Jean Pauls „Hesperus oder 45 Hundposttage“ war 1795 ein Riesenerfolg für einen bis dahin kaum bemerkten Autor. Das Buch wurde verschlungen, der Dichter gefeiert.
Und heute? Ist dieser Roman noch lesbar oder vielleicht sogar mehr als das, eine Empfehlung? Gibt es noch andere Gründe als ein akademisches Interesse an der Literaturgeschichte, sich mit diesem dicken und (nur heute? oder auch schon damals?) nicht ganz einfach zu lesenden Roman zu beschäftigen?
Es gibt vieles, was dieses Buch heraushebt. Jean Paul war ein Autor des späten 18. Jahrhunderts, aber gleichzeitig war er auch einer der ersten modernen Dichter – zum Beispiel, weil er seine Geschichte nicht von einem allwissenden Erzähler, sondern von einer Figur vortragen lässt. Bei einem allwissenden Erzähler weiß niemand zu sagen, woher sein umfassendes Wissen stammt, während ein greifbarer Erzähler eine bestimmte Perspektive einnimmt. Alles geht von ihm aus, und bei Jean Paul läuft merkwürdigerweise auch noch alles auf ihn zu. Dieser zweite Umstand unterscheidet seine Bücher von praktisch allen anderen mit einer personalen Perspektive.
Im „Hesperus“ nennt sich der Erzähler „Berghauptmann“ und haust irgendwo auf einer Insel, die wir als Symbol seiner Einsamkeit verstehen müssen. Zum guten Ende im letzten Kapitel darf er schließlich auf die anderen Figuren treffen, deren Schicksale er zuvor erzählt hat. Damit er das überhaupt tun konnte, musste ein Hündchen in regelmäßigen Abständen zum buchstäblich isolierten Menschen schwimmen, ein Spitz, der Nachrichten vom Geschehen (die „Hundpost“) um den Hals hängen hat. Der Berghauptmann findet diese Nachrichten und erzählt nach ihnen seine Geschichte. Ohne irgendeine der handelnden Figuren zu kennen, ist er auf die Brocken angewiesen, die ihm sein unbekannter Korrespondent hinwirft.
Was uns geboten wird, ist also zum allergrößten Teil einfach nur das Werk seiner, des Berghauptmanns, blühenden Fantasie – es sind die Träume eines fiktiven Erzählers, der die Menschen, von denen er erzählt, gerne kennenlernen würde, um endlich seiner Einsamkeit zu entfliehen. Arno Schmidt wird für eine solche Art der Erzählung den Obertitel „Längeres Gedankenspiel“ finden, und das scheint ein sehr guter Ausdruck, auch, wenn wir an das Motiv des tatsächlichen Erzählers (des wirklichen Jean Paul, eines bis dahin quälend erfolglosen Autors) denken. Er wollte seiner Isolation entkommen…

Buchumschläge verschiedener Ausgaben
Auch bei einer sehr lebhaften Fantasie ist ein Gedankenspiel erst dann voll und ganz überzeugend, wenn der Autor eine ihm in allen Winkeln und Details bekannte Welt schildert. Im „Hesperus“ ist das der Haushalt des Dorfpastors Eymann mitsamt seiner Familie und Umgebung. Jean Paul war ein Kleinbürger, kein Adliger und auch kein Angehöriger des weiteren Umfelds eines Hofes, und so hatte er kaum eine Vorstellung davon, wie es dort zuging. Dafür könnte seine Schilderung eines halbdörflichen, halbkleinstädtischen Lebens realistischer, farbiger, lebendiger nicht sein.
Anders, als es uns der Untertitel sagt, besteht der Roman nur aus 44 Hundposttagen, nicht etwa deren 45, denn im 45. Kapitel darf der Erzähler tatsächlich seinen Figuren begegnen. Endlich einmal kein pudelnass anlandender Spitz mit Notizen um den Hals… Zu seinem größten Erstaunen erkennt der Berghauptmann, dass zuvor auch von ihm selbst die Rede war (er galt als der „verlorene Sohn“), und darf endlich alle möglichen Leute in die Arme schließen. So löst sich alles in Wohlgefallen auf. Es ist eine tolle Räuberpistole, die uns hier erzählt wird, und sie ist so kompliziert, dass ich mir nicht zutraue, sie kurz und einigermaßen verständlich zusammenzufassen. Es geht um einen englischen Lord, der im Hintergrund die Fäden zieht, um einen indischen, leicht sentimental angehauchten Weisen, und nicht zuletzt um Klothilde, die wir uns als sehr hübsch vorstellen sollen, so dass sich zwei der Hauptfiguren in sie verlieben… Und nicht eine Intrige, sondern deren mehrere! Es gibt auch einen „Klub“, in dem diskutiert und vielleicht sogar ein Umsturz ins Auge gefasst wird. Schließlich befinden wir uns im Zeitalter der französischen Revolution, und so fliegt irgendwann – aber ziemlich folgenlos – ein Pulverturm in die Luft.
