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Hamburger Architektur Sommer 2019

Bildende Kunst
Irr-Real Der Zeichner Carl Julius Milde im Lübecker Behnhaus

Der Name von Carl Julius Milde (1803–1875), einem gebürtigen Hamburger, ist vor allem mit Lübeck verknüpft, wohin er als Mittdreißiger zog, um am Katharineum als Zeichenlehrer zu arbeiten.
Es scheint, dass er zu dieser Zeit seine Ambitionen als Künstler nicht direkt begrub, wohl aber ein wenig zurücknahm, denn in den folgenden Jahrzehnten trat er als Restaurator und als Vorlagenzeichner für Kirchenfenster in Erscheinung, aber nur selten als eigenständiger Maler. Dabei verfügte er nicht allein über ein beträchtliches zeichnerisches Talent, sondern nach einer anspruchsvollen Ausbildung in Dresden und München auch über eine feine Technik.

Beides kam ihm zugute, als er 1829 damit begann, psychiatrische Patienten des damals modernsten Krankenhauses in Europa, St. Georg in Hamburg, zu porträtieren. Im Katalog spricht sich der Medizinhistoriker Cornelius Borck dafür aus, dass Milde „aus eigenem Interesse die Porträts der Geisteskrankheiten zeichnete“, wogegen in der Darstellung der Kuratorin der Ausstellung, Julia Diekmann, Milde im Auftrag des leitenden Arztes, Johann Dietrich Sandtmann, die Zeichnungen anfertigte. So ganz genau weiß man es offensichtlich nicht, aber es steht außer Frage, dass er allein im Einverständnis mit den Ärzten tätig werden konnte. Und für eine Arbeit im Auftrag spricht es, dass er sich während einer Italienreise durch seinen Freund Otto Speckter vertreten ließ. Dass ihn die Arbeit an den Porträts fesselte – alle möglichen ökonomischen Interessen einmal beiseite gelassen –, zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die mit größter Sorgfalt erstellten Blätter.

Dass die Ärzte an den Bildern interessiert waren, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Denn einerseits wurden Illustrationen für Ausbildung wie Forschung benötigt, andererseits wünschten die Mediziner ihre Therapieerfolge zu dokumentieren. Im Lübecker Behnhaus werden jetzt bis zum 30. Juni die Patientenporträts aus der Hand Mildes vorgezeigt. Dazu gibt es einen schönen Katalog.

Die Ausstellung wird zum größten Teil aus dem Bestand des Behnhauses bestritten, das schon 1950 ein Konvolut von 54 dieser sehr eindrucksvollen Porträts im Berliner Kunsthandel aufgekauft hatte. Dazu kommen noch je ein Blatt von Wilhelm von Kaulbach und Albrecht Dürer, fünf Zeichnungen Mildes aus dem Besitz der Hamburger Kunsthalle, elf Porträts aus der Hand Otto Speckters und endlich zwei, die der Kieler Lithograph Timm Bernard Wilms verantwortete. Von Interesse sind diese meist wenig spektakulären, aber allesamt sehr sorgfältig auf einem hohen zeichnerischen Niveau angefertigten Zeichnungen sowohl in medizin- als auch in kunsthistorischer Hinsicht. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich allmählich eine Psychiatrie, die Patienten nicht nur wegsperrte, sondern auch behandelte und (erstmals!) zu heilen versuchte, und so war dies auch die allererste Zeit, in der man dem einzelnen Kranken überhaupt Interesse entgegenbrachte. Man kann an allen Zeichnungen deutlich sehen, dass es Individuen sind, die einem entgegenschauen, und nicht allein deshalb, weil auf vielen Blättern Namen und (gelegentlich) auch die Berufe vermerkt sind. In jedem Fall sind es wirkliche Porträts singulärer Persönlichkeiten.

Die allermeisten Zeichnungen sind Brustbilder, aber sorgfältig ausgeführt ist in eigentlich allen Fällen allein der Kopf. Die Körperhaltung ist also leider in kaum einem der Patientenporträts abgebildet, sondern lediglich auf anderen Blättern. Gelegentlich findet sich noch ein zweites Bild auf demselben Blatt, dann aber meist als Halbprofil. Auffällig ist bei den Blättern Mildes der spitze und meist harte Bleistift – Milde hat sehr, sehr akkurat gezeichnet und sich besonders auf die Augenpartien konzentriert. Ist es Einbildung, dass man glaubt, schon am Blick einen kranken Menschen erkennen zu können? Manche der Kranken schauen nach unten, einige zur Seite, und einige fixieren den Zeichner oder den Betrachter – gelegentlich in einer aggressiven Weise. Natürlich lächelt kaum jemand – das hat man damals auch sonst nicht gemacht, und außerdem zeigen sehr viele der Zeichnungen, wie sehr die Kranken gelitten haben müssen. Man bekommt viel Unglück zu sehen auf dieser Ausstellung!

