Mit „Anders Zorn – Schwedens Superstar“ zeigt die Hamburger Kunsthalle rund 150 Werke eines schillernden und überaus wandlungsfähigen Jahrhunderttalentes, das in Deutschland jahrzehntelang in Vergessenheit geriet.
Wer das TV-Historiendrama „Martha Liebermann – Ein gestohlenes Leben“ von Stefan Bühling gesehen hat, dem ist auch der Name Anders Zorn nicht entgangen.
Im Film um das traurige Schicksal der jüdischen Witwe des ehemals hochgeehrten Akademiepräsidenten und Berliner Ehrenbürgers Max Liebermanns, die sich 1943 das Leben nahm, spielen zwei Porträts von Max und Martha Liebermann eine dramatische Rolle, die der schwedische Künstler 1896 von seinem berühmten deutschen Kollegen und dessen junger Frau gemalt hatte. Und genau diese beiden Porträts sind derzeit nicht nur im Film, sondern auch in der Realität zu bewundern – in der großen Retrospektive der Hamburger Kunsthalle „Anders Zorn – Schwedens Superstar“.
Erstaunlich eigentlich, dass ein Künstler, der in unserem Nachbarland als eine der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten gilt, hierzulande nahezu unbekannt ist. Der Grund dafür ist wohl eher in der deutschen als in der schwedischen Geschichte zu suchen. Denn die Tatsache, dass Anders Zorn (1860–1920) hierzulande über Jahrzehnte hinweg gemieden wurde, sein vielseitiges Werk 125 Jahre nach seinem Tod zum allerersten Mal in Deutschland umfassend vorgestellt wird, ist dem Umstand geschuldet, dass der Künstler mit kitschig anmutenden Genrebildern, zuckrig-süßer Salonmalerei und naturverbundenen Heimatbildern Furore machte, die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Verruf gerieten. Mit seinem Können hat das jedenfalls nichts zu tun – Zorn war fraglos ein Jahrhunderttalent.
„Einen Zorn erkennt sogar ein Blinder, der ist einzigartig“, reagiert Martha Liebermann im erwähnten Film auf den Vorschlag ihrer Freunde, die beiden Porträts außer Landes zu schmuggeln und durch Fälschungen zu ersetzen (Gestapo-Leute kontrollierten und taxierten ihren Kunstbesitz regelmäßig). Angesichts seiner frühen Aquarelle (eher noch als bei den späteren Gemälden) kann man diesen Satz nur unterschreiben. Zorn entpuppt sich in diesen Aquarellen als ein Fotorealist avant la lettre: Die Schleier aus Tüll, mit denen er, gerade mal 20 Jahre alt und noch Student an der Königlichen Akademie der Künste in Stockholm, ein bezauberndes junges Mädchen umhüllt, sind einfach unfassbar delikat und transparent.

Installationsansicht der Ausstellung mit den Werken Elizabeth Sherman Cameron, 1900 (re.) und Abby Marion Deering Howe, 1900 (li.). © beide aus Privatsammlungen. Foto: Fred Dott
Mit diesem Bild, betitelt „Die Trauer“ (1880), das jetzt den Auftakt der Retrospektive in der Galerie der Gegenwart bildet, macht sich der Außenseiter in der schwedischen Kunstszene, der arme Bauernsohn einer alleinerziehenden Mutter, über Nacht einen Namen. Es folgen etliche Porträt-Aufträge reicher schwedischer Familien, in einer dieser Familien lernt er seine spätere Frau Emma Lamm kennen. Um die Tochter eines wohlhabenden jüdischen Hauses heiraten zu können, geht Zorn für vier Jahre ins Ausland, nach England, Spanien, Nordafrika und Frankreich, konzentriert sich auf das Studium der Wasseroberflächen und arbeitet beständig an seinem Renommée. Er schafft es tatsächlich, etabliert sich in England, erlebt in Frankreich den Durchbruch des Impressionismus, der auch in seinem Werk im Laufe der Jahre Einfluss gewinnt.
Doch zunächst begeistert er mit diesen unglaublich realistischen Aquarellen, insbesondere mit Wasserdarstellungen: Gemälde, wie die „Sommerfrische“ von 1886 (eine junge Frau im langen weißen Kleid wartet am Steg auf einen jungen Mann im Ruderboot) oder „Im Hafen von Algier“ (1887) wirken aus der Distanz wie veritable Fotografien. Sein fantastisches Gespür für die Darstellung bewegter Wasseroberflächen ist auch Alfred Lichtwark nicht entgangen. Der Kunsthallen-Chef lädt Zorn ein, im Winter 1891/92 bei trübem Wetter den Hamburger Hafen zu malen. Es entsteht eine Serie von Aquarellen, von denen Lichtwark eine für die Kunsthalle ankauft. Auch diese Serie ist jetzt in der Galerie der Gegenwart zu sehen, gemeinsam mit den 42 Radierungen, die Lichtwark bis zu seinem Tod von Zorn für die Hamburger Kunsthalle noch erwerben soll.
Als Zorn 1891 in Hamburg eintrifft (Ausstellungen in Berlin, Dresden und München folgen), ist er schon längst nicht mehr ausschließlich als Aquarellist unterwegs. Seit 1887 malt er vorwiegend in Öl, was sicher auch seinem Status als internationaler Malerstar geschuldet ist. Denn Zorn ist dabei, Europa hinter sich zu lassen und die USA zu erobern – insbesondere die Damen schwerreicher Industrieller, die ab 1893 reihenweise Porträts bei ihm bestellen. Sogar zwei Präsidenten, Stephen Grover Cleveland und William Howard Taft, lassen sich von ihm porträtieren.
Um 1900 gilt Anders Zorn als einer der berühmtesten Künstler weltweit, die große Goldmedaille auf der Internationalen Kunstausstellung in Berlin und die Porträts von Martha und Max Liebermann sind nur Etappen auf dem Siegeszug. Diesem Künstler nun in Hamburg zu begegnen ist ein Genuss für all jene, die technische Meisterleistungen zu schätzen wissen.
„Anders Zorn – Schwedens Superstar“
Zu sehen bis 25. Januar 2026 in der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, 20095 Hamburg
Geöffnet: Di.–So. 10–18 Uhr, Do. 10–21 Uhr
Weitere Informationen (Hamburger Kunsthalle)

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