Wer im Sommer 2025 in den Deichtorhallen in Hamburg die Ausstellung von Katharina Grosse „Wunderbild“ besuchte, tauchte in eine andere Zeit ein, als wir sie täglich erleben. Das Bild ist ein Gegenentwurf zu unserem tatsächlichen Umgang mit dem beschleunigten sozialen Wandel.
Unser Zeitgefühl ist gekennzeichnet durch die Fragmentierung aller Lebensbereiche, einen immer rascheren sozio-ökonomischen Wandel und den Eindruck, dass wir unsere Zeit in ihren Zusammenhängen kaum noch verstehen. Die Vielfalt der Perspektiven für die Gesellschaft als Ganzes, die sich erst im Austausch über kulturelle, soziale und politische Unterschiede hinweg bilden kann, bleibt zunehmend auf der Strecke.
Anders in Katharina Grosses „Wunderbild“. Hier wurde Unterschiedliches sichtbar und zusammengeführt. Die Besucher gingen zwischen Stoffbahnen in kräftigem Rot, Blau, Gelb und Grün durch das Kunstwerk und kamen aus dem Staunen über ein Bild mit so vielen Perspektiven und unterschiedlichen Ebenen gar nicht mehr heraus. Und genau darauf kommt es der Künstlerin auch an: sich etwas vorstellen, imaginieren, Möglichkeiten sehen und „dadurch erstaunt sein und Erstaunen auch als Tatsache hinzunehmen“.[1] Die Stoffbahnen, die von der Decke herabhingen und in unterschiedlichen Längen bis zum Boden reichten, veränderten den zentralen Raum der Deichtorhallen mit der Energie der leuchtenden Farben. Zwischen den Stoffbahnen gab es leere Flächen ohne Farbe „wie Fenster zu imaginären Räumen“.[2]
Nach diesem Eintauchen in eine Welt von Farben in der Eingangshalle gelangte man in einen Raum, in dem eine Erdarbeit wiederum eine neue Perspektive eröffnete. Diese Erdarbeit bildete „einen spannungsvollen Kontrast zu den großflächigen, hängenden Stoffbahnen (...). Die Malerei erstreckte sich nahezu über die gesamte Bodenfläche und setzte sich nahtlos auf organischen Erdhügeln fort“.[3] Die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung konnten auf einem schmalen Pfad durch die Landschaft aus Erde oder über den bemalten Boden gehen und auf diese Weise das Kunstwerk sehen, spüren, riechen. Im Raum mit der Erdarbeit hingen auch großformatige, mit Pinseln gemalte frühere Arbeiten der Künstlerin, die wiederum in Kontrast zu den in Spraytechnik bemalten Farbbahnen in der Eingangshalle standen.

Ausstellung „Wunderbild“ (Detail) von Katharina Grosse in den Deichtorhallen Hamburg, Halle für aktuelle Kunst, vom 5. Juni 2025 bis 14. September 2025. Foto: © Doris Oechsle-Fenske
Die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung erlebten das Bild mit seinen leuchtenden Farben und seiner Dynamik als Kontrast zu den weit verbreiteten Ohnmachtsgefühlen, mit denen immer mehr Menschen auf den beschleunigten sozialen Wandel reagieren. 44% der 2.500 Personen, die zwischen Mai und Juli 2022 befragt wurden, stimmten der Aussage zu, dass sich so viel in der Gesellschaft ändere, dass es schwer falle, den Anschluss zu behalten.[4] Ein Werk wie „Wunderbild“ wird dieses Gefühl der Überforderung nicht beheben. Aber es kann uns Mut machen, die verbreitete „Veränderungserschöpfung“ nicht einfach hinzunehmen, sondern etwas dagegen zu tun. Kunst erzielt auf indirekte Weise politische Wirkung.[5] Sie dient keinem praktischen Zweck.[6] Aber sie kann mit ihren spezifisch künstlerischen Mitteln dazu beitragen, demokratische Werte wachzuhalten und zu festigen. Sie bringt Menschen zusammen, stiftet Gemeinsinn, fördert unser Verständnis für andere Standpunkte, löst Kritik an den herrschenden Verhältnissen aus und trägt zur Offenheit für Neues bei. Kunst ermöglicht die Erfahrung von Schönheit. Leid und Schrecken bringt sie in Formen zum Ausdruck, die uns durch die Transformation der Realität in etwas Eigenständiges persönliche Assoziationen erlauben und gleichzeitig zum Nachdenken über gesellschaftliches Leid und Schreckensereignisse wie Kriege herausfordern.[7]
Auch wenn die moderne Politik für ihre Zwecke etwa im Wahlkampf andere Techniken und Medien braucht, als sie den Künstlern zur Verfügung stehen, behält die Kunst also ihre politische Relevanz. Der Kunsthistoriker Martin Warnke brachte es auf den Punkt: Wo aus der Distanz zur Politik, aber mit Blick auf die gesellschaftlichen Sorgen, Erfahrungen und Erwartungen eine „überzeugende ästhetische Form gelingt, dort hat die Kunst in dem ihr verbliebenen Wirkungskreis eine (...) kritische und notwendige Rechtfertigung gewonnen“.[8] Wie die Kunst gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar macht und politische Relevanz gewinnt, möchte ich am Beispiel der Bilder von Katharina Grosse herausfinden.
