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Britta Rex. Foto: Anne de Wolff

Madame Pele, die mächtige hawaiianische Göttin der Blitze, des Feuers, des Windes und der Vulkane als treibende Energie hinter diesem Album. Britta Rex sucht diese wilde Energie und wir wohnen unmittelbar einem musikalischen Urknall bei, aus dem sich alles Weitere ergibt.

 

Eine große Stimme ist ein Geschenk. Doch selbst wenn man über besondere vokale Voraussetzungen verfügt, bedarf es auch der Fähigkeit, des Willens und nicht zuletzt des Selbstvertrauens, sie in ein expressives Medium zu transformieren, mit dem man nicht nur Melodien, sondern auch Texte und nonverbale Gefühlszwischenräume ausdrücken kann. Dass Britta Rex über all diese Gaben verfügt, hat sie bereits auf mehreren Alben bewiesen. Umso überraschender ist es, wenn sie nun auf ihrer neuen Platte „She Who Shapes The Land“ mit dem ihr gegebenen Instrumentarium in ganz neue Sphären aufbricht.

 

Madame Pele Project COVERHat man Britta Rex bislang auf eine Sängerin und Songpoetin reduziert, entpuppt sie sich auf der neuen Platte als Schamanin, Vokal-Philosophin, mentale Tiefseetaucherin und psychoakustische Himmelsstürmerin. Sie singt nicht einfach nur, sondern inszeniert das Mysterium der Stimme als Theater der Ausdrucke. Dem Album geht eine lange Geschichte voraus. In einer nicht allzu weit zurückliegenden Phase des vollständigen gesellschaftlichen Stillstands sagte sich die beherzte Vokalistin: „Es muss etwas passieren!“ Sie verspürte das dringende Bedürfnis, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Auf ihrem Vorgängeralbum „On Air On Water“ ging es dem Titel entsprechend um die Elemente Wasser und Luft. Unter dem Druck der Ereignisse oder eben der bedrückenden Last der Nicht-Ereignisse sollte es diesmal um die Elemente Feuer und Erde gehen. Die Energie, die sie suchte, fand sie in Madame Pele, der mächtigen hawaiianischen Göttin der Blitze, des Feuers, des Windes und der Vulkane. Aus diesem Bekenntnis resultierte die nächste Entscheidung. Es sollte ein Projekt für Frauen werden. „Es ging auch um Wut“, erinnert sich Britta Rex. „Ich bin gern ein wütender Mensch. Ich spüre diese Energie in mir. So warf ich all diese konzeptionellen Zutaten in einen Topf und versuchte, mein Innerstes zu ordnen. Madame Pele steht ja für wilde Energie, und ich suchte nach dieser Wildheit in mir selbst. Man muss manchmal Dinge loslassen und auch zerstören, damit etwas Neues entstehen kann. Wenn man auf diese Weise die Komfortzone verlässt, macht man sich natürlich auch verletzlich. Ich sagte mir: „Wenn es mir selbst so geht, kann das vielleicht auch anderen Menschen Inspiration oder zumindest eine Projektionsfläche geben.“

 

Dieser Wille, den Britta Rex hier zum Ausdruck bringt, mündet in ihren Songs in eine unbeschreibliche Kraft. Da ist eine innere Wucht, die mit aller Macht etwas nach draußen katapultieren will und nach passenden Kanälen sucht. Ihre Songs ergießen sich wirklich wie Lavaströme über das staunende Ohr, aus denen wiederum mit berstender Schöpfungskraft genuin Neues entsteht. Ihre Stimme und die Gesänge des Madame Pele Projects klingen gleichermaßen verstörend und heilsam. Sie öffnen tiefe Spalten im Urgestein der Wahrnehmung, aus denen vollständig Unerhörtes und zugleich archaisch Vertrautes sprießen. In diesem Sinne wird sie dem Albumtitel „She Who Shapes The Land“ mehr als gerecht, denn dieses Album beschreibt gleichermaßen eine Utopie wie auch ein Refugium.

 

Diese Kraft beruht nicht zuletzt darauf, dass die Musikerinnen es mit vielen Unbekannten zu tun hatten. Ein Großteil der Stücke existierte zum Zeitpunkt der Aufnahme nur fragmentarisch. Zudem hatten Britta Rex, Gitarristin Barbara Jungfer, Bassistin Clara Däubler, die Vokalistinnen Lindsay Lewis, Sandra Gantert und Mélanie Germain sowie der einzige Mann im Ensemble, Schlagzeuger Eddie Filipp noch nie in dieser Konstellation miteinander gespielt. Unter dem Druck, dass sie für das gesamte Unterfangen nicht mehr als ein Wochenende Zeit hatten, entpuppte sich die Session tatsächlich als schöpferischer Vulkanausbruch. Die Tücken der Deutschen Bahn taten ein Übriges, um diesen Druck zu erhöhen.

 

Gerade dieses bedingungslose gegenseitige Einlassen, ohne jeglichen Drang nach Perfektion, öffnet imaginative Zwischenräume, die man im Jazz der Gegenwart nur selten hört. Die Idiome der sieben Beteiligten drücken gegeneinander, ziehen und schieben sich, überlappen und vereinen sich und stoßen einander ab. Es ist eine kontinuierliche Energieübertragung von einem Aggregatzustand in einen anderen. Man kann als Hörer geradezu mit den Händen greifen, wie das Material arbeitet, sich reibt, glimmt. Das Organische trägt den Sieg über das Kalkulierte davon. Auch beim Mix vertraute Britta Rex auf ihr gesundes Chaosgefühl, statt alles bis ins letzte Detail auszutarieren. Doch der Prozess war bis zum letzten Augenblick von Schmerz und Zweifel begleitet. Reicht es, dem Augenblick zu vertrauen, auf die Gefahr hin, am Ende nicht mehr dazu stehen zu können? Sie setzt voll auf Risiko und trägt den Sieg davon.

 

So simpel es klingt, jedes Naturereignis ist das Ergebnis einer langen kausalen Kette von Ursachen und Wirkungen, die wiederum am Anfang einer ebenso langen Wirkungskette steht. Es gibt nur wenige Alben in der gesamten Jazzgeschichte, auf denen dieser Prozess derart transparent auf die Hörenden übertragen wird wie auf „She Who Shapes The Land“. Wir wohnen unmittelbar einem musikalischen Urknall bei, aus dem sich alles Weitere ergibt. Britta Rex setzt auf diesem persönlichen und musikhistorischen Meilenstein völlig neue Maßstäbe in der Verbindung von organischem Weltempfinden und dessen musikalischer Umsetzung.


Britta Rex: Madame Pele Project – She Who Shapes The Land

Britta Rex: vocals | Barbara Jungfer: guitar | Clara Däubler: bass | Eddie Filipp: drums

Gäste: Lindsay Lewis, Sandra Gantert, Melanie Germain: vocals

Cattitude Records | Vertrieb: bandcamp/brittarex.de

EAN: 4020796504304

VÖ. 21.8.2026

Weitere Informationen (Britta Rex)

 

Tracklisting:

01. Nobody Can Make It Out Here Alone

02. Ghosts

03. Open Up Your Senses

04. Intro - Dress Up Dress Up

05. Resilience Song

06. Right In The Middle

07. Time Stands Still

08. Good Girl

09. Count Down, Nothemba

Spieldauer: 45:02:50

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