Literatur
Thea Caillieux. Foto: Gudrun de Maddalena

Um das Thema Liebe ranken sich seit Jahrhunderten unendlich viele Gedanken und Gedichte. Immer wieder und unermüdlich beschreiben Dichter die Irrungen und Wirrungen der Liebe. Auf jeweils eigene Art besingen sie Freundschaft und Liebe, Nähe und Ferne.

 

Ein facettenreiches Beispiel für die lyrische Vielfalt der Thematik ist die Anthologie „Von Nähe und Ferne“. Herausgeberin Thea Caillieux hat dieses Lesebuch über die Liebe in acht Themenkomplexe gegliedert. Mit einem Geleitwort von Aleida Assmann ist das Buch in der „Kröner Edition Klöpfer“ erschienen.

 

Gedichte und Gedanken über die Liebe

Zur Einführung ins Thema schreibt Aleida Assmann im Prolog über „Die Vermessung der Gefühle“. Ein guter Auftakt, der uns Leser und Leserinnen einstimmt auf die all das, was Liebe in – und mithilfe – der Lyrik zu sagen hat. Denn dieses Buch zeigt uns die ganze Palette der Liebe, deren Widersprüchlichkeit und Eindeutigkeit, Lust und Leidenschaft, Macht und Machtmissbrauch bis hin zu Gewalt und Tod. Von Einsamkeit und Nähe ist die Rede, von Verlangen, Verzagen und Versagen, von Zärtlichkeit, Zumutung und Zerstörung. Mit Amors Pfeil allein ist es bekanntlich nicht getan; Glück in der Liebe ist niemals für immer und ewig garantiert. Höhen und Tiefen sind inbegriffen, das haben wir alle schon am eigenen Leibe erfahren. Manchmal bleiben wir ratlos zurück, wissen nicht, wie uns geschieht, was uns geschehen ist. Umso besser also, wenn das bekannte Thema von Liebe und Leid literarisch neu für uns geordnet und geortet wird, wenn also Texte in einen neuen Raum gestellt werden. Wie Aleida Assmann schreibt, ist das „ganz wörtlich zu verstehen: Raum wird hier zum tragenden Rahmen für die Entfaltung der Beziehungsdynamik zwischen zwei Menschen […]“.Es gibt sogar eine Wissenschaft namens „Proxemik“, die sich mit der Vermessung menschlicher Beziehungen im Raum befasst, erfahren wir im Prolog von Aleida Assmann.

 

Von Naehe und Ferne COVERAcht Distanzzonen, acht Themenkomplexe benutzt Thea Caillieux für die Gliederung der Texte. Dies, um eine gewohnt-naheliegende chronologische Sortierung zu vermeiden und uns neue Denkräume zu eröffnen. Bekannte und weniger bekannte Dichter kommen zu Wort, tote und lebende. Von A  wie Anonym („Du bist min“) bis Z  wie Eva Christina Zeller („auf meiner bühne“ und „lieblied“) geben uns siebzig Dichter und Denker ihre Erkenntnisse und Erfahrungen auf poetische Weise an die Hand. Es sind die persönlichen Lieblingsgedichte und Geheimtipps der Herausgeberin, die uns hier ans Herz gelegt werden. Das hat durchaus Vorteile: Wir haben die Chance, neue Dichter und neue Texte für uns zu entdecken.

 

Beim Blättern durchs Buch finden wir sicherlich auch unsere Herzensdichter wieder. Ich musste zugegebenermaßen zunehmend ungeduldig ziemlich lange warten, bis meine Lieblingsdichterin endlich auftauchte, bis Ingeborg Bachmanns Texte sich erwartungsgemäß beruhigend vertraut erneut an mein Herz schmiegen durften. Meine diesbezügliche Ungeduld hatte auf Seite 149 (208 Seiten hat das Buch) ein Ende, gleich zu Beginn des Abschnitts „Zu nah“ mit Bachmanns Lied auf der Flucht XII:

Mund, der in meinem Mund genächtigt hat,

Aug, das mein Aug bewachte,

Hand –

 

und die mich schleiften, die Augen!

Mund, der das Urteil sprach,

Hand, die mich hinrichtete.

 

Der Bereich „Entfremdung“ wird ebenfalls mit einem Gedicht von Ingeborg Bachmann eingeleitet, das - wie das Kapitel selbst - „Entfremdung“ heißt und solche schönen Verse enthält wie Ich bin satt vor der Zeit / und hungre nach ihr. / Was soll nur werden?