Wie ein roter Faden zieht sich durch die Kunst von Katharina Grosse das Anliegen, die Vielfalt unterschiedlicher Ideen, Perspektiven und Zeitdimensionen für unser gesellschaftliches Zusammenleben wahrnehmbar und als Potential spürbar zu machen. Es sind insbesondere vier Aspekte, die in ihrer Kunst zusammenwirken, um dieses Ziel zu erreichen: die unmittelbare Präsenz der Bilder, die öffentlichen Debatten durch das gemeinsame Erleben der Kunst, die Konfrontation der örtlichen Gegebenheiten mit der Andersartigkeit eines Kunstwerks und schließlich die Fähigkeit eines Bildes, „uns zeitlich auseinanderliegende Momente in einem Cluster simultan sehen zu lassen“.[9]
Erstens möchte Katharina Grosse mit ihren Bildern die Betrachter direkt ansprechen, Präsenz schaffen. Ein Bild soll die Menschen, die es anschauen, quasi „reinziehen“. Sie stelle sich bei ihrer Arbeit die Frage: „Wie kann ein Bild so nah an mich herankommen, dass es mich nicht mehr loslässt im Alltäglichen?“. Die Besucher wurden in der Ausstellung „Wunderbild“ zu einem Teil des Kunstwerks; sie erlebten Kunst ganz direkt mit allen ihren Sinnen in „Resonanz zum Körperlichen (…), nicht von einem Algorithmus bearbeitet“. Ich erinnere mich, dass ich bei meinem Besuch der Ausstellung „Wunderbild“ zunächst zögerte, ob ich den bemalten Boden und damit das Kunstwerk wirklich betreten dürfe. Dies zeigt die transformative Kraft der Bilder, die uns eine Veränderung erfahren lässt.[10]

Ausstellung „Wunderbild“ (Detail) von Katharina Grosse in den Deichtorhallen Hamburg, Halle für aktuelle Kunst, vom 5. Juni 2025 bis 14. September 2025. Foto: © Doris Oechsle-Fenske
„Wunderbild“ war nur für die Zeit der Ausstellung vom 5. Juni bis 14. September 2025 zu sehen. Aber, so die Künstlerin, ihre Werke lebten in Fotografien, Gesprächen und Videos weiter, die etwas anderes zeigten als das, was die Besucher erlebt haben. Das Kunstwerk werde durch eine Fotografie oder eine Beschreibung „aus der individuellen Erlebniswelt herausgeholt“.[11] Ihre „vergehenden Arbeiten“ seien eine Antwort auf die Frage, wie ein gemaltes Bild in unserer heutigen Zeit „öffentlich sein“ könne. Dies ist der springende Punkt: die Aufmerksamkeit für „Wunderbild“ hängt sowohl mit dem gemeinsamen Erleben von Kunst als auch mit den öffentlichen Debatten über das Bild während und nach der Ausstellung zusammen. Die Bilder entwickeln eine gesellschaftliche Wirkung, weil sie uns zum „Drüberreden“ verführen und man sich die Arbeit mit anderen Besuchern „zusammen anschaut“.
