Bildende Kunst
Links: Kusama mit Yellow Tree / Living Room an der Aichi Triennale, 2010. © Yayoi Kusama, Courtesy of Ota Fine Arts, Victoria Miro, David Zwirner. Rechts: Installationsansicht Yayoi Kusama, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2025. Infinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe, 2025. © Yayoi Kusama. Foto: Mark Niedermann

Es gab einen Punkt im Leben von Yayoi Kusama, an dem die Welt um sie herum anfing, auseinanderzufallen, sich regelrecht in Punkte aufzulösen.

Die Realität verpixelte sich, ja, die sie umgebende Realität wurde für Yayoi zu einer vollständig verpixelten Wirklichkeit.

 

Weil sie nicht sie selbst sein durfte und weil sie sich nicht gesehen sah, sah sie ab einem gewissen Punkt umso intensiver ihre Aussenwelt in deren realer atomarer Struktur, in die sie sich selbst mit ihrer eigenen atomaren Struktur hineinwerfen, sich darin auflösen und geborgen fühlen konnte.

 

Die Welt, zusammengesetzt aus tausenden und abertausenden atomaren Mittelpunkten, auch aus ihren eigenen, wurde zu Yayoi Kusamas einziger inneren, äusseren und sich mannigfaltig punktgenau ausdrückenden künstlerischen Wirklichkeit.

Ihr Leben wurde für sie fortan ein Leben, das nur als Leben in dieser künstlerischen Wirklichkeit und für diese künstlerische Wirklichkeit vorstellbar war.

Yayoi Kusama wurde 1929 im japanischen Matsumoto geboren, wo ihre wohlhabende Familie eine Gärtnerei und einen prosperierenden Saatguthandel besaß.

Doch glücklich war ihre Kindheit nicht. 

 

Ihr Vater, ein notorischer Fremdgänger, enttäuschte und demütigte die Mutter durch seine zahlreichen Affären, vernachlässigte die Familie und führte letztendlich durch seinen verschwenderischen Lebensstil den Bankrott des aus dem Erbe der Mutter stammenden Familienbetriebes herbei.

Kusamas strenge, von Eifersucht und Wut zerfressene, lieblose Mutter wiederum war oft körperlich gewalttätig, zog das Kind als Spionin in die sexuellen Abgründe der Eheleute hinein und lehnte jegliche künstlerische Ambition der kleinen Yayoi strikt ab, denn in der altfeudalistischen Herkunftsfamilie der Mutter rangierten Maler und Schauspieler auf derselben Ebene wie Bettler.

 

Schon früh wurde Yayoi deshalb vor allem von der Mutter eingetrichtert, dass sie sich als heranwachsende Frau im Japan der 40er/50er Jahre vollkommen dem Willen ihrer Eltern zu fügen und sich auf ein konventionell traditionelles Leben als Ehefrau an der Seite eines sie ernährenden Ehemannes einzustellen habe.

Das aber war nicht das Leben, in das Yayoi Kusama hineingepresst werden wollte. Sie spürte intuitiv, dass ihr Weg ein anderer sein müsse.

Sie konnte und wollte sich dem von sexueller Besessenheit, Untreue, krankmachenden Lügen und unverarbeitetem Kontrollverlust geprägten Lebensmodell ihrer Eltern nicht fügen.

 

Widerspruch und Auflehnung waren aber in jenen Zeiten im traditionellen Japan schwer in die Tat umzusetzen.

So begann ihre Seele wohl unterbewusst nach einem Ausweg zu suchen: Von einem Augenblick auf den anderen wurde die Heranwachsende von Halluzinationen – man könnte auch sagen Psychosen – heimgesucht. Yayoi Kusama dissoziierte, da sie dem von außen an sie herangetragenen Anspruch an sich und das eigene Wollen und Fühlen nicht auf einen gemeinsamen Nenner, nicht auf einen Punkt, bringen konnte.

 

Und so brachte Yayoi Kusama fortan einfach die Welt auf einen Punkt, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Sie verband sich und das sie umgebende Universum durch die Auflösung von Allem in Punkten auf mikrokosmischer, also auf atomarer Ebene, um dazugehören zu können, zu einer Welt, zu der sie anders keinen Zugang fand, zu einer Welt, die ihr den Zugang nur ermöglichen wollte, wenn sie sich ihr gegen ihr eigenes innerstes Gefühl in einem für sie undenkbaren traditionellen Lebensstil angepasst hätte.

