Literatur
James Gillray: Der Komet von 1811 (Detail, bearbeitet), handkolorierter Tiefdruck, Karikatur. Gemeinfrei

Nicht viele der wenigen großen und wirklich bedeutenden deutschen Romane sind so gründlich vergessen wie „Der Komet“ Jean Pauls –, sein Spätwerk, das er nicht zu Ende schreiben mochte –, weil er nach dem Tod seines Sohnes 1821 in sich selbst nicht mehr die Kraft für ein durch und durch humoristisches Buch fand.

 

War Jean Paul Friedrich Richter ein Romantiker? Geboren 1763, war er vierzehn Jahre jünger als Goethe, von dem er sich in seinem Temperament gewaltig unterschied, aber er war andererseits ein wenig älter als die Romantiker wie Ludwig Tieck, E.T.A. Hoffmann oder Novalis, mit denen ihn manches verband – ohne dass er selbst ein Romantiker gewesen wäre. Seine Lebensdaten verweisen ihn in eine Zwischenzeit, und auch sein Werk gehört weder zur Klassik noch zur Romantik. Tatsächlich trennt ihn vieles von den Romantikern. Mit einem Bein stand Jean Paul noch in der „zeit des zopfstiles“ (Stefan George), mit dem anderen in der Zukunft, in der Bewunderer wie Arno Schmidt auf ihn warteten. Aber manches bringt seine Zeitgenossen und ihn eben auch zusammen, zum Beispiel die romantische Ironie.

 

Adolph von Menzel Jean Paul Goethe Schiller Herder

Adolph von Menzel, Kohlezeichnung, 1855. V.l.n.r.: Jean Paul, Schiller, Goethe und Herder. Privatsammlung. Gemeinfrei

 

Darunter wird meist eine Reflexion auf die Rolle des Künstlers verstanden, die nicht selten zu einer In-Frage-Stellung der eigenen Autor-Person gerät. Keinesfalls wird nur einfach so drauflosgedichtet. Jean Paul ist darin ein Meister und bringt sich ein ganzes Schriftstellerleben lang immer wieder selbst ins Spiel. Mit gehörigem Abstand selbstverständlich! Bereits in seinem ersten Roman, der „Unsichtbaren Loge“, übt er sich darin, und auch in seinem großen Erfolg von 1794, dem „Hesperus“, spielt der Erzähler eine wesentliche Rolle und wird schließlich sogar eine handelnde Figur. Und ein letztes Mal tritt Jean Paul im 13. Kapitel seines letzten Romans „Der Komet“ (1820/1822) als „der Kandidat Richter aus Hof im Voigtlande“ in das Geschehen ein. Der dünne Mensch am Straßenrand ist, wie der Erzähler erläutert, „niemand anders als – ich selber, der ich hier sitze und schreibe.“ In dem Augenblick ist er ein längst akzeptierter Autor, der sich über sein jugendliches Selbst lustig macht, über sich als den Autor einer „Auswahl aus des Teufels Papieren“, der in seinem Spätwerk dem „dritten oder vierten Leser seines Buchs“ begegnet, mit dem er einst debütierte.

 

Wir müssen etwas über den „Komet“ sagen, dieses wunderbare Spätwerk, einen Roman, der heute wohl kaum noch gelesen wird – und das, obwohl er mehr als jedes andere Buch dieses Dichters in die Zukunft ragt. „Der Komet“ ist so vielschichtig wie perspektivenreich, so uneindeutig wie widersprüchlich… Er ist in vieler Hinsicht moderner als die allermeisten belletristischen Ergüsse, die heute von der Kritik gefeiert werden, ein Hexenspiel, das auf jeder Seite zu denken gibt, weil es so dicht geschrieben ist und der Autor so geschickt mit der Sprache spielt. Das – aber nicht das allein – verleiht dem Buch seine Bedeutung. Es geht in ihm um einen noch recht jugendlichen Apotheker namens Nikolaus Marggraf, der fest (und keineswegs grundlos!) daran glaubt, der uneheliche Abkomme eines Adligen und eigentlich ein richtiger Markgraf zu sein. Um seiner Not zu entkommen, versucht er, einen Diamanten herzustellen, und als ihm diese nach allerlei alchemistischen Versuchen gelingt – hat er wirklich Erfolg? –, verfügt er über ausreichendes Kapital, um mit einem sehr bunten, aus seinen Freunden zusammengesetzten Zug durch die Gegend zu reisen – wie ein richtiger Fürst, der sich mit „Durchlaucht“ ansprechen lässt und seinerseits seine Gefolgsleute erzogen. Es sind, sagt sein Freund Worble über diese Gesellschaft, „der Narren fast zu viele im Saal.“

