Hinein ins „Romantische Franken“
Nach Dinkelsbühl zu fahren bedeutet, in eine andere Welt einzutauchen. Hinein ins „Romantische Franken“, was hier mehr ist als nur ein touristischer Slogan.
Hier in der Region finden sich die großen Perlen mittelalterlicher Städte. Natürlich Rothenburg ob der Tauber, Nördlingen, Kleinode wie Wolframs-Eschenbach – oder eben Dinkelsbühl, jene Stadt, die immer wieder mal zur „schönsten Altstadt Deutschlands“ gekürt wird.
Doch Dinkelsbühl will kein Freilichtmuseum sein – und jetzt, im Winter, ist die Stadt auch vergleichsweise wenig besucht. Überall Türme, Tore, prächtiges Fachwerk, Patrizierhäuser wie der „Hezelhof“ und das „Deutsche Haus“, das Heiliggeistspital oder großartige Kirchenbauten, allen voran das Münster St. Georg. Und drumherum: Weiher, Wiesen und Parks. Wanderwege, herrliche Radstrecken und ein Flussbad an der Wörnitz gibt es.

Innenansichten des Münsters St. Georg in Dinkelsbühl. Fotos: Marc Peschke
Große, gelebte Vergangenheit
Seit 1335 war die Stadt eine freie Reichsstadt. Sie ist von einer Stadtmauer umschlossen, die, so scheint es, die Stadt noch heute abschirmt. Im Sommer ist hier alles voller Leben: Es gibt Freilichtspiele und das Festspiel der „Kinderzeche“, ein historisches Kinder- und Heimatfest – in diesem Jahr findet es vom 17. bis 26. Juli statt. Es ist eine schon lange erzählte Legende: Es sollen die Kinder Dinkelsbühls gewesen sein, die ihre Heimatstadt im Dreißigjährigen Krieg vor den Schweden gerettet haben. Es ist eine große gelebte Vergangenheit, in der sich das Zusammengehörigkeitsgefühl der Stadt noch heute und immer wieder zeigt: Seit 2016 steht das Fest auf der Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland.
Das Dorf Segringen
Wir kommen im Dorf Segringen im empfehlenswerten, historischen Landgasthaus Dollinger unter – direkt neben der Pfarrkirche St. Vinzenz, einer ehemaligen Wehrkirche, die in Teilen noch aus romanischer Zeit stammt. Etwas ganz Besonderes und auch etwas Unheimliches ist hier der Friedhof mit seinen einheitlichen, schwarz-goldenen Grabkreuzen. Auf diesem Friedhof gibt es keine Ehe- oder Familiengräber. Im Tod sind alle allein – und alle gleich.

Standardisierte Einzelkreuze auf dem Friedhof von Segringen. Foto: Marc Peschke
Ein erster Rundgang durch Dinkelsbühl
Ein erster Rundgang durch Dinkelsbühl: Es ist die stille Zeit zwischen Weihnachtszauber und Frühlingserwachen. 12.000 Einwohner hat die ehemalige freie Reichsstadt. Groß genug, um sich mehrere Stunden in den Gassen und Gässchen treiben zu lassen, die von der vollständig erhaltenen Stadtmauer umschlossen sind. Glücklich kann man sein, dass es all das noch gibt. Im frühen 19. Jahrhundert verhinderte ein Dekret Ludwig I. den Abbruch von Mauern, Türmen und Toren in der damals vollkommen verarmten Stadt.
Der rote Schriftzug vor der Stadtmauer Dinkelsbühls. Foto: Marc Peschke
Heute ist die Stadt an der Romantischen Straße ein touristischer Hotspot, beinahe so wie Rothenburg. Doch nicht in dieser Jahreszeit. Es ist Abend geworden und wir schreiten durch die romantischen Gassen. Einen Nachtwächter gibt es, der auch im Winter, am Freitag und am Samstag um 21 Uhr seine Runden dreht. Er beginnt seinen romantischen Rundgang am Münster St. Georg. Auch Stadtführungen werden in den Wintermonaten täglich um 11 Uhr angeboten. Treffpunkt: Touristeninformation.
