Neben dem Monumentalgemälde von Werner Tübke im Bildsaal und dem Skulpturenensemble von Lotta Blokker auf dem Vorplatz verfügt das Panorama Museum über eine erlesene Sammlung bedeutender Werke gegenständlich-figurativer Kunst der Gegenwart von internationalem Rang, die über bald ein halbes Jahrhundert zusammengetragen wurde, ihr unikales Profil aber wesentlich seit den 1990er Jahren gewann.
Ziel der Sammlung ist, analog zum Museums- und Ausstellungskonzept des Hauses, eine künstlerische wie kunsthistorische Kontextualisierung des Werks von Werner Tübke.

Eingang des Panorama Museums in Bad Frankenhausen. Harzer Tourismusverband. Foto: © Thomas Zelmer, ZK-Medien. Lizenz: CC-BY
Folgerichtig stehen die Hauptmeister der „Leipziger Schule“, zu deren Begründern Werner Tübke zählt, im Mittelpunkt des Sammlungsinteresses. Mit knapp 450 Werken des Künstlers bewahrt das Panorama Museum eines der größten Konvolute seines Schaffens weltweit, gefolgt von nicht weniger bedeutenden Werkkomplexen weiterer führender Vertreter dieser „Schule“, darunter Rolf Münzner, Horst Sakulowski und Heinz Zander. Die internationale Dimension dieser künstlerischen Strömung wird durch herausragende Vertreter imaginativer, visionärer und fantastischer Kunst, aber auch durch Metaphysiker, Romantiker und Realisten aus ganz Europa, mit Schwerpunkt auf Frankreich und Italien, Tschechien, Österreich und der Slowakei, repräsentiert. Erstmals wird in dieser Ausstellung ein repräsentativer Querschnitt aus rund 100 Werken der Sammlung gezeigt.
Bereits 1977, die Errichtung des Panoramabaus war gerade abgeschlossen und das Haus zumindest bis zum Beginn der Ausführung des Monumentalwerkes von Werner Tübke 1983 zur musealen Nutzung freigegeben, verzeichnen alte Inventarbände des Museums erste Zugänge zu dessen künftiger Sammlung – allesamt von Leipziger Künstlern zum Thema Bauernkrieg. Bis zur Eröffnung des Panorama Museums im Herbst 1989 sollte es weitgehend auch bei dieser thematischen Ausrichtung bleiben, wobei Neuerwerbungen eher sporadisch erfolgten. Abgesehen von einigen erlesenen Werken Werner Tübkes wie dem »Ende der Narrengerichtsbarkeit« von 1978, das schon im Folgejahr vom Maler erworben werden konnte, handelte es sich vielfach um Graphik-Mappen zu verschiedenen politischen, historischen und literarischen Sujets. Insgesamt blieb der Bestand bis 1990 mit kaum mehr als 400 Werken überschaubar und in den letzten Jahren vor der Wende auch ohne nennenswerte Erweiterung.
Mit der 1991 im Auftrag des Freistaates Thüringen erarbeiteten und vom damals zuständigen Ministerium für Wissenschaft und Kunst bestätigten endgültigen Museumskonzeption, die den ungelösten Konflikt zwischen geschichtsideologischer Gedenkstätte und unikalem zeitgenössischem Kunstmuseum, in dessen Zentrum das Monumentalwerk von Werner Tübke steht, zugunsten der Kunst entschied, gewann das Sammlungs- und Ausstellungsprofil des Museums eine neue, zukunftsweisende Grundlage. Ziel war eine adäquate kunsthistorische Kontextualisierung des Werkes von Werner Tübke als international herausragende Leistung figurativer Kunst der Gegenwart, die im Spannungsfeld von altmeisterlichem Manierismus und kultivierter Postmoderne weit über den kunstgeographischen Rahmen sogenannter DDR-Kunst hinausgreift und europäische, wenn nicht mondiale Bedeutung gewinnt.
Inzwischen hat sich der Sammlungsbestand trotz begrenzter Budgets entschieden vervielfacht, wobei Werner Tübke mit mehr als 450 Werken den größten Einzelanteil eines Künstlers ausmacht. Damit verwahrt das Panorama Museum heute eines der weltweit größten Konvolute des Malers in einer öffentlichen Sammlung, dessen Umfang etwa dem des Bildermuseums in Leipzig entspricht. Da das unmittelbare künstlerische Umfeld Werner Tübkes gleichfalls von besonderem Interesse ist, bildet die sogenannte „Leipziger Schule“ in ihrer speziell manieristischen Ausprägung einen übergreifenden Schwerpunkt, der den führenden Vertretern stets gesondertes Augenmerk gilt.
Nahezu ein Drittel der Künstler in der knapp 200 Werke umfassenden Zusammenschau ist folgerichtig dieser Hauptströmung der „Leipziger Schule“ zuzurechnen, wobei derartige kunsthistorische „Schul-Begriffe“ nicht einfach zu fassen sind, zur Bestimmung spezifischer Entwicklungen jedoch durchaus hilfreich sind. Das gilt auch für vergleichbare Phänomene wie die ›Wiener Schule‹, die „Prager Schule“, die „Hložník-Schule“ in Bratislava oder die „Schule visionärer Graphik-Kunst in Frankreich“, die in diesem Zusammenhang ebenfalls von Belang sind. Dabei ist stets zu bedenken, dass derartige „Schulen“ zwar häufig mit einflussreichen Akademien oder Werkstätten und führenden Meistern verbunden sind, sich aber keineswegs darin erschöpfen.