Und damit sind wir beim zweiten Aspekt, dem gemeinsamen Erleben und Diskutieren der Bilder in der Öffentlichkeit. Hier liegt der fundamentale Unterschied zur digitalen Kunst, die uns eben nicht aus der „individuellen Lebenswelt“ herausholt. Sie erreicht immer nur die individuelle Aufmerksamkeit der Menschen, möglicherweise vieler Menschen, die allein zu Hause am Bildschirm sitzen. Mit der zunehmenden Bedeutung der online-Kommunikation in „Chatgruppen“ geht die für eine heterogene Gesellschaft so wichtige „Gemeinsamkeit der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung“[12] verloren. Der Kommunikations- und Marketingberater Klaus Rössler hat für digitale Kunst die These aufgestellt, dass die „Unendlichkeit“ dieser Kunst, also die Eigenschaft, für alle Ewigkeit in Datenbanken gespeichert zu sein, die „Aufmerksamkeit“ zerstöre.[13] Aber vielleicht ist es gar nicht so sehr die „Unendlichkeit“, sondern der fehlende Bezug zur Gemeinsamkeit in der Öffentlichkeit, der das Interesse für digitale Kunst beendet, wenn erst einmal die Klicks ausbleiben. Digitale Kunst ist nicht in einen größeren öffentlichen Diskurs eingebunden und daher fehlt ihr die sinnstiftende Wirkung der Kunst für die Allgemeinheit.
Die Einbindung der Kunst in öffentliche Debatten ist auch für Kunst aus früheren Jahrhunderten wichtig. Warum fasziniert uns bis heute das Bild „La Primavera“ von Sandro Botticelli? Wenn wir das Bild betrachten, sind wir von seiner Schönheit überwältigt. Erst durch eine „erweiterte Seherfahrung“[14] über die Forschung, also den historischen Diskurs, lässt sich auch der politische Gehalt erkennen. Das Bild hat Lorenzo di Pierfrancesco, ein Mitglied der Familie Medici, im Herbst 1482 in Auftrag gegeben, um seinen Anspruch auf Herrschaft in Florenz geltend zu machen. Botticelli erfüllte den Auftrag, indem er mit seinem Bild zum Ausdruck brachte, dass Lorenzo di Pierfrancesco Florenz in einen paradiesischen Garten verwandeln werde. In dem Bild wird „ein durch Venus inspiriertes, so lustvoll wie gedankenreiches, Früchte und ewigen Frühling bringendes Zeitalter“[15] angekündigt.
Aber Botticelli ging über den Auftrag hinaus.[16] Das in Aussicht gestellte Paradies ist nämlich voller Widersprüche und zeigt eine „geradezu eisige Unfähigkeit zur Kommunikation, und diese innere Vereinzelung wirkt um stärker, als die Personen sich äußerlich um so kunstvoller begegnen.“[17] Selbst die drei Grazien, die miteinander tanzen, schauen alle aneinander vorbei. Das Wechselspiel von Isolation und Kommunikation ist eine menschliche Grunderfahrung im sozialen Miteinander und beschäftigt uns bis heute. Es hängt mit der Teilhabe der Bürger am öffentlichen Leben zusammen, verändert sich im Lauf der Zeit immer wieder und wandelt sich gegenwärtig im Kontext der neuen Medien. Wir können die Schönheit des Bildes „La Primavera“ genießen und zugleich sehen, dass es schon immer neben der Kommunikation auch die Einsamkeit gab. Die Anregung, über ein für das Zusammenleben so relevantes Thema nachzudenken und das Wissen, das die Kunstgeschichte über das Bild erarbeitet hat, tragen ebenso zur gesellschaftlichen Bedeutung von „La Primavera“ bei wie die vielen Besucher, die täglich gemeinsam das Bild in den Uffizien betrachten.

