillant komponierten Videoclips „Sightings“ befeuert er all jene, die im Grand Canyon, in (oder über) den Straßen von Los Angeles oder in einer Wüste UFOs und andere extraterrestrische Phänomene entdeckt haben wollen.

 

Der in Kiel lebende Armenier Gor Margaryan wiederum zielt auf die Wahrnehmung von Landschaft als scheinbar unberührte Natur: In seinem Film „Aurora“ fährt ein Schlitten auf der Suche nach der Morgenröte durch eine märchenhafte, offenbar unberührte Schneelandschaft. Der schöne Schein wird gebrochen, sobald man die Kopfhörer aufsetzt, Stimmen und Texte auf Russisch hört, die klar machen, dass die Zivilisation – wenn auch nicht sichtbar, so doch allgegenwärtig ist und unberührte Natur in der globalisierten Welt nur eine Illusion.

 

Insgesamt füllen die Videofilme dieser Ausstellung fast zwei Stunden und man sollte sich diese Zeit unbedingt nehmen, um die unterschiedlichen Stimmungen und Aussagen auf sich wirken zu lassen. Nicht alle Arbeiten lassen sich so rasch erfassen, wie der kurze Film „Paisaije-Distancia“ (Landschaft-Distanzierung) des spanische Künstlers Lois Patiño: Aus der Vogelperspektive blickt die Kamera auf ein Fußballfeld im marokkanischen Nirgendwo, um sich dann wie ein Adler in immer größere Höhen zu schwingen. Die Fußballspieler, die man im ersten Bild noch deutlich sieht, schrumpfen in der Totale zu Ameisen und geben den Blick frei auf das überwältigende Atlasgebirge. Ein Film, der die atemberaubende Schönheit der Natur feiert und gleichzeitig eine wunderbare Metapher für die Bedeutung des Menschen im Vergleich zur Erde liefert.

 

Um die Schönheit von Landschaft – trotz ihrer industriellen Ausbeutung – kreisen auch die Videowerke von Jonna Kina und Melanie Smith. Während die finnische Künstlerin die Steinbrüche aus Carrara digital von sämtlichen Spuren menschlicher Eingriffe befreit und die Industrielandschaft somit in ein abstrakt anmutendes, poetisches Kunstwerk verwandelt, hat die in Mexiko lebende Britin der einst so florierenden Salpeter-Siedlung „María Elena“ in Chile eine Hommage gewidmet. Sie lässt die Kamera über verletzte, wie gepudert wirkende Landschaften fliegen und kombiniert sie mit unscharfen Szenen von verlassenen Gebäuden und reitenden Cowboys. Die Zuschauer, die auf einem Plüschteppich in ihrer blendend weißen Rauminstallation Platz genommen haben, meinen, eine Traumlandschaft oder Fata Morgana zu sehen. Selten besitzen Erinnerungen an Ausbeutung von Mensch und Natur einen derart starken ästhetischen Reiz.

 

US-Künstler Ross Constable und sein isländischer Kollege Ólafur Sveinn Gíslason wiederum spiegeln in ihren Werken die harten Lebensbedingungen in ländlichen Räumen. Beide Filme wirken wie Dokumentationen, doch sind weit mehr. Constables „Cairo IL.“, (die südlichste Stadt im US-Bundestaat Illinois) verschmilzt in Doppelbildern Aufnahmen aus der Geschichte und Gegenwart zu schwermütigen Bildern voller Trostlosigkeit, die auch als Vanitas-Motive interpretiert werden können.

 

Gíslasons Videoinstallation „Subjektive Räume“ wiederum erzählt in lakonischen Bildern und Worten vom Alltag eines isländischen Bauern, der längst nicht mehr von der Landwirtschaft leben kann. Man meint, völlig authentische Menschen zu erleben, dabei sind die Gespräche von Schauspielern und dem Landwirt selbst nachgestellt.

 

Die Leipzigerin Wibke Rahn hat sich für die Ausstellung eine Live-Videoübertragung vom Dach der Stadtgalerie einfallen lassen. „Vanishing Point“ („Fluchtpunkt“) überträgt eine Ansammlung von Skulpturfragmenten, die die Künstlerin modellhaft vor die Kulisse Kiels gelegt hat und die sich mit Hafenkränen und -gebäuden vermengen.

 

Alle Arbeiten leben von ungewöhnlich eindrucksvollen Bildern, doch wohl kein Film löst eine ähnlich starke „Gefühls-Achterbahn“ aus, wie „Pickled Long Cucumber“ („Eingelegte lange Gurke“) der lettischen Künstlerin Katrīna Neiburga. Mit Mann und Kind ist sie in die lettische Wildnis gezogen und dokumentiert ihren Versuch, hier ohne Hilfsmittel (und oft ohne Kleidung) zu überleben. Seit der Romantik ist die Natur zwar immer wieder als Sehnsuchtsort verklärt worden und während der Pandemie ist der Wunsch vieler Menschen nach ländlicher Idylle auch deutlich gestiegen – doch an ein derart archaisches Leben, wie es diese Familie im Sumpfgebiet vor Augen führt, haben wohl die wenigsten dabei gedacht: Das Bad im Moor, der Gang über eine weich-wabernde Moosdecke oder das Waschen von Salat in einem trüben Tümpel weckt gleichsam Abscheu, Furcht und Bewunderung. Nur gut, dass immer wieder Technomusik die Wildnis begleitet – die Zivilisation ist gleichsam auf Hörweite.


Landscape and Urban Living – Internationale Videokunst zur Urbanisierung von Landschaft

Kuratiert von Claus Friede (Hamburg)

zu sehen bis zum 28. November 2021 in der

Stadtgalerie Kiel, Andreas-Gayk-Straße 31, in 24103 Kiel

 

Es ist eine Begleitbroschüre entstanden, die jedem Besucher mitgegeben wird.

German/English, 24 Seiten/24 pages

Ebenfalls werden Kopfhörer jedem Besucher individuell ausgehändigt, die am Ausgang zurückgegeben werden.

 

Öffnungszeiten:
Dienstag und Mittwoch 10 - 17 Uhr
Donnerstag 10 - 19 Uhr
Freitag 10 - 17 Uhr
Samstag und Sonntag 11 - 17 Uhr

 

Weitere Informationen

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