Artenvielfalt ist ein internationales Thema: Die Staatengemeinschaft hat auf der 15. Weltbiodiversitätskonferenz beschlossen, bis zum Jahr 2030 30 Prozent der Landes- und Meeresfläche unter Schutz zu stellen.
Möglicherweise müssen jedoch andere Maßnahmen greifen, denn nicht die Flächen sind primär im Fokus der Biodiversitätskrise, sondern die Arten selbst.
Biodiversität ist mit Kunst vergleichbar. Wir alle müssen einen Punkt erreichen, an dem wir verstehen, dass Biodiversität uns nicht nur nützt, sondern dass sie einen über ihren Zweck hinausgehenden Wert hat.
Wunderschön und für jeden sichtbar thronen zwei Wacholderdrosseln auf einer Hausfassade – in Hamburg-Eimsbüttel. Zehn Tage lang hat das Street-Art-Künstlerduo Anna Taut und Pascal Flühmann aka KKade an dem großformatigen Wandgemälde gearbeitet. Das „Mural“ – wie Wand- oder Fassadenkunst in Fachjargon genannt wird – verbindet Kunst mit Natur und Wissenschaft und zeigt: Natur ist kostbar und schützenswert. Hinter dem Projekt stehen international bekannte Urban-Art-Künstlerinnen und Künstler sowie Biodiversitätsforscher. Gemeinsam wollen sie die Artenvielfalt in ihrer Schönheit und großen Bedeutung mitten in der Stadt sichtbar und emotional erfahrbar machen.
Es ist eines von einer ganzen Reihe von Murals in Eimsbüttel, einem der Stadtteile in der Hansestadt, in dem es die Tradition bereits seit den frühen 1980er Jahren gibt. Bereits im vergangenen Jahr wurde ein Mural direkt in der Nachbarschaft des griechischen Künstlers „Gera1“ vorgestellt, bei dem es um Umweltprobleme geht: Wandgemälde gegen Wasserarmut. Am Doormannsweg/Ecke Eimsbütteler Chaussee zieren eine Vielzahl bunter Hände das Kunstwerk. Das Projekt nennt sich „11 Walls, 11 Goals“ und wurde von „Viva con Agua Arts“ und der „Millerntor Gallery“ initiiert.
Wandmalerei macht Artenvielfalt sichtbar
Der Verein InUrFaCE e.V. („Initiative of Urban Facades Creature Exposition“) – in Köln und im Atelier des Graffiti-Künstlers Semor (Kai Niederhausen) beheimatet – hat als Initiator des Projektes Forschende des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) und Street-Art-Künstlerinnen und Künstler zusammengebracht. In einem Workshop sind verschiedene Motive entstanden, die an den beiden Standorten des LIBs, Bonn und Hamburg, umgesetzt worden sind und einen Beitrag zur Sensibilisierung des Themas Artenvielfalt und -verlust leisten.
Das Mural in Hamburg an der Eimsbütteler Chaussee 79/81 zeigt ein Vogelpaar, eingerahmt von Pflanzen und dem Schriftzug MAGISTRA – eine Anspielung auf den lateinischen Satz „Natura est artis magistra" (dt.: „Die Natur ist die Lehrmeisterin der Kunst“). Es unterstreicht: Die Natur inspiriert nicht nur Kunst – sie ist ebenso schützenswert wie ein Kunstwerk selbst. Das Mural erinnert daran, dass Artenverlust nicht abstrakt, sondern täglich und direkt vor unseren Augen passiert, wenn wir nur hinschauen.
Die in Warschau geborene und in Berlin lebende Künstlerin Anna Taut hat viel Erfahrung mit Wandgemälden gesammelt und erläutert: „Die Natur spielt in meiner Kunst eine sehr wichtige Rolle. Sie ist nicht nur die wichtigste Inspirationsquelle in Bezug auf Formen und Farben, sondern oft auch eine eigenständige Existenz, die wie der Mensch eine der Parteien im Konflikt des Bildes ist. Ich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit habe, meine Besorgnis über den Verlust der Artenvielfalt zum Ausdruck zu bringen.“ Auch der in Bern lebende Schweizer Grafikdesigner und Künstler KKade (Pascal Flühmann) hat bereits einige Murals mit seinen an die spät-viktorianische Zeit und Art Déco erinnernden Schriftzügen minutiös und verschnörkelt gemalt.
