Mit rund 200 Künstlern und Künstlerinnen gehört die NordArt in Büdelsdorf bei Rendsburg längst zu den größten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst im europäischen Raum.
Auch die 26. Ausgabe kann sich sehen lassen. Die Werke sprechen für sich, beeindrucken auf vielfältige Weise. Zu erleben sind die vielfältigen Kunstwerke, angefangen von Gemälden über Skulptur, Installation bis hin zu neuartigen, spannenden Videos im Bilderrahmen noch bis zum 5. Oktober auf dem Gelände der ehemaligen Eisengießerei im „Kunstwerk Carlshütte“.
Die beiden Chefkuratoren Wolfgang Grimm und Inga Aru, die inzwischen Verstärkung durch Sohn Taso erhalten, haben wieder ein gutes Händchen bewiesen bei der Wahl der Ausstellungsstücke, in der Zusammenarbeit mit den teilnehmenden Künstlern. Ihr ursprüngliches Konzept ist auch diesmal aufgegangen: Auch bei der NordArt 2025 werden Menschen durch die Kunst miteinander verbunden. „Nationen, Philosophien und Weltanschauungen“, wie die Kuratoren selbst es sehen. Die gemeinsame (Kunst-)Reise wird über Grenzen hinaus zelebriert.
Gastland der NordArt 2025 ist Japan. Als Länderschwerpunkte, sogenanntes „Special Project“, dabei sind China, Polen und die Mongolei. In der Rubrik „Künstler der NordArt 2025“ werden im Katalog außer den Länderschwerpunkten Künstler aus Chile, Israel, Italien und Russland, aus Usbekistan, dem Iran, aus Frankreich, Südkorea, der Türkei und Tschechischen Republik, aus Belgien und Armenien, aus Großbritannien und den Niederlanden, Dänemark, Slowakei, Österreich, Kolumbien, Serbien, Portugal, Norwegen, Finnland, Lettland, Ukraine, Griechenland und Rumänien benannt. So vielfältig und unterschiedlich wie die Länder und deren Bewohner sind die Künstler in ihren Werken zu erleben.
Die Welt des japanischen Denkens
Das gilt auch für das Fokusland Japan. Für die Kuratoren des Projektes, Rainer Junghans und Ralph Tepel, ist der codierte Raum der NordArt ein energetischer Raum, „in den hinein die Welt japanischen Denkens tritt“. Damit trete eine zweite Energie in den Raum, die Teil der Gesamtenergie der NordArt werde. „Gleichzeitig pflanzt sie dieser Gesamtenergie einen kleinen inneren Gegenpol eines anderen Kulturraumes ein.“ In Japan werde dies „Inyo“ genannt, der japanische Gedanke von einer Art kreativer und innerer Unwucht, die die Welt in Bewegung hält.
Im Fokus der NordArt 2025 also Japan. Diesem Fokus haben sich viele Künstler der beteiligten Länder gewidmet. Eindrucksvoll verbindlich über alle Grenzen hinweg ist beispielsweise die Videoarbeit „State of Water“ von Nisrine Boukhari, die in Wien und Stockholm zu Hause ist. Zu sehen sind Wellen, glitzerndes Wasser im Sonnenlicht und in das Video eingebaute kurze lyrisch anmutende Texte. Hier ist die poetische Verbindung von Ruhe, ja Stille, und (lautloser, weil geschriebener) Sprache sinnlich perfekt stilisiert. Das ist keine Marotte, sondern dahinter steht ein tief begründetes philosophisches Konzept: Seit 2012 erforscht Boukhari den Zustand des „Mind Wandering“ und hat den Begriff „Wanderismus“ geprägt. In ihrer Arbeit „State of Water“ taucht der Zuschauer ein in ein tiefgründiges poetisch-visuelles Werk, in einen „geistigen Zufluchtsort inmitten rauer Wirklichkeit“. Eine thematisch andere wichtige Videoarbeit zeigt Kim Mireyeon (Südkorea): Das Projekt „Knit Together“ ist ein Akt, ein Symbol von Solidarität: Kleine Strickstücke, von Einzelpersonen gefertigt, werden später zu einer großen Decke genäht und auf das Fabrikdach verbracht, hin zu den gegen die verantwortungslosen Zustände und unmenschlichen Gegebenheiten protestierenden Arbeiterinnen. Verwebt werden gemeinsame Erfahrungen von Schmerz und Heilung.
Interkultureller Dialog
Ganz andern, weil besonders gut, sind die Gegebenheiten bei der NordArt. Dies auch dank der Gastgeber Hans-Julis und Johanna Ahlmann. Sie bieten „einen barrierefreien Raum für den interkulturellen Dialog“ (Zitat Zhang Zikang, teilnehmender Künstler). Auf besondere Weise beeindruckt hier die Arbeit „The End“ von Xiang Jing (China), eine Bildhauerin, die sich künstlerisch mit der Komplexität der menschlichen Natur, mit Identität und existenziellen Wahrheit auseinandersetzt. Auf der NordArt ist dieses Werk kombiniert mit „Your Body“, der in diesem Fall über dem Wasser zu schweben scheint, sich auf einer Holzfläche im Wasser platziert dem Betrachter darbietet, umgeben von weißen Wänden und Mädchen, die sich die Hände vors Gesicht halten. Mädchen, die nicht sehen wollen, was zu sehen wäre. Die Perspektive der Künstlerin Jing ist die Perspektive der Frau, deren Körper und Form sind Thema und Aussage des Werks.

