Kultur, Geschichte & Management

Es war Ende Juni 2022 als die dänische Königin, Margrethe II., in Anwesenheit von Robert Habeck (deutscher Vizekanzler und Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz) in einem kleinen dänischen Ort namens Oksbøl das „Dänische Flüchtlingsmuseum“ (Museum Flugt) eröffnete.

 

Die Geschichte um diesen kleinen Ort in der Gemeinde Varde, nordwestlich von Esbjerg, an der Westküste Jütlands gelegen, mit seinen gerade einmal knapp über 3.000 Einwohnern – aber mit Eisenbahnanschluss – reicht 100 Jahre zurück.

 

Die Geschichte des Ortes

Somit gäbe es viele Geschichten zu erzählen, die neben der kanonischen Historie aufzuführen wären, denn zwischen 1929 und 2022 hat das sandige, nur mit Heidekraut und Kiefernwäldchen bewachsene Gebiet viele Phasen durchlebt, vor allen solche mit militärischem Hintergrund.

 

Auf dem menschenentleerten Areal, einige Kilometer außerhalb der Siedlung Oksbøl, entstand im Jahr 1929 ein Truppenübungsplatz für das Königlich Dänische Heer, das nach dem Ersten Weltkrieg neue französische Artilleriegeschütze gekauft hatte und nun einen Ort zum Testen brauchte. „Im Übungsgelände wurde auf einem Dünenhügel ein befestigter Artillerieziel-Beobachtungsstand mit Holzturm gebaut, der auch als Waldbrand-Wachturm diente. In den 30er Jahren übten dort dann auch Dragoner-Einheiten (berittene Infanteristen), außerdem wurden östlich des Lagers im Wald bei Vrogum Gasballons für die Ausbildung von Artilleriebeobachtern stationiert. So wuchs auf dem Areal bis zum Beginn des 2. Weltkriegs der größte Truppenübungsplatz des Landes auf.“[1]

 

Flugt 01 Daenische Artillerie um 1930

Truppenübungsplatz Oksbøl um 1930. Foto: Sammlung Museet for Varde By og Omegn (Vardemuseum)

 

Mit dem Unternehmen ‚Weserübung’, dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Dänemark am 9.4.1940 wurde gleichzeitig die Besetzung Norwegens vorbereitet, um die Erzlieferungen aus dem schwedischen Kiruna nach Narvik kontrollieren zu können. Dänemark diente für Nazideutschland gleich in mehreren Funktionen, u.a. damit, Soldaten auszubilden und Verwundete aufzunehmen. Das kleine existierende dänische Lager, in dem Soldaten während der Übungen untergebracht waren, wurde ab 1941 zu einem ausgebaut, das ein ganzes Bataillon aufnehmen konnte (12-15.000 Soldaten und 3.600 Pferde). Wie in einer eigenen kleinen Stadt wurden ein Wasserwerk, ein Elektrizitäts- und Klärwerk, zwei Lazarette mit Ärzte- und Schwesternhäusern, ein Wohnbereich für den Kasernenkommandanten, eine Bauverwaltung, ein Kino/Theater sowie am Ål Præstesø (Praestesee) ein Munitionsbunker errichtet. „Außerdem entstanden ein technischer Bereich mit Garagen und Werkstätten, Arrestzellen, Wäscherei, Badeanstalt, Friedhof und Telefonzentrale. Dazu gab es noch einen Offizierswohnbereich mit eigenem Casino.“[2]

 

Neben der Unterbringung vieler Soldaten wurde der angrenzende Artillerieplatz von der deutschen Wehrmacht übernommen und genutzt.

