Literatur
Dirk C. Fleck: Feuer am Fuß19

KulturPort.De löscht heute mit der letzten Folge des Romans von Dirk C. Fleck das Feuer am Fuß. Die Inhalte und Themen der Trilogie: „Das Tahiti-Projekt“, „Maeva“ und „Feuer am Fuß“ bleiben uns unter Garantie jetzt und auch zukünftig erhalten. In den vergangenen Jahren definierte sich Fleck weder als Prophet, der Erfüllung sucht, noch als Scharlatan. Er spielt vielmehr – ausgehend von Realitätsbezügen – die wir gemeinsam mit dem Autor in den Faktenkästen jeweils am Ende Romans den Lesern zur Verfügung stellten, mit möglcihen Wirklichkeiten. Wir wollten einen Einblick in die Arbeitsweise Dirk C. Flecks geben, sowie seine historischen und aktuellen Bezüge sichtbar machen, um den realen Kontext besser verorten zu können. Claus Friede

Das Orpheum Theatre befand sich an der UN-Plaza zwischen Hyde Street und Market Street und bot Platz für zweitausendzweihundertdrei Besucher. Es war im letzten Jahr aufwendig renoviert und um einen Rang erweitert worden. Cording und Knowles hatten Ehrenkarten, die ihnen Zutritt zu den Logen gewährten, welche ansonsten den Mitgliedern des Ökorats und ihrem Gefolge vorbehalten waren. Ein Stimmrecht hatten diese Leute nicht, das lag allein bei den Gewinnern der „Penalty Lottery”, die aufgekratzt durchs Foyer in den Zuschauerraum drängten, wobei sie vor den Zugängen einer Leibesvisitation unterzogen wurden, was der guten Stimmung jedoch keinen Abbruch tat. Die Kollegen aus Indien, China und Brasilien hatten sich ebenfalls schon hinein begeben.
„Merkwürdig”, brummte Knowles, als eine Gruppe junger Mädchen lachend an ihnen vorbei hüpfte, „von der Lethargie, die da draußen herrscht, kann hier nun wirklich nicht die Rede sein. Vielleicht hat man den glücklichen Gewinnern ja mal was Vernünftiges zu essen gegeben…
Cording mochte den schrulligen Mann, der vor dreißig Jahren mit seinem Buch „Bush-Fire” eine Debatte um die wahren Hintergründe des Terroranschlags auf das World Trade Center angestoßen hatte und damit zur Ikone der „ReThink 9/11”-Bewegung geworden war. Inzwischen verband ihn mit dem ehemaligen Spitzenreporter und jetzigen Kolumnisten der New York Times eine dreizehn Jahre währende Freundschaft, wenngleich sie sich seit Maevas Entführung nicht mehr gesehen hatten.
„Ich werd dann mal”, hörte er Knowles sagen. „Viel Spaß mit der Ministerin. Mein Gott, wie ich Sie beneide…” Er blinzelte Cording schelmisch zu und verschwand in der Menge.
Das Foyer hatte sich weitgehend geleert. Ein zweites Klingelsignal forderte dazu auf, die Plätze einzunehmen. Cording überlegte, ob er gehen sollte, als Tanith Agosta mit wehendem Mantel auf ihn zustürmte.
„Tut mir leid”, sagte sie noch ganz außer Atem, „normalerweise bin ich pünktlich.” Sie lachte, nahm ihn bei der Hand, warf den Mantel im Vorbeigehen auf den Tresen der Garderobe und verschwand mit ihm im Fahrstuhl.
„Gut sehen Sie aus, Mister Cording.”
„Sie auch”, gab er das Kompliment zurück.
ECOCAs Informationsministerin war zur Feier des Tages in einem burgunderroten, eng anliegenden kurzen Kleid erschienen. Als er hinter ihr die Loge betrat, riskierte er einen Blick auf ihre schlanken Beine, die sich wahrhaftig sehen lassen konnten. Kurz, nachdem sie sich gesetzt hatten, erlosch das Licht. Drei Scheinwerfer warfen ihre weißen Kegel auf den geschlossenen roten Samtvorhang, auf dem ein golddurchwirktes Mandala in Form einer sich von innen entfaltenden Rosette prangte, aus deren Mitte zwölf Sonnenstrahlen züngelten. Es herrschte eine gespenstische Stille unter der tiefblauen Decke, in die Hunderte eingelassener Lämpchen wie Sterne aus einer fernen Galaxie funkelten. Wer sich räuspern musste, versuchte, es so gut es ging zu unterdrücken. Aus dem Off ertönte die Stimme des Angeklagten Obama, der sich im Ton eines Erweckers an das amerikanische Volk wandte:
„Meine lieben Landsleute,
wir leben in Zeiten großer Veränderungen. Die amerikanische Führungsrolle ist die einzige Konstante in dieser unsicheren Welt, sie ist die einzig verbliebene Hoffnung. It is America, es ist Amerika, das die Kraft und den Willen hat, die Welt für den Krieg gegen den Terrorismus zu mobilisieren. It is America, es ist Amerika, das die Welt gegen die russische Aggression zu einen vermag und welches das ukrainische Volk bei seinem Willen unterstützt, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. It is America, es ist Amerika – unsere Wissenschaftler, unsere Ärzte, unser Know-how – das helfen kann, mit der schrecklichen Ebola-Seuche fertig zu werden. It is America, es ist Amerika, das die syrische Führung dazu gebracht hat, seine chemischen Waffen zu vernichten, sodass sie in Zukunft weder ihr eigenes Volk noch die Welt damit bedrohen kann. Und es ist Amerika, das den muslimischen Gemeinschaften auf der ganzen Welt dabei hilft, nicht nur den Kampf gegen den Terrorismus aufzunehmen, sondern nach Möglichkeiten zu suchen, bessere Alternativen und somit eine hoffnungsvollere Zukunft zu finden. Amerika ist ein Segen für die Welt. Wir sind uns der Verantwortung bewusst, auch wenn sie schwer auf uns lastet. Aber als Amerikaner begrüßen wir die Aufgabe, die Welt zu führen. Von Europa bis nach Asien, von den Weiten Afrikas bis zu den vom Krieg gebeutelten Hauptstädten des Nahen Ostens stehen wir für Freiheit, für Gerechtigkeit und für die Würde des Menschen ein. It is America…”
Das Leute im Publikum schienen nicht recht zu wissen, wie sie auf die Worte reagieren sollten, denen sie im Dunkel ausgesetzt waren. Freiheit, Gerechtigkeit und Würde hätten sich die Bürger ECOCAs wohl auch gewünscht. Und was den Führungsanspruch Amerikas anging, mein Gott, sie waren Amerikaner. Führung war allemal besser als Unterwerfung. So in etwa deutete Cording das Schweigen, von dem er sicher war, dass es den Machthabern des Ökostaates übel aufstieß. Er sah die Verantwortlichen dieser Inszenierung schon darüber streiten, ob das der richtige Einstieg in das Schauspiel war.
Aus dem Mienenspiel seiner Sitznachbarin ließen sich keine Rückschlüsse ziehen. Tanith Agosta blickte konzentriert nach vorne, wo sich der Vorhang langsam öffnete. Die Bühne konnte man nur erahnen. Sie erhellte sich aber schlagartig, als ein ohrenbetäubender Knall das Theater erfüllte und rundum Scheinwerfer aufflammten. Aus dem Trockeneisnebel, der über die Bühne waberte, schälte sich der auf einem Podest stehende hölzerne Stuhl mit seiner typischen, bis zum Kopf reichenden Rückenlehne heraus, auf dem die Angeklagten der Schauprozesse präsentiert wurden. Auf dem Stuhl, das wurde immer deutlicher, saß ein hagerer älterer Herr, die Augen hielt er geschlossen, wie man auf den Screens links und rechts der Bühne erkennen konnte, die sein Gesicht nun in Großaufnahme zeigten. Cording erschrak, als er in das hagere, von Falten durchfurchte Antlitz Obamas blickte. Die Ohren des ersten farbigen US-Präsidenten schienen auf das doppelte ihrer ursprünglichen Größe angewachsen zu sein, sein gekräuseltes Haupthaar war schütter geworden und von schmutzig grauer Farbe.