Uns interessiert weder die Politik noch überhaupt das äußere Geschehen, uns interessiert, wie wir den Erzähler Jean Paul verstehen sollen. Ist die Erzählerfigur, die sich kommentierend einmischt, wirklich eine fiktive Gestalt, oder ist der Berghauptmann einfach nur die Person Jean Paul Friedrich Richter, ist er der wirkliche Autor? Immerhin unterschreibt er die Vorrede mit „Berg-Hauptmann Jean Paul auf St. Johannis“. Da ist es schon fast unvermeidlich, dass die Kritik eines Jean Paul-Romans eigentlich dem Autor selbst gelten soll. Schließlich können doch nicht einmal die Romanfiguren zwischen Autor und Erzählerfigur unterscheiden!
Ähnliches wie im „Hesperus“ vollzieht sich in den merkwürdigen Schlusskapiteln des allerersten Romans, der „Unsichtbaren Loge“. Dort heißt die Erzählerfigur Einbein. Zuvor Freund und Begleiter des Helden Gustav, ist Einbein im Finale nicht mehr nur teilnehmender Beobachter aus der Nähe, sondern (endlich!) Teil des Geschehens und kann deshalb in der ersten Person Plural erzählen: „So stumm waren wir alle die Terrasse hinuntergekommen […]. Die Gegend brannte im himmlischen Feuerregen um uns“. Auf vierhundert Seiten zuvor hatte er, obwohl als Erzieher des Helden doch nicht gänzlich aus der Welt, der Romanhandlung hinterhergeschrieben, aber endlich kann er „dem Himmel“ danken, „dass ich jetzt mit meiner biographischen Feder nachgekommen bin und niemals mehr weiß, als ich eben berichte“. In der Fiktion ist also der Zustand einer ganz direkten, ganz unvermittelten Authentizität erreicht, an die natürlich keiner seiner Leser je glauben mochte – schon deshalb nicht, weil ein Jean Paul niemals berichtet hat. Nichts hätte diesem Autor ferner gelegen als die nüchterne, ungeschminkte Wiedergabe eines ganz äußerlichen Geschehens.

Buchumschläge verschiedener Ausgaben
Seinen ersten Roman schrieb Jean Paul unter einem anderen Titel kurzerhand noch einmal, als er ihn nicht überzeugend zu abzuschließen wusste, und nahm unter anderem Namen das Personal gleich mit. So ist Fenk aus dem ersten Buch in Knef unbenannt, aber seine Funktion ist so ziemlich dieselbe – er ist der Korrespondent des Erzählers. In der „Unsichtbaren Loge“ schreibt Fenk nicht etwa an Einbein (der Entsprechung des Berghauptmanns), sondern an den wirklichen Jean Paul über Beata (die im „Hesperus“ Klothilde heißen wird), „die du gern in dein Leben und in dein Buch hineinhaben möchtest“. Und der Erzähler gibt daraufhin zu, er wolle wohl wirklich „selber der Held dieser Lebensbeschreibung“ werden. Denn eben das ist der Sinn einer solchen Konzeption. Einbein geht es darum, „daß in kurzem das Leben dieser Personen mit meiner Lebensbeschreibung davon Hand in Hand gleichzeitig gehen werde – –“. Wie wir eben gesehen haben, hat das dann ja auch geklappt. Später schreibt er – auch, um dem Leser seine Absichten ins Gedächtnis zu rufen: „Erstlich bin ich zwar ein Jahr hinter Gustavs Leben zurück; aber in acht Wochen gedenk‘ ich solches geschrieben zu haben“. Es ist also wirklich dieselbe Konzeption in beiden Romanen; und es ist allein die Frage, ob eine solche Konzeption heutige Leser noch ansprechen kann.
Unter diesen Umständen musste es notwendig so sein, dass nicht nur innerhalb des Buches die Grenzen zwischen Autor und seinen merkwürdigen Insel-Helden verwischt wurden, sondern sich auch für die Leser vermengten, und die einerseits extrem metaphorische, andererseits sprunghafte, von zahllosen Assoziationen durchsetzte Erzählweise tat ein Übriges.
Jean Pauls Romane und Erzählungen waren nicht allein den Bewunderern Goethes zu bildertrunken, sondern vielen auch zu sentimental – und dabei war es doch seine (allerdings gelegentlich dick oder sogar zu dick aufgetragene) Empfindsamkeit, die für seine Popularität bei der Damenwelt sorgte. Eigentlich also zwei – mindestens zwei – gegenläufige Tendenzen, eben einerseits „Dampfbad der Rührung“, andererseits „Kühlbad der frostigen Satire“, mit der er selbst gegen die Rührseligkeit ansteuerte. Einige Jahre später widmete er dem Kampf gegen die Sentimentalität sogar ein ganzes Buch, die nach ihrem zynischen Helden benannte Satire „Dr. Katzenbergers Badereise“ (1809).