 

Schlussendlich besucht der Fürstapotheker Lukas-Stadt, ein nach dem Patron der Künstler benannten, sehr provinziellen Residenzstädtchen, in dem es von halb verhungerten Künstlern wimmelt. Dem regierenden Fürsten, so unbedeutend dieser auch tatsächlich sein mag, darf der angemaßte Fürst natürlich trotzdem nicht über den Weg laufen. Um eine Begegnung zu verhindern, verschafft ihm sein Reisemarschall – Peter heißt er wie der Jünger Jesu, der seinen Meister im Garten Gethsemane verleugnet – ein Inkognito, und so ist Nikolaus ein schlichter Graf. „Hacenkoppen“ nennt sich Nikolaus jetzt nach einem ausgestorbenen mecklenburgischen Geschlecht und verbietet seinem Anhang, ihn auch weiterhin mit „Durchlaucht“ anzusprechen. Quartier nimmt er in einem Gasthof, vom Dichter „zum Teil im Ernste“ als „Vatikan“ angesprochen. Das ist nur konsequent, denn der Gastwirt heißt schließlich „Papst“ und spricht von seinem Haus als dem „römischen Hof“.

 

Gasthof EberswaldeKolorierte Radierung von Eduard Barth des Gasthofs „Zur Goldenen Sonne,“ am Finowkanal in Eberswalde, um 1825. Gemeinfrei

 

Trotz „Marggrafs Tollgewordensein“ – denn so recht mag niemand (niemand außer mir…) an seine hochadlige Abstammung glauben – trotz seines möglichen Wahnsinns also folgen ihm ausreichend Leute, und ein jeder bekommt Amt und Titel. Geld hat Nikolaus ja, und wenigstens für sich selbst ist er eine richtige Durchlaucht. Wäre er es auch für einen regierenden Fürsten? Seine Mannschaft denkt: Besser kein Zusammentreffen, und dabei fällt es ihm doch sehr leicht, das Gepränge eines Fürsten anzunehmen und ebenso überheblich zu agieren und geschwollen daherzureden wie ein Serenissimus. Spricht schon das für eine demokratische Tendenz des Romans, wenn das absurde Getue des Hochadels sich so leicht imitieren lässt? Das wäre wohl etwas unhistorisch gedacht.

Der fürstliche Zug, dem sich auch der jugendliche Jean Paul anschließt, ist zunächst eine Parodie auf das höfische Leben, das Jean Paul selbst zwar nie kennengelernt, aber nichtsdestotrotz wiederholt und mit großer Freude geschildert hat. Von einem anderen seiner Alter Egos in diesem Buch, seinem Kindheitsfreund und Reisemarschall Peter Worble, sagt der Erzähler deshalb, er lasse, wenn er einen Hof beschreibe, „die Farben in seinem Hofgemälde etwas breit durcheinanderrinnen“. Das ist von einem richtigen, wenngleich winzigen Hof gesagt, und natürlich ironisch zu verstehen – auch hier spricht er über sich selbst.

