Werbung

Neue Kommentare

Martin Zopick zu „Nocturnal Animals” – Rachethriller als bittere Selbsterkenntnis : Der zweite Film von Tom Ford und der ist gar nich...
Michaela zu „Midsommar”. Die sonnendurchfluteten Abgründe des Ari Aster: Einer der magnetisierendsten Filme, die ich seit ...
Hampus Jeppsson zu „Der Distelfink“. Kühle Eleganz als Metapher für Schmerz: Interessant. Ein sehr guter Roman, dessen Verfilm...
Elvana Indergand zu Snøhetta: Architektur – Landschaft – Interieur: Ich bin begeistert von der Biblioteca Alexandrina...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Literatur

Umberto Eco: Dichter, Denker und Philosoph. „Ex caelis oblatus“ – Ein Geschenk des Himmels

Drucken
(186 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 22. Februar 2016 um 12:59 Uhr
Umberto Eco: Dichter, Denker und Philosoph. „Ex caelis oblatus“ – Ein Geschenk des Himmels 4.4 out of 5 based on 186 votes.
Umberto Eco, 2011 Buchmesse Frankfurt, Heike Huslage-Koch

Ein norditalienischer Schriftsteller und Sprachwissenschaftler, Bestseller- und Kinderbuchautor, Verfasser der in Deutschland als „Streichholzbriefe“ bekannten Zeitschriftenkolumnen, von Berufs wegen Semiotiker, Literaturkritiker, Universitätsprofessor, Medienjongleur, -wissenschaftler und -theoretiker, aus der katholischen Kirche ausgetretener, mehrfach erklärter Berlusconi-Gegner, vor allem aber ein großer Kopf: Ein wahrhaft weltoffener, europäischer, (selbst-) kritisch- und querdenkender, leidenschaftlich engagierter Intellektueller, das war Umberto Eco (1932-2016).

Ihm verdankt die Wissenschaft nicht nur eine bahnbrechende „Einführung in die Semiotik“ von 1975 – zuvor wusste kaum jemand, dass es eine Zeichenlehre überhaupt gibt – und die kulturell-akademische Aufwertung von massentauglichen Serienhelden wie James Bond, sondern auch subtil ironische, dabei (oder dadurch?) hilfreiche und durchweg unterhaltsame Bücher, z.B. wie man eine akademische Abschlussarbeit zu verfassen hat, sowie Begriffe wie „das offene Kunstwerk“, „die Intention des Lesers“ oder „die Grenzen der Interpretation“.
Schon einmal gehört?

Auf jeden Fall schrieb Eco mit seinem Mittelalter-Krimi „Il nome della rosa“ (dt. „Der Name der Rose“, 1982) im Jahr 1980 nicht nur die Vorlage für Jean-Jacques Annauds bekannte gleichnamige Verfilmung (1986) mit Sean Connery in der Hauptrolle des fiktiven „William von Baskerville“, sondern auch Kulturgeschichte: Der intertextuell und multilingual verschachtelte sowie mit zahlreichen literarischen und historischen Referenzen gespickte Roman gilt als ein Paradebeispiel für den Beginn der literarischen Postmoderne.

Eingerahmt ist dieses Werk, das Eco den internationalen Durchbruch bescherte, von einer Reihe anderer Bücher über Fernsehquiz-Sendungen (1961), unterforderte Verleger („Das Pendel von Foucault“, 1988), einen Ritter namens „Baudolino“ (2000), einen alten Buchhändler (2005) oder über den „Friedhof in Prag“ (2010). Darunter befinden sich auch Abhandlungen über die Kulturgeschichte des Schönen (2004) und des Hässlichen (2007) oder sein letztes Werk, die Mediensatire „Nullnummer“ (2015), die dem Leser gesellschaftliche Zustände wie die Korruption in Italien sowie das zähe Erbe des Faschismus bewusst macht.

Der Mitbegründer diverser Zeitschriften sowie der neoavantgardistischen Künstler- und Intellektuellengruppe „Gruppo 63“ – eine italienische Entsprechung zu der deutschen „Gruppe 47“ –, Sympathisant der Sprache Esperanto, langjähriger Verlagslektor, Fernsehmitarbeiter und lachender Berufsskeptiker, fühlte sich von den Schriftstellern James Joyce und Jorge Luis Borges maßgeblich beeinflusst.

Die englische Sprache, sagte der Piemonteser öfter, habe er vor allem am Beispiel amerikanischer Comics und durch seine Lektüre der Werke von James Joyce („Ulysses“) gelernt. Damit fing er früh an: Während seines Studiums der Philosophie und Literatur des Mittelalters an der Universität Turin improvisierte der junge Student aus Begeisterung über das z.T. ausgefallene Vokabular des irischen Romanciers ein mehrstimmiges und mehrsprachiges Radio-Experiment mit verschiedenen Sprechern und Sprachen. Das avantgardistische Sendeformat arbeitete u.a. mit elektronisch verfremdeter Sprache, um Joyce’ literarische Strukturierung des berühmten Sirenen-Kapitels nach dem musikalischen Prinzip einer Fuge an den Zuhörer zu bringen. Liebhaber hierfür fanden sich in den frühen 1950-er Jahren freilich eher nicht in Ecos italienischer Heimat, sondern nur im damals künstlerisch wohl aufgeschlosseneren Belgien, denn nur dort wurde es je gesendet. Später hatte Eco dann reichlich Gelegenheit, sein Englisch als Gastprofessor in den USA, etwa an den Universitäten Columbia, Harvard, Bloomington oder New York University, aufzupolieren.