Schon lange vor Jean Pauls Erfolgen gibt es nüchtern angelegte Autoren, die sich gegen eine übertriebene Sentimentalität wehrten. Einer der prominentesten ist der Göttinger Autor Georg Christoph Lichtenberg, der sich in einem „Natürliche und affektierte Handlungen“ betitelten Büchlein, in dem er eine satirische Serie des Kupferstechers Daniel Chodowiecki kommentiert, an der übertriebenen Zuschaustellung von Gefühlen stört. „Sprecht durch diese Empfindung“, schreibt Lichtenberg, „so viel ihr wißt, aber plaudert von diesen Empfindungen sowenig als möglich“.
Wenige Jahre vor Lichtenberg deutet ein noch recht junger Dichter, dem Empfindsamkeit keinesfalls ganz und gar fremd war, das Verhalten eines hübschen Mädchens als gegen affektierte Empfindsamkeit gerichtet. Lotte ist die Herrin eines Gesellschaftsspiels, während dessen sie die Teilnehmer gelegentlich ohrfeigt – und zwar recht heftig. Sind Ohrfeigen nicht wirklich ein ganz gutes Mittel gegen Sentimentalität? Denn diese kann Werther – wir nehmen seine Abneigung kurzerhand als die seines Schöpfers – keinesfalls leiden, und deshalb sagt er nur kurz zuvor über seine eigenen Worte, es sei „alles garstiges Gewäsch, was ich da von ihr sage“.
„Der Autor“, sagt ihrerseits Lotte, „ist mir der liebste, in dem ich meine Welt wieder finde, bei dem es zugeht wie um mich, und dessen Geschichte mir doch so interessant und herzlich wird als mein eigen häuslich Leben“. Entsprechend schreibt Jean Paul eingangs des „Hesperus“, er „finde die beste Welt bloß im Mikrokosmus ansässig“. An die Höfe, und seien es nur die in irgendeinem winzigen Fürstentum, zog ihn überhaupt nichts. Er wollte der Kleinbürger bleiben, als der er in die Welt aufgebrochen war, und fand (oder erfand) sogar das Wort für die tiefste und abgelegenste aller Provinzen, den „Krähwinkel“. Das Leben im Krähwinkel finden wir in seinen Erzählungen und Romanen in einer ganz unglaublich lebenswahren Form beschrieben – besser als bei jedem anderen Autor seiner Zeit.

Buchumschläge verschiedener Ausgaben
Zurück zu den Ohrfeigen! Je älter Jean Paul wurde – vergessen wir nicht: der „Hesperus“ war ein Jugendwerk –, desto mehr liebte er Prügeleien, von denen es in seinen späten Schriften mehrere gibt. Geschildert werden sie von einem Sprachvirtuosen mit Faible für den Slapstick. Werfen wir einen Blick auf die Prügelei, die Dr. Katzenberger in der nach ihm benannten Erzählung anzettelt. Dieser liebenswürdige Herr unternimmt seine Reise ja nicht zuletzt deshalb, weil er gern einen missgünstigen Rezensenten seiner Schrift „de monstris epistola (Sendschreiben über Mißgeburten“ ordentlich durchprügeln möchte. Sein Kritiker allerdings entpuppt sich als sanftes Männchen, und so kommt es zwischen den beiden zu keinen Gewalttätigkeiten.
Aber zuvor hat Katzenberger einen Handel mit einem Apotheker, der dem Freund und Erforscher aller Monstren einen ausgestopften Hasen mit acht Läufen zu verkaufen hat. Dieser Hase gleicht ein wenig einem seinerzeit bekannten Tier aus einem französischen Kuriositätenkabinett, wie uns eine der vielen merkwürdigen Fußnoten verrät, und es konnte etwas, das in der Epoche der Postkutschen den Reiseverkehr im Gang hielt: An Relaisstationen ließen die Reisenden ihre abgehetzten Pferde ausspannen, und ausgeruhte Tiere sorgten für die Weiterfahrt. Der Wunderhase nun konnte sich selber, wie ein Bratenwender, „umdrehen und auf die vier Relais-Läufe werfen […], um auf ihnen frisch weiterzureisen, während die vier ausgespannten in der Luft ausruhten und selber ritten.“ Katzenberger ist ja gerade in einer solchen Kutsche unterwegs. Man sieht, wie der Witz weniger das Geschehen als vielmehr dessen Schilderung zusammenhält.