Sandro Botticelli (1445–1510): La Primavera, um 1480/1485, Tempera auf Kalkplatte, 207 × 319 cm. Sammlung der Uffizien, Florenz. Gemeinfrei
Sandro Botticelli (1445–1510): La Primavera (Detail), um 1480/1485, Tempera auf Kalkplatte, 207 × 319 cm. Sammlung der Uffizien, Florenz. Gemeinfrei
Kunst braucht also die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit, muss den Menschen nahekommen und einen Diskurs über kulturelle, soziale und politische Barrieren hinweg in Gang bringen. So wie der von Katharina Grosse in Rot, Magenta und Weiß übermalte Platz vor der weltweit größten Kunstmesse, der „Art Basel“, von den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen wahrgenommen wurde. „Der Platz war belebt, obwohl die Messe zu war. Leute, die da gar niemals ein Ticket kaufen würden, haben sich das abends angeschaut. Aber auch Menschen, die sieben Tage aus aller Welt gekommen sind, mit den unterschiedlichsten Herkunftskulturen, haben sich da getroffen.“
Drittens spielt die Einbeziehung des Vorhandenen, der Kontext, eine wichtige Rolle für die politische Relevanz der Bilder von Katharina Grosse. Die Künstlerin gestaltet Innen- und Außenräume, bemalt sie mit Farbe und „in das hinein, was es gibt, um dann eine Veränderung vorzuschlagen“. Ihr „Möglichkeitssinn“ ist ein „Sinn für die mögliche Wirklichkeit“ und nicht „für die wirklichen Möglichkeiten“.[18] Alles, was da sei, wird Bestandteil des Kunstwerks und „mitgenommen“. Ihr Interesse für das Zusammenspiel von Kunst und vorhandenen Gegenständen, Räumen und Gebäuden hat sie motiviert, die Fresken Fra Angelicos im Kloster San Marco in Florenz zu studieren. Es sei für sie wichtig, diesen Ort immer wieder aufzusuchen und in die Klosterzellen zu gehen. Dort gebe es ein kleines Zimmer, ein Fenster, ein Bild und eine Tür. Dies veranlasse sie, darüber nachzudenken, wie das miteinander funktioniere, das ein gemaltes Bild in eine architektonisch gefasste Umgebung eingreife. Sie frage sich dann, „wie dieses Bild sich zu dem verhält, was ich aus dem Fenster sehen kann, was auch wieder ein Bild ist, und wie es sich dazu verhält, wie ich durch die Tür komme. Und das sind Dinge, die ich benutzen kann, wenn ich eingeladen werde, in einem Raum zu arbeiten.“ Hört man den Erzählungen Katharina Grosses über die Fresken in San Marco zu, dann ist es, als spreche die Künstlerin mit Fra Angelico.

Klosterzelle in San Marco, Florenz; Fra Angelico (circa 1395–1455): „Verkündigung mit dem Heiligen Petrus Martyr", um 1439/43, Wandfresko, 176x148 cm. Museum San Marco, Florenz, Gemeinfrei
Katharina Grosse erhöht die Aufmerksamkeit für das Vorhandene, indem sie eine „Form der Gleichzeitigkeit“ zwischen der „Gegebenheit, in der das Bild auftaucht, und der vollkommenen Andersartigkeit des aufgetauchten Bildes“ erzeugt. Ihr Werk geht von der Wirklichkeit aus, um dann zu zeigen, dass es andere Möglichkeiten gibt. So sah die Künstlerin ihre Arbeit „CHOIR“ auf dem Platz vor der „Art Basel“ als ein „Gebilde, das sich der Logik der Messe komplett entzog. Man konnte es nicht kaufen, nicht verkaufen, man kann es nicht behalten, man kann es nicht besitzen, es ist überhaupt nicht in der Logik der Messe und des Marktes einzuordnen“.
Viertens geht es der Malerin um ein ganz bestimmtes Verständnis von Zeit. Ein Bild ist für sie ein „Übereinanderlegen von vielen verschiedenen Vorgängen“, die alle gleichzeitig da sind. Sie interessiere sich für die Gleichzeitigkeit von Dingen, die sich nicht so gut miteinander vertragen. Dann treffe etwas Fremdes auf etwas Gefügtes, und genau in dem Moment entstehe die Notwendigkeit, zu verhandeln.[19] Die Malerei sei ein „Hin- und Hergehen zwischen der Gegenwart und dem Rückblick und auch dem Vorblick“.