 

Im Winter 1944/45 begann der große Flüchtlingsstrom aus den deutschen Ostgebieten, oft über die Ostsee. Geschätzte 13 Millionen Menschen[3] mussten ihre Heimat verlassen, davon kamen ca. 250.000[4] via Kopenhagen nach Dänemark. Das Lager Oksbøl nahm bis Ende 1945 etwa 36.000[5] Kriegsflüchtlinge auf und war damit das größte Flüchtlingslager Dänemarks. Die vorhandene Infrastruktur wurde genutzt und ausgebaut und dennoch reichte die Kapazität kaum aus für so viele Menschen. Vor allem Kinder und Frauen lebten in den bedrückend engen Baracken. „Die Lager verwalten sich selbst: Unter dänischer Aufsicht werden deutsche Lagerverwaltungen demokratisch gewählt. Der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung ist streng verboten. Es herrscht ein sogenanntes Fraternisierungsverbot, Verstöße dagegen werden geahndet. Gleichzeitig fördert man innerhalb der Lager die Pflege der deutschen Sprache und Kultur. Jede Art der Integration soll so unbedingt verhindert werden.“[6]

 

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Flüchtlingslager Oksbøl, 1945. Foto: Museum Flugt (Sammlung Camp Oksbøl)

 

1949, als fast alle Flüchtlinge zurück nach Deutschland gelangten, begann der Rückbau des Lagers. Dänische Wehrdienstverweigerer in Zusammenarbeit mit 75 dafür ausgesuchten deutschen Flüchtlingen begannen alles abzumontieren, was im Entferntesten nützlich sein konnte. Durch die Materialknappheit im Nachkriegs-Königreich, wurden nicht nur Wasserhähne, Stromleitungen und anderes Metall benötigt, sondern auch Holz und Backsteine. Die Möbel wurden verkauft und der dänische Staat versteigerte ganze Holzbaracken, die später in der Region als Wochenendhäuser dienten.[7]

 

Seit 1959 übernahm die Dänische Armee wieder das Lager und bis heute dient der angrenzende Truppenübungsplatz Artillerie-, Panzer- und Infanterieeinheiten.

Die Idee für ein internationales Flüchtlingsmuseum entstand, verstärkt durch die europäische Flüchtlingskrise 2015/16 und dem Zustrom von vor allem syrischer Flüchtlingen nach Europa.

 

„Mit dem Museum FLUGT möchten wir die – für viele – unbekannte Geschichte des größten Flüchtlingsstroms erzählen, den Dänemark je erlebt hat. Zugleich aber auch die Geschichte der vielen Flüchtlinge, die während der Nachkriegszeit zu uns ins Land gekommen sind. Im Museum FLUGT sollen aus Zahlen Menschen werden. Wir wollen die universellen Problematiken, Gefühle und vielen Nuancen darstellen, die mit dem Leben auf der Flucht verbunden sind. Gestern wie heute.“

Claus Kjeld Jensen, Museumsleiter[8]

 

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Im ehemaligen Komplex des Lagerlazaretts-Nord, das noch aus zwei langgezogenen, querzueinanderstehenden Backsteingebäuden bestand, wurde vom Büro BIG – Bjarke Ingels Group, Kopenhagen ein zusammengeführter, architektonisch gelungener Entwurf umgesetzt. Im Cortenstahl rostigen braunrot mit gläserner hinterer Fassade und Holzinnendecken und -wänden verbindet der schleifenartige Eingangsbereich die beiden Gebäude und gleichzeitig die Geschichten des ehemaligen Flüchtlingslagers mit den heutigen Erzählungen der Migration seit 1945.

 

Das Flüchtlingsmuseum

„Das Museum FLUGT widmet sich einem Thema, das Teil ist unserer Geschichte, und mit den kriegsbedingten Flüchtlingsströmen aus der Ukraine zugleich aktueller denn je. Darum haben wir einen architektonischen Rahmen geschaffen, der Geschichte und Gegenwart verbindet, und dessen neuer Baukörper direkt durch seine Verknüpfung mit den historischen Gebäuden geformt wurde. Für mich wie unser Büro war es eine Herzensangelegenheit, sich in dieses Projekt zu involvieren, das eine der größten Herausforderungen thematisiert, mit der sich die Welt heute konfrontiert sieht: Wie behandeln und nehmen wir unsere globalen Mitbürger auf, die gezwungen sind zu flüchten? Das Projekt ist eine Fortsetzung unserer Zusammenarbeit mit den Vardemuseerne und Claus Kjeld Jensen. Die gleiche architektonische Kompromisslosigkeit, die seinerzeit das Bunkermuseum Tirpitz prägte, kommt auch hier beim Museum FLUGT erneut zur Geltung.“

