Der Historiker Volker Reinhardt beschreibt das Leben Jean-Jacques Rousseaus (1712–1778) aus kritischem Abstand.
Ein wenig weiß hierzulande jeder über Rousseau – auch wenn es nur das „Zurück zur Natur!“ sein mag. Wir alle kennen diesen Autor oder glauben ihn zu kennen, denn seine Werke und seine Ideen waren Teil unseres Schulunterrichts, ja, vielleicht sogar unseres Lebens, und dazu hat Rousseau viel mehr über sich selbst verraten als andere Autoren.
Wie Augustinus nannte er seine Erinnerungen „Bekenntnisse“, und auch wenn er in ihnen vieles schöngeredet hat und niemand dem Autor trauen sollte, so kann ein sorgfältig recherchierender Historiker doch einigen Honig daraus saugen. Nicht wenige haben das bereits getan – und kaum einer ist zu einem günstigen Urteil über den Schriftsteller gelangt. Welcher große Schriftsteller besitzt einen ähnlich schlechten Ruf?
Reinhardt ist bekannt als großer Kenner der italienischen Renaissance, der er mehrere Bücher gewidmet hat, aber es scheint, dass seine Arbeiten jetzt eher der französischen Geschichte des 18. Jahrhunderts gewidmet sind. Zuletzt veröffentlichte dieser enorm produktive Autor „Esprit und Leidenschaft: Kulturgeschichte Frankreichs“ (Dezember 2025) sowie eine Biographie über den großen Gegenspieler Rousseaus, „Voltaire“ (2023), der auch in dieser Arbeit eine Rolle spielt.
Rousseaus Leben ist seit langem in allen seinen Einzelheiten erforscht, so dass selbst die Biographie aus der Feder eines renommierten Historikers kaum Neues bieten kann. Zum Beispiel fehlt kaum eine von Reinhardts Wertungen im entsprechenden Kapitel von Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ (1927–1931), in dem Rousseaus Leben und Werk mit äußerster Schärfe dargestellt werden – mit einer polemischen Schärfe, die bei Reinhardt fehlt, auch wenn dieser ähnlich denken mag. Rousseau war für Friedell kein großer Philosoph, sondern nur ein „genialer Journalist“ (die Berufsbezeichnung war als Beleidigung gemeint!), und für seinen Erfolg war „gerade das blinde und gehässige Ressentiment“ verantwortlich, das aus seinen Werken gesprochen habe. Friedell schreibt über Rousseaus „pharisäische Verlogenheit“ und spricht eine psychische Erkrankung an, die besonders die letzten Lebensjahre des Autors verdunkelte, als er ganz offensichtlich unter Verfolgungswahn litt. Bei Friedell heißt es, dass Rousseaus Werk bestimmt wird durch eine „verbissene Humorlosigkeit, die allen Geisteskranken eigentümlich ist“. Wer diesen Zeilen in Friedells Werk begegnet, der denkt vielleicht, dass mit dem großen Autor die Pferde durchgegangen sind, aber dem ist mitnichten so – Reinhardt liefert die Belege.
Auf die Erforschung der Vita Rousseaus kam es Reinhardt ersichtlich nicht an, sondern auf ihre Darstellung. Er zielt auf eine umfassende Deutung eines Lebens und eines Werks, das in vieler Hinsicht weit in die Zukunft wies – gerade in seinen weniger erfreulichen Aspekten. Ein angenehmer Zeitgenosse kann dieser so vielseitig begabte Mensch unmöglich gewesen sein – zunächst, weil er sehr verlogen gewesen ist (das kann man schon daran erkennen, dass er zu Beginn seiner umfangreichen Lebenserinnerungen über alle Maßen und mit sehr süßlichen Worten den Wahrheitsgehalt seiner Schrift betont), sodann, weil er sich kaum jemandem gegenüber als treu oder wenigstens loyal erwies, endlich, weil ihm jede Moral abging, wenn man die Fähigkeit zur Selbstkritik als essentiell für Moral und Anstand ansieht. Aber wiederholt schreibt Reinhardt, dass der Held seines Buches, nachdem er in den (angeblichen?) „Bekenntnissen“ seine Schlechtigkeiten erzählt hat (soll man gebeichtet sagen? Nein, das passt nicht, denn von einer Beichte hätten wir nur sprechen dürfen, wenn sich Rousseau schuldig bekannt hätte) – wiederholt heißt es, dass Rousseau sich selbst einen „Freispruch erster Klasse“ ausstellt. Wirklich moralische Menschen tun das nicht, aber das Selbstbild Rousseaus, dessen wir uns sicher sein dürfen, besaß einen Heiligenschein.