Dieses Zeitverständnis erinnert an die Theorie der Zeitschichten des Historikers Reinhart Koselleck. „Zeitschichten“ sind mehrere „Zeitebenen verschiedener Dauer und unterschiedlicher Herkunft, die dennoch gleichzeitig vorhanden und wirksam sind. (...) Was ereignet sich nicht alles zu gleicher Zeit, was sowohl diachron wie synchron aus völlig heterogenen Lebenszusammenhängen hervorgeht“.[20] In jeder einmaligen Handlung oder jedem einmaligen Ereignis seien sich wiederholende Strukturen enthalten. Die Wiederholungsstrukturen wiederum änderten sich, und zwar mit verschiedenen Geschwindigkeiten. Die verschiedenen Veränderungsgeschwindigkeiten der politischen, der sozialen, der ökonomischen, der sprachlichen und der rechtlichen Geschichte träfen in unserem Alltag aufeinander und erzeugten Spannungen. Diese Spannungen und Konflikte, die sich aus den „sachbedingten Differenzen“ zwischen den Bereichen schneller, weniger schneller und langsamer Veränderungen im jeweiligen Heute ergäben, müssten vermittelt und gelöst werden.[21]
Und genau für diese Vermittlung der Konflikte, die aus den unterschiedlichen Veränderungsgeschwindigkeiten von Gesellschaft, Politik, Ökonomie und Technologie resultieren, sind die Bilder von Katharina Grosse eine Quelle der Erkenntnis für politisches Handeln. Sie sind eine Erkenntnisquelle ganz eigener Art, weil sie uns nicht nur über den Verstand, sondern auch über die Emotionen ansprechen. Ihre Bilder lassen uns spüren, worauf es im Umgang mit den aus Differenzen entstehenden Konflikten unserer Gegenwart ankommt: das persönliche Engagement durch Präsenz, den öffentlichen Diskurs über kulturelle und soziale Grenzen hinweg, die Offenheit für einen Wechsel der Perspektive und die Beachtung des Zusammenhanges unserer Gegenwart mit weiterwirkenden Strukturen der Vergangenheit und in die Zukunft gerichteten Erwartungen. Das Werk der Künstlerin ist eine Aufforderung, entlang dieser vier Kriterien über unseren Umgang mit Konflikten, die aus den unterschiedlichen Geschwindigkeiten des Wandels resultieren, neu nachzudenken.
Wenn wir dieser Aufforderung folgen, dann zeigt sich, dass wir es heute nicht mehr mit der Gleichzeitigkeit eines rasanten politischen Wandels und eines langsamen sozialen Wandels zu tun haben, wie sie Reinhart Koselleck für den Beginn der Neuzeit diagnostizierte. Heute verhält es sich genau umgekehrt. Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts sind wir mit einem beschleunigten Wandel der Wirtschaft, der Kommunikation, der Technologie, der Mobilität und des Wissens konfrontiert. Nun ist es die Politik, die mit dem Tempo des Wandels der sozio-ökonomischen Strukturen nicht mehr mitkommt.[22] Die Probleme, die aus der unzureichenden Handlungsfähigkeit der Politik resultieren, führen dann bei einem Teil der Bevölkerung zu der eingangs erwähnten „Veränderungserschöpfung“. Ressentiment, Wut und Unzufriedenheit, so der Soziologe Steffen Mau, gebe es „besonders bei jenen, die veränderungsmüde sind, die den sozialen Wandel als stressig empfinden (...).“ Es handle sich vor allem um Gruppen am rechten Rand, die aus ihrer Enttäuschung über die etablierten Parteien für einen Umsturz der Verhältnisse, für „Disruption“, plädierten.[23]
Wie ließe sich die Handlungsfähigkeit der Politik stärken und der Unzufriedenheit eines großen Teils der Bevölkerung entgegenwirken? Es käme jetzt darauf an, im Sinne von Katharina Grosse „neu zu verhandeln“, und die Machtverhältnisse zwischen Ökonomie, Technologie und Politik so zu verändern, dass die im Prozess der Globalisierung entstandenen Probleme im Interesse der Allgemeinheit gelöst werden können. Wir müssen herausfinden, woran es liegt, dass die Politik mit dem technologischen Wandel nicht Schritt hält. Das hektische Überfrachten der Politik mit immer detaillierteren Programmen täuscht. Jedes Mal, wenn ein Gesetz zur Regulierung verabschiedet wird, ist die technologische und wissenschaftliche Entwicklung schon längst wieder weiter, und die Politik hat das Nachsehen.
