Allein schon die Lebensgeschichte von Juri Felsen, Autor des Romans „Getäuscht“, wäre ein Buch für sich: 1894 als Nikolai Freudenstein in Petersburg geboren, emigriert er 1918 nach Riga, lässt sich 1923 in Paris nieder und wird dort als Juri Felsen zu einem der führenden Schriftsteller seiner Generation.
Beeinflusst von Marcel Proust, James Joyce und Virginia Woolf steht er mit seinem Werk an der Spitze der europäischen Gegenwartsliteratur. Doch dann greift das Schicksal erbarmungslos zu. Die Deutschen besetzen Frankreich, Juri muss flüchten, denn er ist Jude. Er wird gefasst, inhaftiert, interniert, deportiert und 1943 in Ausschwitz ermordet.
Das also ist Juri Felsens tragische Lebensgeschichte. Traurig und trostlos ist auch die Geschichte, die uns der namenlose Ich-Erzähler in Felsens Roman „Getäuscht“ vermittelt. In Tagebucheinträgen, wie rauschhaft geschrieben, werden die Gefühle des Erzählers notiert und reflektiert, immer und immer wieder. Doch eigentlich ist es nur ein einziges Gefühl, das den Erzähler umtreibt und uns (meist) mitreißt: seine unerfüllte Liebe zu Ljolja, die er bei einer Bekannten kennen- und lieben lernt. Dies ohne jede Einschränkung, sogar Hassgefühle bedeuten ihm Liebe.
Erzählt wird dies alles laut Juri Felsens Zeitgenossen Georgi Adamowitsch mit „psychologischem Scharfblick“, wie uns die wunderbare Übersetzerin Rosemarie Tietze im Vorwort wissen lässt. Überhaupt: Das Vorwort ist eine Klasse für sich, führt uns ein in die Pariser Kulturszene nach dem Ersten Weltkrieg. Insbesondere die russischen Emigranten – hier vor allem die Literaten - sind es, von denen uns Tietze berichtet. Sie flohen nach der Oktoberrevolution und ließen sich in Paris nieder. 40.000 bis 50.000 sollen es gewesen sein, so die Übersetzerin.
Gerne hätte ich gleich – noch vor Beginn des Romans – das Nachwort von Dana Vowinckel gelesen. Doch nach dem zweiten Absatz habe ich die Augen wieder brav nach vorne gerichtet, an den Anfang des Buches. Denn: „Sie haben das Buch hoffentlich schon gelesen. Wenn nicht, hören Sie bitte hier auf zu lesen und kommen Sie nach der Lektüre vielleicht noch mal hierher zurück und lassen sich erklären, was ich meine.“ Also habe ich meine Neugierde gezügelt und dem Folge geleistet. Auch wir kommen später auf das Nachwort zurück…
Beginnen wir also am Anfang von „Getäuscht“. Das heißt, wir lesen uns erst einmal ein in den besonderen Stil des Autors, grooven hinein in diese komplexen Satzgebilde, in diese eigenwillige Prosa. Es lohnt sich, auch wenn der Protagonist nicht immer und unbedingt sympathisch ist, auch wenn uns seine Larmoyanz mitunter auf die Nerven geht und wir uns ärgern, weil er andere mögliche Lieben unbeirrt und unbelehrbar ausschlägt. Wie ein Wahnsinniger ist er fixiert auf seine große, nicht realisierbare Liebe zu Ljolja.
Wir wissen beim Lesen des Buches nie genau, in welchem Jahr wir uns befinden. Wir erfahren nur, die Tagebucheinträge beginnen an einem 7. Dezember. Die nicht festgelegte Zeit, das „Nichtzeitliche“ entspricht sinngemäß den ersten Worten des Romans, die da lauten: Für mich ist alles Äußerliche – Verabredungen, Bekanntschaften, Zeiteinteilung – lästig und langweilig […]. Wir dürfen aber annehmen, es handelt sich bei den Tagebuchaufzeichnungen um einen Rückblick. Denn: In den Jahren der Liebestrunkenheit und unablässigen Eifersucht – einer gierigen, raschen, doch zu besänftigenden und leicht vergebenden Eifersucht – war ich innerlich wohl aufgeschlossener […].