 

Doch fangen wir von vorne an. Betreten wir dieses „reichhaltige Archiv der Gefühls- und Beziehungsgeschichte, das zu einer Re-Lektüre in einer neuen Perspektive einlädt“, wie Aleida Assmann im Prolog schreibt. Vermittelt werde damit nicht nur kostbares Bildungsgut, sondern auch eine Anleitung zur Herzensbildung. Nehmen wir diese Anleitung zur Herzensbildung ernst und betrachten aufmerksam die Einleitung, den „Versuch über Nähe“ von Herausgeberin Thea Caillieux. Denken wir am besten dabei auch gleich über unsere eigene Vorstellung von Nähe nach, die sich auf so vieles beziehen kann. Dieser „Versuch über Nähe“ wird uns klugerweise von Thea Caillieux in fünf Aspekten offeriert, wobei zwischen Freundschaft und Liebe unterschieden wird: 1. Liebe, 2. Liebe als Form der Nähe, 3. Freundschaft als Form der Nähe, 4. Stufen der Nähe, 5. Nähe in Texten der Gegenwartliteratur. All diese Unterteilungen werden literaturwissenschaftlich in kurzen, erhellenden Aufsätzen ausgeführt. Sie leiten hin zu den „Gedichten und Gedanken“ in den einzelnen Themenkomplexen  Unnahbar / Annäherung / Freundschaft? Liebe? / In nächster Nähe / Unverschämt nah / Zu nah / Unerreichbar nah / Entfremdung.

 

Bekannte und weniger bekannte Dichter treten auf. Einer der ersten - in der Rubrik „Unnahbar“ einsortiert - ist Heinrich Heine mit einem Gedicht, das fast jeder kennt: Sie liebten sich beide, doch keiner/Wollt es dem andern gestehn;/Sie sahen sich an so feindlich,/Und wollten vor Liebe vergehn.[…], heißt es hier. Dieser recht kurze Ausflug in das Kapitel „Unnahbar“ endet mit einem Gedicht von Michael Krüger, das so beginnt: Wir hatten uns verabredet,/nachts, zwischen den Dörfern,/unter dem abnehmenden Mond. […] Und das so endet: Auf der Höhe der Zypressen,/die wie Dolche in der Erde steckten,/gingen wir grußlos aneinander vorbei. Hier ist die ganze Dramatik enthalten, die Liebe enthalten kann, der Anfang und das Ende.

 

Eine Kürzestgeschichte von zwölf Zeilen steuert Martin Walser zum Thema „Annäherung“ bei. Nora Gomringer macht es extrem kurz. In ihrem zweizeiligen Gedicht „Angebot und Nachfrage“ heißt es lapidar: Ich will dich. / Du willst mich. Das ist alles. Kürzer geht`s nicht. Die Liebe als Warenangebot… Was mag die Liebe kosten? Wie hoch ist ihr Preis? Eine andere literarische Form, die im Buch vertreten ist, ist der Liebes- und Freundschaftsbrief. Als Beispiel dient hier ein Brief von Sophie von La Roche an Christoph Martin Wieland und dessen Antwort aus dem Jahr 1754. Es geht dabei um eine aufgekündigte Liebe und eine sozusagen im Tausch(-geschäft) angekündigte Freundschaft.

 

In diesem Buch sind viele schöne Liebesgedichte versammelt. Gedichte von Goethe, Heine, Hölderlin, Rilke und Celan, von Else Lasker-Schüler, Marie Luise Kaschnitz, Gertrud Kolmar, Friederike Mayröcker, Sarah Kirsch, Jürgen Becker, Rose Ausländer, Erich Fried, Berthold Brecht, Karl Krolow, Friederike Roth, Selma Merbaum und Mascha Kaléko, um nur einige der Namen jener Dichter und Dichterinnen zu nennen, deren Texte neu oder auch erneut meine besondere Aufmerksamkeit erregten. Manche der hier versammelten Gedichte und Gedanken klingen vielleicht nur kurz in uns nach, andere länger. Manche dieser Texte werden für immer bei uns bleiben. Einfach deshalb, weil wir sie lieben und daher immer wieder lesen werden. Thomas Weiss weiß hierzu Folgendes lyrisch kurz und stimmig zu sagen: so / lange wie/ ganz genau so / lange wie / du brauchst diese / worte zu lesen / so / lange bin ich/ bei dir.

 


„Von Nähe und Ferne“

Gedichte und Gedanken – Eine Anthologie

Herausgegeben von Thea Caillieux

Mit einem Prolog von Aleida Assmann

Alfred Kröner Verlag

Ganzleinen mit Lesebändchen

ISBN: 978-3-520-77307-4

Weitere Informationen (Verlag)

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