In seinen Erinnerungen hat sich Rousseau manches zurechtgelegt, hier und dort hat er sich geirrt, und nicht selten hat er direkt gelogen. Aber schon vor langem – bald nach seinem Tod, als die „Bekenntnisse“ erschienen – kamen ihm seine Zeitgenossen auf die Schliche; und seine spätgeborenen Verehrer erst recht. Nur halb gelogen war der schwärzeste Punkt seiner Biographie, das Fortgeben seiner fünf Kinder in Findelheime, wo sie sehr wahrscheinlich noch im frühen Kindesalter starben. Reinhardt kommentiert die Erzählung Rousseaus, wie dieser die Mutter seiner Kinder dazu bringt, sie in ein Waisenhaus zu stecken: „Der eisig nüchterne, vollkommen gefühllose Kommentar nimmt sich in den vor Sentimentalität nur so triefenden Confessions wie ein Fremdkörper aus.“
In diesen Heimen ging es den Kindern nicht gut, und eine Vielzahl von ihnen überlebte nicht ihre ersten beiden Lebensjahre. Wie konnte der Autor eines viel bewunderten Erziehungsromans, des „Emile oder Über die Erziehung“, seine Kinder in Findelheime stecken? Und das, obwohl sich zwei adlige Damen angeboten hatten, drei seiner Kinder bei sich aufzuziehen! Es hätte diese Kinder gerettet. Es ist nicht zuletzt dieser Teil seines Lebens, den Rousseau in seinen „Bekenntnissen“ zwar schönredete, aber doch immerhin zugab – zum Entsetzen seiner zahllosen Bewunderer.
Sein Totalversagen als Vater ist vielleicht das, was heute fast jeder über das Leben des großen Erziehers weiß. Was kaum angesprochen wurde, aber tatsächlich weit in die Zukunft wies, war seine Sucht, sich von seinen Zeitgenossen abzuheben. Das ging wohl nicht zuletzt auf einen Rat zurück, den ihm kein Geringerer als Diderot gab, als Rousseau mit ihm über seinen Plan sprach, sich an einem Wettbewerb der Akademie zu beteiligen. Diderot empfahl ihm nämlich, in seiner These das Gegenteil seiner Mitbewerber zu vertreten, und so schrieb Rousseau nicht über den Fortschritt, der mit der Kultur einherging, sondern über den Niedergang von Moral und Kultur im Lauf der Geschichte – ein Gedanke, der Furore machte und ein weiteres Mal erst mehr als einhundert Jahre später erneut aufgenommen wurde, als am Ende des Kaiserreichs und in der Weimarer Republik Nudisten und Weltverbesserer den Ton angaben. Harry Graf Kessler, der sich nicht zu diesen Leuten zählte und sich überhaupt als ein messerscharfer Kulturkritiker seiner Jahre bewährte (bis heute lesenswert!), schrieb damals über die Sucht: „um jeden Preis in Schmuck, Kleidung, Geist, Vergnügen originell zu sein“. Umschrieb er mit diesen Worten nicht die Popkultur unserer Tage? Bei Rousseau sah das so aus, dass er für eine Weile in einer bizarren armenischen Tracht umherlief, womit er sich aber nun wirklich von allen anderen unterschied. Und sich ja auch unterscheiden wollte.

Denis Diderot, Gemälde von Louis-Michel van Loo, 1767. Gemeinfrei
Es gibt da noch einige andere delikate Eigenschaften, über die er in seinen „Bekenntnissen“ mehr oder weniger unverblümt schreibt. Da war seine Liebe zur Rute – aber nicht so, wie Sie jetzt denken! Es scheint vielmehr, dass es ihm gefiel, wenn er geprügelt wurde… In den „Bekenntnissen“ findet sich nichts darüber, wie er sich selbst seine Geliebte vorstellte, aber, schreibt Reinhardt, „man darf sie sich wohl mit einem Rohrstock in der Hand vorstellen.“ Und ist es nicht seltsam, dass er die erste große Liebe seines Lebens „maman“ nannte? Es war Rousseau selbst, der dazu anmerkte, dass er „lebenslang […] nach einer Mutterfigur“ suchte. Rousseau, schreibt Reinhardt, „wollte nach eigenem Bekenntnis sein Leben lang Kind sein“. Es ist auffällig (und angenehm …), dass sein Biograph hier nicht auf psychoanalytische Abwege gerät, auf denen wohl die meisten seiner Kollegen weitergestolpert wären.
