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Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019

Bildende Kunst

Piet Mondrian Bilder

Wer schwarzumrandete Felder in Primärfarben sieht, muss unweigerlich an Piet Mondrian (1872-1944) denken.
Millionenfach auf Kalenderblättern reproduziert, haben die abstrakten Kompositionen des Holländers einen kaum zu übertreffenden Wiedererkennungswert. In der Ausstellung „Mondrian. Farbe“ im Bucerius Kunstforum in Hamburg sind die sattsam bekannten Inkunabeln der Moderne jedoch nur durch eine Handvoll Beispiele vertreten. Der überwiegende Teil der 51 Exponate umfassenden Ausstellung – und gerade das macht sie so spannend – zeigt einen völlig unbekannten jungen Maler, der seinen Weg in der Auseinandersetzung mit immer neuen Vorbildern sucht. „Mondrian vor Mondrian“ wäre auch ein passender Titel gewesen.

 

Verblüffend, was den Ausstellungsarchitekten in den oktogonalen Räumlichkeiten am Rathausmarkt immer wieder einfällt. Nun ist es eine große, graue Wand, die den Eingang versperrt, zumindest die Sicht ins Innere. Der Besucher muss erst einmal eine Einführung, sowie die ausführliche Biografie des Künstlers lesen, ehe er einen Blick auf die Bilder werfen darf. Vielleicht wollte Kuratorin Ortrud Westheider auf diese Weise behutsam auf den chronologischen Rundgang vorbereiten, der sich anschließt und der für eingefleischte Farbfelder-Fans sicherlich ein kleiner Schock ist: Düstere grau-braune gegenständliche Landschaften mit Titeln wie „Frau und Bauernhaus in Achterhoek“ (1898/99), „Bauernhaus mit Wäsche auf der Leine“ (1898) oder „Apfelbäume und Hühner auf einem Bauernhof“ (1905) reihen sich hier dicht an dicht – kleinformatige Gemälde, die man Mondrian auf Anhieb nie hätte zuordnen können. Sie machen deutlich, dass der junge Maler kein „Revolutionär, sondern ein Evolutionär war“ (Westheider) und zu Beginn seiner Laufbahn noch tief in der jahrhundertealten Tradition niederländischer Malerei verhaftet.

Die Farbpalette erinnert stark an den frühen Vincent van Gogh, den frühen Max Liebermann, auch an die Schule von Barbizon – an all jene Landschaftsmaler, die sich Ende des 19. Jahrhunderts von den düsteren Erdtönen verabschiedeten, um das Licht und mit ihm die reine Farbe zu entdecken. Kurz nach der Jahrhundertwende war auch Mondrian so weit: Das „Scheunentore eines Gehöfts in Brabant“ von 1904 ist bereits auf Kuben und Flächen reduziert, bei der „Mühle von Oostzijdse“ (1907) und der „Flusslandschaft mit Baumreihe“ (1907) kommt eine klare Leuchtkraft in den Himmel, wie sie zuvor wohl nur van Gogh und Edvard Munch geschaffen hatten.

Piet Mondrian beschäftigt sich im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts intensiv mit Goethes Farbenlehre und setzt sich mit zahlreichen Vorbildern auseinander. Paul Cézanne, Cuno Amiet und Ferdinand Hodler sind nur drei von vielen. Das Mädchen mit roten Haaren (Devotie) von 1908 macht Einflüsse des Jugendstils sichtbar, der „Bauer aus Zeeland“ und das „Kleine Haus im Sonnenlicht“ (1909/1910), führen Mondrians Ausflüge in den Impressionismus und Pointilismus vor Augen.

Ein Jahr später, 1911, reist der Künstler erstmal nach Paris und lernt die Kubisten kennen. „Die rote Mühle“ von 1911 ist das Resultat dieser Begegnung: Keine prismatische Aufspaltung, sondern Konzentration auf die geometrische Form. Die Mühle erscheint als monumentaler Block, verfremdet durch die rote Farbe und starke Untersicht wird sie zum Symbol für die Verbindung von Himmel und Erde – und zum Anfang vom Ende der Gegenständlichkeit.

Seine Neigung zur Theosophie, die Verinnerlichung von Goethes Farbenlehre und die Grundsätze des Kubismus bilden schließlich Mondrians Parameter für jene berühmten schwarzen Gitter auf weißem Grund, die mit Primärfarben gefüllt sind. Die radikale Abkehr vom Gegenstand erfolgt nicht aus Begeisterung für den Konstruktivismus, wie Ortrud Westheider betont, sondern „um das Materielle zu überwinden und in eine ideelle Dimension vorzudringen“.
Wassily Kandinsky hatte schon 1911 seine programmatische Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ verfasst. In Mondrians Gitterbildern nimmt das Geistige vollendet Gestalt an.


„Mondrian. Farbe“
Zu sehen bis zum 11. Mai 2014 im Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, in 20095 Hamburg.
Geöffnet täglich von 11 bis 19 Uhr und Do. bis 21 Uhr.
Katalog: Hrsg. von Ortrud Westheider und Michael Philipp
Mit Beiträgen von Marty Bax, Susanne Deicher, Franz W. Kaiser, Monika Wagner, Ortrud Westheider und Michael White
208 Seiten mit farbigen Abbildungen der gezeigten Werke
Hirmer Verlag, München, Preis in der Ausstellung € 29 Buchhandelsausgabe € 45.


Abbildungsnachweis:
Header: Ausstellungsansicht "Mondrian. Farbe", Foto: Ulrich Perrey
Galerie:
01. Piet Mondrian: Komposition mit großer roter Fläche, Gelb, Schwarz, Grau und Blau, 1921, Gemeentemuseum Den Haag © 2014 Mondrian/Holtzman Trust c/o HCR International USA
02. Piet Mondrian: Komposition mit Blau und Gelb, 1932, Denver Art Museum © 2014 Mondrian/Holtzman Trust c/o HCR International USA
03. Piet Mondrian: Zeeuws(ch)e Kerktoren (Kirchturm in Zeeland), 1911, Gemeentemuseum Den Haag © 2014 Mondrian/Holtzman Trust c/o HCR International USA
04. Ausstellungsansicht "Mondrian. Farbe", Foto: Ulrich Perrey
05. Piet Mondrian: Dünenskizze in leuchtenden Streifen, 1909, Gemeentemuseum Den Haag © 2014 Mondrian/Holtzman Trust c/o HCR International USA
06. Ausstellungsansicht "Mondrian. Farbe", Foto: Ulrich Perrey

Piet Mondrian Werke sehen

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