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Bildende Kunst
Lesser Ury: Leichte Fieberanfälle. Dauerregen.

Lesser Ury gehört zu den frühesten deutschen Vertretern des Impressionismus – und ist dennoch ein „vergessener“ Künstler, der lange Zeit nur eine Randposition im öffentlichen und wissenschaftlichen Interesse eingenommen hat.
Der in Berlin lebende Autor und Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch hat sich Lesser Ury nun in einer neuen Biografie gewidmet, die das wechselhafte Leben des Künstlers kenntnis- und anekdotenreich illustriert.

Denkt man an den Künstler Lesser Ury, so kommen einem vielleicht als erstes seine Studien des Berliner Gesellschaftslebens um 1900 in den Sinn: Die zahlreichen Kaffeehausszenen, die er malte, das geschäftige Treiben der Menschen auf den Boulevards und Straßen, die Pferdekutschen, Omnibusse und Hochbahnen, die die aufstrebende Millionenstadt in ihrer wuseligen Emsigkeit auszeichneten, und die Lesser Ury von seinem Dachgeschossatelier am Nollendorfplatz, dem damaligen Herzstück des Vergnügungsviertels Berlins, beobachten konnte.
Oder aber man hat den Maler möglicherweise genau durch das Gegenstück seiner Arbeit kennengelernt: durch seine Blumenstillleben zum Beispiel, durch seine Landschaftsbilder der deutschen und italienischen Provinz, seine meisterliche Auseinandersetzung mit den Farbklängen und flirrenden Flächen, die auf dem Wasser tanzen.

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Ury selbst dagegen soll seine religiösen Monumentalbilder für das Beste gehalten haben, was er je gemalt habe: Mit seiner Hinwendung zu biblischen Motiven, die er als Teil seines Spätwerks in gewaltigen Kollosalkompositionen entwarf, suchte der jüdische Maler nicht zuletzt Anschluss an die zionistische Gemeinde, da so gut wie alle seine Werke von der zeitgenössischen Künstlerszene und Presse fast ausschließlich nur mit Kritik überschüttet wurden.

So oder so: Deutlich macht schon allein dieses Spektrum des künstlerischen Schaffens, in welchen spannungsreichen Konflikten sich Lesser Ury Zeit seines Lebens befunden hat. Unter seiner Berufung, die ihm zugleich Segen und Fluch ist, soll er dauerhaft gelitten haben; auch die „fieberhafte Unrast“, mit der er diverse Städte in Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien und England bereiste, immer auf der – meist vergeblichen – Suche nach Anerkennung seines Schaffens, zeichnen das unbeständige Leben des Künstlers aus.

Der aus dem brandenburgisch-polnischen Provinznest Birnbaum stammende Maler zog bereits in jungen Jahren mit seiner Familie nach Berlin, scheiterte aber zunächst mehrfach dabei, in der Großstadt Fuß zu fassen. Und auch nachdem Lesser Ury durch die Schule der Düsseldorfer Kunstakademie und der Académie Royale des Beaux-Arts in Brüssel gegangen war, nachdem er in Paris erste Eindrücke der neuen Kunstströmung des Impressionismus gesammelt hatte, die er dann nach Aufenthalten in Flandern, Stuttgart, Karlsruhe und München mit zurück nach Berlin brachte, selbst dann bleib ihm die öffentliche Wertschätzung seiner Kunst versagt.

Die Gründe seines Außenseiterdaseins sind aber nicht ausschließlich im Werk von Lesser Ury zu suchen. Schuld war auch das eigensinnige, eigenbrötlerische Verhalten von Lesser Ury selbst; der Maler galt als verschroben, allürenhaft und schroff und machte sich dadurch nicht gerade viele Freunde. Eine Auseinandersetzung mit dem einflussreichen Künstler Max Liebermann führte darüber hinaus dazu, dass dieser Lesser Ury aus allen relevanten Künstlervereinigungen der Zeit herauszuhalten verstand. Erst spät, fast am Ende seines künstlerischen Laufbahn, wurden dem Maler wichtige Ehrungen zuteil.

Diesem wechselhaften Lebensweg von Lesser Ury, das auch heute immer noch ein Schattendasein neben Vertretern des deutschen Impressionismus wie Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth führt, hat Kunsthistoriker und Kurator Boris von Brauchitsch nun eine ebenso aufschlussreiche wie amüsante Biografie gewidmet. Auf knapp 120 Seiten zeichnet der Autor die Lehr- und Reisejahre des Künstlers, sein inneres Ringen mit dem eigenen Schaffen und das nach außen getragene Antrotzen gegen die ihm wenig freundlich gesinnte Künstlergemeinde nach. Dabei kann Brauchitsch mit fundierter Kenntnis der Quellenlage und umfassendem Hintergrundwissen glänzen, das er im Textfluss immer wieder durch eingeschobene Anekdoten aufzulockern zu verstehen weiß. Übersichtlich in Lebensabschnitte und Schaffensperioden eingeteilt und mit zahlreichen Illustrationen angereichtert, ist die Biografie „Lesser Ury. Leichte Fieberanfälle. Dauerregen“ auch für fachfremde Leser höchst lesenswerte unterhaltsame Bildungslektüre, ohne jedoch belehrend zu sein.


Lesser Ury: Leichte Fieberanfälle. Dauerregen.
Boris von Brauchitsch
Verlag: Edition Braus; Auflage: 1 (20. Juni 2013)
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
ISBN-13: 978-3862280520

Bildnachweis: Detail des Buchcovers
Galerie: Buchcover

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