Xiang Jing: „The End“ & „Your Body“. Foto: Jörg Wohlfromm
Yang Song (China) ist als Künstler in ständiger Bewegung. In seinen jüngsten Arbeiten verwendet er parallel angeordnete Metalldrähte, die neue visuelle Dimensionen öffnen, in denen Licht und Bewegung skulpturale Formen schaffen, so auch sein kreisförmiger „Heiligenschein“, der dem Betrachter wechselnde Perspektiven bietet. Auch die Serie „Mongolische Pferde“ von Liu Yajiang (China) begeisterte mich beim Rundgang durch die Ausstellung, noch getoppt wurde diese Begeisterung durch die Videoarbeit „Mythos“ seines Kollegen Tian Yiaolei. Ein Langzeitprojekt, das die Fusion von Mensch und Maschine untersucht. Eine Loop-Animation mit fiktiven Figuren, die sich (für immer?) in einen Plexiglaskasten gebannt tänzelnd bewegen.
Bewegte und bewegende Arbeiten
Nicht vorübergehen kann und sollte man an den bewegten und bewegenden Arbeiten von Ronen Sharabani: Das Video „Sanduhr“ zeigt in diesem Moment des Sehens fallende Stühle. Eine andere Arbeit ist „Elemente-Set #2“, ein Video auf Bildschirm. Darstellerisch gezeigt wird eine Szene wie auf einer Opernbühne – faszinierend! „Triple Land“ wiederum sind Videoprojektionen auf drei Sandkästen-Tischen, auch hier werden unerwartete Momente visualisiert und kreativ enthüllt. Bei den Arbeiten von Paul Critchley (Großbritannien) bleiben ohnehin die meisten Besucher der NordArt stehen: Hier darf und soll man die Kunstwerke teilweise sogar anfassen, beispielsweise das Triptychon „Küssen strengstens verboten“ oder auch „Angst-ios Moment“. Beide Male lassen sich die Fensterläden öffnen und geben ihren Inhalt, das Bild frei zur Ansicht.
Park Inkyu (Südkorea/Deutschland) entwickelt Polygonversionen von ikonischen Skulpturen, dies geschieht in komplizierter Arbeitsweise und benötigt diverse Schritte. Er will mit seinen Arbeiten wie „Der Denker“ und „Laokoon-Gruppe“ aufzeigen, welche Autorität heutzutage das Materielle besitzt, welchem Konsumwahn der Mensch ausgesetzt ist, sich ergibt. Durch die vom Künstler geschaffene skulpturale Hülle, durch das für uns ungewohnte Sichtbarmachen unendlich möglicher Reproduzierbarkeit von Ikonen, weist Inkyu auf die Form des Selbstzwecks von Konsum, auf die Anbetung von Konsum hin.

Gemälde: Sambuu Zaya (Mongolei) Skulptur: Park Inkyu. Laokoon-Gruppe. Foto: Rainer Binz
Die innere Welt des Menschen
Mit der inneren Welt des Menschen – zu der ja auch der eben erwähnte Konsumwahn leider gehört – beschäftigt sich Adina Tulai (Rumänien) auf ganz andere Art. Im Gemälde „Blüte“ sehen wir eine voll erblühte Frau in einem hübschen Kleid mit traurigem nach unten gerichteten Blick vor dem Spiegel am Boden sitzend. Das ist farblich klug gestaltet, anrührend und traurig. „Chrysalis“ zeigt dieselbe Frau, die Künstlerin, in Schwarz vor dem Spiegel stehend. Auch hier scheut sie den Blick in ihr Gegenüber, den Blick auf sich selbst, in sich hinein - Melancholie schwankt zwischen Verzweiflung und Hoffnung.
Es gibt zum Glück auch humoristische Kunstwerke bei der NordArt 2025. Sie sind lustig anzuschauen, zugleich aber gesellschaftskritisch in ihrer Aussage. Doch wir dürfen ungehindert und ungestraft schmunzeln, keine Sorge. Schmunzeln über das Werk, über uns selbst, über uns als Konsumenten, als Fehlbare, als menschliche Wesen. Wir können uns hier und heute in dieser Ausstellung auch selbst einmal ganz anders betrachten – in den Kunstwerken der anderen. Dass dies möglich ist, beweisen Werke wie „Fischquadrat“ von Kermal Tufan (Türkei) und „Transatlantik“ von dessen Kollegen Erdil Yaşaroğlu, der einst als Cartoonist begann und nun Sachen wie diese gebiert. Köstlich anzuschauen und gedankenanregend zugleich. Kunst kann das alles. Wir müssen nur sehen wollen.
NordArt 2025
Zu sehen bis zum 5. Oktober 2025 im Kunstwerk Carlshütte, Vorwerksallee, in 24782 Büdelsdorf
Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags (inkl. Feiertage), 11–19 Uhr, montags geschlossen (inkl. Feiertage)
Weitere Informationen (NordArt)

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