Literatur

Eine Ausstellung im Lübecker St. Annen-Museum macht die Besucher mit der Thematik und dem historischen Umfeld eines großen Romans vertraut, mit Heinrich Manns „Der Untertan“.

Verantwortet wird die Schau vom Buddenbrookhaus, das in diesen Tagen umgebaut wird und deshalb auf ein Ausweichquartier angewiesen ist.

 

Die Veröffentlichung des satirischen Romans war 1914 schon weit fortgeschritten, als der Ausbruch des 1. Weltkrieges seinem Erscheinen ein Ende setzte. Vielleicht ein Grund (nicht der einzige!) für den gewaltigen Erfolg, den Autor und Buch gleich nach Kriegsende feierten. Heinrich Mann hatte zuvor mit „Professor Unrat“ und später mit „Henri Quatre“ noch andere Erfolge – künstlerisch wie verlegerisch –, aber bis heute ist sein Name besonders mit diesem Buch verbunden. Zwar ist „Der Untertan“ nicht mehr als nur ein Teil einer Trilogie, aber die beiden anderen Romane, „Die Armen“ (1917) und „Der Kopf“ (1925: ein Buch über Intellektuelle), fanden nie wirklich Anklang und wurden und werden bis heute von der Kritik als weitaus weniger gelungen angesehen. Es kommt auf den „Untertan“ an, nicht auf die beiden anderen Bücher.

 

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Möglich, dass ursächlich für den Erfolg zunächst weniger die künstlerische Gestaltung des Buches war als vielmehr die boshafte Darstellung des Kaisers, dem großen Vorbild Diederich Heßlings. Uns heutigen kommt die soziale und liberale Tendenz des Buches entgegen, denn Mann stellt die Ausbeutung der Menschen in der Fabrik Diederich Heßlings, seiner Haupt- und Titelfigur, kenntnisreich und anschaulich dar. Auch entspricht seine Darstellung des Antisemitismus und besonders die Bloßstellung der spießbürgerlichen Doppelmoral heutigen Ansichten. Aber entscheidend, ja viel, viel wichtiger für den Erfolg ist doch die Titelfigur, der Untertan, der dem Leser nicht allein anhand seiner teils ausgesprochen schäbigen Taten, sondern noch mehr mit seinen schneidigen Sprüchen lebhaft vor Augen gestellt wird. An Diederichs „Blitzen“, an seine Imitation Wilhelms II., erinnert sich jeder Leser. Am Ende eines jeden Kapitels ist Diederich seinem Idol ein klein wenig ähnlicher, bis er ganz am Ende des Buches einem Sterbenden als der Leibhaftige erscheint:

„Da erschrak er, als sei er einem Fremden begegnet, der Grauen mitbrachte: erschrak und rang nach Atem. Diederich, ihm gegenüber, machte sich noch strammer, wölbte die schwarzweißrote Schärpe, streckte die Orden vor, und für alle Fälle blitzte er. Der Alte ließ auf einmal den Kopf fallen, tief vornüber fiel er ganz, wie gebrochen. Die Seinen schrien auf. Vom Entsetzen gedämpft, rief die Frau des Ältesten: ‚Er hat etwas gesehen! Er hat den Teufel gesehen!‘ Judith Lauer stand langsam auf und schloß die Tür. Diederich war schon entwichen.“

 

Nach dem 2. Weltkrieg fand Diederich Heßling in Werner Peters eine perfekte Verkörperung – wer den DEFA-Film von 1951 gesehen hat, wird bei der Lektüre des Romans immer an ihn denken müssen.

Dieser Hauptfigur wegen würde ich auch zögern, das Buch „aktuell“ zu nennen. Wenn Charakterlosigkeit und Opportunismus immer Möglichkeiten des Menschen sind und bleiben werden (und eben das ist ja wohl zu befürchten…), dann ist das Zeitkolorit nur Zugabe und Einkleidung. Heßlings Demütigung eines jüdischen Mitschülers entspringt ja gar nicht einem Antisemitismus, sondern einfach nur der Sucht zu gefallen – seinen Mitschülern wie seinen Lehrern. Solche Leute wie Diederich Heßling hat es immer gegeben, und es wird sie auch immer geben. Und umgekehrt sind sogenannte Querdenker und Influencer doch eher das Gegenteil eines Untertanen und eine Erscheinung, die es in früheren Zeiten kaum hätte geben können.

