Musik
Meili Li (Nerone), Aditi Smeets (Valetto), Janina Mae Dettenborn (Amore), Sophie Naubert (Poppea), Statisterie. Foto: Olaf Malzahn

 

In der Hansestadt Lübeck, die unter anderem darauf spezialisiert ist, alte Koggen mit denkbaren Namen wie „Königin der Hanse“ aus dem Traveschlamm zu bergen, wurde jetzt eine der ersten Opern, die vor knapp vierhundert Jahren in der Lagunenstadt Venedig uraufgeführte „Krönung der Poppea“ (Originaltitel: „L’incoronazione“ von Claudio Monteverdi, auf großer Bühne wiedergeboren. 

 

Vorhang auf!

Schockierende Konfrontation des Publikums mit einer kalt wirkenden, DDR-grauen, unüberwindbar scheinenden Betonfassade. Ein bisschen kolossal, aber auch ein bisschen kapital, denn das Ganze erinnert mit seinen bühnenhohen rundbögig-schlanken Türen auch an die Fassade eines Lübecker Kaufhauses am Marktplatz. Und tatsächlich: Diese Fake-Fassade „entpoppt“ sich als architektonische Luxus-Schatztruhe. Wenn sich die Türen öffnen, treten wir in Teilräume barocken Rausches. In visuellen Häppchen werden wir Zeuge opulent-barocker Tafelszenen mit Austern und Schwanenhals, aber auch Zeuge sexueller Gelage in pastellrosa badendem Bühnenlicht. In der einen geöffneten Tür sehen wir die verzweifelte, verschmähte Königin Ottavia, ein paar Türen weiter (insgesamt sind es sechs) sitzt Nero am prall gedeckten Tisch und denkt an eine andere Frau, an Poppea. Später locken uns hier „Dolce&Gabbana“ anmutende Reklamevideos, auf denen uns Nero überdimensioniert machtgierig übersieht. Oder Poppea, sinnlich-selbstverliebt, schokoladenverschmiert in sich hineinschaut.

 

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Kostüme von Street-Art bis Caesar-Robe

Die Bühnenkleidung (Bühne & Kostüme: Susana Mendoza) reicht in ihrer Stilistik von Street Art bis hin zur caesar-roten Robe. Die Beleuchtung (Licht: Falk Hempel) interpretiert in beeindruckender Weise die gesamte farbpsychologische Bedeutungsskala. Harnouncourt geschulte Puristen mögen die von römisch-barocker Ornamentik verschonte Szenerie als eher abstoßend empfinden. Uns hingegen hat sie sehr erfrischt. Statt bemühtem Retro-Staub umwarb uns animierender Duft von D+G und trug uns temporeich durch den gut dreistündigen Abend. Denn Tempo hat diese Inszenierung (Johannes Pölzgutter). Das wird auch durch die intelligenten Teilszenen gefördert: Einzig durch das Öffnen von Türen entstehen neue Räume und somit neue szenische Möglichkeiten auf der Bühne. Ein kluger Einfall: Somit kann auf jeglichen den Fluss des Abends störenden Umbau auf offener Bühne verzichtet werden. Und: Was sich hinter diesen Türen verbirgt, ist absolut sehenswert!

 

Abwechslungsreiches Spiel

Aus dem Graben klingt`s jazzig improvisiert, auf der Bühne wird getrillert und lamentiert. Da jede Aufführung von Poppea der Besetzung im Graben und auf der Bühne breiten Spielraum gestattet, gibt es nicht die eine authentische Aufführung. Nur das Lamento, ein Klagegesang, der den Umschwung in der Handlung ankündigt – eine Erfindung Monteverdis - und seine klanglich phantasievollen Ritornelle sind roter Faden des Abends. Für den Nicht-Barock-Experten hat diese Favola in musica, oder dieses Dramma per musica, wie sich die Gattung zunächst nannte, durchaus Langweiler-Potenzial. Wären da nicht das straff-frische Regiekonzept, die höchst vitale Personenführung, das geistreiche, unterhaltsam tagesaktuelle Libretto von Giovanni Francesco Busenello und vor allem die sanft und gleichzeitig eindeutig führenden Hände von Takahiro Nagasaki. Er ist in seiner musikalischen Gesamtleitung auch für die frisch-zarte musikalische Einrichtung des Abends verantwortlich. Das Orchester mit zwei rhythmisch-klanglich glänzenden Theorben, virtuos aufspielenden Blockflöten (Julian Fricker, Hans Fröhlich, Iris Bürger), der Basso-continuo-Gruppe mit zwei Cembali und Orgel und Streichern spielt barockorientiert, aber auch jazzig-frei, immer geschmackvoll jetztzeitig.

