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Schamanische Stelen in Sibirien. Foto: Simon Matzinger

„Folk und mehr aus Russland“ steht in der Unterzeile dieser Doppel-CD, die einen Einblick gibt in die Volksmusik und Liedgut des flächenmäßig größten Landes der Erde. Über einhundertfünfzig Völker leben auf dem Territorium der Russischen Föderation, da fällt es nicht leicht den Überblick zu behalten, wenn es um die Volksmusiken geht, zumal viele der Völker teilweise in (teil-)autonomen Republiken und Regionen leben und der größte Teil der jeweils eigenen Geschichte mit dem „Russischen“ nichts zu tun hat.


folk-and-great-tunes-from-russiaDas Doppelalbum kommt aus dem Hause „Nordic Notes, CPL Music“ und reiht sich verdienstvoll ein, in einer von Christian Pliefke initiierten Serie derartiger musikalischer Vorstellungen (Folk And Great Tunes From Scotland, Folk And Great Tunes From Latvia, Folk And Great Tunes From Norway etc.). Pliefke reiste mehrmals nach Russland, um von der im sibirischen Krasnojarsk beheimateten Drummerin und Sängerin Daryana Antipova mehr als nur eine Einführung in die große Vielfalt der Folkmusik-Szene zu erhalten. Schließlich verantwortete die russische Künstlerin die Auswahl der Musiker und der Stücke auf diesem Doppelalbum.

Daryana Antipova verweist in Ihrer Einführung darauf, wie spirituell Russland und wie reich die kulturellen Traditionen seien. Genau diese tief verwurzelte und völkerübergreifende Spiritualität macht einen großen Teil der Compilation aus und dient als elementar-verbindender roter Faden, der sonst sehr unterschiedlichen musikalischen Auffassungen. Zu fassen ist das ganze Projekt sonst nur mit einem politischen Begriff: Staatsgebilde.
Die vorgestellten Musiker und Musikgruppen kommen aus den Regionen um Moskau, St. Petersburg, Perm, Krasnojarsk, Omsk, aus dem Ural und Altai sowie aus den Republiken Karelien, Tuwa, Udmurtien, Mordwinien, Tartarstan und Jaktutien. Sie sprechen unterschiedliche Sprachen – auch Historische, die im heutigen Alltag keine Verwendung mehr finden – und leben teilweise in ihren indigenen Traditionen bis heute.
Obwohl das Interesse an traditioneller russischer Musik zurück geht, gilt dies eben nur bedingt für alle Völker. Moderne Sounds, die mit digitalen, elektronischen Mitteln die Folkklänge verbinden und mit denen experimentiert wird, werden jedoch gerade in den großen Städten von so manch jüngerem Publikum genossen. Hier – wie auch in westlichen Metropolen – zeigt sich damit deutlich eine Vielfalt und Aufsplitterung von Interessen.

Daria Antipova ist mit der Gruppe Vedan Kolod auf der CD vertreten, die in einer der sibirischen Traditionen singen und spielen. Sie benutzen ein slawisches historisches Instrumentarium und singen in altrussischer Sprache.
Zu den bekannteren Gruppen gehört das Ethno-Projekt „ShooDJa-ChooDJa“ aus der teilautonomen Republik Udmurtien, westlich des Urals gelegen. Einst lebten hier die finno-ugrische Völker der Udmurten und Mari in der Mehrheit, heute machen Russen, Ukrainer, Tataren und Bessermenen den größeren Teil der Bevölkerung aus. Schamanismus ist jedoch nach wie vor sehr verbreitet.
Gerade dieses Projekt verbindet die vorher aufgeführten Merkmale in besonderer Weise: Natalia Dzyga arbeitet gemeinsam mit DJ Pavel Perevozchikov mit uralten udmurtischen und bessermanischen Melodien. Sie verwenden neben heidnischen Gebeten und Ritualliedern der Udmurten auch förmliche Gesänge von Hochzeiten, Fruchtbarkeitszeremonien und liturgischen Festen und kombinieren grundsätzlich alles mit verschiedenen Trends der elektronischen Musik.
Radik Tülüsh (Tyulyush), Kopf der Gruppe „Huun-Huur-Tu“ (dt.: Strahlen der Sonne beim Auf- oder Untergang) ist ebenfalls mittlerweile weit über seine tuwinische Heimat hinaus bekannt. Seine Kehlkopfgesänge sind zwischen buddhistischer, meditativer Tradition und tuwinischer Folklore angesiedelt und in der Regel mit wenig instrumentalem Aufwand und wenn, dann rein traditionellem versehen.
Zu den Newcomern zählt „EtnoZapil“, einem Duett des Multiinstrumentalisten Sergey Mironov und des Multivokalisten und Beat-Boxers Anton Ankushin. Die aus St. Petersburg stammenden Musiker verbinden Trance, Pop, Newage mit Folk, Dark- und Splitfolk.
Um den Erhalt von Sprache und Traditionen geht es der 2010 gegründeten mordwinischen Gruppe „Merema“ (dt.: Legende, Geschichte) aus Saransk, im europäischen Teil Russlands gelegen. Die fünf Musikerinnen und ein bis zwei Musiker gehen in der eigenen Region auf Erkundungstour nach Trachtenkleidung, ritueller Musik, wie Hochzeits- und Tanzliedern und suchen die Verbindungen der ersa-mordwinischen Sprache (finno-ugriosch) zur Musik, die allesamt vom Aussterben bedroht sind.

In jedem Fall ist das Doppelalbum eine Entdeckungsreise zu vielem, was uns wenig vertraut sein dürfte, aber sehr hörenswert ist.


Folk & Great Tunes from Russia

Label: CPL-Music/Brokensilence
2 CDs
EAN: 4251329500290
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Daryana Antipova. Foto: Sasha Arutyunova

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