 

Natürlich ist der reisende Hof des Fürstapothekers noch einmal kleiner als der doch schon Winzige von Lukasstadt. Wir müssen uns diesen Zug mit seinen Wagen wie einen reisenden Zirkus vorstellen, aber er bietet allerlei merkwürdige Ämter mit entsprechenden Titulaturen – so gehört sogar ein Zuchthausprediger zum Gefolge. Oder der Hofstallmaler Renovanz, der hübsche Pferde malt, damit die trächtigen Stuten sich am Bild erfreuen und ihre Fohlen entsprechend hübsch werden... Der Fürstapotheker lässt sich mit „Durchlaucht“ anreden, spricht von sich selbst im Pluralis majestatis und bewegt sich in einem komischen Selbstgefühl, das wohl unangenehm wäre, wäre er nicht ein so außergewöhnlich treuherziger und freundlicher Mensch. Tatsächlich bleibt er immer gutmütig und einfach und stellt so das Gegenstück eines Serenissimus dar: „Unser Herz, so warm und mild es auch von Geblüt sein mag, noch mehr für jeden Menschenbruder, der Elend hat und Trost begehrt, zu erweichen und aufzuschließen…“

 

Es ist bei all seiner grotesken Phantastik ein wirklicher Zeitroman, denn diese Geschichte strotzt gleichzeitig von Realismus – in kaum einem anderen Erzählwerk der Goethezeit wird die Lebenswirklichkeit so anschaulich und wahrhaftig geschildert wie in diesem Roman. Auch wird das Geschehen ganz genau datiert – der Zug des Fürstapothekers vollzieht sich „im Anfang der französischen Revolution“, also „in jener vorbuonarpartischen Zeit“. Ganz so harmlos sind die Späße Jean Pauls also nicht. Wird hier nicht auf das Zeitalter des Absolutismus und noch dazu auf den korsischen Usurpator zurückgeblickt, der dieses so nachhaltig zerstörte? Denn auch dieser sollte sich wie Marggraf eines Amtes anmaßen, auf das er, wäre es nach den wirklich alten Geschlechtern gegangen, keinesfalls Anspruch hätte erheben dürfen. Also ein Kollege. Als sich Nikolaus von seinem Leibdiener ankleiden lässt, erteilt er ihm Anweisungen mit Bezug auf seine Weste:  „knöpf‘ Er nichts zu, ich will den ganzen Abend die Hand einschieben, um zu verdecken“. Wie man sieht, spiegelt der Wahnsinn des Nikolaus, die unmittelbare Vergangenheit.

 

Napoleon hand im Wams

Detail aus Gemälden zum Handeinschub. Napoleon (Ingres und David). Gemeinfrei

 

Kann seine hohe gesellschaftliche Stellung den Fürstapotheker davon abbringen, sich mit seinem Jugendfreund Peter Worble oder dem Studenten Richter von gleich zu gleich zu unterhalten? Aber nein! Nur zu gern lässt er sich herab, und so wird dem „Kandidaten der Theologie aus Hof die Bestallung zum Prophetenamt mündlich zugefertiget mit allen Nutznießungen und Privilegien des Amts“. Ab sofort ist Jean Paul Wetterprophet! Oder vielleicht auch überhaupt nur ein Prophet – denn Nikolaus hat etwas von einem Heiligen oder gar einem Religionsstifter, und so einer braucht ganz unbedingt einen Propheten. Anspielungen – und zwar sehr deutliche, sogar überdeutliche – auf seine Ähnlichkeit mit Jesus durchziehen das gesamte Buch. So wird es ihm „nicht schwer, den Tod seiner Mutter Maria für eine Himmelfahrt der Madonna anzusehen“, und entsprechend ist der kleine Nikolaus „ein Jesukindlein“. Fast wird Nikolaus‘ Geschichte zu einer Imitatio Christi! Dem Philosophen Fichte wurde wegen wirklicher Nichtigkeiten Atheismus vorgeworfen – bei Jean Paul hätten die Zensoren eher Grund gehabt. Haben sie wirklich alle diese Anspielungen überlesen?