Museum Haus der Geschichte
Die Geschichte Dinkelsbühls lässt sich in den Gassen spüren – oder auch im Museum Haus der Geschichte, das im Alten Rathaus residiert. Die Dauerausstellung widmet sich der 600 Jahre langen Reichsstadtgeschichte, beginnt mit einem Stadtmodell. Wir sehen Waffen und Geräte – aber auch Folterinstrumente wie Halsgeigen oder den gruseligen „Spitzen Stuhl“. Auch der Dreißigjährige Krieg wird behandelt, das Ende der Reichsstadt. Ausgestellt sind eine Kanone aus dem Jahr 1542 sowie Bildnisse Kaiser Ferdinands II. und seinem schwedischen Kontrahenten, König Gustav Adolf. Wie auch in Rothenburg wird die Stadt erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt: Es kamen unter anderem Künstler, wie die Freiluftmaler aus München – Dinkelsbühl wurde zu einem Maleridyll, wovon einige Exponate im 2. OG erzählen. Im Kellergewölbe wird schließlich noch die Geschichte der Hexenverfolgung in Dinkelsbühl geschildert. Auch hier gibt es jeden Samstag um 14 Uhr eine Führung.
Hervorragende, klassische Speiselokale
Wir sind in Franken, also lässt es sich hier auch ganz herrlich speisen. Besondere Schmankerl der Region sind die Hefeteigschnecken, die Dinkelsbühler Karpfen sowie das Lamm aus dem Dinkelsbühler Umland. Die Auswahl ist gar nicht so leicht. Es gibt hervorragende, klassische Speiselokale mit behaglichem, historischem Ambiente. Eigentlich wollten wir in die „Glocke“, ein Traditionshaus, das schon 1694 erstmals als Wirtshaus erwähnt wird, aber die Glocke klingelt im Winter nur am Wochenende. Daher entscheiden wir uns für den „Goldenen Hirschen“, wo ein Zwiebelrostbraten mit hausgemachten Spätzlen lockt. Wir sind zwar in Bayern, doch der schwäbische Einfluss ist stark – gesprochen wird ein Übergangsdialekt zwischen Fränkisch und Schwäbisch.

Gastronomie in Dinkelsbühl. Foto: Marc Peschke
Aber es gibt noch mehr gute Adressen: Wir möchten unbedingt auch Weib’s Brauhaus empfehlen, die einzige Gasthausbrauerei in Dinkelsbühl. Oder auch das „Hanoi“ mit authentisch-vietnamesischer Küche – in urgemütlich schummrigem Ambiente. Wer es sehr fein mag, geht ins Altdeutsche Restaurant im Hotel Deutsches Haus, ein Klassiker, gelobt vom Guide Michelin.
Das Gesamtbild der Stadt ist hier die Attraktion
Dinkelsbühl hat etwas, was heute selten geworden ist: Fast nichts stört hier das Auge. Keine störenden Werbeschilder, der ganze visuelle Kuddelmuddel der Gegenwart – außer den Autos – muss hier draußen bleiben. Und dennoch ist das Städtchen nicht museal. Im Gegenteil: Die Altstadt mit ihren vielen Cafés, Gasthäusern und vielfältigen Einzelhandelsgeschäften ist quicklebendig. Das Gesamtbild der Stadt ist hier die Attraktion, nicht so sehr die zum Teil gleichwohl hochkarätigen Baudenkmäler.
Rothenburg, ja. Ewige Konkurrentin
Jetzt stehen wir am winterlichen Rothenburger Weiher mit dem Rothenburger Tor im Hintergrund. Rothenburg, ja. Ewige Konkurrentin in der Frage, wer nun die schönste Altstadt in Deutschland hat. Rothenburg hat mit seinen Blicken ins Taubertal und vom Taubertal herauf die großartigere Lage. „Aber Dinkelsbühl ist – auf den ersten Blick – anders als Rothenburg. Eine Stadt mit Alltag, in der es keine ausschwärmenden Touristen gibt, sondern mehr Einzelbesucher“. So hat es Herbert Schindler bereits 1975 in seinem immer noch maßgeblichen Kulturführer über die Romantische Straße geschrieben. „Eine jede dieser Reichsstädte ist ja ein eigenes Gebilde nach Lage, Wuchs, Einwohnerschaft, sozialer Struktur und äußerer Erscheinung.“
Überhaupt soll man ohnehin nicht so viel vergleichen. Nicht mit anderen. Und nicht Städte mit anderen Städten. „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“, so hat es der dänische Philosoph Søren Kierkegaard sehr treffend ausgedrückt.