 

Installationsansicht Yayoi Kusuma 8930 Matthias Willi

Installationsansicht. Narcissus Garden, 1966/2025. © Yayoi Kusama. Foto: Matthias Willi

 

Doch die Seele sucht sich immer – wenn sie stark ist und überzeugt von ihrem intuitiv erspürten individuellen Weg – den ihr wirklich wahrhaft angemessenen Zugang zur Realität, der ihr dann zur einzig lebbaren inneren und äusseren Wirklichkeit wird, wenn sie von aussen zu sehr unter Druck gerät.

Im Falle von Yayoi Kusama war es der Erwartungsdruck ihrer Eltern, der ihre Seele, ihr Herz und ihr gesamtes Universum zu einem Punkt zusammenziehen ließ und diesen Punkt anschließend vervielfältigte und als Schema über die gesamte Realität legte.

 

So wurde das Yayoi Punkte-Universum aus der zusammengepressten Seele einer sich zur Künstlerin bestimmt fühlenden jungen Frau geboren. Und dieses Universum dehnt sich aus, in unzähligen Kunstwerken und in dem Drang, diese aus dem Inneren geborene Punktewirklichkeit weiterhin täglich und neu zu visualisieren mit und in den Möglichkeiten der Kunst.

Deshalb lebt und arbeitet Yayoi Kusama mit ihren heute 96 Jahren bereits ihr Leben lang unermüdlich Tag für Tag daran, sich und ihre Wirklichkeit mitzuteilen; und was dabei an Kunst aus ihr hervorbricht und hervorgebrochen ist, das ist im wahrsten Sinne des Wortes Wunder-voll und dabei in einem monadischen Sinne authentisch, anrührend und unbegreiflich variantenreich gross und gleichzeitig doch so anders als wir die Wirklichkeit erleben, obwohl die Realität in physikalischer Sicht tatsächlich genau so ist, wie Yayoi Kusama sie uns zeigt.

 

Bestehend aus Punkten, ist die uns umgebende Realität tatsächlich ein Geflecht aus Atomkernen und Elektronen, in dem wir – ebenfalls aus Atomen bestehend – leben.

 

Ein Geflecht, durch das wir schreiten, durch das wir uns unseren Weg bahnen, Tag für Tag, dem inneren Drang folgend, unserer Natur gemäss existieren zu wollen und zu dürfen.

Das, was wir dabei von unserer Realität wahrnehmen, ist jeweils unsere eigene Wirklichkeit.

So besteht unsere reale Welt eigentlich aus Milliarden Mittelpunkten und Wirklichkeiten:

Ein jeder Mensch Mittelpunkt seiner individuellen Wirklichkeit aufgrund seiner eigenen Geschichte.

 

Allerdings haben manche Menschen keine Wahl, was das Sehen der Wirklichkeit angeht, die sich ihnen als Realität darbietet.

Sie geraten im Leben dermassen unter Druck, dass sie die Realität nur noch als eine künstlerisch gestaltete Wirklichkeit ertragen können. Und so sagt man ja auch oft, dass meist ein grosser Leidensdruck erst den wahren Künstler hervorbringt, dass sich kein echter Künstler ohne den inneren Druck der Notwendigkeit ans künstlerische Schaffen macht.

 

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Installationsansicht. © Yayoi Kusama. Foto: Mark Niedermann

 

Das ist in etwa so, wie wenn im negativ sich auswirkenden Falle allzu grosser atmosphärischer Druck einfache Materie zusammenpresst und daraus dann ein alle Realität ringsherum verschlingendes schwarzes Loch entsteht; das wäre dann wohl der Prototyp eines Hyper-Konsumenten, auch und v.a. vermutlich von Drogen.

Oder wie wenn im gegenteiligen, positiv sich auswirkenden Falle Kohlenstaub durch unvorstellbaren Druck zu Diamanten gepresst wird, dann entsteht etwas Wertvolles, Strahlendes, in dem sich das Licht bricht und widerspiegelt und das uns etwas schenkt, was vorher nicht existierte: Etwas Neues in allen seinen Facetten von Schönheit.

 

Wenn Diamanten aus schwarzem Kohlenstaub entstehen, wenn also der schönste, funkelnste und wertvollste Edelstein aus einem eher wertlosen und dunklen Material durch enormen Druck entsteht, dann ist das in etwa so, als würde ein großer Künstler geboren, der der Menschheit wahre Kunst schenkt.