 

Nur einige Beispiele! Schon als Kind besitzt Nikolaus, dessen Kopf auch später in der Aufregung leuchtet, einen „Heiligenschein um seinen Kopf“, eine Art „Schädelphosphoreszenz“. Noch dazu ist er stigmatisiert – mit einer „Pockennarben-Interpunktion“, die, als er sich porträtieren lässt – denn natürlich wird er im letzten Kapitel dieses Fragments zum enorm freigebigen Förderer der Künste – von den Malern keinesfalls unterschlagen werden dürfen: „gerade diese zwölf Narben sollten zwölf himmlische Zeichen werden, worin ihn auf seiner Sonnenlaufbahn der Vater zu finden hatte“. Entsprechend ist er „mit geistigen Viktualien behangen“ und wird später zu einem „Heiland der Kunst“. Es gibt unzählige andere Hinweise. Nehmen wir abschließend das Ende des 13. Kapitels, in dem der Erzähler in einem biblischen Ton auf ferneres Geschehen hinweist: „Denn wenn ich mich so auf die mosaische Anhöhe dieses unseres historischen Kanaans stelle und hineinschaue und sehe, welche Begebenheiten im künftigen Bande herankommen“.

 

Da Messina Vam Eyck

Als der Fürstapotheker Nikolaus Marggraf im Roman "Der Komet", zusammen mit seiner Entourage eine Kunstausstellung im fiktiven Lukasstadt besucht, findet er dort ganze zwei Richtungen vor, die italienische und die niederländische Schule; die erstgenannte zeige mehr erhabene Werke, die andere kultiviert das Genre.
Links: Antonello da Messina: Das Rivulzio-Porträt, 1476. Palazzo Madama, Turin. Gemeinfrei.. Rechts: Jan van Eyck: Mann mit rotem Turban, 1433. National Gallery London. Gemeinfrei

 

Jean Paul war ein gläubiger Mensch, und ganz gewiss hat er nicht über den Glauben oder über die Bibel gespottet, wie er es in den „Nachtwachen von Bonaventura“ hätte lesen können. Es ist dort wie in Jean Pauls eigenem Roman, bei dem wir ja auch nicht immer zu sagen wissen, ob wir die „Himmelfahrth komisch oder ernsthaft nehmen“ sollen, wie sich der anonyme Autor der mit dieser Geschichte ungefähr gleichzeitigen „Nachtwachen“ ausdrückte. Vielmehr müssen wir in seinem Roman solche Passagen als eine Reflexion über das Selbstverständnis eines Dichters verstehen, eines Autors fiktionaler Geschichten. Richtet sich sonst, „die Erdichtung oder der Schein […] nach der Natur“, so in dem Roman „die Natur oder die Geschichte […] nach der Erdichtung“. Also endlich einmal ein wirklich kreativer Dichter, einer, der erst schafft, was er nur zu beschreiben vorspiegelt…

 

Die Beschwörung der Allmacht der Phantasie durchzieht das Gesamtwerk Jean Pauls. Ganz zu Beginn seiner Laufbahn als Romancier wurde sie Thema in der Idylle „Schulmeisterlein Wutz“. Wutz hat kein Geld für Bücher und schreibt sich so nach den Nachrichten, die er von den Bestsellern seiner eigenen Zeit erhält, eine ganze Bibliothek zusammen. Und am Ende von Jean Pauls Laufbahn als Romancier wird die Macht der Phantasie auch eines der ganz großen Themen dieses Romans, der die Entstehung einer fiktionalen Welt darstellt wie eine mystische Erfahrung – also wie ein religiöses Erlebnis. Der gläubige Autor Jean Paul war ganz gewiss kein orthodoxer Christ, und er erlaubt sich in der „Vorschule der Ästhetik“, wenn er über die poetische Sprache schreibt, ganz konsequent ein theologisches Vokabular, das weder evangelische Pastoren noch katholische Priester hätten akzeptieren können. „Zur unbefleckten Empfängnis“, so heißt es dort, wenn es um die Entstehung wirklicher Dichtung geht, „gehört stets auch eine unbefleckte Zeugung durch einen oder den andern heiligen Geist.“ Und schon der Berghauptmann, der Erzähler des „Hesperus“, haust auf der Insel St. Johannis. In der Bibel heißt die Insel, auf der Johannes seine „Apokalypse“ niederschrieb, Patmos, und eben daran erinnert uns Richter.

