Theater - Tanz
Theater Lübeck: Biedermann und die Brandstifter. Foto: Sinje Hasheider

In Max Frischs Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“ leben Gottlieb Biedermann und seine Ehefrau Babette in einer rosaroten Welt. So jedenfalls präsentieren sie sich am Theater Lübeck.

 

Die Biedermanns sind lernunfähig, machen sich und der Welt etwas vor, sind weder Jedermanns Freund noch Feind. Eigentlich wollen sie nur in Ruhe und Frieden leben

 

Traurig, komisch, absurd und real

Frisch hat seinen „Biedermann“ untertitelt mit „ein Lehrstück ohne Lehre“. Das Stück, 1958 im Schauspiel Zürich uraufgeführt, hat also laut Max Frisch keine Botschaft, keine Lehre, will nicht moralisch sein. Es hat aber viele Fragen in sich.  Fragen, die uns auch heute noch alle angehen: Die Frage nach Veränderung in der Gesellschaft beispielsweise. Welche Möglichkeiten hat jeder einzelne von, haben wir alle, hat die Gemeinschaft? Vor welchen Herausforderungen steht unsere Gesellschaft? Wie können wir aktuelle Probleme angehen, bewältigen? Was könnte der Mensch gegen drohendes Unheil tun? Das alles ist in dieser Lübecker Inszenierung (Cilli Drexel) im Hintergrund allgegenwärtig. Wie unter einem Brennglas weist das immer noch höchst aktuelle Stück auf die Brennpunkte unserer Zeit, ohne diese zu benennen.

 

Wie unter einem Brennglas werden die Ereignisse in einer fiktiven Stadt nun auf der Bühne im Großen Haus des Lübecker Theaters dargestellt. Das geschieht vor der Kulisse eines scheinheiligen, zuckerwatteartigen Zuhauses. Ein rosiges Zuhause, das für bequeme Sattheit steht. Denn Herr und Frau Biedermann haben sich gut eingerichtet in ihrem Wohlstand. Ein Wohlstand, den Herr Biedermann als Haarwasserfabrikant erwirtschaftet hat. Dieses Haarwasser ist allerdings wirkungslos; es steht für die Lüge, für die Verlogenheit der Menschen. Herr Biedermann ist ein Wolf im Schafspelz, der nicht erkennt und nicht erkennen will, der Vertrauen in Verdrängung ummünzt und gegen allen besseren Wissens blindlings vertraut.

 

„Man kann keine Zeitung aufschlagen – schon wieder so ´ne Brandstifterei...Wieder so ein Hausierer, der um Obdach bittet – und am anderen Morgen steht das ganze Haus in Flammen.“ So redet der zeitunglesende Biedermann, zu Beginn des Stücks im rosafarbenen Wohnzimmer im Sessel sitzend. Es klingelt und Brandstifter Schmitz steht vor der Tür. Später kommt sein Kumpel Eisenring hinzu, just aus dem Gefängnis entlassen. Hier haben sich Schmitz, ein Ringer, und Eisenring, ein Kellner, kennengelernt. Die beiden sind keine guten Menschen. Und sie tun nicht einmal so. Nichtsdestotrotz wird Gottfried Biedermann die beiden Brandstifter auf seinem Dachboden beherbergen, sie beköstigen und ihre unverhohlenen schlechten Absichten unterstützen. Schon bald säuft und scherzt er mit den Ganoven. „Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste ist Sentimentalität. Die beste aber ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.“ So sprechen die beiden Brandstifter zu Biedermann und der lacht amüsiert…

 

Gespielt wird auf zwei Ebenen: Ebenerdig liegt das plüschige Wohnzimmer, darüber der düstere Dachboden. Eine Treppe verbindet die zwei Ebenen. Wir sind also immer dabei bei all diesem Unheil, das folgt. Wir sind Zeugen, wie Biedermann tatenlos zuschaut, wie die beiden Männer Benzinfässer auf dem Dachboden lagern und dabei unumwunden zugeben, die ganze Stadt in Brand stecken zu wollen. Und was sagt und tut Biedermann? Er steckt den Kopf in den Sand, redet sich ein: „Das kann ein Scherz sein oder Aufschneiderei. Wenn sie es ernst meinen würden, würden sie es niemals sagen.“ Am Ende überreicht Biedermann den beiden Brandstiftern sogar eine Schachtel Streichhölzer und „am andern Morgen, siehe da, bist du verkohlt und kannst dich nicht einmal über deine Geschichte verwundern.“ Bei allem Ernst geht es doch recht komödiantisch zu bei dieser Lübecker Aufführung. Mit den Mitteln der Satire wird Max Frischs Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“ hier gekonnt in Szene gesetzt (Inszenierung: Cilli Drexel).