Am Beispiel der Online-Kommunikation sei dies veranschaulicht. In einer repräsentativen Demokratie hängt der Einfluss, den freie und gleiche Bürger auf die politischen Entscheidungen haben, von einer inklusiven Öffentlichkeit ab, in der eine Vielfalt an Meinungen herrscht, die Überzeugungskraft von Gründen eine Rolle spielt und in der voneinander gelernt werden kann. Eine solche Öffentlichkeit trägt zur „problemlösenden Kraft einer Demokratie“ bei.[24] Da die öffentliche Meinungsbildung heute zunehmend durch die Online-Kommunikation stattfindet, ist die Qualifikation dieser neuen Technologie für einen solchen Diskurs entscheidend. Auf der einen Seite bereichert die digitale Kommunikation unsere Möglichkeiten, uns zu informieren, auszutauschen und in Kontakt zu bleiben. Formate wie Podcasts, um nur ein Beispiel zu nennen, erlauben uns eine vertiefte Beschäftigung mit den unterschiedlichsten Themen und können uns über den Stand des Wissens auf dem Laufenden halten.
Auf der anderen Seite verstärken soziale Medien die Fragmentierung des öffentlichen Diskurses und verringern die Vielfalt der Perspektiven. Wir tauschen uns mit den Menschen aus, die ohnehin unsere Meinung teilen. Auch die monopolistischen Strukturen der digitalen Kommunikation schaden dem demokratischen Diskurs. Wir beobachten eine Machtkonzentration bei wenigen privaten Firmen, die sowohl die Plattformen als auch die technische Infrastruktur des Internets besitzen. Die Eigentümer dieser Unternehmen beeinflussen die online-Kommunikation im Sinne ihres ökonomischen Interesses. Die Selbstregulierung der Unternehmen wird nicht ausreichen. Wir müssen die digitale Kommunikation auf europäischer Ebene politisch gestalten. Dies bedeutet, nicht immer nur an Regulation, sondern auch an Innovation zu denken und eine eigene digitale Infrastruktur der EU zu schaffen.

Ausstellung „Wunderbild“ (Detail) von Katharina Grosse in den Deichtorhallen Hamburg, Halle für aktuelle Kunst, vom 5. Juni 2025 bis 14. September 2025. Foto: © Doris Oechsle-Fenske
Künstliche Intelligenz als neueste Entwicklung der online-Kommunikation verstärkt die Eindimensionalität der Kommunikation. K.I. beantwortet unsere Fragen zwar in Windeseile, aber Zeit für den gemeinsamen Austausch von Argumenten geht verloren. Etwas Neues entsteht nicht. Denn KI fasst nur das zusammen, was ein Algorithmus aus dem Wissen des Internets zusammenstellt. Es geht sogar vorhandene Vielfalt verloren. Während traditionelle Suchmaschinen Links zu externen Webinhalten vermitteln, die wir uns dann insgesamt anschauen können, erhalten wir nun „KI-Antworten“ in Textform, in denen nur ein Teil der Inhalte des Internets ausgewählt wird. Eine empirische Analyse der Suchmaschinen Google und Bing im Vergleich zu KI-zentrierten Diensten wie ChatGPT und Perplexity.ai vom Mai 2025 hat ergeben, dass ein beträchtlicher Teil der Inhalte verloren geht.[25]
Wenn wir die Idee einer kritischen Öffentlichkeit als Grundlage der problemlösenden Kraft der Demokratie nicht aufgeben wollen, dann gilt es, neben der online-Kommunikation die Präsenz der Bürger in öffentlichen Debatten außerhalb der sozialen Medien zu aktivieren. Sie ist notwendig, um den Diskurs sowohl zwischen den Bürgern als auch zwischen den Bürgern und den gewählten Politikern zu ermöglichen. Auf diese Weise wird in einer repräsentativen Demokratie die Verbundenheit zwischen den Repräsentierten und den Repräsentanten erzeugt, die erst die Verbindlichkeit der politischen Entscheidungen legitimiert.[26]
