Die Künstlerin Dagmar Schuldt untersucht in ihren Werken die Konstruktion und Wirkung unserer Wahrnehmung von Geschichte. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit Phänomenen der Erinnerungskultur, mit Fragen zur Archäologie und Geschichte sowie mit der Spurensuche. Aus welchen Fragmenten der Wahrnehmung ist unsere Erzählung von Geschichte entstanden? Wie wird unsere Erinnerung die Zukunft prägen? In ihrer Arbeit findet dabei nicht nur das Bewahrte und Offensichtliche einen Platz, sondern das, was wir nicht mehr sehen können, wahrnehmen oder erinnern.
Das genreübergreifende Projekt „Archäologie der Gedanken“ verbindet das Archäologische Museum Frankfurt mit dem südwestlichen Stadtraum, konkreten Stellen und Orten in Niederrad und dem Stadtwald. Die Umgebung von Frankfurt wird seit Jahrtausenden von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kulturen durchquert und besiedelt. Es entstanden Handelsrouten, Pilgerwege, Verkehrs- und Kommunikationsknotenpunkte, die die Stadt und ihre Geschichte bis heute prägen und einen Austausch von Gedanken ermöglicht haben. Der Begriff „Gedanke“ wird von der Künstlerin als sich verzweigendes Wegenetz definiert. Damit wird „Geschichte“ von ihr als Landschaft wahrgenommen.
Die Künstlerin komprimiert städtische und landschaftliche Orte und macht sie als Wege- und Gedankennetz erfahrbar. Im Foyer und Eingangsbereich befinden sich Stempelpunkte. Sieben, von der Künstlerin ausgewählte Geopunkte in Niederrad und dem Stadtwald, markieren historische Verweise in Form von Stelen, unter deren Deckeln sich Stempel befinden. Das Publikum erhält im Museum eine Karte. Wie bei einer Wanderung oder einem Pilgerweg können sie damit die Orte in Verbindung setzen und so ihre imaginäre Route festlegen. Jedem Geopunkt ist ein eigenes Stempelmotiv zugeordnet. Über den unten stehenden QR-Code lässt sich außerdem ein Kurztext mit einer Einführung in Ausschnitte der jeweiligen Geschichte abrufen. Die Stempel können als Abdruck auf der Karte benutzt werden, später kann diese als Kunstwerk, Andenken oder Vorlage für eine analoge Wanderung mitgenommen werden.
In „Kartografie eines Zwischenraums“ zeigt Dagmar Schuldt eigene, sowie überarbeitete historische Karten. In immer wieder übermalten Farb- und Materialschichten zeichnet sich ab, was man nicht mehr sieht: Alte und neue Wegenetze überlagern sich, der Blick kommt aus der Vogelperspektive und wandert in die Tiefe der Geschichte und ihren Schichtungen.
Im ehemaligen Chorraum legt die Künstlerin Scherben zu einem „Gedankengang“ aus: ein langes Mosaik aus historischen Fliesenfragmenten mit Zeichnungen in blauer Glasurfarbe. Die Fliesenfragmente stammen von im Zweiten Weltkrieg zerstörten Häusern. Jede deutsche Stadt hat entweder Trümmerberge oder Ablageorte von Kriegsschutt, die nach dem Zweiten Weltkrieg angelegt wurden. Die Teilzerstörung des Karmeliterklosters bildet hier eine inhaltliche Brücke. Die Zeichnungen von Dagmar Schuldt sind Teil ihrer eigenen Erinnerungen sowie Fragmente aus der kollektiven Geschichte.
Konzeption und Ausstellungsgestaltung:
Claus Friede und Dagmar Schuldt
Gesamtleitung: Wolfgang David
Kunstwerke, Idee: Dagmar Schuldt
Wortwerke: Claus Friede
Ausstellungslaufzeit: 10.9.2025 bis 31.5.2026
ARCHÆOLOGISCHES MUSEUM FRANKFURT
Karmelitergasse 1, 60311 Frankfurt am Main
archaeologisches-museum-frankfurt.de
Di, Do – So 10 – 18 Uhr
Mi 10 – 20 Uhr
Mo geschlossen
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