„Die Fähigkeit des Menschen zu lachen ist edler als seine göttliche Befähigung zu leiden.“ (Leonard Bernstein auf dem Brandeis-Festival 1953).
Wenn Sie, lieber Leser, diesen Satz unterschreiben, wenn Sie also Unterhaltung nicht einzig und allein als Ablenkung und Vergessen verstehen, sondern das Wetteifern von Vergnügtheit und Nachdenklichkeit - verbunden durch humorvolle Loriot-Texte - lieben, dann sollten Sie eine Aufführung der Comic-Operette „Candide“ in Lübeck besuchen. Diese bunte Mischung aus Musical, Operette und Oper mit Texten von Loriot und Live-Illustrationen von Robert Nippoldt ist ein großer Theaterspaß.
Viel Broadway und ein Spritzer Breite Straße
Hellmann (Libretto) und Bernstein (Musik) sahen in Voltaires satirischen Angriffen auf staatliche und kirchliche Institutionen und im nüchternen Optimismus des Philosophen Leibniz ihrerseits auch eine Möglichkeit, dem selbstzufriedenen Amerika der Ära Eisenhower eins auszuwischen. Voltaires Spott über jene Weltanschauung, wonach „alles zum Besten steht in der besten aller möglichen Welten“, und das zynische Bejahen von Krieg, Gier, Verrat, Hochmut und Verlogenheit als Grundmerkmale der Zivilisation kommen in Voltaires „Candide oder der Optimismus“ (Candide = der Arglose, Aufrichtige) auf kaum neunzig Seiten in knappen, scharfen Sätzen in beinahe comicartiger Kürze zum Ausdruck.
Und genau hier setzt das Konzept von Ronny Scholz an. In einer Live-Illustration kommentiert und begleitet Robert Nippoldt den Abend humorvoll zeichnend. Der Graben ist zu diesem Zweck halb hochgefahren. Der auch choreografisch vitale Chor (Leitung Jan-Michael Krüger) hat den Graben erobert. Er präsentiert sich auf Augenhöhe mit dem Publikum. Das Orchester nebst Dirigenten (Nathan Bas) sitzt hinter einem Gazevorhang auf dem hinteren Teil der Bühne. Seitlich angelegte schwarze Treppen verbinden zwei Ebenen, auf denen die Darsteller agieren. Goldlametta glitzert an den Rändern wie in einem Varieté. Auf dem oberen Teil der Bühne hängt eine mit Glühbirnen umrahmte große Leinwand, auf der den ganzen Abend über Live-Zeichnungen das Publikum erfreuen, zu Zwischenapplaus animieren und zu Heiterkeitsausbrüchen führen. Sehr belebend, sehr köstlich!
Da, wo sonst der Dirigent sitzt, gibt es einen Zeichentisch, von dem aus die satirischen Comic-Ideen von Nippoldt auf die Leinwand geworfen werden. Die gekonnte Handwerklichkeit in Zusammenhang mit dem humorvoll verbindenden Loriot-Text (Erzähler: Steffen Kubach), der die verworrene Handlung ordnet, begeistert das Publikum, das alle sieben Sinne aktivieren muss, um neben diesem rauschenden Augen-Satireschmaus auch noch die temperamentvoll aufspielenden Lübecker Philharmoniker unter Nathan Bas zu goutieren. Die spielen schon die berühmte kleine, clever und raffiniert komponierte Ouvertüre in vorbildlich präziser, rhythmischer Artikulation.

Ensemble, Chor, Robert Nippoldt (Live-Illustration), Iris Stein (Assistenz Live-Illustration). Foto: Jochen Quast
Bernstein nannte die Musik zu Candide eine Liebeserklärung an die europäische Musik. So tauchen in der Partitur ständig europäische Tanzformen wie Gavotte, Mazurka, Polka und Walzer auf und die Konventionen der europäischen Oper werden auf liebenswürdigste Weise verballhornt. Es trillern die Liebenden (Candide: Noah Schaul, Cunegonde: Sophie Naubert) in bester Belcanto-Manier, Cunegonde legt brillant gesungene Koloratur-Träller aufs Parkett, derweil sie sich selig mit Perlengeschmeide behängt. Das ist sicher als Parodie auf die Juwelenarie in Gounods Faust/Margarethe zu verstehen… In dieser Aufführung köstlich dargebotene Nummer „Venice-Gavotte“ (Old Lady: Gabriella Guilfoil) illustriert Bernstein durch einen komplizierten Kontrapunkt die Handlung.
Gerad Quinn (Dr. Pangloss) und Jacob Scharfman in seinen zahlreichen Rollen sowie Andrea Stadel (Paquette) hätten in ihrem geschickt ausbalancierten Timbre zwischen Oper, Operette und Musical auch Bernstein gefallen. Vom Publikum gibt’s den ganzen Abend über Szenenapplaus. Als sich dann der Abend mit dem optimistischen „Make our garden grow“ als bewegende Hymne der Hoffnung auf eine bessere Welt weitet, gesellt sich zu der durchgehenden Heiterkeit des Abends ansteckende Zuversicht. Durchaus mit Bezug zum Hier und Heute: „Fluctuat nec mergitur“ – so lautet der Wahlspruch im Stadtwappen von Paris. Frei übersetzt: „Das Schiff schwankt, aber es geht nicht unter“…
Nach der Uraufführung 2021 in Münster und Aufführungen in Regensburg ist diese Variante der Voltaire-Satire „Candide“, die von Leonard Bernstein in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts musikalisch genial verwandelt, in den Neunzigern von Loriot mit witzigen Texten aufgepeppt und 2021 mit live eingespielten Zeichnungen von Robert Nippoldt versehen wurde, nun erstmals auch am Theater Lübeck zu erleben. Bei der Premiere feierte das Publikum diese Inszenierung begeistert. Der Applaus setzte schon ein, bevor das Stück überhaupt begann: Mit lokal inspirierten, auf die Leinwand geworfenen beschrifteten Papierschnipseln begrüßte der Zeichner das Publikum auf charmant-witzige, in jedem Fall originelle Weise. Seine Zeichnungen ersetzten das Bühnenbild nicht – das sollten sie auch gar nicht - sie bildeten das Bühnenbild. Dieser geniale Einfall, perfekt in Szene gesetzt, die Musik Bernsteins, die Texte Loriots und die tolle Mannschaft auf der Bühne begeisterten das Publikum. Am Ende gab’s rhythmischen Applaus, der nicht enden wollte.
