Hinein in den großen Wald, ein Wald der Superlative sogar, ist er doch der größte zusammenhängende Laubmischwald Deutschlands.
Der Spessart, dieser Naturraum zwischen Odenwald, Rhön und Vogelsberg, ist für die Menschen des Rhein-Main-Gebietes bis in den Würzburger Raum immer der Ort kleiner Fluchten gewesen – ein Blättermeer, ein Naturpark mit lieblichen Tälern, Bächen und Flüssen Saale, Main, Kinzig und Sinn. Wie geht er noch, der alte Reim? Kinzig, Sinn und Main schließen den Spessart rings ein: das Mainviereck.
Wer die Bundesstraße 26 von Aschaffenburg nimmt und seinen Wagen durch den Hochspessart lenkt, kommt irgendwann unweigerlich in das unterfränkische Lohr am Main. Lohr und der Spessart gehören zusammen. Genauso wie der Main zu Lohr gehört. Auch Lohr ist durch den Main reich geworden. Im 18. Im Jahrhundert waren es Lohrer Schiffbauern, die in Wien und Prag Donau- und Moldauschiffe bauten.

Aschaffenburg an einem Winterabend. Foto: © Bayern Tourismus
Lohr und der Spessart, diese alte Geschichte erzählt seit vielen Jahren schon das Lohrer „Spessartmuseum“ im Schloss. Das Museum illustriert die Geschichte des großen Waldgebietes zwischen Hessen und Bayern und erzählt von hohen Herren und Habenichtsen. Fotos dokumentieren das Leben im Spessart. Ein hartes, einfaches Leben.
Doch gleichzeitig war der Spessart eine riesige „Holzfabrik“, adliges Jagdrevier und natürlich der geheimnisvolle Ort, wo Schurken ihr Unwesen trieben. Höhepunkt des Spessartmuseums ist deshalb neben vielen Exponaten zur Glasherstellung selbstverständlich die Spessarträuber-Abteilung, in der anhand von Originalobjekten und Rauminszenierungen von Banden und legendären Räubern erzählt wird, von finsteren Gesellen mit langen Gewehren, Bärten und Filzschlapphüten, denen Wilhelm Hauff mit seiner Erzählung „Das Wirtshaus im Spessart“ ein Denkmal gesetzt hat. Eine Entdeckungsreise hinter die romantischen Klischees vom Spessartwald verspricht das Museum Kindern und Erwachsenen. Also hinein ins Abenteuer Geschichte!

Räubermuseum. © Spessart Mainland Foto: Holger Leue
Lohr bietet mehr als nur das Spessartmuseum. Es lohnt sich, einen Bummel durch die sehenswerte Altstadt zu machen und vor allem einen Besuch der Stadtpfarrkirche mit den Grabmälern der Grafen von Rieneck. Es gibt noch traditionelle Gasthäuser in Lohr, holzvertäfelte, alte Wirtschaften wie das „Weinhaus Mehling“. Ach ja, das Schneewittchen soll der Legende nach im Lohrer Schloss geboren worden sein. Hinter den Spessart-Bergen, bei den sieben Zwergen. Märchenhafte Spuren deuten darauf hin…
Am nächsten Morgen geht es weiter nach Gemünden, etwa 20 Kilometer nach Nordosten, ebenfalls im unterfränkischen Landkreis Main-Spessart gelegen, etwa 40 Kilometer mainabwärts von Würzburg. Wir kommen ganz in der Nähe, in Gräfendorf-Michelau, im Hotel Saalestuben direkt an der Saale unter.
„Ich stieg aufs Geratewohl in Gemünden aus, fand viel Frohsinn, drollige Gassen und Häuser und trank der Kellnerin Therese zuliebe 15 Schoppen Wein.“ So hat sich hier in Gemünden Joachim Ringelnatz (1883–1934) verlustiert, der bedeutende Schriftsteller, Kabarettist und Maler der Weimarer Republik. Im Sommer ist es hier ein Radelparadies, an Mainradweg, Saaleradweg, Sinnradweg und Wernradweg – doch auch in den stillen Wintermonaten lohnt die Reise.
Die mittelalterliche Burgruine Scherenburg dient im Sommer als Kulisse für das renommierte Gemündener Freilichttheater. Sie liegt auf einer Bergnase zwischen Main und Saale, mit Blick auf das Maintal, die Täler der Nebenflüsse, den Wald des Spessarts und die Weinberge des Fränkischen Weinlandes – alles in nächster Nähe. Die Burg kam 1469 unter Bischof Rudolph von Scherenberg an das Hochstift Würzburg und war bis ins 18. Jahrhundert bewohnt.
Ganz nah ist das stille Franziskanerkloster Schönau: drei Kilometer nördlich der Stadt im Tal der fränkischen Saale. Sehenswert in Gemünden ist auch das 300 Jahre alte Huttenschloss auf der rechten Saaleseite, das heute unter anderem ein Stadtmuseum, ein Film-Photo-Museum mit Kino und das Informationszentrum Naturpark Spessart beherbergt. Achtung: im Winter reduzierte Öffnungszeiten.
Ein ganz besonderer Garten ist der Ronkarzgarten, der zwischen 1830 und 1845 angelegt wurde. Mit seinen roten Sandsteinstützmauern stellt er laut dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege ein „bemerkenswertes und seltenes Zeugnis der bürgerlichen Gartenbaukunst“ dar und steht seit 1989 unter Denkmalschutz.
Der Erbauer dieser Gartenanlage, Medizinalrat Heinrich Ronkarz (1782– um 1851 oder 52), war ein Liebhaber des oberitalienischen Barocks – und so hat er sich hier am Main sein italienisches Gartenparadies geschaffen.

