Bildende Kunst
Maria Magdalenen Retabels. Neue Tafeln in schwarz-weiß markiert. © Die Lübecker Museen/St. Annen-Museum

Als Retabel wird meist ein Bild der rückwärtigen Schauwand eines Altaraufsatzes bezeichnet. Die beiden Flügel des Altars werden meist vor Ostern zugeklappt (verbergen die prächtige Seite, meist mit Schnitzereien) und präsentieren dann ein von den Geschichten der Bibel oder von Heiligenlegenden diktiertes Bildprogramm.

Wochen später, wenn die Wandlung vollzogen wird, werden die beiden Flügel aufgeklappt und zeigen den oft geschnitzten und dazu bunt bemalten Altar in seiner vollen Schönheit.

 

Das Lübecker St. Annen-Museum – für kurze Zeit einmal ein Kloster, bis es in Folge der Reformation säkularisiert wurde – ist berühmt für seine zahlreichen Altäre, von denen Bernt Notkes Schonenfahreraltar (Schonenfahrer waren die Seeleute, die mit Salz nach Südschweden fuhren und mit Hering wiederkehrten) der vielleicht bekannteste ist.

 

Ein anderes bekanntes Werk ist der Magdalenenaltar, gewidmet Maria Magdalena, von der es im Lukas Evangelium von ihrer Begegnung mit Jesus heißt:

37 Vnd sihe / ein Weib war in der Stad / die war eine Sünderin. Da die vernam / das er zu tische sass in des Phariseers hause / bracht sie ein Glas mit Salben / 38vnd trat hinden zu seinen Füssen / vnd weinet / vnd fieng an seine Füsse zu netzen mit Threnen / vnd mit den haren jres Heubts zu trucken / vnd küsset seine Füsse / vnd salbet sie mit Salben.

 

Die Darstellung Maria Magdalenas in der Bibel gilt als sehr interpretationsbedürftig. War sie wirklich eine Prostituierte? In diesem Zusammenhang ist das vollkommen unwichtig. Hier kommt es allein darauf an, dass und warum ihr dieser Altar gewidmet wurde. 1227 fand in der Nähe Neumünsters die Schlacht bei Bornhöved zwischen den Dänen unter König Waldemar II. (1170–1241) und dem Koaltionsheer unter Adolfs IV. (1205–1261) Graf zu Schauenburg und Holstein statt – es ging um die Vorherrschaft über das Gebiet zwischen Elbe und Eider, und es gewannen die Mannen Adolfs auch dank der tätigen Mithilfe von Lübecker Truppen. Weil die Schlacht am Magdalenentag stattfand, dem 22. Juli, wurde Maria Magdalena so etwas wie die Stadtheilige Lübecks.

 

Gute dreihundert Jahre nach der Schlacht, 1519, gab die Bruderschaft der Schneider einen prachtvollen, Maria Magdalena gewidmeten und ihr Leben darstellenden Altar in Auftrag. Meist wird sie auf Altären oder Tafelbildern wegen ihrer von Lukas geschilderten Begegnung mit Jesus mit einem Salbgefäß dargestellt, aber auf dem Lübecker Altar wird sie auf andere Weise hervorgehoben und gekennzeichnet – ihre Kleidung ist es, die sie zum Lob der Auftraggeber hervorhebt und bei der sich der Meister besonders große Mühe gegeben hat.

 

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Verantwortlich für die Malerei war Erhard Altdorfer (1480–1561), der jüngere und zweifellos viel weniger bedeutende Bruder des bekannten Albrecht Altdorfer. Es scheint, dass er 1512 von Regensburg nach Schwerin kam, wo er bis zu seinem Tod als Hofmaler des Herzogs und noch dazu als dessen Architekt lebte. Wahrscheinlich hat er sich mit Holzschnitten an der „Lübecker Bibel“ (der Übersetzung ins Plattdeutsche durch den Prediger Johannes Bugenhagen) beteiligt. Als Maler trat er dagegen weniger in Erscheinung. Seine Bilder sind handwerklich gekonnt und dazu durchdacht, aber konventionell m Vergleich zu den Werken seines älteren und ziemlich experimentierfreudigen Bruders. Auch konnte er offensichtlich noch nicht richtig mit der Perspektive umgehen – das Schiff schwebt in der Luft. Oder sollte das etwas beabsichtigt gewesen sein?