Noch bevor der Ich-Erzähler in der Gegenwart ankommt, Ljolja kennenlernt, ist er aufgrund der Erzählungen seiner Bekannten über Ljolja sicher, dass diese ihm irgendwie vorbestimmt sei. Auch sie werde ihn unbedingt wählen. Er malt sich aus, wie er Ljolja begegnen wird. In ihr sieht er die Lösung, das Ende einer ausgedehnten öden Phase und den Beginn einer großen Liebe. Ein ununterdrückbarer Glaube an die Liebe treibt ihn an und um. Er weiß und berichtet uns schon zu Anfang der Tagebucheintragungen von seiner unglücklichen Eigenschaft, allzu sehr von Frauen abzuhängen. Ablenkung von diesen Gedanken, Erholung von geschäftlichen Umtrieben, von Liebessorgen und Rückerinnerungen bringt ihm das Schreiben an einem Roman, den er mit sechzehn erdacht hat. Dieser Roman bedeutet ihm seitdem Entspannung und Bewusstlosigkeit. Das (gedankliche) Schreiben an diesem Roman lenkt ihn immer wieder ab von der Realität, von bewussten Dingen - auch von jenen, die bewusst zu machen wären. Zum Beispiel, dass seine unerschütterliche Liebe zu Ljolja nicht realisierbar ist…
Endlich ist es soweit: Mit dunkelroten Rosen wird Ljolja von ihm am Bahnhof erwartet. Sie sollten das Erste sein, was Ljolja aus dem imaginären Leben ins reale überführte […].Das reale Leben mit der endlich Angekommenen, die wie angekündigt im Hermelinkragen und blauen Mantel auftauchte und so, wie er sie sich jahrelang vorgestellt hatte: ein ungewöhnlich bleiches, wie überpudertes Gesicht, Augen, puppenähnlich aufgrund ihres porzellanhaften Blautons und ihrer langen, sich schwer senkenden Wimpern […].Vielleicht ist all dies, was uns Juri Felsen erzählt, wirklich geschehen – vielleicht aber auch nicht. Im Roman jedenfalls beginnt für den Erzähler mit dem Eintreffen der Angebeteten eine neue, andere lange Zeit der Unruhe. Ob wir uns von dieser Unruhe, von seinen Gefühlen, seinen Verdächtigungen, Liebes-, Wut- und Hassanfällen mitreißen lassen, liegt ganz im Auge des Betrachters, also des Lesers. Sein ungewöhnlicher Stil, die langen unbewusst wirkenden Gedankenflüsse Juri Felsens sind in meinen Augen faszinierend-fesselnd!
Zurück – wie versprochen – zum Nachwort von Dana Vowinckel. Juri Felsen habe es geschafft, das Buch der Stunde zu schreiben, meint sie. Beinahe hundert Jahre sei es in Vergessenheit geraten. Das sei allein schon deshalb tragisch und ungerecht, wenn man bedenke, wie vielen Menschen die Lektüre dieses Romans dadurch verwehrt worden sei „und dass sein Autor, auf Augenhöhe mit seinem Zeitgenossen Nabokov und avisierter Nachfolger Prousts, in Auschwitz ermordet wurde, als er nur 49 Jahre alt war, anstatt zum Weltstar der Literatur zu werden.“ Nach „Getäuscht“ hat Felsen noch zwei Romane veröffentlicht: „Glück“ (1932) und „Briefe über Lermontow“ (1936). Prosafragmente erschienen in Zeitschriften. Vollenden konnte er kein weiteres Buch. Am 11. Februar 1943 brach der Eisenbahnkonvoi Nr. 47 mit Juri Felsen und Hunderten weiterer Juden aus Paris auf. Noch am Tag der Ankunft wurde Juri Felsen ermordet.
Juri Felsen: Getäuscht
Aus dem Russischen übersetzt von Rosemarie Tietze
Kiepenheuer und Witsch Verlag
Roman, Gebunden, 272 Seiten und eBook
ISBN: 9783462006315
Weitere Informationen (Verlag)

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