Es ist zwar richtig, dass Repräsentation nicht bedeutet, die Anliegen der Bürger direkt in politisches Handeln umzusetzen. Aber gleichwohl sollten die politischen Eliten in einem kontinuierlichen Austausch mit den Bürgern stehen, um deren unterschiedliche Interessen zu kennen und bei politischen Entscheidungen zu berücksichtigen. Im demokratischen System dürfen die Bürger gerade nicht die Rolle des Publikums spielen, das zu gegebenen Zeitpunkten die Abgeordneten wählt und „ansonsten eben nicht regiert, sondern regiert wird.“[27] Für die Philosophin Hannah Arendt ist der Mut, in der Öffentlichkeit präsent zu sein und an den Debatten über Themen von allgemeinem Interesse mitzuwirken, geradezu Ausdruck praktizierter Staatsbürgerschaft. Erst im öffentlichen Diskurs sei es möglich, die Wirklichkeit der Welt zu erkennen.[28] Denn die Wirklichkeit werde nur in dem Maße verständlich, „als Viele miteinander über sie reden und ihre Meinungen, ihre Perspektiven miteinander und gegeneinander austauschen.“[29] Statt uns auf die Kommunikation zwischen Gleichgesinnten zu beschränken und die Fragmentierung der Öffentlichkeit weiter voranzutreiben, sollten wir die Vorteile der digitalen Kommunikation nutzen, ohne dabei den direkten Austausch zwischen den Menschen zu vernachlässigen.

Ausstellung „Wunderbild“ (Detail) von Katharina Grosse in den Deichtorhallen Hamburg, Halle für aktuelle Kunst, vom 5. Juni 2025 bis 14. September 2025. Foto: © Doris Oechsle-Fenske
Kunst ließe sich dann als Medium einer Öffentlichkeit verstehen, in der uns die Gemeinsamkeit des Erlebens und Diskutierens bewusst macht, dass unsere eigene Perspektive nur einen Teil der Wirklichkeit erfasst. Kunst besitzt das Potential, eine Gesellschaft zum Nachdenken über sich selbst anzustiften. Bei diesem Nachdenken ist die Schönheit, die wir beim Betrachten eines Kunstwerkes erfahren, eine nicht zu unterschätzende Quelle der Erkenntnis. „Schönheit“, so Katharina Grosse, „ist eine sehr interessante Form der Intelligenz, die zu unserer Fähigkeit beiträgt, dem Leben einen Sinn zu geben.“[30]
Christine Landfried ist Professorin emerita für Politikwissenschaft der Universität Hamburg. Gastprofessuren führten sie an die Sciences Po in Paris, die University of California at Berkeley und die Yale Law School. Nach ihrer Emeritierung war sie von 2014 bis 2016 Max-Weber-Professorin an der New York University. 2016 erhielt sie den Schader-Preis für ihre Beiträge zum Dialog zwischen Gesellschaftswissenschaften und Praxis. Im Jahr 2023 arbeitete sie im Thomas Mann House in Pacific Palisades an einem Projekt zu neuen Formen der Bürgerbeteiligung. Ihre Themen sind die politische Rolle der Verfassungsgerichte, die europäische Integration und die kulturellen Grundlagen von Demokratien. Zu ihren neueren Veröffentlichungen gehören „Constitutional Courts and Supreme Courts“ in: The “Cambridge Handbook of Constitutional Theory”, ed. by Richard Bellamy and Jeff King, Cambridge University Press 2025 und „Das politische Europa. Differenz als Potential der Europäischen Union“, Nomos, 3. aktualisierte Auflage 2020.
KulturPort.De dankt Frau Prof Dr. Landfried für diesen Beitrag.
Fußnoten:
[1] Zitate ohne Quellenangabe stammen von Katharina Grosse aus den Gesprächen der Künstlerin mit Mathilda Legemah am 6.11.2024 im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin, mit Eva Wannenmacher am 18.6.2025 auf der Kunstmesse „Art Basel“ und mit Silke Hohmann am 2.7.2025 in den Deichtorhallen in Hamburg. Die Gespräche sind per Video abrufbar.
[2] Dirk Luckow, Vorwort. In: Katharina Grosse im Gespräch mit Klaus Dermutz, hrsg. von Colin Lang und Dirk Luckow, Hamburg: Hatje Cantz 2025, S. 8.
[3] Ebd., S.9.