Jetzt hatte der Staatsanwalt seinen Auftritt. Er stolzierte wie ein Pfau aus den Kulissen und baute sich an der Rampe auf, wobei er seine glänzende rote Robe lässig zurechtrückte. Cording hatte schon beim Prozess gegen die Ball-Brüder den Eindruck, dass es sich bei den bestellten Anklägern um Schauspieler handelte, die bestimmten ästhetischem Vorgaben entsprachen, als müsse das Recht in ECOCA jugendlich-dynamisch und gut gebügelt daherkommen.
„Wie ist Ihr Name, Angeklagter?”, fragte der Staatsanwalt mit übertrieben lauter Stimme, wobei sein Blick triumphierend über die Ränge streifte.
„President Obama”, antwortete der Mann auf dem Stuhl.
„Den ganzen Namen bitte, Mister Obama.”
„President Obama”, korrigierte der Angeklagte mit erstaunlich fester Stimme. „Die Anrede lautet President Obama. In Amerika ist es üblich, dass die Expräsidenten weiterhin mit President angeredet werden. Das dürfte Ihnen bekannt sein.”
„Ach so…”, rief der Staatsanwalt, wobei er Obama noch immer den Rücken zukehrte. Er begriff sich im Augenblick eher als Animator des Publikums, das sich noch zu keiner Unmutsäußerung hatte hinreißen lassen. „Sie bestehen also darauf, weiterhin Präsident genannt zu werden. Na, da fragen wir doch mal die Menschen in diesem Theater, von denen 2009 wohl eine beträchtliche Zahl für Sie gestimmt haben dürfte. Jedenfalls diejenigen unter ihnen, die älter als fünfundvierzig Jahre sind. Was meinen Sie? Hat dieser Mann Ihrer Meinung nach noch das Recht, sich Präsident zu nennen?”
Die Buhrufe waren zu erwarten, der Staatsanwalt animierte die Leute ja dazu, indem er ihren Unmut mit den Händen förmlich aus dem Parkett auf die Bühne schaufelte. Auf dem ersten Rang begannen Jugendliche ein rhythmisches „NO! NO! NO!” zu skandieren. Ihr Ruf breitete sich wie eine Welle im Theater aus, was es dem Staatsanwalt endlich erlaubte, sich dem Angeklagten zuzuwenden.
„Ich glaube, das war klar genug”, sagte er süffisant. „Also noch einmal. Name, Alter, Geburtsort. Aber bitte vollständig.”
Der Mann auf dem Stuhl gab sich geschlagen. „Mein Name ist Barack Hussein Obama, geboren 1961 in Honolulu, Hawaii. Ich war der vierundvierzigste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.”

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Videos:
Pink - live in NYC - Dear Mr President - Flash Mob last song
https://www.youtube.com/watch?v=zgcrJwmpzBM

ZITAT
Der völlige Verzicht auf Hoffnung ist das, was das Unheil nur beschleunigen kann. Eines der Elemente, die das Unheil verzögern können, ist der Glaube daran, daß es abwendbar ist.
und der Leitspruch auf der Homepage des Hans Jonas-Zentrums e.V. in Berlin:
Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.
HANS JONAS (1903-1993), deutsch-amerikanischer Philosoph


Dirk C. Fleck wurde 1943 in Hamburg geboren. Nach dem Studium an der Journalistenschule in München volontierte er beim Spandauer Volksblatt in Berlin und war Lokalchef der Hamburger Morgenpost. Er war Redakteur bei Tempo und Merian, seit 1995 ist er als freier Autor für die Magazine Spiegel, Stern und Geo tätig und schreibt für die Welt und die Berliner Morgenpost. Er ist Autor des Öko-Thrillers Palmers Krieg (1992) sowie des Zukunftsromans GO! Die Ökodiktatur (1996), für den er den deutschen Science-Fiction-Preis erhielt. Dirk C. Fleck lebt und arbeitet in Hamburg.

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