Bildende Kunst
Lisa Röing Baer: Ausstellungsansicht, Kunstverein Friedrichshafen, 2026. © Lisa Röing Baer/ Kunstverein Friedrichshafen: 2026, Fotograf: Dominik Dresel

Der Kunstverein Friedrichshafen zeigt bis zum 14. Juni 2026 eine Einzelausstellung von Lisa Röing Baer mit dem Titel „spark“.

 

Tankstellen sind zu Symbolen der Gegenwart, zu Schnittstellen zwischen Alltag und System geworden. Lisa Röing Baer präsentiert im Kunstverein Benzin-Zapfsäulen aus den Erfolgszeiten der Petromoderne, einer Zeit, in der Erdöl reuelosen Fortschritt, Mobilität und Freiheit versprach. Die Zapfsäulen wirken im Ausstellungsraum wie Wächter, als hätten sie die Aufgabe, eine Ordnung zu sichern, die bereits zu verschieben beginnt.

 

In ihnen verdichtet sich eine Vorstellung von Männlichkeit, die eng mit Energie, Kontrolle und Ressourcen verknüpft ist.

 

Gerahmte Fotografien verrücken diese Strukturen in den Bereich des Alltäglichen: Hände, die aus Autofenstern ragen, Zigaretten zwischen den Fingern. Ein kurzer Moment, ein beiläufiges Bild, und doch liegt in dieser Geste eine ähnliche Logik – der Konsum, die Wiederholung, die Abhängigkeit. Die Kamera befindet sich dabei im selben Dilemma wie das Geschehen. An den Bildrändern sind Teile des Autos erkennbar, aus denen heraus Röing Baer fotografiert. Sie ist Teil der Situation, eingebunden in die Dynamik von Mobilität und Verbrauch.

 

In einem Bildpaar treten zwei Hände in Beziehung, ohne sich zu berühren, bleiben auf Distanz und sind doch durch eine gemeinsame Geste verbunden. Der Blick wandert zwischen ihnen, sucht nach Halt, findet ihn kurz und verliert ihn wieder.

 

Spark_01_LisaRoingBaer_Hethoughtofwhathewasgoingtodo.jpg

 

Lisa Röing Baer fotografiert analog und entwickelt aus ihrem fortlaufenden Bildarchiv multimediale Ausstellungen, in denen Fotografien, Objekte und Texte in neue Zusammenhänge gesetzt werden. In ihren neuen Arbeiten untersucht sie, wie Systeme uns halten, selbst wenn wir ihre Brüchigkeit erkennen. Ausgangspunkt der Ausstellung ist ein Gefühl der Lähmung angesichts einer Welt im Wandel, in der das Bewusstsein für Krisen und das Fortsetzen vertrauter Gewohnheiten nebeneinander bestehen. Zwischen Bequemlichkeit, Betäubung und dem Versprechen von Zugehörigkeit entstehen Formen der Bindung an Systeme, die zugleich getragen und hinterfragt werden.

 

Der Wunsch nach Begegnungen, Berührungen und Verbindung setzt sich im oberen Stockwerk fort. Man findet sich an einem runden Stehtisch im Innenraum der Tankstelle, im Imbiss davor oder an der dazugehörigen Raststätte. Fein dekorierte Servietten geben einen Hinweis: „Of Human Bondage“ steht darauf. In Somerset Maughams gleichnamigen Roman verfolgt man das Leben von Philip, der jahrelang gegen jegliche Vernunft an seiner Liebe zur Frau festhält, die ihn kläglich behandelt. So wie die fragile Hand, die aus der Maschine Auto ragt und sich an den Glimmstängel klammert, das hoffnungsvolle Festklammern an einer schädlichen Beziehung.

 

In all diesen Situationen liegt aufgrund des schwelenden Gefahrenpotenzials der explosiven Mischung aus Zapfsäulen und Zigaretten eine enorme Spannung vor. Feuer wird bei Röing Baer zu offensichtlicher Bedrohung, aber gleichzeitig auch zu einem hoffnungsvollen Potenzial, das durch Zerstörung alte Strukturen auflösen kann. Ein disruptiver Moment des Aufbäumens, eines Umbruchs, in dem sich die Situation entzündet: spark.

 

Lisa Röing Baer studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Christopher Williams und schloss dort 2022 als Meisterschülerin ab. 2025 veröffentlichte sie ihre erste Monografie: „Der Boden knirscht unter meinen Füßen“ beim Kerber Verlag. Im selben Jahr zeigte sie die Einzelausstellung „Column“ im EIGEN ART LAB und nahm an der Gruppenausstellung „Perspektivwechsel“ im Stadtmuseum Düsseldorf teil. 2026 präsentierte sie ihre Monografie in der Kunsthalle Düsseldorf.


Lisa Röing Baer: spark

Zu sehen bis zum 14. Juni 2026 im Kunstverein Friedrichshafen e. V., Buchhornplatz 6, 88045 Friedrichshafen

Öffnungszeiten: Mittwoch–Freitag, 15–18 Uhr und Samstag, Sonntag und Feiertage, 11–17 Uhr

 

Zur Ausstellung präsentieren Lisas Röing Baer und der Kunstverein Friedrichshafen die Fotoedition „napkin“.

 

Das im Zuge der Ausstellung stattfindende Performanceprogramm ist gefördert im Rahmen des Literatursommers 2026 – einer Veranstaltungsreihe der Baden-Württemberg Stiftung (www.literatursommer.de)

Weitere Informationen (Kunstverein Friedrichshafen)

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Kommentare powered by CComment


Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.