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Tal Groethuysen Foto Michael Leis

„Komponieren im Schatten des Krieges“, lautet die Unterzeile zu der neu erschienenen CD aus dem Hause Sony Classical. Die Schatten waren für beide Komponisten unterschiedlich lang; während Reynaldo Hahn aktiver Weltkriegsteilnehmer war, war Debussy passiver.

Hatte der Erste Weltkrieg direkten Einfluss auf die Künstler jener Jahre in ihren Werken und Kompositionen und wenn dem so ist in welcher Weise? Bei Debussy gab es nachweislich zwei Reaktionen: Zum einen, entwickelte er einen übertriebenen Chauvinismus, der sich gegen jeden richtete der nicht Franzose war, ich zitiere: „Seit man Paris von diesen lästigen Ausländern gesäubert hat, sei es durch Erschießen, sei es durch Ausweisung, ist es augenblicklich ein reizvoller Ort geworden." „Er wollte etwas für Frankreich tun, und sah da nur die Möglichkeit, es über die Musik zu tun. So sind alle Werke, die seit Kriegsausbruch komponiert wurden, direkt oder indirekt mit dem Krieg in Zusammenhang zu bringen“, heißt es in Jean Barraques Buch über Claude Debussy.

Zum anderen lähmte es ihn in seiner Schaffenskraft, wofür dieses Zitat steht: „Zu keiner Zeit haben sich Kunst und Krieg gut vertragen – man muss sich für eines von beiden entscheiden, und man hat nicht einmal das Recht sich darüber zu beklagen. Ich spreche nicht davon, dass ich seit zwei Monaten weder das Klavier berührt, noch eine Note geschrieben habe."

Reynaldo Hahn, zwölf Jahre jünger als Debussy und in Venezuela geboren, kämpfte als Korporal an der Kriegsfront und fand dort sogar die Zeit und Muße zu komponieren. 1909 war Hahn als französischer Staatsbürger anerkannt worden, er liebte die Französische Kunst, Literatur und Musik und ging in ihr auf. Dennoch fehlt ihm bis heute die weltweite und adäquate Anerkennung seines Werks.

Debussy  - Hahn - 1915 CoverDas israelisch-deutsche Pianisten-Duo Yaara Tal und Andreas Groethuysen wechselt auf dem Album je zweimal zwischen den Komponisten hin und her. Dadurch entsteht ein dialogischer Raum, der auch die Psyche der beiden Komponisten aufzuzeigen vermag.

Zunächst kommen in den „six épigraphes antiques“ von Debussy Leichtigkeit und fließende Schönheit zum Ausdruck. Wie verträumtes Spiel am Vorabend des Weltenbrands, in den jede Seele auf unmissverständliche Weise brutal hineingezogen wird. Der Jubel der ersten Kriegswochen erstickt als peinlicher Abklatsch neben den Gleisen der Soldaten- und Waffenzüge an die Front am dicken Rauch der Lok, des Kanonenpulvers und des Giftgases. Auch der Lebemann Reynaldo Hahn bleibt von seinen Fronterlebnissen nicht unberührt und fällt in eine tiefe Depression. Immerhin schafft er es, durch Komponieren noch kreativ zu bleiben, während um ihn herum die Krater immer tiefer werden. Die Melodien verändern sich, die Heiterkeit verschwimmt etwas in seinen Kompositionen „Le ruban dénoué“ (Das entknotete Band) und „Pour bercer un convalescent“ (Um einen Genesenden hin und her zu wiegen) – sie sind aber nicht ohne Hoffnung. Sie existieren irgendwo zwischen Melancholie und Heiterkeit. Diese Kompositionen Hahns sind detailreich und wohl überlegt, haben nichts von dem Gefälligkeitsruf, der dem Komponist sonst anhängt.

Und bei Claude Debussy taucht der Zuhörer wieder tief in der musikalischen Welt des Impressionismus’, der alle Zustände der Seele kennt. Das Erkennen die beiden Pianisten in der Abfolge der Kompositionen sowie in ihrem so überaus wundervollen Spiel.
Eine große Anerkennung an die Komponisten, ein Eintauchen in die künstlerische Rezeption von "Kriegszeit" vor einhundert Jahren und eine Erinnerung daran, dass die Welt auch heute nicht friedlich ist.

Duo Tal & Groethuysen – 1915
Yaara Tal und Andreas Groethuysen, Klavier
Claude Debussy:
Six épigraphes antiques, pour piano à quatre main
En blanc et noir, pour deux piano
Reynaldo Hahn:
Le ruban dénoué, 12 valses pour deux pianos
Pour bercer un convalescent pour deux pianos
Label: Sony Classical
Weitere Informationen zu Yaara Tal und Andreas Groethuysen


Abbildungsnachweis:
Headerforo: Yaara Tal, Andreas Groethuysen. Michael Leis
CD-Cover

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