Vladimir Pajević: Das Tor der versteckten Zeichen / La porta di segni nascosti, 1992/2007, Öl auf Leinwand
Dem kunsthistorischen Ansatz des Konzepts folgend, ist die Sammlungs- und Ausstellungstätigkeit des Museums grundsätzlich international ausgerichtet, wobei der Kulturraum Europas als Ganzes von Interesse ist. Die inzwischen nicht weniger als einhundert Sonderschauen, die seit 1992 vom Panorama Museum veranstaltet wurden, spiegeln sich entsprechend in der Sammlung wider, die figurative Kunst der Gegenwart aus ganz Europa vereint – meisterlich in der Ausführung, humanistisch im Anliegen, welthaltig in ihrem Gehalt.
Erstmals wird nun eine repräsentative Auswahl aus dem über ein halbes Jahrhundert gewachsenen Bestand des Museums gezeigt, die die Programmatik des Hauses sichtbar macht. In sieben Kapiteln werden drei Generationen der ›Leipziger Schule‹ im Kontext visionärer Graphik aus Frankreich, imaginativer Kunst aus Prag und der Slowakei und phantastischer Kunst vor allem aus Deutschland und Österreich präsentiert, ergänzt durch Exempel metaphysischer Gegenständlichkeit vornehmlich aus Italien, Werke eines romantischen Realismus unterschiedlichster Provenienz und Zeugnisse strukturaler Poetik aus diversen Ländern des ganzen Kontinents. Den bestimmenden Deutungshorizont dieser Zusammenschau bilden dabei „Mensch“ und „Welt“ in ihrem komplexen Verbund – fundamentale Seinskategorien, die figurativer Kunst von Rang unabdingbar eingeschrieben sind.
Mensch und Welt. Figurative Kunst der Gegenwart aus der Sammlung des Panorama Museums
Zu sehen bis 2. August 2026 im Panorama Museum, Am Schlachtberg 9, 06567 Bad Frankenhausen
Weitere Informationen (Panorama Museum)
Zur Ausstellung, die vom Freistaat Thüringen und der Sparkassen-Museumsstiftung für den Kyffhäuserkreis gefördert wird, erscheint ein Katalog mit ca. 200 Abbildungen und Texten von Gerd Lindner.

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