Eine pinkfarbene Bauernrose – oder ist es eher eine edle Päonie? - ziert das Cover von Natascha Wodins neuem Roman „Die späten Tage“. Wer das Buch aufschlägt, liest statt der üblichen Inhaltsangabe beachtlich-schöne Buchzitate auf der linken Umschlagsseite.
Ein kurzes Beispiel: Jeden Tag nach dem Aufwachen, wenn das Bewusstsein langsam einsetzt, der Schock: Du bist alt, du wirst bald sterben. Sätze wie diese stimmen uns ein auf all das, was uns in diesem Buch erwartet
Ein Roman über das Altern und die Liebe
Erzählt wird eine Liebesgeschichte, die vor sechs Jahren zwischen zwei Menschen im hohen Alter begann und deren Ende aufgrund unserer Lebenserfahrung und -erwartung rein zeitlich gesehen ziemlich nahe liegt. Näher als den beiden Protagonisten und uns lieb sein kann. Die Art und Weise, wie Natascha Wodin uns diese Geschichte vom Altern, von der Liebe und vom Sterben erzählt, ist keinesfalls larmoyant, sondern schlicht und ergreifend wunderschön geschrieben. Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat von Salvatore Quasimodo: „Ein jeder steht allein auf dem Herzen der Erde, getroffen von einem Sonnenstrahl, und schon ist es Abend.“
Und damit ist klar, worauf wir uns einlassen sollen und wollen. Unsere Neugierde, unser Interesse, ist bereits geschickt geweckt worden und beides wird nicht enttäuscht. Bis zum mehr oder weniger guten Ende bestimmt Natascha Wodin unsere Stimmung und hält unsere Spannung hoch. Dabei ist vieles nicht schön, was uns beschrieben wird: die Leiden des Alters, das Verkümmern, der Verlust von allem, was uns einst lieb und teuer war und hoffentlich immer noch ist… Als sich die beiden Liebenden vor sechs Jahren kennenlernten, da war der heute gebrechliche Geliebte zwar auch schon alt, aber immerhin beherrschte er noch den Kopfstand und ging im Winter täglich zum Eisbaden in den See. Daran ist längst nicht mehr zu denken. Heute prägt neben eher üblichen Alterserscheinungen wie Schmerzen, Harndrang und unruhige Beine ein irreparabler Herzschaden seinen Alltag.
Und auch die Ich-Erzählerin selbst zweifelt daran, noch lange zu leben. Im Gegenteil. Sie kann nur noch schwer aufstehen. Jedes Mal, wenn sie es erneut geschafft hat, befürchtet sie, es könnte ihr beim nächsten Mal nicht mehr gelingen. Der Alltag überfordert sie, das Lebensmanagement, all die scheinbar nebensächlichen Dinge, die aber getan werden müssen, wenn man am Leben bleiben will. Sie gerät in Stress, sobald etwas über die tägliche Routine hinausgeht. Keine schönen Aussichten also. Und dennoch: Wie Natascha Wodin uns all dies näherbringt, ist beglückend – trotz aller Beschwerden, von denen sie glaubhaft berichtet. Ich glaube, dass niemand weiß, wie man alt wird. Niemand hat uns das gesagt, niemand hat uns darauf vorbereitet. […] Man weiß nur, dass man aus diesem Albtraum nie mehr erwachen wird. Die beiden alten Leute, die beiden jung Verliebten, werden nie wissen, wie es gewesen wäre, hätten sie sich getroffen, als sie noch jung waren. Verliebtheit gibt es für sie trotzdem, jetzt, im hohen Alter. Das ist erstaunlich und neu für die beiden und für uns. Vielleicht ist es ja genau das, was diesen Roman ausmacht: Unser Wissen, dass das Thema Alter uns alle angeht.

Gemeinsam altern. Foto: Tung Lam
Vorausgesetzt, wir haben Glück und sterben nicht schon viel früher. Das wäre dann wirklich schrecklich… So aber können wir vorausschauen und in diesem Buch nachlesen, wie das so geht mit dem Altern, mit der Liebe im Alter, mit dem Sterben. Noch ist es zum Glück nicht so weit für uns. Noch sind wir bloß Zuschauer, Leser, Nichtbetroffene. Noch ist es für uns keine Heldentat, Äpfel zu reiben, die richtige Menge an Backzutaten abzumessen, den Backofen vorzuheizen und den Teig in die Form zu bringen. Noch schmerzen dabei unsere Finger nicht, der Rücken, die Beine…
Diese innere Raserei… Diese Furcht, alles ist falsch… Diese Todessehnsucht… Diese Sehnsucht nach Leben… Hört das alles denn nie auf? Die Ich-Erzählerin ist in Berlin zu Hause, Ferdinand in einem Villenviertel in Lübeck. Hier lebte er über dreißig Jahre lang mit seiner verstorbenen Frau Martha. Die Lübecker Villa ist für die Protagonistin ein unguter Ort, wie ein gesunkenes Luxusschiff. Das Haus ist voller Erinnerungen für Ferdinand. Erinnerungen sind überhaupt ein wesentlicher Teil des Buches. Dazu gehören gute und schlechte Zeiten, begleitet von zitierten Gedanken großer Denker, von geliebten Gedichten und persönlich bedeutsamen Musiktiteln.
Die Zeiten, in denen sich die Geliebte manchmal im Streit von Ferdinand getrennt hatte, sind ebenso vorbei wie vieles andere. Auch hierzu fehlt ihr inzwischen die Kraft. Heute denkt sie ganz pragmatisch darüber: Wozu sollte Weggehen gut sein, schließlich ist sie doch immer wieder zu ihm zurückgekehrt. Wohl auch, weil Ferdinand das Heimwehgefühl in ihr wieder erwecken konnte, das so lange geschlafen hatte - bis Ferdinand in ihr Leben getreten war… Zärtlichkeit im Alter – auch das ist ein Thema, auf das uns Natascha Wodin einstimmt. Das wiederum weckt die Hoffnung in uns, es ist nie zu spät. Auch Schönes kann uns immer wieder geschehen. Egal wie alt wir sind. Das ist das Positive, das Natascha Wodin für uns bereithält.
Natascha Wodin: „Die späten Tage“
Rowohlt Verlag. Roman
288 Seiten, Hardcover, fadengeheftet
ISBN: 978-3-498-00334-0
Weitere Informationen (Verlag)

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