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»Die Welt wandelt sich. Wir erleben dies in den neuen Bedrohungsszenarien und Erosionserscheinungen westlicher Demokratien, im Erstarken der Populismen und Fundamentalismen, in der Verrohung und Radikalisierung der politischen Sprache und Diskurse, in der zunehmenden Polarisierung unserer Gesellschaft. Hinter der zivilisierten Fassade ist der Mensch ein rohes, verzweifeltes, unsolidarisches Tier.« (Ewald Palmetshofer)

 

Es sei, als würde unsere Gesellschaft an der Schwelle zu einer neuen Epoche stehen, deren Namen und Bedeutung man noch nicht kennt, beschreibt der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer seine Ahnungen. Für die Analyse der gegenwärtigen Umbruchssituation hat er einen anderen großen Theatermann und Gesellschaftsanalytiker zu Rate gezogen: Gerhart Hauptmann und dessen Sozialdrama »Vor Sonnenaufgang« aus dem Jahre 1889, das ebenfalls in einer Zeitenwende entstanden ist, in der die Industrialisierung die ländlich geprägten Strukturen zersetzte. Es provozierte seinerzeit einen der größten Skandale der deutschen Theatergeschichte, ebnete dem Naturalismus den Weg auf die Bühne und machte den erst 27-jährigen Hauptmann über Nacht berühmt.


Ewald Palmetshofer hat Gerhart Hauptmanns Drama um die Bauernfamilie Krause, die durch die Entdeckung von Kohle auf ihrem Land zu Geld gekommen ist, aber moralisch degeneriert und dem Alkoholismus verfallen ist, überschrieben. Er hat die Struktur und Figurenkonstellation von Hauptmann übernommen, löst diese aber aus der sozialen Realität des späten 19. Jahrhunderts. Er macht aus den Krauses eine Unternehmerfamilie und bettet die Geschichte in unsere unmittelbare Gegenwart. Uraufgeführt wurde Palmetshofers »Vor Sonnenaufgang«  2017 in Basel. Seither wird es immer wieder an Theatern im deutschsprachigen Raum gespielt.


Am 15. Januar 2022 kommt »Vor Sonnenaufgang« von Palmetshofer auf die Große Bühne des Theaters Heilbronn. Mit dieser Inszenierung stellt sich erstmals Regisseurin Sandra Strunz in Heilbronn vor. Sie untersucht den Riss durch unsere Zeit, der durch Familien geht, Freunde entzweit und die Deformation des Individuums in der neoliberalen Gesellschaft zeigt.   

Auf den ersten Blick ist alles bestens in der Unternehmerfamilie Krause. Egon Krause ist der Seniorchef eines mittelständischen Unternehmens in einer beschaulichen Gemeinde. Jetzt baut er zusammen mit seiner zweiten Frau Annemarie, der guten Seele seiner Firma, die Familienvilla um. Denn Tochter Martha zieht mit ihrem Mann Thomas Hoffmann, dem Juniorchef der Firma, in das Haus der Eltern ein. Die zwei erwarten ein Kind, Martha steht kurz vor der Niederkunft. Deshalb ist ihre Schwester Helene angereist, um Martha in der nächsten Zeit beizustehen. So weit so gut. Doch der Schein trügt.


Martha ist von einer unerklärlichen Traurigkeit befallen, leidet unter der weit fortgeschrittenen Schwangerschaft, möchte aber gegen ärztlichen Rat nicht ins Krankenhaus. Annerose versucht vergeblich, die familiären Fäden in der Hand zu behalten. Ihren Mann Egon zieht es mehr in die Kneipe als an den heimischen Esstisch. Helene hat als Selbstständige im Kreativbereich finanzielle Probleme, die sie vor der Familie verheimlicht. Und Thomas Hoffmann ist überzeugt, die falsche Schwester geheiratet zu haben.
An diesem Tag bekommt Thomas Besuch von seinem alten Studienfreund Alfred Loth, der als Journalist für eine linke Wochenzeitung arbeitet. Früher teilten Thomas und Alfred nicht nur die Studentenbude, sondern auch ihre politischen Ideale. Jetzt tritt Thomas in aller Öffentlichkeit mit rechtspopulistischer Propaganda in Erscheinung. Loth kann diesen radikalen Schwenk des Freundes, der zum Feind geworden ist, nicht begreifen. Zwischen dem linken Journalisten und dem rechtspopulistischen Unternehmer und Politiker entbrennt bald ein Streit, der exemplarisch für unsere auseinanderdriftende Gesellschaft steht. Und wenn am Ende dieser Nacht die Sonne aufgeht, werden alle unterschwellig gärenden Konflikte, alles Verborgene und Weichgezeichnete in ein unbarmherziges, grelles Licht getaucht sein.