 

Die Ausstellung ist in allen ihren Teilen darum bemüht, einerseits das Zeitkolorit abzubilden, andererseits die Aktualität des Romans darzustellen. Zum Beispiel zeigen Überschriften aus aktuellen Zeitungen, in Fraktur gesetzt, problematische Entwicklungen auf dem deutschen wie dem internationalen Arbeitsmarkt und demonstrieren damit eine gewisse Nähe der heutigen Verhältnisse zum Kaiserreich.

 

In der Vorbereitung dieser Ausstellung gab es einen Schreibwettbewerb für Schüler, die allesamt die Nähe der im Roman beschriebenen Verhältnisse zu unserer Gegenwart betonen. Die kurzen Aufsätze bilden den Inhalt einer Zeitung, die von jedem Besucher der Ausstellung mitgenommen werden darf. Sie wurde „Neue Netziger“ genannt wie das im Roman beschriebene Blatt.

 

Wie es in Heßlings Fabrik zugegangen sein könnte, demonstrieren Fotos, in denen man sehen kann, wie in Papierfabriken Lumpen ausgekocht und in einem „Holländer“ weiterverarbeitet wurden. Eine ausgesprochen gesundheitsschädliche Tätigkeit, die Milzbrand hervorrufen konnte. Andere Teile der Ausstellung stellen Orte der Handlung nach, zum Beispiel den Ratskeller, in dem Diederich Heßling bei viel Bier um seinen gesellschaftlichen Aufstieg kämpft.

 

Die Ausstellung ist in allen ihren Teilen darum bemüht, den satirischen Ton des Buches aufzugreifen. Im Buch wie später im Film ist die erste Begegnung zwischen Guste und Diederich besonders eindrucksvoll. Sie treffen sich in einem Zug, und er macht ihr ein ziemliches freches Kompliment, indem er die Finger der vollschlanken Dame mit den Würstchen vergleicht, die sie eben verzehrt. Die Bemerkung, die eine heutige Feministin empört (es geht ja beide Mal um das Fleisch…), macht auf Guste aber keineswegs einen schlechten Eindruck. Im Gegenteil, sie fühlt sich sogar geschmeichelt. Und schließlich heiraten sie einander. In der Ausstellung wird tatsächlich unter Glas ein Paar Würstchen präsentiert, bei deren Umfang eine Verwechslung mit den Fingern einer Dame allerdings eher unwahrscheinlich ist.

 

Wesentliches Element des Designs sind die Farben der reichsdeutschen Fahne, so dass die dicht zugestellten Räume rot, weiß und schwarz gegliedert sind. Diese Gestaltung der Ausstellung durch Anna Bandholz und Astrid Becker („drej Szenografie und Design“) ist sehr gelungen. Andere Elemente – etwa die Hinweise auf die Arbeit in einer Papierfabrik – sind belehrend und interessant. Aber wir wollen eines nicht vergessen: Ein Buch als Literatur kann nur auf eine einzige Weise zugänglich werden: In der eigenen Lektüre, die in diesem Fall bis heute ebenso belehrend wie erfreulich unterhaltend ist.


Der Untertan. Über Autorität und Gehorsam

Zu sehen bis zum 31.03.2023 in den Räumen des St. Annen-Museum, St. Annen-Straße 15 in 23552 Lübeck

Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10 - 17 Uhr

Weitere Informationen (Homepage Buddenbrook Haus)

 

Heinrich Mann: Der Untertan

Reclam 2021

686 Seiten

ISBN 978-3150193600

Mehr Informationen zum Buch erhalten Sie außerdem unter www.deruntertan.de.

 

 

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