Und so staunen wir über das unvergleichliche Dinkelsbühl, über das spätgotische, katholische Münster St. Georg, eine der schönsten Hallenkirchen Süddeutschlands, nach Plänen von Nikolaus Eseler errichtet. Danach schlendern wir über den Marktplatz mit seinem kleinen Bauernmarkt, der immer am Mittwoch und am Samstag stattfindet. Wir kaufen uns eine Bretzel; man wünscht uns einen schönen Aufenthalt. Mit etwas Glück gibt das vorzügliche Landestheater Dinkelsbühl am Abend noch eine Vorstellung, oder es findet im Jazzkeller Dinkelsbühl ein Konzert statt – und wir sind vollkommen zufrieden im (ganz und gar unvergleichlichen) Dinkelsbühl.
Gefreut hatten wir uns auf ein ganz besonderes Museum, nämlich das Museum 3. Dimension, ein weltweit einzigartiges Ausstellungshaus, das auf vier Etagen Holographie, 3D-Fotografie, 3D-Anaglyphen, optische Illusionen, Amorphosen und Vexierbilder präsentiert. Doch leider ist das 1987 eröffnete Museum direkt neben dem Nördlinger Tor derzeit wegen eines Umbaus geschlossen – es soll allerdings bald wieder öffnen!
Geschichte und Gegenwart
Dinkelsbühl ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Geschichte und Gegenwart in einer Stadt verschmelzen können. Dinkelsbühl ist ein Ort, der eine seltene Mischung aus historischer Tiefe und gegenwärtiger Präsenz bietet. Oder sagen wir es so: Wer sich für Stadtgeschichte, für Architektur, für Kultur und die subtilen Feinheiten eines Ortes interessiert, der wird hier in Franken, in Dinkelsbühl, eine Stadt kennenlernen, die in ihrer eigenen Zeitlosigkeit eine bemerkenswerte Gegenwart hat.
Schloss Spielberg
Doch unsere Reise nach Mittelfranken ist noch nicht zu Ende. Etwa 50 Kilometer nach Osten geht es jetzt. Wir machen Halt vor dem auf einem Berg gelegenen, verschneiten, gespenstisch umnebelten Schloss Spielberg südlich von Gunzenhausen. Der Baubestand geht auf das 12. Jahrhundert zurück. Hier ist das Werk des 2008 verstorbenen Bildhauers und Malers Ernst Steinacker präsentiert – eine Art Gesamtkunstwerk, in dem sich Moderne Kunst und der überaus geschichtsträchtige Ort auf spannende Weise verbinden.

Skulpturdetail von Ernst Steinacker. Foto: Marc Peschke
Seine moderne, teilweise auch christlich intendierte Kunst prägt Schlossgalerie, Schlossanlage und Schlossinnenhof. Von 1975 an gestaltete Steinacker Engel, die idealerweise „nahe dem Himmel“ stehen sollen – was hier auf schönste Weise gelungen ist. Achtung: Im Winter reduzierte Öffnungszeiten – doch viele der Skulpturen werden im Außenraum präsentiert und sind dadurch immer zugänglich.
Die Thermenstadt Treuchtlingen
Noch wenige Kilometer, dann sind wir in Treuchtlingen. Die Thermenstadt liegt inmitten verschiedener Urlaubslandschaften: des sanft hügeligen Naturparks Altmühltal, des Fränkischen Seenlandes und des Geoparks Ries. Auch hier können ausgedehnte Wanderungen und Fahrradtouren unternommen werden – im Sommer lädt die Altmühl zu einer Kanutour ein – und viele Seen machen die Gegend besonders attraktiv.