Als Laie ist man ja geneigt, nur zwei Kategorien von Geisteskranken zu kennen, die Paranoiker und die Depressiven, und am Blick und an der Kopfhaltung lassen sie sich auch leicht auseinanderhalten. Trotzdem werden von Milde keine Typen vorgeführt, denn tatsächlich sehen und halten sich ausnahmslos alle Kranken anders. Und dann gibt es doch noch etwas, das über das viele Unglück hinwegtrösten kann, denn einige Patienten werden nicht allein während ihrer Krankheit, sondern auch später, nach ihrer Genesung, gezeigt. Bei den Geheilten ist der Ausdruck des Gesichts so viel anders, dass an ihrer Wiederherstellung überhaupt kein Zweifel bestehen kann. Oder sollte der Künstler hier etwas geschönt haben?

Auf jeden Fall ist es fesselnd, sich die Porträts anzuschauen und zu überlegen, woran man die Krankheit der Patienten erkennt und ob der Gesichtsausdruck bei der Diagnose helfen kann. In vielen Fällen scheint die Innenspannung aus dem Gesicht gewichen, so dass es ist nicht mehr länger konzentriert und gefasst ist, sondern seine Form verloren hat – so ist der Mund sehr oft halb geöffnet, was auf den Porträts gesunder Personen so gut wie nie zu sehen ist. So scheint es, dass die Krankheit die Einheit der Persönlichkeit und damit des Gesichts zerstört hat.

Empfehlenswert ist der Katalog, der wie die Ausstellung insgesamt 103 Blätter präsentiert; zu den Porträts aus der Hand Mildes kommen noch die Zeichnungen, die Otto Speckter angefertigt hat, sowie zwei aus der Hand des Lithographen Timm Bernhard Willms. Aber es sind nicht allein Porträts, die im Behnhaus gezeigt werden, sondern aus Italien brachte Milde auch einige Studien mit, und ein frühes Selbstbildnis in Öl zeigt ihn mit zwei Freunden – ein sprödes Freundschaftsporträt ganz im Stil der Nazarener und wohl für die meisten von uns wenig anziehend. Schließlich finden sich noch Insektenstudien und anatomisch-pathologische Illustrationen.

Im Katalog stellt Alexander Bastek die Arbeit Mildes an den Patientenporträts vor; Michael Thimann schreibt über die „Wahrheit im Gesicht“, also über den Wandel in der Auffassung des Porträts zur Zeit der Romantik und der Nazarener; Cornelius Borck gibt eine Einführung in die Situation der Psychiatrie in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts; und Henry A. Smith hat unter dem Titel „Wendejahre“ Ausschnitte aus Briefen und Tagebüchern Carl Julius Mildes zusammengestellt. Der wichtigste und für den Katalog titelgebende Beitrag ist derjenige Julia Diekmanns, der Kuratorin dieser Ausstellung. Sie stellt Mildes Porträtzeichnungen vor, gibt also nicht allein einen Überblick über das Leben Mildes in diesen Jahren, sondern fasst auch zusammen, was man über die ersten Jahre des Krankenhauses St. Georg weiß.

Irr-Real. Carl Julius Milde, das Porträt und die Psychiatrie

Zu sehen bis 30. Juni 2019 im Museum Behnhaus Drägerhaus, Königstr. 9-11, Lübeck
Eintritt: 7 / 3,50 EUR
Öffnungszeiten: Dienstag - Sonntag

Bis 31.03. - 11 - 17 Uhr
Ab 01.04. - 10 - 17 Uhr
Weitere Infos und Termine unter
www.museum-behnhaus-draegerhaus.de

Katalog: Irr-Real. Carl Julius Milde, das Porträt und die Psychiatrie, herausgegeben von Alexander Bastek. Michael Imhof Verlag
192 Seiten, 29,80 € (19,90 € während der Ausstellung).
978-3731908340


Abbildungsnachweis: PR/ Museum Behnhaus Lübeck
Header: Detail aus Carl Julius Milde: Die Italienerin
Galerie:
01. Bildnis einer unbekannten Frau
02. Portrait eines Mannes
03. Bildnis des Kaufmanns Köchlin
04. Die Italienerin

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