Bildende Kunst

Wie umgehen mit Künstlern, die zwar bedeutend, aber politisch und moralisch alles andere als korrekt waren und sind? Totschweigen und aus fertigen Filmen herausschneiden wie im Missbrauchs-Skandal um US-Star Kevin Spacey? Eine fragwürdige Lösung, die stark an totalitäre Praktiken erinnert.

Im Fall Emil Nolde stellt sich das Bucerius Kunst Forum in Kooperation mit der Nolde-Stiftung Seebüll der Widersprüchlichkeit von Werk und Person: „Nolde und der Norden“ sucht in Vorbildnern und den künstlerischen Anfängen des bedeutenden deutschen Expressionisten nach Erklärungen, räumt jedoch ein: „Der Widerspruch lässt sich nicht auflösen“.

 

Nolde der Antisemit. Nolde, der überzeugte Nationalsozialist. Nolde, der „entartete“ Künstler. Vor drei Jahren erst hat eine Berliner Ausstellung höchst eindrucksvoll das „Nazi-Opfer“ demontiert, zu dem sich Emil Nolde (1867-1956), unterstützt von seiner Frau Ada, nach dem Zweiten Weltkrieg stilisierte. Sie belegte, dass der Expressionist bis zum Schluss glühender Hitler-Anhänger und zutiefst unglücklich darüber war, dass „der Führer“ seine „urdeutsche“ Kunst nicht verstand: Die glühenden Himmel über violett-blauer See; die explosiven Sonnenuntergänge und intensiv kolorierten Bauerngärten zwischen den Meeren; die Märchen, Mythen und biblischen Gestalten. Die vielen furiosen Bilder, die er mit atemberaubender Wucht auf die Leinwand warf als Liebeserklärungen an seine Heimat im deutsch-dänischen Grenzgebiet, der er zutiefst verwurzelt war. Wie sehr, dass führt diese umfassende Schau mit 110 Werken (65 Gemälde und 45 Arbeiten auf Papier, davon rund 80 von Nolde) vor Augen.

 

Doch zunächst überrascht der Auftakt mit biedermeierlich anmutender dänischer Kunst: Ludvig Finds „Porträt des Malers Thorvald Erichsen“ von 1897 etwa; Anna Anchers Genrebild „Stine Bollerhus“ von 1879 oder Georg Achens und Peter Ilsteds „Lesende Frauen“.

Insgesamt 25 Gemälde von 15 dänischen Künstler*innen zwischen Realismus und Symbolismus, unter denen man Noldes Frühwerk geradezu suchen muss, so verblüffend ähnelt es mitunter den dänischen Vorbildern – motivisch und stilistisch, wie auch in seiner gebrochenen, erdverbundenen Farbpalette. Bestes Beispiel ist Viggo Johansens „Kücheninterieur mit weiblicher Rückenfigur“ (1884) sowie eine seiner Landschaften, die Hans Emil Hansen (erst später nahm er den Alias-Namen seines Geburtsortes „Nolde“ an) regelrecht nachgemalt hat. Wüsste man es nicht besser, man würde gewiss keines dieser Bilder mit dem Expressionisten in Verbindung bringen.

 

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Nolde war fasziniert von den stillen Interieurs mit ihren symbolisch aufgeladenen Figuren, den stimmungsvoll verhangenen Landschaften in dem unvergleichlich weichen, verschwommenen Licht des Nordens, die er erstmals auf der Pariser Weltausstellung 1900 sah. Spontan beschloss er eine Zeit in Kopenhagen zu verbringen, um Kollegen wie Vilhelm Hammershøi oder Viggo Johansen vor Ort zu studieren und persönlich aufzusuchen. „Bei Hammershøi war der Raum im Dämmerlicht, in wunderschönem Silbergrau. An einer der Wände sah ich ein Bild, vier hohe, schöne nackte Frauenfiguren. Er sprach langsam und leise, wir alle sprachen still“, erinnerte sich Nolde an seinen Besuch bei dem damals international gefeierten Kollegen.

 

So ist in dieser Ausstellung vor allem der Nolde vor Nolde zu entdecken: Die bislang weitgehend unerforschten Arbeiten aus seiner Zeit in Dänemark (1900-1902), die vor Augen führen, welch entscheidenden Einfluss die skandinavische Kunst auf die künstlerische Entwicklung des Norddeutschen nahm.

 

Spannend an dieser Gegenüberstellung in vier Kapiteln („Menschenbilder“, Interieur“, „Landschaft“ und „Fantastik“) ist auch die Tatsache, dass eben jene Künstler (u.a. Peder Severin Krøyer, Julius Paulsen, Julius Paulsen, Jens Ferdinand Willumsen und Kristian Zahrtmann) zu den Teilnehmern der Pariser Weltausstellung gehörten, die der 33-jährige Nolde damals besuchte. Ein tolles Konzept der beiden Kuratorinnen Katrin Baumstark und Magdalena Moeller, zum Teil sind sogar dieselben Bilder, die vor bald 122 Jahren in Paris für Furore sorgten, in Hamburg zu sehen.

 

Die Ausstellung zeigt aber auch, dass der hochdynamische, breitflächige Pinselduktus und die unvergleichliche Farbgewalt von Anbeginn in Emil Nolde schlummerten. Man muss es zugeben: Dieser Künstler war genial. Und er war ein Anhänger des Nationalsozialismus. Wie sagte der Journalist, Kunsthändler, Kunsthistoriker und Buchautor Florian Illies doch gleich: „Man muss der Wahrheit Raum geben, dass auch niederträchtigste Menschen höchste Kunst schaffen können“.


„Nolde und der Norden“

 

Zu sehen bis 23. Januar 2022 im

Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, 20457 Hamburg.

Mit Werken von: Emil Nolde, Georg Achen, Anna Ancher, Poul S. Christiansen, Ludvig Find, Vilhelm Hammershøi, Carl Holsøe, Peter Ilsted, Viggo Johansen, Peder Severin Krøyer, Julius Paulsen, Theodor Philipsen, Laurits Andersen Ring, Niels Skovgaard, Jens Ferdinand Willumsen, Kristian Zahrtmann                                   

Weitere Informationen

 

YouTube-Video:

„Nolde und der Norden“ (Ausstellungstrailer, 0:38min.)

 

Ab dem 15.10.2021 gilt im Bucerius Kunst Forum für den Ausstellungs- und Veranstaltungsbetrieb das Zwei-G-Zugangsmodell. Für den Einlass ist der Nachweis über eine vollständige Corona-Impfung oder Genesung in Verbindung mit einem Lichtbildausweis notwendig. Personen unter 18 Jahren sind ausgenommen. Die Pflicht zum Tragen einer medizinischen Maske bleibt bestehen, nur Kinder unter 7 Jahren sind dazu nicht verpflichtet. Es werden weiterhin die Kontaktdaten zur Nachverfolgung von Infektionsketten erhoben.

 

Ergänzend zu „Nolde im Norden“ zeigt die Hamburger Kunsthalle in einer kleinen Studio-Ausstellung mit elf Gemälden Emil Noldes Maltechnik: „Meistens grundiere ich mit Kreide…“

Neben normalen Eintrittspreisen gibt es ein ermäßigtes Kombiticket.

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