Jetzt im Winter ist natürlich die Thermen- und Saunalandschaft der „Altmühltherme“ nach unserem Geschmack, entsprechend dem Marketing-Motto der Stadt „Treuchtlingen lädt Dich auf“. Also laden wir uns auf: Hier sprudelt 18.000 Jahre altes Heilwasser aus dem Boden – bei überaus wohligen Temperaturen. Etwa 300.000 Menschen besuchen das Bad und das angeschlossene Kurmittelzentrum Altmühlvital – das einzige Bad im Naturpark Altmühltal.
Rundgang durch die Innenstadt
Aber auch die Innenstadt – vor allem die Gassen um die evangelische Kirche aus dem 18. Jahrhundert, gebaut nach Plänen von Johann David Steingruber im typisch Ansbacher Markgrafenstil – lohnt einen Rundgang, den man auch mit einem neu konzipierten Audio-Guide unternehmen kann, der gegen eine Leihgebühr in der Touristeninformation erhältlich ist. So entdecken wir das Stadtschloss aus dem 16. Jahrhundert, ein ehemaliges Wasserschloss der Pappenheimer und Ansbacher, sowie die Burgruine Obere Veste aus dem frühen 12. Jahrhundert oder auch das „MuT“, das Museum Treuchtlingen in der ehemaligen Posamentenfabrik, das die gesamte Stadtgeschichte und die der Region Altmühlfranken zeigt.
Das Museum Treuchtlingen
Wir begegnen den Kelten und den Römern im mittelalterlichen Treuchtlingen – Lebenswelten, die 3000 Jahre bis in unsere Zeit reichen. Ein Glanzstück der Ausstellung ist ein Topfhelm, ein besonders gut erhaltener Reiterhelm aus dem 12. Jahrhundert.

Museum Treuchtlingen. Fotos: Marc Peschke
Bemerkenswert auch die Abteilung der Wohnwelten des bäuerlichen und bürgerlichen Lebens in der Region, mit Exponaten seit dem 17. Jahrhundert, darunter etwa ein besonders kostbarer Renaissance-Schrank aus Schloss Möhren, der jedoch ein wenig stiefmütterlich in einer düsteren Ecke präsentiert wird. Auch die Geschichte des hier ehemals typischen Jura-Hauses ist dargestellt – unter anderem mit historischen Fotografien. Auch hier gilt: Bitte die reduzierten Winteröffnungszeiten beachten! Und noch eine Empfehlung: Nach dem Museumsbesuch gleich hinein in Anjas Museumscafé, ein Ort für Liebhaber und Liebhaberinnen hausgemachter Torten und Kuchen.
„Fossa Carolina“
In Graben, einem Ortsteil von Treuchtlingen, liegt zwischen Altmühl und Rezat die „Fossa Carolina“, der Karlsgraben, der einen Besuch wert ist und dessen Geschichte auch im Museum dargestellt wird. Es handelt sich hier um die Überreste des Kanalbauprojekts Karls des Großen, der im Jahr 793 den Versuch unternahm, Rhein, Main und Donau durch eine Wasserstraße zu verbinden. Neueren Forschungen zufolge wurde der Kanal damals nicht fertiggestellt. Die Unternehmung musste gestoppt werden, doch die Reste dieses kühnen Projekts sind beeindruckend.
Einen Veranstaltungstipp für den Sommer haben wir noch: Am Tag der Franken, am 5. Juli 2026, wird Treuchtlingen seine besondere Lage im Dreiländereck von Mittelfranken, Oberbayern und Schwaben unterstreichen. Die Veranstaltung wechselt jährlich zwischen den drei fränkischen Bezirken und rückt die kulturelle, historische und landschaftliche Vielfalt Frankens ebenso in den Fokus wie dessen Innovationskraft.
Mittelfranken
Dinkelsbühl, Rotenburg o. d. Tauber, Segringen, Treuchtlingen
Weitere Informationen:
www.hausdergeschichte-dinkelsbuehl.de
www.landestheater-dinkelsbuehl.de
www.tourismus-treuchtlingen.de

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