 

Nikolaus, ebenso phantasievoll wie sein Schöpfer oder wie Peter Worble, weiß gar nicht zu beschreiben, „was für Himmelfahrten ich mir jetzo im höchsten Grade lebhaft denke“. Für seine Reise in den Himmel legt er sich auf ein Sofa, und es beginnt eine witzige Szene, in der ihm der Stößer Stoß – einziger Mitarbeiter des bettelarmen Apothekers – zunächst etwas unter die Füße legt, damit sein Herr das feste Fundament eines Luftschlosses benutzen kann, um darauf sein „Ätherschloss“ zu errichten – das Ausbacken eines Diamanten. „Steck‘ Er“, befiehlt Nikolaus dem Stößer zum Ende, „lieber alle Kissen auf einmal unter, ich will ganz aufrecht liegen“. In seinen Tagträumen stellt sich Nikolaus seine eigene fürstliche Beerdigung vor: „Jetzo lieg‘ ich endlich […] zum Beisetzen in die Fürstengruft ganz fertig da.“ Es ist somit ein Buch, das wirklich kein Thema auslässt…

 

Der folgende Absatz demonstriert noch einmal, in welcher Weise die ganze, so ganz und gar unbiblische Geschichte mit Anspielungen auf diverse Bibelstellen durchsetzt ist – in diesem Fall auf Josephs Träume sowie auf ein berühmtes Johannes-Zitat (Römer 14,9 sowie 1. Kor 15/36). Der Apotheker – noch ist er kein Fürstapotheker, denn noch hat er ja nicht den Diamanten gebrannt – überlässt sich selbst „luftigern Träumen“, und in diesen Träumen sehen er und sein Gehilfe den ersten Diamanten „so gut als in ihren Händen“. Dabei steht der „Apotheker […] als überreife Ähre da, auf welcher der Stößer als ein Samenkorn schon ausschlägt und keimt, ohne andere Wurzelerde zu haben als eben die Ähre selber; oder in einer mehr außereuropäischen Metapher, Marggraf senkte als Lianenbaum den Stößer als einen Ast von sich in den Boden nieder, damit dieser wieder daraus aufwüchse zu ihm heran und wieder herab und hinauf.“

 

Kaum hat sich Nikolaus von der Härte und Brillanz des Diamanten überzeugt, da macht sich der Fürstapotheker auf den Weg – zusammen mit seinen Freunden und in einer Art Zirkusstadt. Schon bald gelangt der bunt zusammengewürfelte Zug zu einer kleinen Residenzstadt, wo das Geschehen in aberwitzigen Szenen kulminiert, in denen Marggraf zusammen mit einem wirklichen regierenden Fürsten in gravitätisch-wichtigtuerischer Haltung eine Kunstausstellung besucht. Leider endet das Buch hier, denn der frühe Tod seines Sohnes schlug den Autor nieder und nahm ihm die Kraft, sein humoristisches Werk fortzusetzen. Aber wir sollten den Roman nicht beiseitelegen, ohne einen Blick auf seine rätselhafteste und interessanteste Figur zu werfen: auf den „Ledermann“. Der Ledermann ist es, der die letzten Seiten des Buches bestimmt. Jean Paul schildert ihn ein wenig so, als orientiere er sich an gewissen Erzählungen E.T.A. Hoffmanns:

„Plötzlich ging durch das helle Stückchen der immer dickern Nebel-Milchstraße ein ganz in Leder gekleideter, fleischloser, farbloser, langgedehnter Mann, mit Kopfhaaren wie Hörner und mit langem schwarzem Bart, und tat weite Schritte rückwärts in den Nebel hinein und wieder heraus. Er verschwand und erschien mehrmals, bis er endlich mit flammenden Augen und todbleichem Angesicht ganz nahe vor Nikolaus stehen blieb. […] ‚Ich heiße Kain, siehst Du die Schlange nicht?‘ versetzte die Gestalt, mit dem Finger auf der Stirn, die mit einer zum Sprunge aufgerichteten, roten Schlange gezeichnet war.“  Es ist leicht zu verstehen, warum ihm ein Lakai nachruft „Der Teufel selber bist du!“