Nach dem Medienrummel um sein folgenträchtigstes Hauptwerk „Der Name der Rose“, das in Deutschland den u.a. im Italienschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 1988 erkennbar gewordenen sogenannten „Eco-Effekt“ auslöste, rief der kosmopolitische Allrounder Eco just in dem Jahr an der Universität Bologna ein weiteres ungewöhnliches transkulturelles Kulturprogramm über die „Anthropologie des Westens“ aus der Sicht von Nicht-Westlern ins Leben. In einem kollaborativen Rahmen veranstaltete das intellektuelle Multitalent einen Konferenzzyklus, der an diversen Orten in China, Mali, Europa und Indien ausgetragen wurde, um den Ost-West-Dialog sowie die internationale Verständigung auf breiter akademischer Ebene netzwerkartig zu fördern.

Vergangenen Freitagabend verstarb dieser vielseitige, widerständige Mann, der 1962 die deutsche Illustratorin, u.a. als Lehrerin an der Deutschen Schule in Mailand sowie als Kunst- und Museumsdidaktikerin tätige Renate Ramge geheiratet und einen Sohn und eine Tochter mit ihr hatte, an einer Krebserkrankung in seiner Wohnung in Italien im Alter von 84 Jahren. Sein kritischer, rebellischer und nachdenklicher Humor, seine ironische Skepsis und sein Sinn für geistreich doppelbödige Unterhaltung auf höchstem Niveau werden in der italienischen, europäischen und internationalen Kulturszene fehlen. Wer wird nun für „Freiheit und Gerechtigkeit“ („Libertà e giustizia“) – so der Name einer Oppositionsgruppe, die Eco 2002 in spielerisch-paradoxaler Namensverkehrung der historischen, gegen Mussolini kämpfenden Partisanen-Gruppierung „Giustizia e libertà“ mit Freunden und Gleichgesinnten im Berlusconi-bedrohten Italien gründete – ebenso vehement, gekonnt und überzeugend wie der Träger von weltweit 39 Ehrendoktorwürden streiten: „Ecco: Eco!“?

Hoffen wir auf weitere Geschenke des Himmels: Der Nachname „Eco“ bedeutet auf Deutsch wohlgemerkt nicht nur „Echo“, sondern soll sich als Akronym vom lateinischen Ausdruck „ex caelis oblatus“ – wörtlich ein „Geschenk aus den Himmeln“ – ableiten. Ein städtischer Beamter verlieh ihn Ecos Großvater, der ein Findelkind gewesen sein soll. Wenn das nicht erfunden ist, so ist es allemal hervorragend ausgedacht oder einfach nur: ein Glücksfall der Geschichte.

Abbildungsnachweis:

Header: Umberto Eco auf der Frankfurter Buchmesse, 2011. Foto Heike Huslage-Koch

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

avatar Mieke Bal
+4
 
 
What a lovely tribute! Yes, I have known Umberto personally and loved the man and his work. The combination of profound theorizing with political mischief is irresistible. There is a beautiful documentary about him by Teri When-Damisch.
Mieke
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Meinen Kommentar abschicken
Abbrechen
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Literatur > Umberto Eco: Dichter, Denker und Philosoph. ...

Mehr auf KulturPort.De

Still in the Woods: Flying Waves
 Still in the Woods: Flying Waves



Schon in einer vorangegangenen KulturPort.De-Besprechung zum ersten Album (Rootless Tree) von „Still in the Woods“ kam das bemerkenswerte Potential der Band  [ ... ]



„Halloween“-Opern-Slam im Opernloft Altona
 „Halloween“-Opern-Slam im Opernloft Altona



Ein ungewöhnlich schönes Ambiente, ganz erstaunliche Stimmen und ein Spaßfaktor, wie er in der klassischen Musik wohl einmalig ist: Der „Halloween“-Sänge [ ... ]



Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel
 Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel



Die Bibel, sagt Arno Schmidt irgendwo, sei „ein unordentliches Buch mit 50.000 Textvarianten“. Auch wenn diese Zahl groß klingt – damit hat er gewiss noch [ ... ]



Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer
 Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer



Es war die Zeit, in der die Malerei totgesagt war. Jeder, der sich zur Avantgarde zählte, suchte den Ausstieg aus dem Bild. Jeder? Nein. Vier junge Maler dachte [ ... ]



Christian Frentzen: First Encounter
 Christian Frentzen: First Encounter



Hat Modern Jazz noch eine Zukunft? Oder ist seine Wiederbelebung ein Griff in die Mottenkiste? Nein: Der Kölner Pianist Christian Frentzen zeigt auf seinem Deb [ ... ]



„Alles fließt“ – Oliver Mark, Sibylle Springer und Sonja Ofen in der Gallery Lazarus Hamburg
 „Alles fließt“ – Oliver Mark, Sibylle Springer und Sonja Ofen in der Gallery Lazarus Hamburg



Mia Farrow, Ben Kingsley, Anthony Hopkins – Oliver Mark hat sie alle vor der Kamera gehabt. Jetzt stellt der international renommierte Fotograf mit Sibylle Spr [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.