Nesterval und Hamburg – das darf man wohl schon als Liebesbeziehung bezeichnen. In diesem Jahr feierte die sechste Koproduktion des österreichischen Theaterensembles mit dem Internationalen Sommerfestival Kampnagel Premiere, diesmal an Bord der MS Stubnitz. „Das Schiff“ erwies sich als erstaunlich unpolitisches Projekt. Gute Unterhaltung aber war es allemal.
Ganze zwei Minuten dauerte es, dann waren die Tickets im Vorverkauf vergriffen.
Das allein zeigt schon, wie sehr die Hamburger das Wiener Kollektiv zu schätzen wissen. Bei Nesterval gibt es keine Theateraufführungen im klassischen Sinne, keine Bühne, keinen Zuschauerraum, hier ist man immer mittenmang, taucht ein in die Geschichten, wird integraler Mitspieler des ortsspezifischen Geschehens, das sich fast immer um Machtverhältnisse, gesellschaftliche Missstände und ganz nebenbei auch um Queerness und Diversität dreht. Auf der MS Stubnitz, so war angekündigt, sollte es in die „Abgründe von Macht, Begehren und Privilegien“ gehen.
Ein Besuch auf dem ehemaligen DDR-Hochseetrawler, heutigem „Kultur.Raumschff“ und Industriedenkmal im Hamburger Hafen, ist schon allein ein Ereignis. Das inflationär strapazierte Trendwort „immersiv“ passt hier hundertprozentig: Man taucht in dieses Schiff ein. Rostiges Metall, enge Treppen, Maschinenräume und Decks erfordern die ganze Aufmerksamkeit – kein Ort, an dem man sich gemütlich zurücklehnen kann. Unter Deck erhalten die Zuschauer*innen erstmal rote oder blaue Halstücher, es folgt eine Kurzschulung in Gehorsam: „Yes, Sir!“ heißt es, wenn der Ranghöhere spricht. Und tatsächlich funktioniert der chorisch ausgeführte Befehl verblüffend gut: Aus dutzenden herumwuselnden Zuschauer*innen werden binnen Minuten halbwegs disziplinierte Leichtmatrosen. Eine Mannschaft, die mit Erstaunen erfährt, sie befände sich hier auf einem komfortablen Kreuzfahrtschiff – und der Kapitän der MS Stubnitz hätte soeben den Kapitän und seine illustren Gäste des gesunkenen Luxusliners MS Nesterval an Bord genommen – man befände sich nun auf dem Weg nach Hawaii.

Foto: Fabian Hammerl
Und damit beginnt das eigentliche Spiel, eine Mischung aus „Traumschiff“-Soap, Gesellschaftssatire und Cosy-Krimi. Es gibt einen Diamantendiebstahl, etliche Liebesgeschichten und eine rührende „Vater-Sohn“-Story, Intrigen und eine VIP-Gesellschaft, die nicht begreifen will, dass ihr Luxusliner längst abgesoffen ist. Das queere Kollektiv, zu dem mittlerweile auch ein paar Norddeutsche zählen, spielt die Klischees der Kreuzfahrttouristen voll aus: Die Passagiere sind arrogant, herrisch und dekadent, die Angestellten haben zu spuren. Eigentlich ein schöner Plot, um die Ausbeutung in der Tourismusbranche mal unter die Lupe zu nehmen, aber das bleibt aus. Dafür macht es durchaus Spaß zu beobachten, wie sehr die Schauspielenden in ihren Rollen aufgehen und dabei immer wieder ihr Improvisationstalent unter Beweis stellen. Denn das Publikum ist ein unberechenbarer Faktor und hat mitunter Lust, zu kommentieren oder unbequeme Fragen zu stellen.
Eingeteilt in kleine Gruppen zu acht bis zehn Personen folgt man den Figuren durch enge Gänge, hört Gespräche im Vorübergehen, bekommt kleine Geheimnisse zugesteckt und muss sich entscheiden, welcher Geschichte man hinterherläuft. Genau darin liegt der Reiz – und zugleich das Risiko. Denn wer einen Erzählstrang verfolgt, verpasst zwangsläufig einen anderen. Das Kaleidoskop wird durch häufigen Wechsel zwar größer, aber die einzelne Geschichte auch flüchtiger. Nesterval beherrscht diese Form des Volkstheaters längst virtuos. Man ist mittendrin – doch man weiß oft nicht, worum es überhaupt geht. Aber das gehört zum Konzept.
Der Abend hat Tempo und Unterhaltungswert, vor allem, weil das Ensemble die räumlichen Möglichkeiten der Stubnitz vollständig nutzt und einzelne der angeheuerten „Leichtmatrosen“ mit Aufgaben betraut: Man wird herumgeschickt, muss Dinge suchen, sich nützlich machen.
Was an dieser Produktion fehlt, ist die politische Dimension. Nesterval ist bekannt für die gnadenlose Aufarbeitung brisanter historischer und politischer Stoffe. Diesmal aber meidet die Truppe alle Schattenseiten und dunklen Kapitel, obwohl die Kreuzfahrtindustrie, wie auch der Hamburger Hafen, jede Menge Stoff bietet – steht dieser Ort doch wie kaum ein anderer für Migrations- und Kolonialgeschichte, Drogenkriminalität und globale Ungleichheit. Ganz zu schweigen vom Finanzskandal um die Elbtower-Ruine in Sichtweite. Aber über die Verstrickungen des Hamburger Senats mit der Signa-Immobilien-Mafia um den Österreicher René Benko gibt es ja vielleicht nochmal ein eigenes Stück.
Fazit: Eine Produktion von Nesterval ist immer sehenswert. Von gesellschaftlichem Tiefgang jedoch keine Spur. „Das Schiff“ dümpelte in seichten Gewässern.
Nesterval: Das Schiff
Im Rahmen: Internationales Sommerfestival 2026
Fand vom 05.08.26 bis 16.08.26 auf der MS Stubnitz, Kirchenpauerkai 29 in Hamburg statt.
Das Publikum läuft während der Vorstellungen durch das Schiff MS Stubnitz, das leider nicht barrierefrei ist.Der Einlass für die Shows beginnt um 18:00 Uhr. Dauer: knapp 3 Stunden.
Weitere Informationen (Kampnagel)
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