Bjarke Ingels, Architekt[9]

 

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Neu- und Verbindungsbau zu den alten Lazarettgebäuden. Architekturbüro BIG. Foto: Museum Flugt

 

Betritt man das Museum, öffnet sich ein großzügiger, hoher Raum, in dem die Museumkasse, der Shop und Serviceräume integriert sind. Der Blick durch die gegenüberliegende Fensterfront führt auf eine Wiese und ein großes horizontales Modell des ehemaligen Lagers.

Linkerhand geht es mit einer Audioführung, die jede*r erhält, in den Gebäudekomplex, indem die Migrations- und Flüchtlingsgeschichten seit 1945 erzählt werden. Zwar steht Dänemark im Fokus des Interesses, aber das Storytelling ist so aufbereitet, dass es allgemeine europäische Gültigkeit erhält. Die Ausstellungsräume und Inhalte sind digital wie analog aufgearbeitet.

 

Die einzelnen Ausstellungsbereiche wurden von der niederländischen Firma Tinker Imagineers konzipiert. Mithilfe eines innovativen und lebendigen Erlebnisdesigns, das sich verschiedener Geräusche, Bilder und interaktiver Elemente bedient, werden die Besucher*innen in die einzelnen Fluchterfahrungen und -erzählungen hineingeführt.

 

Werden diese zunächst in einen dunklen Raum geführt, der mit seinem Videoprogramm quasi als Vorbereitung ins Gesamtthema fungiert, wechseln anschließend analoge und digitale und videomediale Erzählräume ab. Die Anonymität, die großen Flüchtlingsgruppen werden durch die Schicksale einzelner Personen daraus heraus- und aufgehoben, die wir sonst aus den Medien primär als Zahlen und Massen kennen.

 

Jeder Flüchtling, jede Migrant*in, ob von Krieg, wegen Verfolgung oder aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa gekommen, erzählen unterschiedliche Geschichten. Was aber ihnen allen gleich ist, ist die Frage nach dem Verlust der Heimat, der Verwandten und Freunde, den zurückgelassenen Toten, Hoffnungen und dem Besitz – und vor allem ist es die Frage nach dem Ankommen. Auch hier in Europa gibt es Hoffnungen und Enttäuschungen, die oft dicht nebeneinander liegen, neue Kultur- und Verhaltenscodizes, andere Traditionen und – je nach Alter – Bildungs- und Berufschancen. Heimisch werden, erzählen viele der interviewten Flüchtlinge, war sehr schwierig, geholfen dabei haben neue Freunde und neugegründete Familien, eine gute Ausbildungsstelle, Arbeit und Verdienst. Nur wenige berichten, dass sie wieder zurückkehren wollen in die angestammte Heimat, sobald sich der Krieg oder das Regime oder die Unterdrückungen gelegt haben.

 

Flugt 04 Fluchtmuseum Videoraum F Claus Friede

Videoraum mit Flüchtlingserzählungen. Foto: Claus Friede

 

Diese Geschichtserzählung ist so konzipiert, dass sie über Zeit und Raum hinweggehen. Dies gelingt dem Museum mit Bravour, auch wenn Dänemark – wie fast ausnahmslos alle anderen europäischen Staaten – mit Fremdenfeindlichkeit, Vorurteilen und rassistischen oder religiösen Ablehnungen zu tun hat. Auch dies ist ein Thema und Teil der Selbstdarstellung bis hin zur Frage wie viele Flüchtlinge aus welchen Herkunftsländern verträgt ein Land wie Dänemark. "100 Millionen Vertriebeneweltweit in den letzten Jahren brauchen einen Zugang zu grundlegenden Rechten wie Bildung, Gesundheitsversorgung, Beschäftigung und Bewegungsfreiheit".[10]

 

Ob aus der Geschichte und den individuellen Geschichten gelernt wird, ist anzuzweifeln, ob der vielen abstrusen Kriege und religiösen Phantasmen, der Gier nach Kapital und Macht und dem Klammern an Pfründen. Konfliktpotentiale gibt es haufenweise!