Ronkarzgarten in Gemünden. © Spessart Mainland Foto: Holger Leue
Auch machen wir Station am Kloster Neustadt, zwischen Lohr und Marktheidenfeld. Das Kloster mit seiner Basilika, heute in großen Teilen neuromanisch, soll bereits im 8. Jahrhundert gegründet worden sein. Es ist ein stiller Ort und einer der bedeutenden frühmittelalterlichen Kristallisationspunkte des Spessarts. 2023 haben die Dominikanerinnen das Kloster verlassen – der Klosterhof und das Gelände sind aber zugänglich.Von hier aus lockt uns noch einmal der Spessartwald. Unser Ziel ist das etwa 500 Meter hoch gelegene Forsthaus Aurora. Wir starten die gut ausgeschilderte Wanderung am Parkplatz vor dem Kloster Neustadt etwa 6 Kilometer südlich von Lohr. Zunächst geht es mit schöner Sicht auf das Maintal auf einem alten Sandsteinweg den Hornungsberg hinauf. Nach einem längeren Waldstück erreichen wir den geheimnisvollen, auf einer Lichtung gelegenen Margaretenhof. Schon eine halbe Stunde später sind wir im Forsthaus Aurora.

Kloster Neustadt © Spessart Mainland Foto: Holger Leue
Das im Jahr 1936 erbaute Forsthaus hat nur an Sonn- und Feiertagen geöffnet. Aurora ist einer jener Orte im Spessart, die sich mit Standhaftigkeit jedem neumodischen Diktat verweigern. Es führt keine Straße hierher. Die Gäste der Familie Pfeuffer, die das Haus mit dem Charme einer Berghütte ebenfalls bewohnt, sind Wanderer und Waldarbeiter. Man kocht hier einfach und gut: Es gibt Wildbratwürste mit Sauerkraut, Eier mit Speck oder Kochkäse. Dazu trinkt man einen selbst gekelterten Apfelwein. Ist kein Tisch mehr frei, kein Problem, dann rückt man am Kachelofen zusammen.
Hier endet unsere kleine Wochenendreise durch den östlichen Spessart. Man könnte noch weiter fahren, etwa nach Hammelburg, in die älteste Weinstadt Frankens, wo schon die bayerische Rhön beginnt. Und von dort vielleicht weiter nach Oberfranken, ins Coburger Land. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…
Spessart im Winter
Weitere Informationen:
www.lohr.de
www.spessartmuseum.de
www.weinhaus-mehling.de
www.stadt-gemuenden.de
www.museum-huttenschloss.de
www.saaletalstuben.de
www.frankentourismus.de
www.spessart-mainland.de

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