 

Die Kronung der Poppea 01 F Olaf Malzahn

Thomas Stückemann (Arnalta), Sophie Naubert (Poppea), Janina Mae Dettenborn (Amore). Foto: Olaf Malzahn

 

Poppea und Nero – Traumpaar des Abends

Die Regie hat entschieden, die Rolle der Arnalta einem Tenor-buffo (Thomas Stückemann) zu übertragen. Das bringt weiteren Witz und Schwung in die Inszenierung. T. S. meistert seinen schwierigen Part durch geschickten Lagenwechsel urkomisch, im Schlaflied „Adagiati, Poppea“ aber auch lyrisch-intensiv. Drusilla (Natalie Beck), Amore (Janina Mae Dettenborn) und Valetto (Aditi Smeets) beflügeln den Abend koloraturstark, jugendlich glanzvoll, äußerst spielfreudig. Die Zerrissenheit Ottones (sein Part ist im venezianischen Manuskript in den ersten beiden Akten im Mezzosopranschlüssel, im dritten Akt im Altschlüssel notiert. Wie soll man das bitte singen!) wird von Jacob Scharfman mit baritonalem Schmelz und ausdrucksstarker Schärfe in „chi nasce sfortunato („wer glücklos geboren“) brillant dargestellt. Seneca (Changjiun Li) ist der Ruhepol der Aufführung. Sein Freitod: „Non mori, Seneca“ in seiner szenischen Tiefe ist einer der Höhepunkte der Oper. Andrea Stadels (Ottavia) Abschied „Addio Roma“ ist sängerisch-schauspielernd berührend, groß und zeitlos. Poppea (Sophie Naubert) und Nerone  (Meili Li) sind musikalisch und darstellerisch das Traumpaar des Abends. Nerone als Countertenor mit erstaunlich großem Volumen und hoher Beweglichkeit weist in seiner auffallend gespielten Lockerheit und gleichzeitiger Arroganz auf politische Aktualität. Poppea, stimmlich souverän modellierend zwischen stählern-geradem und wohltemperiertem Klang, begeistert in ihrer ausdrucksintensiven Bühnenpräsenz. Beide sind großartige Sängerschauspielerinnen.

 

Spiel um Liebe und Macht

Macht sei eines der zentralen Themen des Stückes, hatte Dramaturg Jens Ponath bei der Premieren-Einführung gesagt. „Die Krönung der Poppea“ sei ein Spiel zwischen Leidenschaft und Macht, es gehe dabei auch um Konflikte zwischen Liebe und Pflicht. Und um enttäuschte Liebe, die immer auch Verlangen nach Macht auslöse: „Monteverdi kannte diese Typen, die heute an der Macht sind.“ Die thematische Aktualität ist in dieser Oper stets präsent. Nicht nur, weil die Kleidung der Protagonisten modern ist. Auch nicht, weil Videos, einmal auch ein Handy und ein Sprayer mitmischen. Oder im Bühnenhintergrund, statt eben noch malerischer Wolkenpracht, bürgerkriegsähnliche Zustände, blutrot, das Bild, die Szene beherrschen. Sondern auch, weil die Frage, was stärker ist – die Liebe oder die Macht –, hier beständig und dauerhaft besungen und bespielt wird, also unüberseh- und unüberhörbar ist.

 

Das Libretto von Giovanni Francesco Busenello ist zeitlos schön. Wenn Nero sich von Poppea so wenig trennen kann, „wie man sich von einem Punkt trennt“, wird auch unser Herz berührt. Wenn jemand singt, „ein wandernder Seufzer verlässt das Herz“ oder etwas gefühlt so ist, „als ob einem Wunder gleich eine Passionsblume auf Schnee erblüht“ oder Sätze fallen wie „die Sättigung eines Lasters macht ein neues Laster notwendig“ oder „hundert Abgründe werden von einem einzigen hervorgehoben“, kehren wir auch bei uns ein: Mal jubelt unser glückliches Herz, mal ruhen sich unsere diebischen Augen aus. Je nachdem, was das Stück in diesem Augenblick (auch) von uns fordert…

 

Königlicher Applaus für einen königlichen Abend.

Das Duett der beiden „Pur ti miro, pur ti godo“, das „Landauf, landab hört man es schallen, Poppea und Nero“ des Chores und eine Krönung in großer barocker Farbenpracht auf ganzer Bühne beenden den Abend würdig-königlich in hoher Gesangskultur. Königlicher Applaus! In der Königsloge soll ein Mann mit langem roten Schlips drei Stunden ausgeharrt und dann in die Menge gerufen haben: „Lübeck hat sehr gute Leute. Sehr gute Leute.“

 


Die Krönung der Poppea
L’incoronazione di Poppea

Oper in zwei Akten von Claudio Monteverdi

Libretto von Giovanni Francesco Busenello
Fassung des Theater Lübeck, musikalisch eingerichtet von Takahiro Nagasaki

Zu sehen bis 27. Juni 2026 im Theater Lübeck, Großes Haus, Beckergrube 16, in 23552 Lübeck

 

Die nächsten Termine: 21/03, 28/03, jeweils 19.30 Uhr; 12/04, 18.00 Uhr; 01/05, 21/05, 29/05, jeweils 19.30 Uhr; 07/06, 16.00 Uhr; 21/06, 18.00 Uhr; 27/06, 19.30 Uhr

Musikalische Leitung: Takahiro Nagasaki | Inszenierung: Johannes Pölzgutter| Bühne & Kostüme: Susanna Mendoza | Video: Tassilo Tesche | Licht: Falk Hampel | Dramaturgie: Jens Ponath

Mit: Sophie Naubert, Nerone Meili Li, Andrea Stadel, Jacob Scharfman, Changjun Lee, Natalie Beck, Janina Mae Dettenborn, Thomas Stückemann, Delia Bacher, Aditi Smeets, Wonjun Kim, Valentin Anikin, Statisterie des Theater, Lübeck; Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Dauer: ca. 3 Stunden, 15 Minuten (eine Pause)

Weitere Informationen (Theater)

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