 

Meist wirkt das Satirische gewollt und gekonnt komisch. Hin und wieder aber driftet das ansonsten gut gemachte Spiel in Klamauk ab. Das ist dann der Fall, wenn einer der Schauspieler der Versuchung unterliegt, sich selbst in Szene und somit das Ensemblespiel aufs Spiel zu setzen. Wenn Brandstifter Schmitz (Will Workman) beispielsweise zu guter Letzt ein Tänzchen mit Frau Biedermann aufs Bühnenparkett legt. Oder wenn Babette (Susanne Höhne) gestelzt und gespreizt gewollt damenhaft mit rosarotem Pompon auf Haar, Bluse oder Popo ins Wohnzimmer hinein- und herausschreitet. Das kann man mögen und lustig finden, muss man aber nicht. Richtig witzig wirkt das ernsthafte Verlegen der roten Zündschnur im Wohnzimmer durch die Brandstifter. Das wird zum großen Vergnügen der Zuschauer konsequent durchgespielt. Überzeugend auch das gleichmütige Darüberhinwegschreiten der Biedermänner und Dienstmädchen Anna. Da kommt beim Zuschauen große Freude auf am schönen Spiel.

 

Der schauspielerisch und stimmlich starke Chor, bestehend aus je drei weiblichen und männlichen Feuerwehrleuten in Berufskleidung, macht seine Sache richtig gut. Mal beschwichtigt der Chor, mal warnt er: „Blinder als blind ist der Ängstliche,/Zitternd vor Hoffnung, es sei nicht das Böse,/Freundlich empfängt er`s,/Wehrlos, ach, müde der Angst,/Hoffend das Beste…/Bis es zu spät ist.“ Unterlegt wird dieser Chor-Sprechgesang von industrieartigen Tönen (Musik: Mo Sommer). Diese Musik unterstreicht geschickt die fehlende Handlungsbereitschaft und demzufolge die Handlungsunfähigkeit Biedermanns. Einmal, da fragt der Feuerwehrchor: „Biedermann, Gottlieb, was hast du gedacht?“ Und Biedermann antwortet: „Ich will nur meine Ruhe und meinen Frieden haben.“ Vor allem aber will er sich seine menschlichen Regungen nicht verbieten lassen. Und was wollen die Brandstifter? Sie wollen Menschlichkeit. Das bringt die drei Männer zu großem gemeinsamen Gelächter. Dabei ist das gar nicht komisch, sondern traurig und schaurig. Komisch wirken sie dennoch, trotz aller Tragik im Stück, der Herr Biedermann (Michael Fuchs), dessen Frau Babette (Susanne Höhne), die beiden Brandstifter Schmitz (Will Workman) und Eisenring (Anna-Lena Hitzfeld). Selbst der Polizist, die Witwe, der Doktor (Astrid Färber) zaubern das Komödiantische aus ihren ernsten Rollen hervor.

 

TL Biedermann und die Brandstifter F Sinje Hasheider

Foto: Sinje Hasheider

 

Vor allem aber Dienstmädchen Anna (Antonia Sophie Schirmeister) überzeugt mit ihrem Spiel: Als schwarzgekleidete Puppe mit Spitzenhaube und eckigen Bewegungen tollt sie über die Bühne. Korrekt und kokett, dämlich und mädchenhaft, angepasst und übermütig spielt sie ihre Rolle perfekt bis zum tragisch-komischen Ende. Denn tragisch ist es: Frau und Herr Biedermann sind am Ende genauso verlogen und blind wie zu Beginn des Stücks. Sie bemerken nicht einmal, wie die von Schmitz und Eisenring ausgelöste Feuersbrunst gleich über sie hinwegrollen wird. Sie sitzen gemütlich bei Kerzenlicht und Wein mit den Brandstiftern zu Tisch und verspeisen eine Gans. Was soll schon passieren?  Und wenn: Was kann er, Gottlieb Biedermann, der Verwandlungen, Veränderungen scheut, wider das Unheil tun? Schließlich sind es die Brandstifter, die den Tisch und das Haus verlassen. Sie wollen aufbrechen zu neuen Taten. Sie müssen aufbrechen, denn sie wollen überleben. Herr und Frau Biedermann aber bleiben sitzen, dem Unheil geweiht. „Wären Sie an meiner Stelle gewesen“, fragt Biedermann einmal das Publikum und blickt es dabei direkt an, „was hätten Sie getan?“ Das ist die Frage aller Fragen an diesem Lübecker Theaterabend.


Biedermann und die Brandstifter

Zu sehen am Theater Lübeck, Großes Haus, Beckergrube 16, in 23552 Lübeck

Weitere Termine: 03/10, 08/10, 23/10, 31/10: jeweils 19.30 Uhr, 15/11/16.00 Uhr, 03/12 und 15/01, jeweils 19.30 Uhr, 24/01 und 07/02, jeweils 18.00 Uhr, 20/02, 19.30 Uhr

 

Besetzung:

Herr Biedermann: Michael Fuchs | Babette, seine Frau: Susanne Höhne | Anna, ein Dienstmädchen: Antonia Sophie Schirmeister | Schmitz, ein Ringer: Will Workman | Eisenring, ein Kellner: Anna-Lena Hitzfeld | Ein Polizist / Witwe Knechtling / Ein Dr. phil.: Astrid Färber | Der Chor der Feuerwehr: Hilli Eichenberg, Peter Eichenberg, Astrid Franck, Stefanie Kleinlein-Jensch, Kathrin Maetzel, Eberhard von Manteuffel

Inszenierung: Cilli Drexel | Bühne: Christina Mrosek | Kostüme: Marleen Johow | Musik: Mo Sommer | Licht: Sebastian Marx | Video: Lorenzo Zürn | Dramaturgie: Cornelia von Schwerin

Weitere Informationen (Theater Lübeck)

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