CDs KlassikKompass
Georg Fayer (1892–1950): Porträt von Wilhelm Grosz (1894–1939), Fotografie, 1927. Quelle: ÖNB, Bildarchiv Austria, Inventarnummer Pb 580.555-F 170. Gemeinfrei. Detail des CD-Covers

Der österreichische Pianist Gottlieb Wallisch setzt seine musikalische Entdeckungsreise fort: Nach dem gefeierten ersten Album mit Klaviermusik von Wilhelm Grosz präsentiert er nun die zweite Folge – wiederum mit einer Vielzahl von Weltersteinspielungen

 

Mit diesem Album liegt nun die gesamte heute noch zugängliche Klaviermusik von Grosz vor; das erhaltene Solo-Œuvre des Komponisten ist damit erstmals vollständig dokumentiert. Einige Klavierwerke, wie etwa das Opus 1, gelten hingegen weiterhin als verschollen.

 

Der Name Wilhelm Grosz (1894–1939) steht für künstlerische Vielseitigkeit und einen scharfen Blick für musikalische Trends seiner Zeit – von der spätromantischen Gestik bis zum jazzigen Kabarettton, von orchestraler Opulenz bis zur feinsinnigen Miniatur. Dieses neue Album unterstreicht Grosz’ außergewöhnliches Spektrum: So verbindet die „Kleine Sonate, op. 16“ Prägnanz und Tiefgang, spiegelt in ihrem vierten Satz sogar biografische Spuren der dramatischen Liaison des Komponisten mit Olga Schnitzler. Die monumental angelegten „Symphonischen Variationen über ein eigenes Thema, op. 9“ wiederum entführen den Hörer in eine orchestrale Klangwelt, die ganz im Geiste Franz Schrekers und der Wiener Moderne steht, mit einem abgründigen Finale, das die Instabilität der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg widerzuspiegeln scheint.

 

G Wallisch F Robert RiegerEine kleine Sensation bilden die „Three Pieces for Piano, op. 33“: Kaum bekannt, fast verschollen und nur durch detektivische Kleinarbeit ausfindig gemacht, zeigen sie Grosz auf dem Höhepunkt seiner Wandlungsfähigkeit – zwischen jazz-inspiriertem Scherzo, elegischer Reminiszenz an das alte Wien und faszinierender Virtuosität.

 

Ergänzt wird das Album durch zwei brillante Bearbeitungen von Johann-Strauss-Walzern, entstanden 1934 im Londoner Exil. Sie folgen der großen Tradition der Wiener Klaviervirtuosen und machen deutlich, mit welcher feinen Ironie und Eleganz Grosz als Arrangeur musikalische Grenzen überschritt. Seine Transkriptionen lassen das Klavier leuchten und verweisen auf die kulturellen Wurzeln sowie die Offenheit eines Musikers, der zwischen den Welten stand.

 

Auch mit Vol. 2 setzt Gottlieb Wallisch konsequent seinen Weg fort, um musikalische Schätze aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ans Licht zu holen. Unterstützt von Musikwissenschaftler Dr. Thomas Gayda, spürt er nicht nur dem Klang, sondern auch dem Leben von Wilhelm Grosz nach – einem Leben zwischen Wien, Berlin, London und dem amerikanischen Exil; voller Brüche, Erfolge und bittersüßer Melancholie.

Diese Albenreihe ist weit mehr als eine musikhistorische Rekonstruktion. Vielmehr zeichnet sie das Bild eines Künstlers, dessen Stimme auch heute von frappierender Modernität zeugt; dessen Musik gerade in ihrer Vieldeutigkeit, ihrem Witz und ihrer emotionalen Tiefe berührt.

 

So lädt uns Gottlieb Wallisch ein, Teil dieser Wiederentdeckung zu werden – und damit ein Kapitel Musikgeschichte zu hören, das viel zu lange blieb, „wie eine Melodie aus der Ferne“: jetzt endlich wieder lebendig und auf der Höhe unserer Zeit.


Wilhelm Grosz: Piano Music 2

Gottlieb Wallisch: Piano

Kleine Sonate, op. 16 (1922)*

Symphonische Variationen über ein eigenes Thema, op. 9

Three Pieces for Piano, op. 33 (1932)*

Johann Strauss II (1825–1899) arr. Wilhelm Grosz

Accelerationen Waltz, op. 234 (pub. 1934)*

Blue Danube Waltz, op. 314 (pub. 1934)*

Label: Grand Piano | Vertrieb: Naxos Deutschland

CD, Ersteinspielung

CD-Booklet

VÖ: 03.04.2026

 

Lesen Sie im KlassikKompass bei KulturPort.De auch:

Wilhelm Grosz – Piano Music Geschrieben von: Hasko Witte - Freitag, 15. November 2024

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