Und darum geht`s: Wir leben in der besten aller möglichen Welten. So hat Candide es von seinem Lehrer Dr. Pangloss gelernt. Als das westfälische Schloss, in dem er seine Jugend verbracht hat, im Krieg zerstört wird, begibt er sich auf eine abenteuerliche Reise ins Ungewisse – über Paris und Lissabon bis nach Eldorado. Dorthin also, wo jeder glücklich ist „auch die Reichen“, heißt es im Stück. Doch auch dort ist das Glück nicht auf Dauer zu Hause. Candide hat jedoch eine gehörige Portion Optimismus im Gepäck: Weder Krieg, Erdbeben, Inquisition, Schiffbruch, Mord, Kannibalen noch falsche Mönche bringen ihn von seinem Weg ab, sein Glück in der Welt zu machen. Dies, obwohl er und seine heimliche Liebe Cunegonde nur mit Mühe dem Tod entkommen können und am eigenen Leib schmerzlich feststellen müssen, dass die beste aller möglichen Welten offenbar nur in der Philosophie existiert. Aller Illusionen beraubt, kehren sie zurück nach Westfalen und stellen fest, dass allein Gartenarbeit den Menschen glücklich macht…
1759 veröffentlichte Voltaire mit „Candide“ seine Satire auf die optimistische Philosophie seiner Zeit. Genau vier Jahre nach dem schrecklichen Erdbeben in Lissabon, mitten im Siebenjährigen Krieg, war Anlass gegeben, Leibniz’ These von unserer „besten aller Welten“ kritisch in Frage zu stellen. Noch im selben Jahr wurde das Buch verboten. 200 Jahre später verwandelte Leonard Bernstein den Stoff in eine bunte Mischung aus Musical, Operette und Oper und spickte seine „Liebeserklärung an Europa“ mit Anspielungen von Rossini über Wagner bis hin zu Johann Strauß. Doch das Stück floppte. Nach der Uraufführung am 1. Dezember 1956 in New York wurde das Stück bereits nach nur 73 Vorstellungen abgesetzt. Das lag nicht an der Musik Bernsteins, sondern an dem nur minimal an Voltaires Text orientierten Libretto von Lillian Hellmann. Vom Potenzial seines Bühnenwerks überzeugt, ließ Bernstein das Stück 1974 in ein Musical umarbeiten und Hugh Wheeler ein komplett neues Libretto schreiben. In dieser Fassung schaffte „Candide“ endlich den internationalen Durchbruch. In Deutschland begann der Siegeszug, als Loriot 1993 mit seinen witzigen Zwischentexten Ordnung in die verworrene Handlung brachte. Mit den Live-Illustrationen von Robert Nippoldt und einem geschickt maskierten Loriot-Sprecher ist „Candide“ nun zum ersten Mal auf der Bühne des Theater Lübeck zu erleben – ein tolles Format!
Candide
Komische Operette von Leonard Bernstein
Nach Voltaires satirischem Roman „Candide oder der Optimismus“
Zu sehen bis zum 17. April 2026 im Theater Lübeck, Großes Haus, Beckergrube 16, 23552 Lübeck.
Songtexte von Richard Wilbur, Stephen Sondheim, John LaTouche, Dorothy Parker, Lillian Hellman und Leonard Bernstein
Konzertante Fassung mit Erzähltexten von Loriot
In Kooperation mit dem Theater Regensburg
Die nächsten Termine: 21/11, 19.30 Uhr, 28/11, 19.30 Uhr, 05/12, 19.30 Uhr, 31/12, 15.30 + 19.30 Uhr, 08/01, 19.30 Uhr, 25/01, 18.00 Uhr, 21/02, 19.30 Uhr, 01/03, 18.00 Uhr, 15/03, 16.00 Uhr, 04/04, 19.30 Uhr, 11/04, 19.30 Uhr, 17/04, 19.30 Uhr, Großes Haus
Musikalische Leitung: Nathan Bas | Konzept: Ronny Scholz | Live-Illustration: | Robert Nippoldt, Florian Toperngpong, Lotta Stein, Iris Braun. Assistenz Live-Illustration: Iris Braun | Bühne: | Kostüme: | Choreografie: | Chor: Jan-Michael Krüger | Licht: Falk Hampel | Dramaturgie: Sören Sarbeck, Michael Sangkuhl
Mit: Steffen Kubach, Noah Schaul, Sophie Naubert, Gerard Quinn, Gabriella Guilfoil, Jacob Scharfman, Andrea Stadel / Aditi Smeets, Wonjun Kim, Robin Frindt / Yong-Ho Choi; Chor des Theater Lübeck; Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Weitere Informationen (Theater Lübeck)

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