 

Rechterhand vom Eingang geht es in den Gebäudekomplex, der die Geschichte des Flüchtlingslagers Oksbøl näherbringt.

 

Flugt 05 Fluchtmuseum Lager Ausstellung F Claus Friede

Blick in die Ausstellung. Foto: Claus Friede

 

Anhand von Fotos, Modellen und einem großen Lagerplan aus dem Jahr 1946 erhält man einen ersten Eindruck. Mit dem Nachbau des Kino- und Theatersaals, indem schwarz-weiß Filmausschnitte gezeigt werden sowie Dokus aus dem Lagerleben und von Aufführungen fühlt sich in jene Zeit zurückversetzt. Drei bis viermal täglich wurden damals Aufführungen oder Filme gezeigt.

 

Flugt 06 Fluchtmuseum Lager Theater F Claus Friede

Am Ort des ehemaligen Theaters stehen symbolisch weiße Bänke und eine Bühne. Foto: Claus Friede

 

Das Theater mit seinen 800 Sitzplätzen steht längst nicht mehr, wie auch sonst alle Orte an denen einmal Schule, Pferdestallungen oder Kindergarten gelegen haben symbolisch durch weiße Versatzstücke oder Erläuterungstafeln ersetzt wurden.

 

Ein 3,5 km langer Rundgang durch das ehemalige Lager zeigt einen Teil der immensen Flächendimension. Zwischen Sand und Kiefern geht es zum ehemaligen Wach- und Feuermeldeturm, der Schule, der Küche oder der Werkstatt. Durch GPS werden die jeweiligen Hintergrundinformationen über den Audioguide an die Besucher*innen gebracht. Das System funktioniert erstaunlich genau.

 

Etwas abseits, an der Dorfstraße liegt der Friedhof. 1.796 deutsche Flüchtlinge sind dort bestattet, auffällig viele Säuglinge und Kinder. Die vielen weißen Holzkreuze sind den heutigen Steingrabsteinen, ebenfalls in Kreuzform, gewichen. Jährlich wird der vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge[11] verwaltete Friedhof von bis zu 20.000 Nachkommen besucht.


Flugt – Refugee Museum of Denmark (Dänisches Flüchtlingsmuseum)

Præstegårdsvej 21, in 6840 Oksbøl, Dänemark

Geöffnet täglich 10 bis 17 Uhr

Weitere Informationen (Homepage Museum Flugt, dt.)

 

[1] KLINGE, Godeke: Truppenübungsplatz und Flüchtlingslager Oksböl – gestern, heute und morgen, in geschichtsspuren.de

[2] Zitat: Ebenda.

[3] Quelle: PRAUSER, Steffen | REES, Arfon: The Expulsion of the “German” Communities from Eastern Europe at the End of the 2nd World War. European University Institute, Florenz 2004.

[4] Quelle: MIX, Karl-Georg: Deutsche Flüchtlinge in Dänemark 1945-1949, in: Historische Mitteilungen – Beihefte, Band 59, Stuttgart 2005

[5] Quelle: ehemaliges Blåvandshuk Egnsmuseum / Museum Flugt, Oksbøl

[6] Vgl.: Deutsche Weltkriegsflüchtlinge: Gestrandet in Dänemark, MDR, 2021, https://www.mdr.de/geschichte/ns-zeit/deutsche-kriegsfluechtlinge-in-daenemark-100.html

[7] KLINGE, Godeke: Truppenübungsplatz und Flüchtlingslager Oksböl – gestern, heute und morgen, in: geschichtsspuren.de

[8] Zitat und Quelle: Rede und Begleittext zur Neueröffnung des Museums am 25. Juni und 29. Juni 2022 (Publikumseröffnung)

[9] Quelle: Presseinformation des Museum Flugt

[10] UNHCR Refugee Data Finder, 2022

[11] Weitere Informationen: https://kriegsgraeberstaetten.volksbund.de/friedhof/oksboel

 

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