Nun war Rousseau sicherlich nicht der einzige große Autor mit bizarren Vorlieben und Angewohnheiten, aber in aller Regel erfahren wir nichts davon – erfreulicherweise. Das endlich ist bei ihm dank der „Bekenntnisse“ und etlicher anderer autobiographischer Schriften ganz anders. Es war das Jahrhundert, in dem sich die Menschen selbst ins Auge fassten, aber nicht viele taten das mit der Intensität und Verlogenheit eines Jean-Jacques Rousseau. Es hat schon seine Gründe, dass, wie Hannah Arendt trocken anmerkte, Rousseau „bemerkenswerter Weise immer noch der einzige unter den großen Autoren ist, der häufig nur bei seinem Vornamen zitiert wird.“ Reinhardt seinerseits schreibt über „die Person Rousseau, über die wir leider so ausgezeichnet unterrichtet sind“. Aber er entdeckt in ihr, der Person, nicht nur einen ziemlich unsympathischen, sondern vor allem einen sehr modernen Menschen „mit seinen dauernd wechselnden Stimmungen und Launen in der radikalen Subjektivität seines Gefühlslebens“.
Reinhardt beschreibt beileibe nicht allein das Leben Rousseaus, sondern geht vor allem ausführlich – für manche Leser (nicht für mich!) vielleicht zu ausführlich – auf die Schriften dieses produktiven Autors ein. Musikwissenschaft, Entwürfe für Verfassungen, literarische Texte aller Art, dazu die großen Abhandlungen… Einen großen Teil des Buches nehmen folgerichtig die Partien ein, in denen Reinhardt die Werke Rousseaus teils referiert, teils nacherzählt und erläutert, einordnet und interpretiert, sodass wir sein Buch ganz nebenbei als eine gute Einführung in die Gedankenwelt Rousseaus ansehen dürfen. Und natürlich zeigt er sich auch hier kritisch. Was schreibt Reinhardt über den berühmten „Gesellschaftsvertrag“? Es ist ein Verriss sondergleichen! „Rousseaus Contract social ist […] ein Mischprodukt aus Antikenschwärmerei, Aristokratiefeindlichkeit, rückwärtsgewandter Ökonomie, Ablehnung moderner Kultur und einem kleinbürgerlichen Solidaritäts- und Zusammengehörigkeitsgefühl“. Mit einer Theorie der Demokratie habe der Gesellschaftsvertrag nicht das Geringste zu tun, wohl aber mit der Herkunft des Autors aus dem calvinistischen Genf.
Auch die anderen Schriften werden von Reinhardt ausführlich vorgestellt und selten positiv bewertet, zunächst die beiden Romane mit philosophischem Anspruch („Julie oder Die neue Heloise“, 1761, und „Emile oder Über die Erziehung“, 1762), seine beiden „Diskurse“, von denen der erste den „Rousseauismus“ begründet, also die Theorie, die den Niedergang der Menschheit als Folge der Kultur beschreibt („Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“, 1755), endlich seine Arbeiten als Komponist und Theaterautor. Besonders sein Intermezzo „Der Dorfwahrsager“ (1753) hatte einen ziemlichen Erfolg und beweist die beneidenswerte Vielseitigkeit dieses Menschen – musikalisch war er also auch.
Trotz dieser Begabung: Das wenig positive Fazit des Lebens eines extrem einflussreichen Autors zieht der Historiker noch im ersten Drittel seines Buches: „Dass es ihm nach schwierigen und kargen Jahren tastender Versuche mit wechselnden Spezialisierungen und unterschiedlichen Imagebildungen schließlich gelang, seinen Namen zu einem unverwechselbaren Markenzeichen für innovative und provokative Texte zu etablieren, ist das einzige und eigentliche Wunder dieses Lebens.“ Rousseau war einerseits unsympathisch, andererseits vielleicht talentiert, doch keineswegs genial. Seine Schriften sind für uns ganz gewiss keine Erleuchtungen. Und sie hätten es auch für seine Zeitgenossen nicht sein sollen. Warum ist also die Biographie dieses Menschen für uns wichtig? Weil wir in Rousseaus Eigenschaften und Fehlern einen neuen Typus aufziehen sehen – den Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts. Wie heißt es bei Friedell? „Das Phänomen Rousseau bezeichnet den Einbruch des durchtriebenen und brutalen Plebejers in die Weltliteratur.“
Volker Reinhardts Rousseau-Biographie ist ein angenehm zu lesendes, sauber recherchiertes und differenziert argumentierendes Buch über einen trotz allem bedeutenden Menschen. Es ist uneingeschränkt zu empfehlen.
Volker Reinhardt: Rousseau. Auf der Suche nach der verlorenen Natur
Eine Biographie.
Beck Verlag 2026
463 Seiten
ISBN 978-3406842955
Weitere Informationen (Verlag)
Leseprobe (PDF)
Volker Reinhardt: Voltaire: Die Abenteuer der Freiheit. Eine Biographie.
Beck Verlag 2023
607 Seiten
ISBN 978-3406781339

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