[4] Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser, Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Berlin: Suhrkamp 2023, S. 348. Für den Begriff „Veränderungserschöpfung“ S. 349.
[5] Christine Landfried, Die politische Bedeutung der Kunst und ihre Folgen für die staatliche Förderung. In: Verfassungsblog vom 22. November 2024.
[6] Jürgen Kaube, Sehen lassen. In: F.A.Z. vom 1. Dezember 2025, S. 9.
[7] Max Imdahl, Picassos Guernica, Frankfurt: Insel Verlag 1985, S. 58 – 67 erklärt die Wucht, mit der uns das Bild trifft, mit der „Unmittelbarkeit des Ausdrucks“, die über das wirklich Vorstellbare hinausgehe und „zuallererst der Darstellung selbst, den Formen und der Farbgebung“ entspringe (S.62).
[8] Martin Warnke, Difference and Democracy: Art. In: Difference and Democracy. Exploring Potentials in Europe and Beyond, hrsg. von Kolja Raube und Annika Sattler, Frankfurt/New York: Campus 2011, S. 353, Übersetzung durch die Autorin.
[9] Katharina Grosse im Gespräch mit Klaus Dermutz, a.a.O., S. 93.
[10] Ebd., S. 61.
[11] Ebd., S. 101.
[12] Jürgen Habermas, Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik, Berlin: Suhrkamp 2023, S. 19.
[13] Klaus Rössler, Wie verlassene Pixel die Zeit bezeugen. In: F.A.Z. vom 29.10.2025, S. 12.
[14] Martin Warnke, Vorwort zu Carlo Ginzburg, Erkundungen über Piero. Piero della Francesca, ein Maler der frühen Renaissance, Berlin: Wagenbach 1981, S.11.
[15] Horst Bredekamp, Sandro Botticelli, La Primavera, Frankfurt am Main: Fischer 1988, S. 55.
[16] Christine Landfried, Gegenbilder. Warum es eine Kunstpolitologie geben sollte. In: Demokratie in Ost und West. Festschrift für Klaus von Beyme, hrsg. von Wolfgang Merkel und Andreas Busch, Frankfurt: Suhrkamp 1999, S. 128-129.
[17] Horst Bredekamp, Sandro Botticelli, La Primavera, a.a.O., S. 73.
[18] Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978, S.17.
[19] Katharina Grosse, ‚Video-Walk‘ mit der damaligen Direktorin des Museums Hamburger Bahnhof, Gabriele Knapstein, 2020.
[20] Reinhart Koselleck, Einleitung. In: ders., Zeitschichten. Studien zur Historik, Frankfurt: Suhrkamp 2000, S. 9.
[21] Ders., Geschichte, Recht und Gerechtigkeit. In: Zeitschichten, a.a.O., S. 358.
[22] Christine Landfried, Ungleichzeitigkeit mit vertauschten Rollen. In: F.A.Z. vom 31.10.2000, S. 12.
[23] Steffen Mau, Die Revolution der Erschöpften. In: Der Spiegel Nr. 9/2025, S. 114.
[24] Jürgen Habermas, Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik, a.a.O., S. 23ff., für das Zitat S. 28.
[25] Dirk Lewandowski, Integration von KI-Anwendungen in Suchmaschinen und ihre Auswirkungen auf die Meinungsvielfalt, hrsg. von „die Medienanstalten“, Berlin, Oktober 2025, Executive Summary, S. 2.
[26] Ulrich K. Preuß, Wo bleibt das Volk? Erwartungen an demokratische Repräsentation. In: 4. Alternativer Juristinnen- und Juristentag, hrsg. von Margarete Fabricius-Brand und Bertram Börner, Baden-Baden: Nomos 1996, S. 89 – 99.
[27] Nils C. Kumkar, Polarisierung. Die Ordnung der Politik, Berlin: Suhrkamp 2025, S. 126.
[28] Hannah Arendt, The Human Condition, Chicago und London: The University of Chicago Press, 2. Auflage 1998, S. 57.
[29] Hannah Arendt, Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass, hrsg. von Ursula Ludz, München, Zürich: Piper 1993, S. 52.
[30] Katharina Grosse, Rockaway! MoMA, „Artist Stories“ vom 31.8.2016, Video, Übersetzung durch die Autorin.

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