So ein Künstler-Diamant hat sich aus dem düsteren Druck des Leidens der empfindsamen Seele Yayoi Kusamas gebildet.

Der Druck ihrer Kindheit und Jugend hat sie erst zum Funkeln gebracht und mit ihr ihre Kunst, die in den atomaren Strukturen, die allem Leben zugrunde liegen, widerscheint.

 

Yayoi Kusama ist auf den Punkt gekommen, nachdem sie selbst sich auf einen Punkt in sich zurückziehen musste, um nicht vom äusseren Druck zerdrückt zu werden.

Sie ist zum funkelnden Diamanten der Kunstwelt geworden, zum widerspiegelnden Lichtquell atomarer Kunststrukturen.

 

Dabei ist sie selbst aber nicht so hart geworden wie Diamant, sondern ist dabei weich, licht und durchlässig genug geblieben, um die Schönheit ihrer inneren Leidenschaft, die sich in ihrer einzigartigen Kunst ausdrückt, mit uns zu teilen.

 

Yayoi Kusama schenkt uns ihr Funkeln und wirft das Licht der Realität zu uns als Kunst zurück, in allen Farben ihrer eigenen Wirklichkeit, in der Gesamtheit aller möglichen Farbnuancen ihrer von funkelnden Punkten durchzogenen Wirklichkeit.

 

YK 267 IllusionHeart 2025

Yayoi Kusama: Infinity Mirrored Room – Illusion Inside the Heart, 2025. Innenansicht, Spiegelpolierter Edelstahl mit Glasspiegeln und farbiges Acryl, 300 x 300 x 300 cm, Collection of the artist. © Yayoi Kusama

 

Yayoi Kusama teilt uns mittels ihrer Kunst das Universum ihrer ganz eigenen Wirklichkeit mit, das sie, um den Preis eines inneren Rückzugs bis auf den Grund ihrer Seele und des Rückzugs ihrer Seele auf einen einzigen wunden Punkt, immer wieder von Neuem gebiert, in unzähligen Farben und Formen und in Punkten und abermals Punkten, mit Hilfe derer sie sich letztendlich selbst in die atomare Realität ihrer Wirklichkeit einfügt.

 

Dass Yayoi Kusama seit über 50 Jahren freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Tokio lebt und arbeitet, das verwundert deshalb nicht. Hier ist sie vor der erdrückenden Realität des täglichen Lebens und den anstrengenden Banalitäten des Alltags in Sicherheit, kann ihr Seelenleben erleben und leben, unabhängig von den alltäglichen Herausforderungen der Realität, die rein physikalisch gesehen aus den uns umgebenden und durchdringenden Atomen aufgebaut ist.

In der Psychiatrie kann sich Yayoi Kusama auf die Schönheit der Struktur unserer Realität als Wirklichkeit konzentrieren und uns diese in Form ihrer Kunst vor Augen führen, während wir weiterhin unter mässigem Druck täglich einkaufen, kochen und uns durch das Dickicht der Städte kämpfen müssen.

 

Yayoi Kusamas Kunst ist ein wunderschöner, erholsamer, verspielter und umfassender Einblick in die Wahrheit der Realität hinter unserer Wirklichkeit der Wahrnehmung.

 

Cornelia Schiller und Jürg Lützelschwab von der in Basel und Hamburg ansässigen Filmproduktion Ohne Sinn und los laden uns in ihrem exklusiv für KulturPort.De produzierten Film ein, Yayoi Kusama in ihre teilweise schwindelerregend hoch sich aufbäumenden Punkte-Visionen zu folgen und sich hineinziehen zu lassen in den Mikrokosmos unserer Welt auf atomarer Ebene und in den Makrokosmos der Künstlerin, der dieser daraus erwächst.

 

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Yayoi Kusama

Leider ist die Ausstellung "Yayoi Kusama" bis zu ihrem Ausstellungsende am 25. Januar 2026 nun vollständig ausgebucht.

Weitere Informationen (Fondation Beyerler) 

 

Die Retrospektrive ist in Kooperation entstanden mit:

Yayoi Kusama
Zu sehen vom 14. März bis 2. August 2026 Im Museum Ludwig, Heinrich-Böll-Platz, in 50667 Köln
Weitere Informationen (Museum Ludwig)

Yayoi Kusama
Zu sehen vom 11. September 2026 bis 17. Januar 2027 im Stedelijk Museum, Museumplein 10, in 1071 DJ AAmsterdam/Niederlande

Weitere Informationen (Stedelijk; engl.) 

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