Literatur

Neun spannende, meisterhaft geschriebene Kurzgeschichten erzählt Milena Michiko Flašar in ihrem neuen Buch „Der Hase im Mond“. Es sind neun Begegnungen mit dem Unheimlichen. Die preisgekrönte japanisch-österreichische Schriftstellerin lässt die Protagonisten ihrer Geschichten etwas erleben, das ihnen ihr vertrautes, wohlgeordnetes Alltagsleben plötzlich fremd werden lässt.

 

Sie sind alle ganz normale Menschen in irgendeiner japanischen Großstadt, Angestellte, Unternehmer, eine Hausfrau, Studenten, die sich in ihrer Lebensgestaltung auf die Traditionen und sozialen Konventionen des modernen Japans verlassen.

 

Viele, insbesondere die Männer, betonen gegenüber den Lesern ihre Oberflächlichkeit, die ihnen bisher ein relativ bequemes, sorgenfreies Leben ermöglicht hat. Acht der neun Geschichten sind in der Ich-Form geschrieben. Nur in der ersten - „Die Füchsin“ – beschreibt Flašar von außen, also aus klassischer Erzählperspektive, die Liebesgeschichte zwischen einem mittelmäßigen Schriftsteller und einer Fuchsfrau. Sie ist ein Mischwesen, das ihm als Muse dient und zu ungeahntem Erfolg verhilft. Diese Geschichte ist einerseits die Satire auf einen Literaturbetrieb mit Marketingstrategien wie Geniekult und Merchandising, andererseits ist sie ein Hinweis auf den alten ostasiatischen Mythos vom Hasen im Mond, in dem ein Fuchs, ein Affe und ein Hase eine Rolle spielen.

 

Eine Spur zur Figur des Affen findet sich gleich in der zweiten Geschichte, in Form eines verlassenen Geheges, das in einem Park vor sich hin rottet. Nur ein Schild, ein Strohlager und eine Schaukel aus einem alten Autoreifen erinnern an seinen einstigen Bewohner, den gefangenen Gorilla Bobo. Die Eisengitter sind rostig, aber immer noch fest und unverrückbar. Hier lernt der Protagonist, ein durchschnittlicher Student, an einem heißen Augusttag das Mädchen Chizu kennen. Sie steht vor dem Gitter und weint. Er nimmt sie mit nach Hause. Mit dieser Begegnung beginnt für den Studenten ein anfangs fast unmerklicher, dann aber rasanter sozialer Aufstieg. Er verlässt die schimmelige Studentenbude, in der er mit seinem Kommilitonen Sato haust und zuweilen auf der Gitarre jammt. Er heiratet Chizu, die ein Kind von ihm erwartet, und zieht in ein Haus, vor dem ein silbergrauer Lexus steht. Innerhalb kürzester Zeit ist er in seiner IT-Firma zum Abteilungsleiter aufgestiegen. Alle diese Erfolge passieren ihm wie von allein, ohne Anstrengung, fallen ihm quasi vor die Füße. Er ahnt mit zunehmendem Unbehagen, dass sie auf geheimnisvolle Weise auf die Macht und den Einfluss von Chizus Vater zurückgehen, ein traditionsbewusster und zugleich moderner Mann mit vollendeten Umgangsformen, der sehr reich ist, aber woher, bleibt im Dunkeln.

 

Der Hase im Mond COVERMilena Michiko Flašar gelingt es auf perfekt subtile Weise, dem lockeren, selbstverständlichen Erzählton der Protagonisten sukzessive eine Beklemmung beizumischen. Die entsteht in den Zwischenräumen der Sätze, den scheinbar beiläufigen, aber präzise gesetzten Beschreibungen von Umgebung und alltäglichen Verrichtungen. Behutsam schleicht sich das Unheimliche in das Leben der Protagonisten. Aber vielleicht war es schon immer da? In manchen Geschichten bricht es plötzlich hervor: beispielsweise ausgelöst durch den Anblick eines abgehackten Frauenarms, den ein Passant wie selbstverständlich in einer Einkaufstüte über die Straße trägt. Oder durch den Brief einer der unzähligen ehemaligen Geliebten, der einem Unternehmer eine besessene Leidenschaft in Erinnerung ruft. Schrittweise verliert er die Selbstsicherheit des Erfolgsmenschen, der passgenau das erfolgreiche Leben seines Vaters imitiert hat.

 

Flašars Geschichten überraschen. Man liest mit Neugier, was gleich wieder passieren wird. Dabei birgt das leise Grausen vor dem Unkontrollierbaren, dem Animalischen, das unter der Oberfläche eines japanischen Großstadtalltags schlummert, auch eine gewisse Komik, gerade durch die Konfrontation von Norm und Abweichung. Die Geschichte „Der Hase im Mond“ bringt es auf den Punkt. Ihr Protagonist beobachtet, wie sein Kalligraphie-Lehrer Professor Saito, die „Verkörperung des Ur-Japanischen“ und daher sein Vorbild, eines Nachts auf einem Müllplatz jede Hemmung und Askese verliert und mit gieriger Lust die weggeworfenen Essensreste verschlingt, die er tagsüber als vorbildlicher Veganer verschmäht. Dieses Erlebnis erschüttert den Ich-Erzähler zutiefst, er ist damit allein, niemand würde es ihm glauben: „Es ist, als ob sich der Mond von seiner Rückseite zeigen würde“. Und er fragt, wo jetzt der Mondhase geblieben ist, was er tut, diese mythische Figur, die Nächstenliebe, Selbstopferung oder die Ewigkeit symbolisiert.

 

Das moderne kapitalistische Japan pflegt seine alten Traditionen. In diesem Spannungsfeld siedelt die Schriftstellerin ihre Geschichten an. Sie stellt mit ihnen universelle Fragen: Leben ihre Protagonisten oder werden sie gelebt? Sind sie verantwortlich für ihre Geschicke? Was definiert Identität, Empathie, Liebe? Wie weit darf Selbstaufopferung gehen? Wo berühren sich das Imaginäre und die Realität? Milena Michiko Flašar hat ein fesselndes Buch geschrieben, das man unbedingt lesen muss.


Milena Michiko Flašar: Der Hase im Mond

Kurzgeschichten

Verlag Klaus Wagenbach Verlag 2025

Hardcover und eBook

ISBN: 978-3-8031-3379-3

Weitere Informationen (Verlag)

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