 

Denn wirklich vertritt der Ledermann die Sache des Teufels, nicht jene Gottes, aber: Wäre der Ledermann tatsächlich nichts als ein durch und durch höllisches Wesen, bräuchten wir uns nicht mit ihm abzugeben. Denn ein Teufel wäre kein Teufel, wenn in ihm nicht auch ein Engel schlummerte – ein Engel, der er einmal gewesen war und vielleicht ja wieder werden könnte. Als schlichtes Abbild des Bösen wäre der Ledermann uninteressant. Jean Paul lässt ihn vor einer seiner Verwandlungen ein nihilistisches Glaubensbekenntnis ablegen, das die Hirnforscher unserer Zeit nur zu gern zu ihrem eigenen machen werden: „Schälet einmal eure Haut ab und seht euch aufgedeckt und aufgemacht an: so hängen statt euerer Reize und Menschenmienen Gehirnkugeln und Magensäcke und Därme vor euch da und würmeln“. Der „Mutterkuchen“, führt der Ledermann aus, sei „die Propaganda, die Töpferscheibe eueres Glaubens.“ In eben diesen Augenblicken – während seines nihilistischen Glaubensbekenntnisses – beginnt Worble ihn mit „seinen magnetischen Fingerhebeln aus dem Wachen in den Schlaf umzulegen“. Und dank der Hypnose kann ein Mensch in derselben Gestalt, aber mit einer ganz anderen Stimme erscheinen.

 

Der Ledermann wird also von Worble „magnetisiert“ (in Trance versetzt) und daraufhin verwandelt er sich für wenige Augenblicke in eine Art Engel, sodass er in sich die beiden extremsten Möglichkeiten versammelt, die einem Menschen in moralischer Hinsicht offenstehen. Das macht ihn zu einer ganz einzigartigen Figur – nicht allein in diesem Roman, sondern in der Dichtung der Zeit überhaupt. Kann es sein, dass er ein weiteres Alter Ego Jean Pauls ist, oder müssen wir ihn als eine dämonische Gegenfigur zu dem liebeswürdigen Nikolaus Marggraf verstehen?

 

In seinem nachtwandlerischen Zustand klettert der Ledermann in den Kamin (auch das eine Himmelfahrt!), und bevor er erwacht und abstürzt, spricht er so, dass es mir bei der ersten Lektüre die Schauer über den Rücken jagte. Denn plötzlich sieht sich dieser Teufelsanbeter in ein Wesen voller Güte verwandelt, das eine „fremde, liebliche, herzliche Stimme“ besitzt. Zuvor war er „alles Böse durch Denken“, aber im „Wandelschlaf“ ist er ein anderer (wieder er selbst?) und sagt von sich: „Jetzt lieb‘ ich euch Sterbliche alle so herzlich und kindlich und hasse niemand auf der Welt.“ Gleich darauf erwacht er aus diesem Zustand wieder, und so sind die letzten Worte des Romans ganz andere: „Alle traten von ihm hinweg, nicht aus Furcht, sondern vor Entsetzen.“

Das letzte Wort – nicht allein dieses Romans, sondern im Grunde des Erzählers Jean Paul, des großen Menschenfreundes und Humoristen – lautet „Entsetzen“.


Jean Paul zum 200. Todestag am 14. November 2025

Jean Paul hinterließ ein umfangreiches literarisches Werk, das heute als wichtiges Kapitel der deutschen Literaturgeschichte gilt. Sein Einfluss zeigt sich in der Arbeit vieler Autoren, die nach ihm kamen. Sein einzigartiger Stil und seine tiefgründigen Themen machen ihn zu einem zeitlosen Klassiker. Zu seinen bekanntesten Werken zählen: „Hesperus“ (1795), „Flegeljahre“ (1804) und „Titan“ (1800–1803).

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