 

Die Geschichte, die die acht Tafeln erzählen, kann gar nicht biblisch sein, weil die Bibel viel zu wenig von Maria Magdalena berichtet. Einer späteren Legende nach rettete sie sich vor ihrer Verfolgung nach Frankreich. Eine der beiden jetzt nach Lübeck zurückgeführten Tafeln zeigt ihre Ankunft – noch in einem ganz mittelalterlichen Stil vor einer durch die blaue Farbe angedeuteten Ferne. Wenige, viel zu große Figuren stehen dichtgedrängt in einem Boot, wohl einer Kogge. Das zweite Retabel stellt die Bekehrung eines Fürstenpaares dar. Grundzüge der Legende von der Reise Maria Magdalenas dürften einem breiten Publikum bekannt sein, denn 2003/2004 wurde die Reise der angeblichen Witwe Jesu von einem Bestsellerautor ausgeschlachtet. Anschließend wurde ihm von zwei englischen Autoren ein Plagiat vorgeworfen; die Geschichte seines Romans sei ihrem Sachbuch „Der Heilige Gral und seine Erben“ verpflichtet, einem Werk, das sich ebenfalls sehr gut verkauft hatte. Seine Thesen schienen zunächst durchaus plausibel, wurden aber später samt und sonders widerlegt.

 

Wie erging es nun dem Altar der Schneidergesellen? Er wurde in der Maria-Magdalenen-Kirche aufgestellt, einem leider zu Beginn des 19. Jahrhunderts wegen ihrer Baufälligkeit abgerissenen Kirche direkt am Burgtor, deren Turm auf zahlreichen alten Stichen der Stadt zu sehen ist und von der sich noch einige Überreste – zum Beispiel etliche Skulpturen – sowie einige wenige Räume bis in unsere Zeit gerettet haben. Vieles wurde in das damals ebenfalls ziemlich baufällige St. Annen-Kloster auf der anderen Seite der Altstadtinsel geschafft, das aber, anders als die Kirche, gerettet und saniert wurde. Es wurde die Basis eines großartigen Museums, dessen Sammlung von mittelalterlichen Altären in Deutschland ziemlich einmalig ist. Nicht zuletzt seiner Atmosphäre wegen – der Remter! die gewölbten Gänge! – ist das Haus ganz unbedingt einen Besuch wert. Es bildet eine ideale Umgebung für die Altäre und die anderen sakralen Gegenstände und Tafelwerke.

 

Maria Magdalenen Kirche

Nach einem Stadtbrand 1278 wurde die Maria-Magdalenen-Kirche als dreischiffige Basilika wieder aufgebaut. Quelle: Eike Lehmann: Hansestadt Lübeck. Weltkulturgut in Modellen. 1. Auflage. Schmidt-Römhild, Lübeck 2014, ISBN 978-3-7950-7105-9, S. 72-75 Heinrich XI. Lizenz: CC BY-SA 4.0

 

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das alles noch nicht so geschätzt, wie wir das heute tun. So wurde der Maria-Magdalenen-Altar auseinandergenommen, und mehrere der Bildplatten gelangten in die USA. Zwei sind jetzt via Süddeutschland zurückgekommen, aber die beiden fehlenden sind noch immer dort, nämlich im Allen Memorial Art Museum in Ohio), dessen Homepage leider nicht diese Bilder zeigt, aber ein sehr schönes Haus vermuten lässt.


Maria Magdalenen-Altar

St. Annen-Museum, St. Annen-Str. 15, in 23552 Lübeck

Weitere Informationen (Museen in Schleswig-Holstein)

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