Beim zuvor initiierten Projekt schwebt in der Maxstraße der Bonner Innenstadt bereits seit einem Jahr ein Rotkehlchen auf einer Hausfassade, während eine symbolische Leerstelle – als Fläche in Vogelform im Bild – eine offene Interpretation zulässt. Das Street-Art-Künstlerduo Semor & Jack Lack hat es kreiert.
All diese Murals könnten nicht nur allein einen künstlerischen Wert haben, sondern auch als Lernorte und Problemsichtbarmachung gelten und auf das Aussterben oder die Entdeckung neuer Arten hinweisen. Am Bonner UN-Campus thematisieren beispielsweise übergroße Insekten die Folgen von Lichtverschmutzung.
Zitate zum Projekt
France Gimnich, Biodiversitätsforscherin und Co-Initiatorin des Vereins InUrFaCE e.V.: „Wir freuen uns, nun auch am zweiten LIB-Standort ein Mural gestalten zu können und hoffen, damit viele Menschen zu erreichen. Wir wollen einen positiven Bezug zur Natur schaffen, die nicht nur unser aller Lebensgrundlage ist, sondern positive Emotionen hervorruft und einfach glücklich macht!“
Marie Herberstein, stellvertretende Direktorin des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) in Hamburg: „Uns ist es wichtig, unsere Forschung auf die Straße und die Menschen wieder mehr in Kontakt mit der Natur zu bringen. Wir möchten für die Vielfalt der Arten begeistern und sensibilisieren. Denn sie ist unsere Lebensgrundlage – und die ist bedroht.“
Susanne Moisan, Kultur- und Projektmanagerin von „Urban Art Projekte“ und Koordinatorin des Projektes in Hamburg: „Anders als Kunst im Museum oder in der Galerie sind Wandgemälde im öffentlichen Raum für alle zugänglich. Mit Flora- und Fauna-inspirierten Fassadengestaltungen Menschen auf die Schönheit der Natur aufmerksam zu machen - auf dem Weg zur Arbeit, zur Schule oder nach Hause - das finde ich großartig, weil Wertschätzung der erste Schritt zur Veränderung ist.“
Mural Hamburg-Eimsbüttel
Zu sehen in der Eimsbütteler Chaussee 79–81 in 20259 Hamburg
Veranstalter: Museum der Natur Hamburg um und Stiftung Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels, Bonn
- Weitere Informationen (Art meets Biodiversity)
- Weitere Informationen (LIB)
Das Projekt wird gefördert durch Union Investment und die Dr. Hans Riegel-Stiftung. Die Fassade stellte eine Grundstücksverwaltung zur Verfügung.
Das Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) widmet sich der Erforschung der biologischen Vielfalt und ihrer Veränderung. Das LIB ist mit dem Museum Koenig Bonn und dem Museum der Natur Hamburg an zwei Standorten vertreten.
InUrFaCE (Initiative of Urban Facades Creature Exposition) ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Köln, der auf ein internationales Netzwerk von Wissenschaftler*innen aus der Biodiversitätsforschung als auch von Street Art-Künstler*innen zurückgreift. Der Verein organisiert Projekte, in denen aus einer interdisziplinären Kooperation großflächig bemalte Fassaden im öffentlichen Raum entstehen. Ziel ist es dabei, durch Kunst die Wertschätzung von biologischer Vielfalt in der Gesellschaft zu erhöhen und die Grundlage für einen bewussteren Umgang mit den Ressourcen der Natur zu schaffen.
YouTube-Video:
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Art meets Biodiversity: Mural "Focusing" - InUrFaCE: Street Art trifft auf Wissenschaft (9:11 Min.)

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