Herr Dr. Katzenberger, als Gourmet ein Liebhaber von Spinnen (er isst sie gern auf Brot) und dazu Sammler von Missgeburten aller Art, ist kein ehrlicher Käufer, sondern scheut vor keinem schmutzigen Trick zurück, um den Hasen für billiges Geld zu bekommen – unter anderem befiehlt er, „aus dem Wagen springend, die Türe offen zu lassen und, sobald er gelaufen käme, fliegend mit ihm abzurennen.“ Und das soll dann ja auch wirklich wichtig werden, denn es schließt sich eine Prügelei an: „Der Apotheker ging auf ihn mit einer langen Papierschere los, sie, wie ein Hummer die seinigen, aufsperrend; – Katzenberger indes hob ihn bloß mit dem Skalpier-Stock leicht eine Vorstecklocke aus; – der Provisor schnellt eine der feinsten chirurgischen Splitterscheren ab, die zum Glück nur in den langen Ärmel weit hineinfuhr“. Und so weiter. Es wird tatsächlich mit Lust geprügelt und mit noch größerer Lust und erheblicher Sprachgewalt geschildert – aber es gibt nicht einmal ein blaues Auge. Alles geht glimpflich aus, denn es handelt sich um eine Erzählung Jean Pauls.
Eine ordentliche Prügelei findet sich auch in dem letzten Roman Jean Pauls, in „Der Komet“, wenn der Held dieses Buches – fast schon eine Jesus-Figur, aber darüber im nächsten Beitrag mehr – dank seines allzu frommen Herzens auf den Gedanken kommt, ausgerechnet einem seiner erklärten Feinde eine Rolle Geld zukommen zu lassen. Er muss dafür über eine Leiter in ein Fenster einsteigen und wird natürlich erwischt. Und schon haben wir die „Schlacht bei Rom“ (Rom ist nur ein Dorf irgendwo in Süddeutschland, nicht etwa die italienische Stadt). Die sich anschließende Prügelei führt immerhin zu Nasenbluten, aber das für uns Interessante ist das Verhalten des zum Tross des Fürstapothekers gehörenden Hofstallmalers Renovanz, der nicht etwa seinem Brotherrn beisteht, sondern die Gelegenheit für eine Ölskizze nutzt. Ein Fenster der Gelegenheit! Seinem Pudel hat er eine Laterne umgebunden, um sich von dem Tier den Weg ausleuchten zu lassen, und als er zum Schauplatz der Prügelei kommt, hilft er, von dem Laternenlicht verzaubert, nicht etwa seinem Herrn, sondern stellt nur seine Staffelei auf:
Der „Maler wollte recht lange das köstliche Schauspiel festhalten, daß der Pudel, der sein Laternenlicht wie eine Leuchtkugel auf das Schlachtfeld warf, durch den tiefen Stand seiner Nachtsonne am Halse eine ungewöhnliche Beleuchtung auf alle gekreuzten kämpfenden Beine, so wie auf den Mittelgrund, den Häscher, fallen ließ: – etwas Schöneres war Renovanzen nie vorgekommen, noch auf keinem Gemälde.“
Nur beiläufig und vorausweisend: Beachten Sie bitte die gekreuzten Beine – ganz nebenbei weist die Sprache des Sprachmagiers Jean Paul auf das eigentliche Wesen des Helden hin, der im Roman tatsächlich wie Jesus geschildert wird. Das ist etwas, das insbesondere die einschlägige Forschung nicht wahrhaben will – warum eigentlich nicht? –, das aber nur mit großer Mühe überlesen werden kann. An dieser Stelle allerdings ist mir der Blick, den die Erzählung auf die Zeugen des Geschehens wirft, wichtiger. Verhalten sich Journalisten nicht wie Renovanz? Oder Romanciers, die sich zu einem Zeitgemälde anregen lassen? Wird hier nicht in der Karikatur das Problematische eines künstlerischen Verhaltens – auch das des Autors selbst! – aufgezeigt? Wir sehen, wie hintersinnig Jean Paul eine oberflächlich lustige Szene gestaltet –hinter oder in jedem Satz steckt unendlich viel.
Jean Paul zum 200. Todestag am 14. November 2025
Jean Paul hinterließ ein umfangreiches literarisches Werk, das heute als wichtiges Kapitel der deutschen Literaturgeschichte gilt. Sein Einfluss zeigt sich in der Arbeit vieler Autoren, die nach ihm kamen. Sein einzigartiger Stil und seine tiefgründigen Themen machen ihn zu einem zeitlosen Klassiker. Zu seinen bekanntesten Werken zählen: „Hesperus“ (1795), „Flegeljahre“ (1804) und „Titan“ (1800–1803).

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)
Kommentare powered by CComment