Versuchsanordnung
Palmetshofer hat sich in seiner Überschreibung vom Naturalismus gelöst und dem Werk eine eher kunstvolle, musikalische Sprache gegeben. Die Regieanweisung, dass die Menschen wie Insekten in einem Beobachtungsglas wirken sollen, war der Ausgangspunkt des Inszenierungsteams für die Entwicklung der Ästhetik. Ausstatterin Sabine Kohlstedt baut eine riesige, mit Wasser gefüllte Petrischale auf die Große Bühne. Die Kostüme des Spielensembles sind schillernde Haute-Couture-Gewänder, die den gehobenen gesellschaftlichen Status der Akteure spiegeln und entfernt an Käferpanzer erinnern. Regisseurin Sandra Strunz möchte die schöne Fassade, aber auch gleichzeitig die soziale Kälte und Entmenschlichung der neoliberalen Gesellschaft durch die glänzende Kühle der Bühnenästhetik nachvollziehbar machen.    

Ewald Palmetshofer (Autor), geboren 1978 in Linz, studierte in Wien Theologie und Lehramt Philosophie / Psychologie. Der Autor und Dramaturg wurde 2008 zum Nachwuchsdramatiker des Jahres ernannt. Mit hamlet ist tot. keine schwerkraft wurde er 2008 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert, 2010 mit dem Stück faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete. Mit seinem Stück die unverheiratete gewann Ewald Palmetshofer 2015 den Mühlheimer Dramatikerpreis. Die Uraufführungsinszenierung von Robert Borgmann am Wiener Akademietheater wurde außerdem 2015 zum Berliner Theatertreffen 2015. Dem folgten weitere Einladungen nach Mülheim. 2018 wurde Vor Sonnenaufgang am Theater Basel uraufgeführt und seitdem an mehr als zwanzig Häusern nachgespielt. Mit der Uraufführung von die verlorenen in der Regie von Nora Schlocker eröffnete Andreas Beck 2019 seine Intendanz am Residenztheater in München, wo Ewald Palmetshofer seit der Spielzeit 2019/20 auch als Dramaturg arbeitet.

Sandra Strunz (Regie) wurde 1968 in Hamburg geboren. Sie studierte Regie an der Hochschule der Künste in Hamburg bei Jürgen Flimm. Erste Regiearbeiten entstanden auf Kampnagel Hamburg sowie der Kaserne Basel. 2000 wurde sie zum Festival »Impulse« mit ihrer Produktion »Parzival« eingeladen. Für ihre Adaption von Thomas Bernhards Roman »Frost« erhielt sie im gleichen Jahr den Bensheimer Gertrud-Eysoldt-Preis für die beste Nachwuchsregie. Seitdem inszenierte sie u. a. am Thalia Theater Hamburg, am Staatstheater Stuttgart, am Schauspiel Frankfurt, am Schauspiel Hannover, am Schauspielhaus Zürich, am Theater am Neumarkt in Zürich, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, am Staatsschauspiel Dresden sowie am Nationaltheater Mannheim. Von 2012 bis 2016 war sie Mitglied der Leitung des Studiengangs für Theaterregie an der Akademie für Darstellende Künste in Ludwigsburg, seit 2016 ist sie Honorarprofessorin für Regie. Ewald Palmetshofers »Vor Sonnenaufgang« ist Sandra Strunz erste Arbeit am Theater Heilbronn.

 

Der Mensch als verzweifeltes, unsolidarisches Tier
Ewald Palmetshofer hat Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang« ins Heute übertragen – Sandra Strunz führt Regie

 

Premiere am 15. Januar 2022, 19.30 Uhr, Großes Haus
Vor Sonnenaufgang
Schauspiel von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann

Regie: Sandra Strunz
Ausstattung: Sabine Kohlstedt
Musik: Karsten Süßmilch
Dramaturgie: Sophie Püschel

Es spielen:
Egon Krause: Nils Brück
Annemarie Krause (Egon Krauses zweite Frau): Judith Lilly Raab
Helene (jüngere Tochter aus Krauses erster Ehe): Romy Klötzel
Martha (ältere Tochter aus Krauses erster Ehe): Lisa Schwarzer
Thomas Hoffmann (Marthas Ehemann): Sven-Marcel Voss
Alfred Loth: Arlen Konietz
Dr. Schimmelpfennig: Pablo Guaneme Pinilla
Musiker: Karsten Süßmilch

Die nächsten Vorstellungen: 9. Februar 2022, 10. Februar 2022, 22. Februar 2022,
23. Februar 2022, 26. Februar 2022 – jeweils um 19.30 Uhr

 

Quelle: THEATER HEILBRONN

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