Der vielfach preisgekrönte marokkanisch-französische Schriftsteller Rachid Benzine zählt zu den angesehensten Politologen und Islamwissenschaftlern Europas.
In seinem nur 124 Seiten umfassenden Roman „Der Buchhändler von Gaza“ beschreibt und umkreist er für uns Leser die menschlichen und politischen Verhältnisse zwischen Israelis und Palästinensern. Dies geschieht allerdings aus alleiniger Perspektive eines Palästinensers. Mit dieser Vorgehensweise vermittelt und verursacht der Autor unterschiedlichste Gefühle.
Das Buch schrieb Rachid Benzine vor dem 7. Oktober 2023. Es bezieht sich auf Realitäten, wie sie in Gaza-Stadt vor diesem schrecklichen Datum vorherrschten. Als das Buch veröffentlicht wurde, war Gaza-Stadt größtenteils zerstört, die Bevölkerung vertrieben, traumatisiert oder tot. Das wird uns im Vorwort des Buches erklärt. Kein schöner Einstieg, kein schönes Buch, wie sollte es. Es ist jedoch ein Buch, das trotz aller grausamen Realität lyrische Elemente enthält, die berühren und – ja – sogar besänftigend sind in ihrer Wirkung auf uns Leser. Es sind eindringliche Lesemomente in diesem Roman, in denen die Kraft der Literatur beschworen wird.
Kurzer Roman über die große Kraft der Literatur
Wir Lesende befinden uns in Gaza-Stadt im Jahr 2014. In einer Gasse stößt der Fotojournalist Julien Desmanges auf einen alten Mann, der inmitten von Büchern lebt, inmitten von Ruinen liest. Als könnten die Worte ihn vor dem Lärm, dem Leid und dem langsamen Tod der Stadt retten, denkt Julien. Mit Tagesanbruch öffnet dieser Mann namens Nabil Al Jaber seine Buchhandlung. Jeden Tag aufs Neue. Egal, was geschieht. Auf der Schwelle sitzend liest er und schenkt allen, die zu ihm kommen, ein Buch. Julien will den 66-Jährigen fotografieren. Doch der fordert ihn auf, sich zunächst die Geschichte seines Lebens anzuhören. Ein Leben, das während der Nakba begann und für das Schicksal eines ganzen Volkes steht. Nabil erzählt dem Fremden von Flucht und Vertreibung, von einem Glück, das dem Elend abgetrotzt ist und von der Literatur, die ihm Halt und Hoffnung gibt. Soweit der kurze Überblick über einen zeitlich weitreichenden, inhaltlich schwerwiegenden kurzen Roman.
Dieses Buch ist wahrlich keine leichte Kost! Schon der Anfang ist nur schwer zu verkraften: Das erste Kapitel „Das Treffen“ (insgesamt sind es dreizehn Kapitel) beginnt folgendermaßen: Ein gewöhnlicher Tag. Gestern haben zwei Einschläge vier Jungs am Strand getötet, deren einziges Verbrechen darin bestand, dort Fußball zu spielen. Dieses Zitat sollte Warnung genug sein für besonders empfindliche Leser… Wer sich dennoch auf dieses Buch einlässt, wird – so merkwürdig das klingt – am Ende trotz allem auch belohnt. Mit neuen Erkenntnissen dank mitfühlender Gedanken. Zum Beispiel: Die Erkenntnis, wie sehr wir darauf achten sollten, Einzelschicksale genauer zu betrachten. Immer und überall auf der Welt. Das große Ganze geht dabei nicht verloren. Um beim Buch zu bleiben: weder am Anfang noch am Ende.
Am Anfang reicht der alte Buchhändler Julien ein Buch. Es heißt: „So lebt der Mensch. La Condition Humaine“ von André Malraux. Es hat Kriege durchlebt, Revolutionen, Aufstände. Es stand im Regal, während draußen alles im Chaos versank. Sah Generationen kommen und gehen und trotzte der Zeit. Es erzählt von anderen Tagen, aber wer es richtig liest, erkennt darin auch die Gegenwart, unser Leben, Ihr Leben, mein Leben. Das macht große Bücher aus. Sie sind eine eigene Welt, eine Zuflucht und ein Spiegel. So ist das mit Büchern wie diesem, mit Literatur überhaupt: Sie hilft uns über Übles hinweg. Sie kann Trost spenden und Schönes geben selbst im Ärgsten noch.
Rachid Benzine, ist 1971 in Marokko geboren und in Versailles aufgewachsen. Als Autor von sechs Romanen und diversen Sachbüchern wurde er in Frankreich und Marokko mit dem nationalen Verdienstorden ausgezeichnet. 2024 erhielt er den Grand Prix du Roman Métis für seinen Migrations-Roman „Les silences des pères“. Mit seinem jüngsten Buch über den Buchhändler von Gaza dürfte er sich weitere Verdienste um die Literatur erwerben.
Rachid Benzine: „Der Buchhändler von Gaza“
Roman. Aus dem Französischen von Andreas Jandl
Piper Verlag, München
Gebunden. 128 Seiten
ISBN 978-3492074575
auch als E-Book erhältlich
Weitere Informationen und Leseprobe (Verlag)
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